Volle Häuser, leere Aussagen?
Museen lieben Zahlen. Eintrittszahlen, Rankings, Rekorde. Sie sind bequem, vergleichbar und politisch nützlich. Doch genau darin liegt die Gefahr: Wenn wir Erfolg vor allem zählen, verlieren wir aus dem Blick, was zählt.
Anlässlich einer Einladung für eine Vorlesung an der Universität Wien denkt unsere Direktorin Jacqueline Strauss über Reichweite und Relevanz nach.
Viele Besucher:innen garantieren noch keine Relevanz. Und umgekehrt entfalten manche Projekte grosse gesellschaftliche Wirkung – ohne je ein Massenpublikum zu erreichen. Wenn wir Museen zukunftsfähig machen wollen, müssen wir diese Spannung aushalten. Und gestalten.
Relevanz beginnt dort, wo das blosse Zählen aufhört
Das Museum für Kommunikation in Bern hat seine Eintritte in den letzten 20 Jahren verdreifacht und ist heute eines der bestbesuchten Museen der Stadt. Doch Relevanz ist kein Nebenprodukt hoher Frequenzen. Relevanz entsteht aus dem Verhältnis eines Museums zur Gesellschaft. Für uns verdichtet sie sich in drei Dimensionen: Vertrauen, Wirkung und Werte.
Museen geniessen in der Gesellschaft aussergewöhnlich hohes Vertrauen – deutlich höher als Politik, Medien oder Unternehmen. Das ist kein Naturgesetz, sondern ein Vorschuss. Relevant sind Museen dann, wenn sie dieses Vertrauen verdienen: durch Glaubwürdigkeit, eine erkennbare Haltung und den Mut, komplexe Themen nicht zu scheuen.
Wirkung ist dabei mehr als ein gelungenes Ausstellungserlebnis. Museen erzeugen gesellschaftlichen Mehrwert: Sie ordnen Wissen ein, eröffnen Perspektiven, machen Unsichtbares sichtbar. Das geschieht oft leise, manchmal zeitversetzt – und fast nie messbar auf Knopfdruck.
Werte sind dafür kein „Nice-to-have“, sondern ein operativer Kompass. Sie entscheiden, welche Themen wir setzen, welche Stimmen wir hören – und wofür wir Verantwortung übernehmen. Im Museum für Kommunikation sind es unter anderem Innovation, Nachhaltigkeit und Diversität. Werte zeigen sich nicht im Leitbild, sondern im Alltag.
Relevanz und Publikum: kein Entweder-oder
Museen brauchen Publikum. Ohne Frage. Doch die entscheidende Frage lautet nicht Relevanz oder Reichweite, sondern: Wie bringen wir beides in ein produktives Verhältnis?
Unser Portfolio hilft, diese Beziehung zu klären. Es zeigt vier Felder musealer Arbeit im Spannungsfeld zwischen Relevanz und Quantität. Für die ökonomische Nachhaltigkeit brauchen wir relevante Ausstellungen im grünen Feld, die das Publikum anziehen. Gleichzeitig interessiert uns ein anderes Feld, das hellblaue: Projekte mit hoher Relevanz, aber (noch) mit kleinem Publikum. Hier entsteht Zukunft.
Ein Beispiel dafür ist das Digitalisierungsprojekt «out of the dark into the light» – ODIL. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen und von nationaler Bedeutung. Dabei erschliessen wir Hunderttausende von Fotografien zur breit vernetzten Geschichte der Post und Telekommunikation und machen sie zugänglich. Lange ein Projekt für Spezialist:innen – bis ein Bergsturz ein Dorf im Lötschental verschüttet. Plötzlich werden historische Bilder zu Erinnerungsankern für eine ganze Gemeinde. Relevanz lässt sich nicht planen. Aber man kann Voraussetzungen dafür schaffen.
Oder die K-Minis: Sieben Kinder aus Familien mit Migrationsgeschichte werden zu Kommunikator:innen und Museumsexpert:innen ausgebildet. Sieben ist keine Masse. Aber diese Kinder gehören zu unserer Gesellschaft – und zur Zukunft des Museums. Wer nur dort investiert, wo viele sind, verpasst, wer morgen das Museum besucht.
Und schliesslich ein internes Projekt zum rassismuskritischen Museum. Kein Publikum, keine Tickets, keine Likes. Externe Expert:innen analysieren die permanente Ausstellung und spiegeln Leerstellen. Ein unbequemer, notwendiger Prozess. Denn Relevanz entsteht nicht dort, wo man sich bestätigt fühlt – sondern dort, wo man bereit ist zu lernen.
Mut statt Messwut
Nicht alles, was zählt, lässt sich zählen. Und nicht alles, was zählbar ist, zählt langfristig. Museale Relevanz entfaltet sich über Zeit. Sie ist ein Prozess, keine Leistungskennzahl.
Deshalb braucht Museumsarbeit Mut: den Mut, nicht jedem Trend hinterherzulaufen. Den Mut, Projekte umzusetzen, deren Wirkung sich erst später zeigt. Und den Mut, über Besuchszahlen hinaus auf Qualität zu setzen.
Museen sind mehr als gut besuchte Orte. Sie sind öffentliche Denk- und Möglichkeitsräume. Und manchmal ist ein einziger veränderter Blick tatsächlich mehr wert als tausend gezählte Eintritte.
Am Schluss noch dies: Ich habe mein eigenes Manuskript der 90-minütigen Wiener Vorlesung der KI zur Verfügung gestellt. Und auf dieser Basis gepromptet, dass sie aus den Kernelementen einen kurzen Blog verfassen möge. Nach einigem Hin und Her führte das zur vorliegenden Version, die die KI als «zugespitzt, provokativ» deutet. Punktuell habe ich den Text dann angepasst. Ich bin gespannt, wie dieser Text bei Ihnen ankommt.
Autorin
Jacqueline Strauss, Direktorin, Museum für Kommunikation, Bern