Navigieren auf der MfK-Website

Volle Häuser, leere Aussagen?

Museen lieben Zahlen. Eintrittszahlen, Rankings, Rekorde. Sie sind bequem, vergleichbar und politisch nützlich. Doch genau darin liegt die Gefahr: Wenn wir Erfolg vor allem zählen, verlieren wir aus dem Blick, was zählt.
Anlässlich einer Einladung für eine Vorlesung an der Universität Wien denkt unsere Direktorin Jacqueline Strauss über Reichweite und Relevanz nach.

Viele Besucher:innen garantieren noch keine Relevanz. Und umgekehrt entfalten manche Projekte grosse gesellschaftliche Wirkung – ohne je ein Massenpublikum zu erreichen. Wenn wir Museen zukunftsfähig machen wollen, müssen wir diese Spannung aushalten. Und gestalten.

Relevanz beginnt dort, wo das blosse Zählen aufhört

Das Museum für Kommunikation in Bern hat seine Eintritte in den letzten 20 Jahren verdreifacht und ist heute eines der bestbesuchten Museen der Stadt. Doch Relevanz ist kein Nebenprodukt hoher Frequenzen. Relevanz entsteht aus dem Verhältnis eines Museums zur Gesellschaft. Für uns verdichtet sie sich in drei Dimensionen: Vertrauen, Wirkung und Werte.

Eine Grafik zeigt, wie viel Vertrauen die Menschen in verschiedene Institutionen haben. Zuoberst stehen Freunde und Familie, dicht gefolgt von Museen und Wissenschaftler:innen. Weniger Vertrauen geniessen Medien und Firmen, nochmals weniger Parteien und Social Media. - vergrösserte Ansicht
Institut für Museumsforschung – Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin, 2024. Eine vergleichbare Studie des US-amerikanischen Museumsverband kommt 2021 zum gleichen Ergebnis. Auch da sind die Museen auf Rang 2, gleich nach Familie und Freunden.

Museen geniessen in der Gesellschaft aussergewöhnlich hohes Vertrauen – deutlich höher als Politik, Medien oder Unternehmen. Das ist kein Naturgesetz, sondern ein Vorschuss. Relevant sind Museen dann, wenn sie dieses Vertrauen verdienen: durch Glaubwürdigkeit, eine erkennbare Haltung und den Mut, komplexe Themen nicht zu scheuen. 

Wirkung ist dabei mehr als ein gelungenes Ausstellungserlebnis. Museen erzeugen gesellschaftlichen Mehrwert: Sie ordnen Wissen ein, eröffnen Perspektiven, machen Unsichtbares sichtbar. Das geschieht oft leise, manchmal zeitversetzt – und fast nie messbar auf Knopfdruck.

Werte sind dafür kein „Nice-to-have“, sondern ein operativer Kompass. Sie entscheiden, welche Themen wir setzen, welche Stimmen wir hören – und wofür wir Verantwortung übernehmen. Im Museum für Kommunikation sind es unter anderem Innovation, Nachhaltigkeit und Diversität. Werte zeigen sich nicht im Leitbild, sondern im Alltag.

Relevanz und Publikum: kein Entweder-oder

Museen brauchen Publikum. Ohne Frage. Doch die entscheidende Frage lautet nicht Relevanz oder Reichweite, sondern: Wie bringen wir beides in ein produktives Verhältnis?

Unser Portfolio hilft, diese Beziehung zu klären. Es zeigt vier Felder musealer Arbeit im Spannungsfeld zwischen Relevanz und Quantität. Für die ökonomische Nachhaltigkeit brauchen wir relevante Ausstellungen im grünen Feld, die das Publikum anziehen. Gleichzeitig interessiert uns ein anderes Feld, das hellblaue: Projekte mit hoher Relevanz, aber (noch) mit kleinem Publikum. Hier entsteht Zukunft.

Eine Vierfeldergrafik mit den Achsen Quantität/Publikum und Relevanz. Verschiedene Projekte sind eingetragen: Museumsnacht (mittlere Relevanz, viel Publikum), Kernausstellung (hohe Relevanz, viel Publikum), Wechselausstellungen (hohe Relevanz, viel Publikum) - auch einige mit wenig Publikum, aber viel Relevanz (K-Minis, rassismuskritische Narrative, ODIL). - vergrösserte Ansicht
Nicht nur Projekte mit hoher Relevanz und viel Publikum sind wichtig. Es gibt im Museum für Kommunikation immer wieder Projekte mit hoher Relevanz und wenig Publikum, die aber sehr wichtige Grundlagen legen für die Bedeutung des Museums.

Ein Beispiel dafür ist das Digitalisierungsprojekt «out of the dark into the light» – ODIL. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen und von nationaler Bedeutung. Dabei erschliessen wir Hunderttausende von Fotografien zur breit vernetzten Geschichte der Post und Telekommunikation und machen sie zugänglich. Lange ein Projekt für Spezialist:innen – bis ein Bergsturz ein Dorf im Lötschental verschüttet. Plötzlich werden historische Bilder zu Erinnerungsankern für eine ganze Gemeinde. Relevanz lässt sich nicht planen. Aber man kann Voraussetzungen dafür schaffen.

Aufnahme eines Tals in Berglandschaft. Am rechten Hang ist eine riesige Geröll und Eislawine zu sehen, die unten einen Teil des Tals aufgefüllt und das Dorf Blatten verschüttet hat.
Nachkolorierte Fotografie eines Bergdorfes: Links sind dunkle Holzhäuser zu sehen, davor ein Weg. Etwas weiter rechts fliesst der Fluss Lonza vorbei, im Hintergrund sind Schneeberge zu sehen.
Auf einem Bergpfad ist ein Mann mit einem Maultier unterwegs. Das Maultier ist mit Post beladen. Im Hintergrund Berge.

Oder die K-Minis: Sieben Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte werden zu Kommunikator:innen und Museumsexpert:innen ausgebildet. Sieben ist keine Masse. Aber diese Kinder gehören zu unserer Gesellschaft – und zur Zukunft des Museums. Wer nur dort investiert, wo viele sind, verpasst, wer morgen das Museum besucht.

Und schliesslich ein internes Projekt zum rassismuskritischen Museum. Kein Publikum, keine Tickets, keine Likes. Externe Expert:innen analysieren die permanente Ausstellung und spiegeln Leerstellen. Ein unbequemer, notwendiger Prozess. Denn Relevanz entsteht nicht dort, wo man sich bestätigt fühlt – sondern dort, wo man bereit ist zu lernen.

Mut statt Messwut

Nicht alles, was zählt, lässt sich zählen. Und nicht alles, was zählbar ist, zählt langfristig. Museale Relevanz entfaltet sich über Zeit. Sie ist ein Prozess, keine Leistungskennzahl.

Deshalb braucht Museumsarbeit Mut: den Mut, nicht jedem Trend hinterherzulaufen. Den Mut, Projekte umzusetzen, deren Wirkung sich erst später zeigt. Und den Mut, über Besuchszahlen hinaus auf Qualität zu setzen. 

Museen sind mehr als gut besuchte Orte. Sie sind öffentliche Denk- und Möglichkeitsräume. Und manchmal ist ein einziger veränderter Blick tatsächlich mehr wert als tausend gezählte Eintritte.

Am Schluss noch dies: Ich habe mein eigenes Manuskript der 90-minütigen Wiener Vorlesung der KI zur Verfügung gestellt. Und auf dieser Basis gepromptet, dass sie aus den Kernelementen einen kurzen Blog verfassen möge. Nach einigem Hin und Her führte das zur vorliegenden Version, die die KI als «zugespitzt, provokativ» deutet. Punktuell habe ich den Text dann angepasst. Ich bin gespannt, wie dieser Text bei Ihnen ankommt. 

Autorin

Jacqueline Strauss, Direktorin, Museum für Kommunikation, Bern

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

X