Die kochen auch nur mit Wasser – aber am liebsten in Gesellschaft!
Im Frühling verbrachte ich eine Woche mit den Mitarbeiter:innen des Museum für Kommunikation. Ich nahm an Meetings teil, durfte Schatten in Workshopssessions sein und habe mich mit drei Fragen im Gepäck mit Leuten aus verschiedenen Museumsbereichen unterhalten. Einen Tag verbrachte ich mit den Kommunikator:innen in der Ausstellung. Ich habe festgestellt: Das Museum für Kommunikation hält, was es verspricht. Es hat Freude am Austausch!
Museen sind ein Kosmos, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart begegnen. Objekte sollen aus vergangenen Zeiten konserviert werden und/oder bei einer besonderen Bedeutung einer breiten Masse zugänglich gemacht werden. Wir betrachten das Objekt und setzen es in gegenwärtige Bezüge. Aus machtkritischer Perspektive können wir uns fragen, wer diese Masse ist bzw. sein soll? Wir leben in einer Zeit, in der demokratische Konzepte in Frage gestellt werden und Privatisierung als interessante Lösung für gesellschaftliche Herausforderungen gilt. Also frage ich mich: Welche Bedeutung kommt den Museen als Unternehmen zu und welche Verantwortung tragen sie als Bildungsinstitution, um den gesellschaftlichen Prozess mitzugestalten.
Beim hohen Veränderungswellengang flüchten sich manche in die wohlige Erinnerung an die Vergangenheit. Während andere – möglicherweise zu forsch – den Umbau des Altbekannten fordern. Manche wünschen sich bei diesem Prozess eine starke, lenkende Hand und wieder andere erwarten mehr Mitbestimmung, Teilhabe und Gestaltungsfreiräume. In diesem Fall zähle ich mich zu der zweiten Kategorie. Ich wünsche mir oft schnellere Veränderungen und gleichzeitig mehr Einbezug von Menschen. Aber liegt nicht darin schon ein Widerspruch? Können Prozesse schnell gehen, wenn möglichst viele Menschen beteiligt sind? Sind partizipative Prozesse im Museum eine Lösung für gesellschaftliche Entwicklungen? Sollte das Museum nicht einfach nur ein Ort sein, an dem wir in Erinnerung schwelgen dürfen? Kann das Museum beides sein? Und was bedeutet es für die Arbeit in einem Museum, wenn Partizipation zu einem Selbstverständnis geworden ist?
Auf der Suche nach Antworten habe ich mich auf die Reise von Stuttgart nach Bern gemacht. Ich wollte herauszufinden, wie ein Museum mit partizipativem Selbstverständnis funktioniert. Ein Ort, der sich als Bildungs- und Resonanzraum statt blosses Freizeitangebot versteht. Aber vor allem wollte ich wissen, was es für die Mitarbeiter:innen bedeutet, partizipativ zu arbeiten.
Während ich mich auf sprachlichem Neuland befand, bewiesen die Mitarbeiter:innen ihre Flexibilität, in dem sie während meiner Anwesenheit Hochdeutsch sprachen. Warum ich dies erwähne, so klar liegt es auf der Hand: Ohne gemeinsame Sprache kein Verständnis. Zugleich kann nichts so kontrovers diskutiert werden, wie die Einigung auf eine Kommunikationsform. Die Menschen des Museums für Kommunikation hiessen mich willkommen, indem sie mich zuhören und teilnehmen liessen.
Argumentativ stark, direkt, klar und ohne Scheu die eigenen Emotionen zu verbalisieren. Es wirkt bei den Mitarbeiter:innen des Museums wie selbstverständlich, für eigene Gefühle verantwortlich zu sein und Bedürfnisse zu kommunizieren. Sie offenbaren dies nicht nur in grösserer Runde, sondern auch im Zweiergespräch. Wenn sie beispielsweise erzählen, was Partizipation für ihren Arbeitsbereich bedeutet. Sie zeigen ein klares Verständnis dafür, was ihre Rolle im Team ist, welche Verantwortung sie tragen, welche Aufgaben und Herausforderungen damit verbunden sind. Sie scheinen sich einig darin zu sein, dass alles möglich ist, wenn man es nur begründet. Klar gibt es Grenzen, auch darin scheinen sich alle einig zu sein. Uneinigkeit gibt es über den Umgang mit ihnen. So wünschen sich die einen flexiblere Grenzen, manche empfinden sie als orientierungsgebend und wieder andere würden sie am liebsten sprengen. Warum Beteiligungsmethoden, frage ich. «Weil wir uns bewusst sind, dass unsere Arbeitsbereiche teils entkoppelt von den Besucher:innen sind.» Deshalb bauen sie Feedbackschleifen mit dem Aussen ein. Über digitale Räume, Umfragen am Eingangsbereich und ganz besonders über die Kommunikator:innen. Diese Mitarbeitenden in den Museumsräumen begleiten nicht bloss das Publikum. Sie wirken auch wie ein Resonanzkörper für die konzeptionellen Arbeitsbereiche. So gehen die Kommunikator:innen auf Entdeckungsreise mit den Gästen, nehmen sich Zeit, unterschiedlichste Blickwinkel kennenzulernen. Besonders deutlich wird dies am Umgang mit einem Kind mit Sehbehinderung. Es erschliesst sich mit einer Kommunikatorin die Ausstellung mit Händen und Ohren. Die Kommunikatorin hebt an mancher Stelle das museumsübliche «Nicht anfassen»-Gebot auf und öffnet damit die Kommunikation für weitere Kanäle.
Zwischen den Gesprächen mit den Mitarbeitenden drängt sich mir immer wieder eine Frage auf: Wer entscheidet, wann, wer, wo und wie partizipiert? Das Museum öffnet sich für einen breiten Input. Aber wer entscheidet am Ende, was daraus gemacht wird? Und so beschleicht mich beim Blick in den langen weissen Flur der Büroetage ein Verdacht. Ist es, wie in Europa üblich, der weisse Homo Sapiens? Der uns auf Abbildungen als der Prototyp Mensch präsentiert, in Naturkundemuseen als das Ende der Evolutionsstufe abgebildet wird? Männlich gelesen spaziert er durch die Welt und trifft seine Entscheidungen. Auch hier?
Ein Blick auf das Organigramm des Museums würde die Annahme aufs Erste bestätigen, Leitungspositionen sind zumeist mit männlich gelesen Namen besetzt, Direktorin hingegen ist eine Frau. Das Team erscheint divers und spricht offen den Bedarf nach geschlechterreflexiven Umgangsformen an. Gleichzeitig sind es auch hier BIPocs, welche die weissen Flure reinhalten. In der Kommunikation vermittelt das Museum ein Bewusstsein für vorherrschende Machtstrukturen. QR-Codes in den Ausstellungen weisen auf veraltete Formulierungen auf den Texttafeln hin. Zeigen Verbesserungsvorschläge, welche durch andere Besucher:innen gemacht wurden. Eingeschlossen sind dabei nicht nur Rückmeldungen in Bezug auf Geschlecht, sondern auch Anmerkungen zu rassistischen Begriffen und Erzählungen. Eine Arbeitsgruppe hat sich auf den Weg gemacht und das Museum rassismuskritisch unter die Lupe genommen. Die Erkenntnisse aus dem Projekt wurden als Leitlinien veröffentlicht (mehr dazu gibt es hier zu lesen). Und so liegt der Gedanke nahe, man habe hier ein multiperspektivisches Happyland gefunden.
Perspektiven öffnen - ja, aber Entscheidungshoheit abgeben? Im Workshop sitzen wir zusammen, um das neue Thema für die Wechselausstellung 2027/28 zu finden. Drei Themen stehen zur Auswahl. Mitarbeitende und Museumspublikum konnten sich in Umfragen dazu äussern. Anhand der Voting-Ergebnisse soll heute ein Thema festgelegt werden. Die Recherchegruppen haben die Inhalte im Voraus ausführlich recherchiert und fungieren heute als Vertreter:innen eines Themas. Es wird leidenschaftlich diskutiert, die Spannung ist spürbar – die nachfolgende Erschöpfung bei allen Beteiligten auch. Mit einem klaren Plan führen die beiden Moderator:innen uns durch den Prozess. Immer wieder zeigen sie auf, an welchem Punkt wir im Moment stehen und was es zu diskutieren gilt. Am Ende ist ein Thema gewählt, das Zünglein an der Waage hat entschieden. Im Nachgang kommt bei manchen Beteiligten Frust auf. Im Gespräch mit den Verantwortlichen des Workshops ist spürbar, dass es sie beschäftigt. Klar, sie sind verantwortlich, dass alle im Prozess mitgenommen werden und auch später motiviert am Thema arbeiten. Die Frage, wie sie es schaffen, die frustrierten Gemüter mitzunehmen, bleibt erstmal offen.
Wer Teilhabe zulässt ist verantwortlich für die beteiligten Menschen. Aber ist man auch verantwortlich für die Emotionen und Empfindungen? Bei Entscheidungsprozessen wird es immer eine Verliererposition geben. Besonders, wenn keine Kompromisse möglich sind, wenn wir entscheiden müssen: Chips oder Schocki. Beides lässt der Geldbeutel nicht zu. Also, wie die Menschen für Schocki begeistern, die sich nach salzigem Knabberzeug sehnen? Wir wissen alle, wie es sich anfühlt, wenn ein Wunsch nicht erfüllt wird, weil dahinter ein missachtetes Bedürfnis steckt. Wenn wir viel Arbeit investiert haben und am Ende kein zufriedenstellendes Ergebnis erhalten. Partizipative Prozesse erfordern Ergebnisoffenheit, es besteht das Risiko, die eigene Position aufgeben zu müssen. Im besten Fall lasse ich mich von einer anderen Position überzeugen, erweitere meine Sichtweise. Manchmal fällt es jedoch schwer, den eigenen Standpunktaufzugeben. Als Fachleute gehen wir oft davon aus, die fundierteste Entscheidung zu treffen. Aber was würde passieren, wenn die Entscheidung für ein Thema nicht von Fachleuten getroffen wird? Wenn sich die inhaltliche Recherche nicht auf westlich-europäische Kontexte bezieht? Wenn Vermarktung, Wirtschaftlichkeit und Rentabilität zunächst keine Rolle für den Themenentscheid spielen? Würden dann vielleicht am Ende etwas ganz Neues entstehen?
Der Wunsch nach nie dagewesenem steht oft im Raum. Der Ruf nach Innovation ist allgegenwärtig. Aber sind wir wirklich bereit für Innovation? Sind wir bereit, uns auf Unbekanntes einzulassen? Entscheidungen zu akzeptieren, die für uns falsch, unlogisch und fremd wirken? Unser vermeintliches Wissen loszulassen? Partizipative Prozesse stellen unser Bedürfnis nach Sicherheit, Verlässlichkeit und Planbarkeit in Frage. Es scheint ein Widerspruch in sich, aber aus diesem Grund glaube ich, Partizipation kann nur gelingen, wenn sie bis ins letzte Detail geplant ist. Wahrscheinlich ist Partizipation deshalb so anstrengend. Das in Einklang bringen von zwischenmenschlichen Bedürfnissen, unterschiedlichen Motivationen und Zielsetzungen. Forderungen, Sichtweisen, unterschiedliche Ausgangslagen und gesellschaftliche Machtungleichgewichte auf einen Nenner bringen.
Ich merke den Mitarbeiter:innen des Museums an, wie sie mit den gegensätzlichen Zielsetzungen des Museums als Unternehmen und dem Selbstverständnis als Bildungseinrichtung und Resonanzraum ringen. Ich spüre die Anstrengung bei der zwischenmenschlichen Aushandlung, aber ich spüre auch die Freude am Miteinander, und die Überzeugung, dass es wichtig ist. Ich kam mit drei Fragen nach Bern und kehre mit mindestens 50 neuen Fragen zurück nach Stuttgart. Von den Mitarbeitenden des Museums für Kommunikation nehme ich mit, dass Partizipation etwas für mutige Entdecker:innen ist, für Experimentierfreudige und gestandene Charaktere. Als mich der Kollege Ueli Schenk an einer Tagung in Dortmund zum Shadowing eingeladen hat, sagte er: «Weisst du, Saskia, wir kochen auch nur mit Wasser! Du darfst dir das aber gerne aus der Nähe anschauen.» Und natürlich hat er Recht damit. Sie kochen nur mit Wasser, im Museum für Kommunikation, aber das Essen teilen sie am liebsten in guter Gesellschaft bei spannenden Gesprächen.
Autorin & Illustratorin
Saskia Davina Staible, Grafikerin und partizipative Art Directorin, Stuttgart