Navigieren auf der MfK-Website

Was ist dein Geheimnis?

Wir zählen unsere Gäste und können sie Gruppen zuordnen – Schulklasse oder Familie, Berner:in oder Tourist:in. Von manchen erfahren unsere Kommunikator:innen in Gesprächen noch mehr – über Handys, Demos und Hobbies. Und dann ist da noch die Walze. Laura Heyer, Kommunikatorin in der Ausstellung, gibt einen kurzen, aber tiefen Einblicken in die Seelen unserer Gäste. 

Sie fällt gar nicht auf. Sie ist wie ein kleiner Schreibtisch gestaltet. Doch statt eines Bildschirms ist vor der hier Platz nehmenden Person eine drehbare Walze mit Klammern positioniert. Darunter stehen Notizzettel und Bleistifte für das Beantworten einer Frage parat. Die Frage steht mittig unterhalb der Walze in Deutsch, Französisch und Englisch auf einem Papier und wird alle paar Wochen von einer anderen Frage abgelöst.

Als Kommunikator:in in der Ausstellung gehört es dazu, zwischen interaktiven Stationen, Content Screens und Objekten für Ordnung zu sorgen. Kopfhörer wieder aufhängen, Stühle zurechtrücken und auch an die Walze geheftete Zettel entfernen, wenn es zu viele geworden sind. Diese Walze hat es mir angetan. Auf den Zetteln finden sich öfters Snapchat-Accounts, Fussballverein-Abkürzungen und ähnliches von vermutlich jugendlichen Gästen. Manchmal sind es auch zig Zettel mit dem Wort «Katze» in verschiedenen Sprachen, wenn die Frage unter der Walze hiess: «Was ist dein Lieblingstier?». 

Gelegentlich aber bleibe ich als Kommunikatorin selbst an der Frage hängen. Ich zupfe dann nicht nur beiläufig sowas wie Katzen-Antworten ab, sondern stelle mir die Frage selbst, setze mich hin und fange an, die Antworten genauer zu lesen. Die Geräuschkulisse unserer gar nicht leisen Kernausstellung tritt in den Hintergrund und die Gefühle werden laut. Es wird intim, berührend und menschlich. 

Bei der Frage «Was ist dein Geheimnis?» wurden die angeklippten Zettel von unseren Gästen gefaltet. Wohl ein Akt, das Geheimnis trotz seiner Offenbarung zu anonymisieren; von der Walze weggehen, ohne von einer anderen Person in der Nähe mit einer Aussage in Verbindung gebracht zu werden zu können. Ich öffne ein paar dieser Briefchen:

«Ich liebe ein Mädchen und bin eines»
«Ich fühle mich in letzter Zeit sehr gestresst, möchte es aber niemandem sagen. Ich will nämlich niemanden mit dem belasten»
«Ich habe Angst im Keller und Dunkeln, obwohl ich schon erwachsen bin»  
«Ich spiele stundenlang doofe Spiele am Handy – dabei bin ich Lehrerin und wüsste Besseres zu tun»
«Ich wäre gern egoistischer in meinen jungen Jahren, aber ich fühle so viel Verantwortlichkeit und Schuldgefühle, wenn ich versuche mehr für mich zu machen und was mich glücklich macht»
«Es ist der 14. des Monats und ich bin schon blank»
«Ich habe einmal ein paar Schuhe aus einem Geschäft geklaut, damit ich ein paar habe»
«Ich finde die Kinder meines Schwagers meist ziemlich doof»
«Ich bin schwul»
«Manchmal schlafe ich gar nicht, wenn sich die Kinder in der Nacht melden, sondern mag gerade einfach nicht»
«Ich habe Grass geraucht, obwohl ich erst 15 bin und meine Mutter es mir verbietet»
«Ich habe im Migros manchmal ein Brötchen falsch eingetippt, damit es günstiger ist. Nicht nur einmal, sondern mehrmals»
«Ich habe gemerkt, ich bin reich geworden über die Jahre und niemand weiss es. Keine Ahnung, was ich tun soll. Behandeln mich meine Freund:innen dann anders? Ich komme aus einer armen Familie und arbeite im Mittelstand. So eine ungewohnte Situation»
«Ich weiss nicht, ob ich meinen Vater liebe. Klar, er ist mein Vater, aber ich bin entspannter, wenn er weg ist auf Geschäftsreisen oder so und habe oft Angst vor ihm. Ich habe das Gefühl, dass er mich und meine Familie oft manipuliert, aber weiss nicht, ob ich die Einzige aus der Familie bin, die das so denkt»
«Ich beschäftige mich zu viel damit, wer ich sein will»
«Ich habe heute aus Versehen einen rassistischen Kommentar gemacht»
«Ich wäre jetzt lieber auf der Couch»

Blick auf ein weissen Zettel auf dem ein Geheimnis über Angst im Dunkeln geschrieben wurde.
Blick auf ein weissen Zettel auf dem ein Geheimnis über Egoismusschulgefühle geschrieben wurde.
Blick auf ein weissen Zettel auf dem ein Geheimnis über Homosexualität geschrieben wurde.

Ich sitze da und fühle mich diesen Unbekannten auf einmal nah. Nicht weil ich dieselben Geheimnisse habe, doch aber dieselben Gefühle kenne: Unsicherheit, Scham. Ich merke, wie meine Augen feucht werden oder ich zwischendurch lächle oder nicke. Die englischsprachigen Geheimnisse lese ich auch noch. Die Antworten, die in Sprachen geschrieben sind, die ich nicht beherrsche, lasse ich mir direkt vom Smartphone übersetzen. Ich sitze gebannt da, vergesse Raum und Zeit:

«Mi sento sola e fuori dela mia mente» (Ich fühle mich allein und verrückt)
«No puedo ayudar a la persona que quiero porque ella no quiere recibir ayuda» (Ich kann der Person, die ich liebe, nicht helfen, weil sie keine Hilfe annehmen will)
«I got married and I didn’t tell anyone» (Ich habe geheiratet und es niemandem erzählt)
«I lie about eating meat to vegetarian friends» (Ich lüge meine vegetarischen Freunde über meinen Fleischkonsum an)
«I try to avoid running over plastic bags when I'm driving because I'm concerned it might get stuck to the muffler under my car» (Ich versuche es zu vermeiden, beim Autofahren über Plastiktüten zu fahren, weil ich befürchte, dass sie am Auspuff unter meinem Auto hängen bleiben könnten)
«I don't know if I am in the right relationship for me» (Ich weiß nicht, ob ich in der richtigen Beziehung für mich bin)
«My parents don’t know I am gay» (Meine Eltern wissen nicht, dass ich homosexuell bin)
«I always cool down my emotions. Not true to myself» (Ich versuche immer, meine Gefühle zu unterdrücken. Ich bin nicht ehrlich zu mir selbst.).
«I think I am asexual» (Ich denke, dass sich asexuell bin)
«J'ai 3 testicles» (Ich habe drei Hoden)
«J suis déjà allé sur Pornhub» (Ich bin schon auf Pornhub gegangen)
«Je suis heureuse avec eux deux» (Ich bin glücklich mit ihnen beiden)
«I'm unlabelled and worried that my identity won't be understood in non queer communities» (Man kann mich nicht klar einem Geschlecht zuordnen und mache mir Sorgen, dass meine Identität in nicht-queeren Gemeinschaften nicht verstanden wird)
«I can’t ride a bicycle» (Ich kann kein Fahrrad fahren)
«I don’t like the US but I have a better solary there» (Ich mag die USA nicht, aber habe dort ein besseres Gehalt)

Blick auf einen weissen Zettel, auf dem ein Geheimnis über die Hilflosigkeit steht, eine geliebte Person nicht unterstützen zu können.
Blick auf einen weissen Zettel, auf dem ein Geheimnis über die Unfruchtbarkeit geschrieben wurde.
Blick auf einen weissen Zettel, auf dem ein Geheimnis über die Angst steht, dass sich eine Plastiktüte beim Autofahren am Auspuff verfangen könnte.

Ich nehme ein paar Karten ab. Platz schaffen für neue Antworten. Ich frage mich, ob das, was schon – oder nach meinem Aufräumen noch – hängt, andere beeinflusst. In den nächsten Wochen sitze ich immer wieder dort und räume auf und ja, ich tauche neugierig in Geheimnisse ein. Es mischen sich auch immer wieder Geheimnisse anderer Qualitäten darunter, die auch andere Gefühle in mir auslösen: Irritation, Wut, Trauer, Angst, Verdrängung, Verharmlosung.

«I have commited various war crimes during the jugoslavia war and have never being in front of a court because of that» (Ich habe während des Jugoslawien-Krieges verschiedene Kriegsverbrechen begangen und habe deswegen nie vor Gericht gestanden)
«Ich liebe Kinder»
«Ich habe Angst vor meinem Papa» 
«je suis infidèle» (Ich bin untreu)
«Ich trinke manchmal»
«Ich möchte mich umbringen»
«Früher habe ich oft randaliert, aber nur wenn ich besoffen war»

Blick auf ein weissen Zettel auf dem ein Geheimnis über Angst vor einem Elternteil geschrieben wurde.
Blick auf ein weissen Zettel, auf dem ein Geheimnis über Suizid geschrieben wurde.
Blick auf ein weissen Zettel, auf dem ein Geheimnis über Pedophilität geschrieben wurde.

Und dann gibt es die Geheimnisse, die andere Gäste zum Stift greifen und antworten liessen und mich sehr rührten:

«Ich glaube nicht, dass mich jemand lieben könnte» - «Doch Honey»


«Ich bin seit 2025 unschuldig im Knast (heute in einem «Ausgang»). Die Menschheit irrt überall» - «Fuck»


«Ich bin nicht mehr gerne zuhause. Ich fühle mich dort nur noch alleine und nicht zuhause. Wenn ich mich zu meiner Mutter setze, dann fühle ich mich komisch» - «Same bro, same here»


«I self harm but I haven't my best done it for 4-5 month and nobody knows that I'm proud of myself» (Ich verletze mich selbst, aber ich habe es seit 4-5 Monaten nicht mehr getan und niemand weiss, dass ich stolz auf mich bin) - «Don't self-harm. I have suicidal thoughts too but I'm trying my best and I'm trans male too» (Tu dir nicht selbst weh. Ich habe auch Suizidgedanken, aber ich gebe mein Bestes. Ich bin ebenfalls ein trans Mann) - auf Karte darunter noch eine Reaktion: «Hello. I saw your secret and wanted to tell you that everything’s gonna be alright. I struggeled with the same problems and something I learnt in this time is that even though it’s hard it’s going to be better. Believe in yourself. We love you. And we all would miss you, if you weren't here anymore. We're proud of you. In best wishes from a transmale and a non binar person.» (Hallo. Ich habe dein Geheimnis gesehen und wollte dir sagen, dass alles gut werden wird. Ich habe mit denselben Problemen gekämpft und etwas, das ich in dieser Zeit gelernt habe, ist: Auch wenn es im Moment schwer ist, wird es besser. Glaub an dich. Wir lieben dich. Und wir würden dich alle sehr vermissen, wenn du nicht mehr hier wärst. Wir sind stolz auf dich. Die besten Wünsche von einem trans Mann und einer nicht-binären Person)

Mich beschäftigen die Antworten. Es finden sich persönliche Themen aber auch aktuelle gesellschaftspolitische Diskurse. Ich frage mich, ob wirklich alles wahr ist, was dort steht. Ich merke, dass ich beeinflusst bin von Klick-generierenden Provokationen in den Sozialen Medien. Aber hier ist es doch anonymer, also wahrscheinlich wahrer! Interessanterweise fällt es mir leichter, die positiven Zettel zu glauben, als die negativen. Ich weiss keine Antwort auf diese Fragen. Ich hoffe, dass sich die Menschen mit Problemen helfen lassen und sich und andere nicht in Gefahr bringen. Ich hoffe, dass sich andere anderen anvertrauen können und gemeinsam lachen oder weinen können. 

Diese Walze ist Teil der Ausstellungsangebote, die von den Kommunikator:innen dynamisch kuratiert werden können. Das heisst, hier können wechselnde Informationen oder Inhalte für unsere Besuchenden zur Verfügung gestellt werden. Wie auch die Kommunikator:innen selbst, die hier ausgebildet werden, um mit den Gästen über unsere Ausstellungsinhalte auf Augenhöhe zu sprechen, sind sie Teil des Konzepts unserer Kernausstellung. Dieses stellt den Menschen, der sich auf unterschiedlichste Arten mitteilt, in den Mittelpunkt. Und es funktioniert. 

Ich sitze an der Walze, ziehe ein paar Zettel ab, mache Platz für neue Antworten. Ich drehe mich mit dem Stapel in der Hand um und schaue mir unsere Gäste in der Ausstellung an. Menschen, mit Geheimnissen, mit denen sie nicht allein sind, die sie geteilt haben, mit mir, mit anderen Gästen. Ich nehme die Geräusche wieder wahr, die Unterhaltungen, Lachen und Rufe. Ich atme tief ein, seufze, stehe auf und bin gespannt auf die nächste Frage in ein paar Wochen.

Autorin

Laura Heyer, Social-Media-Managerin & Eventorganisatorin, Museum für Kommunikation, Bern

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

X