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Rassismus im Museum? Das Museum für Kommunikation schaut hin

Fünf Expert:innen haben in einem einjährigen Projekt Workshops für Mitarbeitende zu rassismuskritischer Museumsarbeit konzipiert und moderiert. Die Idee dazu wurde mit Beteiligten eines Vorprojekts entwickelt. Warum wir diesen Prozess gestartet, welche Leerstellen wir gefunden und was wir dabei gelernt haben – ein Rückblick aus der Sicht des Museums.

Angefangen hat es mit einem Vorprojekt im Frühjahr 2023: Die Kommunikatorin Ana Santos (als Mitarbeiterin mit Rassismuserfahrung) und ich (als «Ally», also Unterstützer von antirassistischen Bewegungen) sahen Handlungsbedarf und wollten in unserem Museum eine Auseinandersetzung mit Rassismus und Dekolonisierung anstossen: Während das Museum 2022 eine proaktive Haltung zu Diversitätsfragen entwickelte, stand eine vertiefte Auseinandersetzung mit Rassismus noch aus.

In einem partizipativen Projekt entwickelten wir mit Personen, die über Erfahrung im Bereich Antirassismus verfügen, eine thematische Führung, die wir während der Aktionswoche gegen Rassismus 2024 für Schulklassen und Erwachsene anboten. Zusätzlich führten wir den Rundgang auch mit einigen Teammitgliedern und mit der Geschäftsleitung durch. So konnten wir kritische Perspektiven auf unsere Dauerausstellung direkt ins Museumsteam tragen und stiessen auf offene Ohren: Unser Lernbedarf wurde nun im Museum erkannt.

Und so entwickelten wir mit der Projektgruppe und dem Ausstellungsteam die Idee zum Folgeprojekt «Rassismuskritische Narrative»: Fünf externe Expert:innen konzipieren Workshops für zwölf Mitarbeitende. Gemeinsam sollen bestehende Inszenierungen und Narrative kritisch diskutiert und Ideen für neue, inklusivere Sichtweisen entwickelt werden. Und schliesslich wollten wir gemeinsam ein Werkzeug konzipieren, um Erfahrungen und Ressourcen mit anderen Museen und Engagierten zu teilen. 

DAS MUSEUM ALS WEISSER RAUM

Die fünf Expert:innen («Kerngruppe») nahmen unsere Dauerausstellung unter die Lupe und teilten ihre Erkenntnisse in den Workshops. Die zentrale Botschaft: Es geht nicht nur um einzelne Ausstellungsinhalte, sondern das Museum für Kommunikation ist ein weisser Raum (Infos zum Begriff «weiss» im Glossar histnoire.ch). Das heisst: ein Ort, an dem Weisssein eine unhinterfragte Norm darstellt. Dies für uns wahrnehmbar zu machen war denn auch eine der zentralen Anregungen in den Workshops. 

Im Ausstellungsteil "Memoire" des Museums für Kommunikation stehen mehrere Personen und diskutieren. Im Hintergrund eine Super8-Filmprojektion.
Eine Person steht in einem Sitzungszimmer vor einem Flipchart und notiert etwas, andere sind im Hintergrund am Diskutieren.
In einem Sitzungszimmer sitzen mehrere Personen im Kreis vor einem Bildschirm. Eine Person steht vor dem Screen und erzählt etwas.
Drei Personen unterschiedlicher Herkunft stehen beisammen vor einem Flipchart und sind im Gespräch.

Inspiriert von Beispielen, die die Kerngruppe uns vorstellte, suchten wir Museumsmitarbeitenden selbst Beispiele für den weissen Raum – und fanden zahlreiche Lücken, Leerstellen, eurozentrische Perspektiven oder fehlende Geschichten. Wir haben aber auch eindrücklich erfahren, warum unsere Wahrnehmungen als (fast durchwegs) weisse Personen diesbezüglich begrenzt sind, wie einflussreich die eigenen Positionen und Prägungen sind.

Etwa anhand eines Objekts aus unseren Sammlungen: Ein «Hundeknochen» aus Kunststoff, der einen Schwarzen Briefträger darstellen soll (Infos zum Begriff «Schwarz»). In der Dauerausstellung hatten wir das Objekt zwar schon vor ein paar Jahren in einem Text mit dem Titel «Achtung Rassismus» kritisch diskutiert. Die Fragen drehten sich dabei um die stereotype Darstellung. Die Figur wirkt aber besonders auch wegen ihres Kontexts gewaltvoll: So wurden Hunde etwa in Südafrika oder in den USA gegen Schwarze Demonstrierende eingesetzt. Dieser Kontext «Gewalt gegen Schwarze Körper» war nicht mitbedacht worden. Die Inputs der Kerngruppe machten ihn fürs Museumsteam überhaupt erst sichtbar.

Diese Erfahrung hat bei uns als Team das Bewusstsein geschärft, dass es nicht nur um «Wahrnehmungen» geht, sondern dass uns Wissen fehlt. Neben der inhaltlichen Ebene fand vor allem auch ein Lernprozess bezüglich Haltungen und Prozessen statt. Zum Beispiel: Eine gute Absicht reicht nicht, um wirklich rassismuskritisch zu sein. Das Projekt hat das Bewusstsein dafür geschärft, dass für inklusive Erzählungen auch vielstimmiges Wissen notwendig ist. Darum peilen wir an, bei künftigen Ausstellungsprojekten Know-how und Perspektiven einzuholen, die dem Team fehlen. 

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für uns als Museum ist es, die unterschiedlichen Ebenen wahrzunehmen, auf denen Rassismus und kolonial geprägte Denkweisen im Museum wirken. In Diskussionen rund um «Museen und Rassismus» wird oft auf Objekte, Texte oder Bilder fokussiert. Das ist jedoch nur die Oberfläche. Die anschauliche Darstellung des «weissen Museums» zeigt, dass ebenso die «Tiefenstruktur» mitbestimmt, wie inklusiv oder ausschliessend eine Institution ist.

Eine Handzeichnung eines Museums - unterteilt in zwei Hälften. Oben ist die  Oberflächenstruktur sichtbar (Objekte, Texte, Inhalte etc.), darunter die Tiefenstruktur mit den weniger offensichtlichen Einflüssen wie Sprache, institutionelle Strukturen, Wissenskanon, Stereotypen, Eurozentrismus etc.). - vergrösserte Ansicht
Modell «Das weisse Museum». Grafik: Nimal Bourloud. Aus: Museum für Kommunikation (Hg.): Rassismuskritisches Museum. Stimmen und Gedanken zu einer gemeinsamen Suche (Link siehe unten), Onlinepublikation 2026, S. 13.

Also Fragen wie: Welche unsichtbaren Normen bestimmen mit, wer sich im Museum willkommen fühlt und einbringen kann? Auf welche Wissensressourcen greifen wir zurück, wenn wir Ausstellungen entwickeln – wie eurozentrisch sind diese beispielsweise? Welche Perspektiven sind im Museumsteam vertreten und welche Erfahrungen fehlen? Das von der Kerngruppe in den Workshops vermittelte Modell und besonders die visuelle Darstellung war für unser Projekt sehr produktiv. Und sie hat auch geholfen, mit den am Projekt nicht beteiligten Kolleg:innen ins Thema einzusteigen.

VOM LERNEN ZUM VERLERNEN

Sich mit Rassismus und dem Fortwirken kolonialer Denkmuster auseinanderzusetzen, bedeutet auch, sich selbst zu reflektieren. Das kann schmerzhaft sein, Konflikt bedeuten. Das schwierige dabei ist, dass es nicht nur ums Lernen geht, sondern auch ums Verlernen. Also sich selbst bewusst zu werden, dass man als nicht von Rassismus betroffene Person gewisse Privilegien hat – und gerade dadurch vieles nicht wissen kann. Wir müssen also «zurücktreten» und (mehr) Raum für Vielstimmigkeit schaffen. Doch dieses «Teilen von Deutungshoheit» ist in Diskussionen rund um Partizipation in Museen zwar in aller Munde, in der Praxis aber oft herausfordernd und nicht nur angenehm. 

Partizipative Projekte mit angestrebter Augenhöhe im Allgemeinen, aber insbesondere solche zu Rassismus brauchen Raum und Zeit für Gespräche, Beziehungsarbeit und Emotionen. Das Verlernen bisher unreflektierter Welt- und Selbstbilder bedeutet emotionale Arbeit – sich als rassismusbetroffene Person in solchen Projekten zu engagieren sowieso. Museen können Orte für solche Verlernprozesse sein, wenn sie bereit sind, innezuhalten und zuzuhören. Dabei ist es wichtig, Sorge für alle Beteiligten zu tragen.

TEILEN UND DRANBLEIBEN

Als letztes Projektziel haben die Kerngruppe und die beteiligten Museumsmitarbeitenden das erwähnte «Werkzeug» erarbeitet: Im Online-Zine Rassismuskritisches Museum. Stimmen und Gedanken zu einer gemeinsamen Suche teilen wir Erfahrungen und Erkenntnisse mit anderen Museen und Interessierten.

Zwei gestaltete Seiten aus einer Onlinepublikation. Die Seiten sind in rot gehalten und zeigen Merksätze. - vergrösserte Ansicht
Impressionen aus dem Online-Zine. Grafik: Dominik Kaboré.

Es enthält Leitsätze für rassismuskritische Museumsarbeit, die wir im letzten Workshop gemeinsam erarbeitet haben, weitere Praxisbeispiele, Infos zum Projekt sowie individuelle Beiträge und Reflexionen. Zudem gibt es Feedbacks von Teilnehmenden der Abschlussveranstaltung wieder, bei der wir unsere Diskussionen nochmals für weitere Perspektiven öffneten. Kein Handbuch oder Leitfaden also, eher ein vielstimmiges Magazin, das die unterschiedlichen Erfahrungen wiedergibt. Wir glauben, dass wir gerade damit anderen Museen Mut machen können, auch anzufangen. 

In einem grossen Raum stehen zahlreiche Personen an einer Wand und blicken zu der Person am rechten Ende der Reihe, die offensichtlich etwas erzählt. - vergrösserte Ansicht
Die Abschlussveranstaltung als wichtiger Moment: Das Projekt gemeinsam vermitteln, mit Gästen ins Gespräch kommen und feiern. Fotos: Saare Yosief, The Setrunners GmbH.

Aber wie geht es bei uns im Museum für Kommunikation weiter? Durch das Projekt angeregte Anpassungen an der Kernausstellung sind aktuell in Planung. Die Kerngruppenmitglieder Djamila Peter und Olga Madjinodji haben für Begegnungen in der Ausstellung ein Dokument mit Know-how zusammengestellt. Das Sammlungsteam hat sich als Pilot die rassismuskritische Überarbeitung von 20 Objekten in der Datenbank zum Ziel gesetzt. Und im Mai 2026 ist in einem kurzen Format das ganze Museumsteam ins Thema eingestiegen, wobei vor allem Bedürfnisse abgeholt wurden.

Auf ein paar Handlungsebenen gibt es also schon konkrete Folgen. Doch die Auseinandersetzung mit Rassismus und Kolonialismus in Museen ist ein langfristiger Prozess. Es war richtig und wichtig, dass wir ihn gestartet und von Anfang an partizipativ gedacht haben. Nun stellen sich Fragen der institutionellen Weiterentwicklung insgesamt, besonders auch zur Diversität unseres Teams. «Rassismuskritische Narrative» hat aber gezeigt: Anfangen bewirkt etwas! Nun geht es um’s Dranbleiben. 

Autor

Jonas Bürgi, Partizipation Sammlungen, Museum für Kommunikation, Bern

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