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Wie die Wählscheibe aufs Telefon kam – oder die Telefonzentralen des Museums für Kommunikation

Ein Bestatter in den USA bringt in der Schweiz das Fräulein vom Amt zum Verschwinden. Ein Blick in die Geschichte der Automatisierung der Telefonvermittlung. Oder weshalb das Museum für Kommunikation über die Schweiz verteilt vier vollständig erhaltene Telefonzentralen in seiner Sammlung hat.

Seit rund 140 Jahren telefonieren wir in der Schweiz. Heute geschieht das fast nur noch drahtlos. Doch früher sind alle Telefone via Telefonleitungen miteinander verbunden. Dies allerdings nicht direkt. Zwischengeschaltete Vermittlungsanlagen garantieren, dass wir tatsächlich das gewünschte Gegenüber am Draht haben. In der Zeit von 1880 bis 1920 werden Gespräche ausschliesslich manuell vermittelt. Die Telefonistin – das berühmte «Fräulein vom Amt» – steckt an ihrem Vermittlerschrank die gewünschte Verbindung. Teilweise werden Gespräche über mehrere Vermittlungsanlagen weitergeleitet. Dies erfordert Geduld: Noch 1916 beträgt die Wartezeit für ein Telefonat von Biel in den Berner Jura mehrere Minuten. Damit das Netz nicht an die Belastungsgrenze kommt, sind Ferngespräche auf eine Gesprächsdauer von drei Minuten beschränkt. Also bitte keine ausschweifenden Erzählungen!

Historische Aufnahme mit zahlreichen Frauen vor Vermittlerschränken mit Steckverbindungen. An den Schränken verbinden sie Telefongespräche von Hand. - vergrösserte Ansicht
Telefonistinnen an Vermittlerschränken in der Telefonzentrale in Bern, Fotografie von Otto Rohr, ca. 1925-1930. Hier werden die gewünschten Verbindungen für Ferngespräche händisch «gestöpselt». Foto: Museum für Kommunikation, FFF 13772.
Historische Nahaufnahme einer Frau mit Headset vor dem Vermittlerschrank mit Steckverbindungen. Vor ihr ist eine Wand mit einer Vielzahl von Steckerbuchsen zu sehen, die sie mit Steckerkabel verbinden kann. - vergrösserte Ansicht
Telefonistin mit Headset an einem Vermittlerschrank in der Telefonzentrale Bern – es gilt die Übersicht zu behalten. , Fotografie von Otto Rohr, ca. 1925-1930. Foto: Museum für Kommunikation, FFF 13773.

Das System funktioniert zuverlässig und doch sind nicht alle glücklich damit. Seitens der Telefonteilnehmer wird eine Schwachstelle der Telefonie immer wieder angeprangert: Man ist sich nie sicher, ob die Telefonistin verbotenerweise mitlauscht. Abhilfe verspricht die Erfindung der automatischen Telefonie. Der amerikanische Lehrer und Bestatter Almon Brown Strowger (1839–1902) entwickelt den ersten Hebdrehwähler. Sein System ermöglicht eine automatische Vermittlung von Telefongesprächen und macht längerfristig die Telefonistinnen überflüssig. Der Legende nach, ist Strowger überzeugt, dass die Telefonistinnen Anrufer, die einen Bestatter suchten, bevorzugt an seinen Konkurrenten weiterleiteten. Um das zu verhindern, tüftelt er ab 1888 an seiner Erfindung. Er verbaut Stricknadeln in einer runden Kragenschachtel. Am 10. März 1891 erhält er ein US-Patent für sein automatisches Telefonvermittlungssystem. Ob sein Bestattungsgeschäft danach einen plötzlichen Aufschwung erlebt, ist nicht überliefert.

In der Schweiz beginnt die Automatisierung 1923 mit der ersten vollautomatischen Telefonzentrale in Lausanne. Zuerst betrifft die Automatisierung nur die lokale Gesprächsvermittlung innerhalb einer Ortstelefonzentrale. Doch bis 1959 können alle Abonnenten via Wählscheibe und Selbstwahl die gewünschten Gesprächspartner im Inland erreichen. Dafür erhält der Telefonapparat zu Hause eine Wählscheibe und die Telefonierenden wählen nun selbst die gewünschte Nummer.

Historische Aufnahme einer jungen Frau mit Headset. Es ist eine Telefonistin in einer Telefonzentrale auf einem Werbebild. - vergrösserte Ansicht
Fräulein Burgherr mit Headset, Telefondirektion Zürich, Aufnahme von 1959. Auch nach der Automatisierung der Telefonie wurden Telefonistinnen benötigt. Etwa bei der Vermittlung von Auslandgesprächen oder bei Dienstnummern wie der Auskunft. Foto: Museum für Kommunikation, PRO 004860.

Die elektromechanischen Anlagen für die automatische Gesprächsvermittlung stehen in Telefonzentralen – kleinen Häuschen, die zu Beginn vor allem in ländlichem Gebiet anzutreffen sind. 18 der ersten 24 automatischen Zentralen finden sich auf dem Land. Hier ist das Sparpotential hoch. In kleinen, verkehrsarmen Landzentralen verdrängen die Automaten die Telefonistinnen schnell. Die Lohnkosten für präsente aber unterbeschäftige Telefonistinnen entfallen. Die Telefonabonnenten schätzen die automatische Telefonie, weil die Maschinen das Gesprächsgeheimnis besser garantierten. „Damit der Posthalter und das oft schlechtbezahlte Telefonfräulein nicht immer alles wussten, was sich im Dorf ereignete.», so ein Zitat aus dem Zürcherischen Rifferswil. Abhörsicher waren die privaten Telefonanschlüsse aber nicht. Lag ein richterlicher Beschluss vor, konnten die Polizei oder Kalte Krieger via Umschaltung in der Telefonzentrale mithören. 1959 wird die letzte Telefonzentrale automatisiert. Die PTT sieht darin eine Pioniertat. Die Schweiz war eines der ersten Länder mit einem vollständig automatisierten Netz. Telefonistinnen arbeiten weiterhin für die PTT, etwa bei der Vermittlung von Auslandgesprächen oder bei Dienstnummern wie der Auskunft.

1986 kommt der nächste Erneuerungsschub: In der Schweiz gehen erste digitale Zentralen ans Netz. In der Folge hebt die PTT viele elektromechanische Telefonzentralen auf, da die Digitaltechnik weniger Platz benötigt. Als Zeugen der elektromechanischen Gesprächsvermittlung und als technisches Kulturgut befinden sich heute – schweizweit einzigartig – vier Gebäude mit historischen Telefonzentralen in der Sammlung des Museums für Kommunikation. Vier Zentralen als Industriekultur-Relikte – ein bescheidener Ausschnitt, der einen Einblick in ein Universum ermöglicht, das 1980 noch über 1023 Zentralen umfasst!

Ein Haus mit einem kleinen Nebengebäude an einer Landstrasse.
Unzählige Kabel und Steckverbindungen im Innern der Telefonzentrale in Frieswil. An der Wand ein altertümliches Telefon und ein historischer Röhrenradio.
Ein längliches Gebäude an einer Strasse im Grünen. Im Hintergrund eine kleine Kirche und Schneeberge.
In einem Raum stehen mehrere Verteilschränke mit Kabel, davor zwei historische Telefonapparate.
In grüner Wiese neben einem Bauernhaus steht ein kleines Häuschen.
Blick in einen Gang mit diversen Schränken mit Kabelverbindungen, Schaltern und Zählern. Im Hintergrund ein kleines Fenster.
Ein Backsteingebäude mit Flachdach an einem kleinen Strässchen. Im Hintergrund sind Einfamilienhäuser zu sehen.
Mehrere nummerierte Reihen mit Verteilschränken in der Telefonzentrale Magden. Am Ende des Gangs ist ein Schema mit mehreren Telefonapparaten zu sehen.

Die kleineren Zentralen in Frieswil, Versam, Rifferswil und Magden repräsentieren alle für die Schweiz relevanten Hersteller (Hasler, Siemens und Standard Telephon & Radio AG) und die entsprechend unterschiedlichen Technologien der automatischen Gesprächsvermittlung. Heute sind sie vom Telefonnetz abgetrennt, jedoch vollständig erhalten. Auf die Übernahme einer grösseren Anlage im Raum Lausanne wurde aus Kostengründen verzichtet. Grosse städtische Zentralen sowie die ab den 1970er Jahren erstellten standardisierten Telefonzentralen-Typenbauten der PTT sind in der Sammlung des Museums für Kommunikation mit Fotografien und Plänen sowie im PTT-Archiv mit Akten ausführlich dokumentiert.

Die Museums-Telefonzentralen dokumentieren und ergänzen die Sammlung von einzelnen technischen Komponenten und von Telefonapparaten. Die architektonische Integration dieser technischen Infrastruktur in ein Ortsbild und die Funktion als Arbeitsplatz lassen sich direkt an den vier unterschiedlichen Gebäuden ablesen und verstehen. Auf Voranmeldung können die Telefonzentralen besichtig werden. 2021 hat das Museum für Kommunikation zudem eine ausführliche Dokumentation zu den Telefonzentralen veröffentlicht.

Autor

 

Dr. phil. Juri Jaquemet, Sammlungskurator für Informations- und Kommunikationstechnologie, Museum für Kommunikation, Bern

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