Themen suchen und finden
Planetopia, Nichts, Dance. Jedes Jahr eröffnet das Museum für Kommunikation eine neue, selbst entwickelte Ausstellung. Doch wie legt das Museumsteam das Thema jeweils fest? Michelle Huwiler aus dem Ausstellungsteam nimmt uns mit auf dem Weg zum Thema der nächsten Ausstellung.
Gute Themen liegen in der Luft. Sie rauschen in den Nachrichten mit, blitzen auf in Gesprächen, Dokumentarfilmen oder zwischen Buchdeckeln und wabern in der Gegenwart herum. Wir wollen sie einfangen, ausgiebig betrachten und zu Ausstellungen verarbeiten. Aber wie geht das? Wie kommen wir zu unseren Themen und wie entscheiden wir, zu was wir eine Ausstellung machen?
Das sind Fragen, die ich auch oft anderen Personen stelle, die in Kulturinstitutionen arbeiten. Die Antwort darauf verrät einiges über die Organisation und Kultur einer Institution. Bevor ich hier das Thema unserer übernächsten Wechselausstellung lüfte, möchte ich kurz ausführen, wie wir es gefunden haben.
Januar 2025: Im fünfköpfigen Team «Ausstellen und Vermitteln» beraten wir, wie wir den Themenfindungsprozess gestalten. An unserem Haus wird das von Jahr zu Jahr etwas anders gemacht: Manchmal ist da eine Person, die eine gute Idee hat oder es melden sich Externe, die eine Idee an uns herantragen, wir organisieren interne Beteiligungsverfahren oder veranstalten grosse Workshops, an denen auch Externe teilnehmen. Was immer gleich ist: das letzte Wort hat unsere Geschäftsleitung. 2025 beschliessen wir, dass wir unsere Ressourcen schonen und auf einen grossen Partizipationsprozess verzichten. Wir suchen innerhalb des Teams «Ausstellen und Vermitteln» einen Themenvorschlag.
März 2025: Zu Beginn einer Teamsitzung sammeln wir unsere Gedanken: Was ist eigentlich ein gutes Thema für eine Wechselausstellung? Wir einigen uns auf folgende fünf Begriffe: relevant, berührend, lustvoll, bewegend, anknüpfungsfähig. Danach geben wir uns selbst die Aufgabe zehn Themenvorschläge in den nächsten Workshop mitzubringen und handeln aus, wer wie viele Vorschläge mitbringt.
April 2025: Zehn Themen hängen an den Wänden im Raum. Wir haben knapp drei Stunden Zeit, um ihr Potential abzuklopfen. Wir prüfen, wo wir spontan ins Assoziieren kommen, welche Emotionen geweckt werden, welche Bezüge wir herstellen können und wo wir Lust auf mehr Vertiefung entwickeln. Am Ende der Sitzung haben wir drei Favoriten: unterwegs, Kriminalität und Chips (das Elektronikbauteil, nicht die essbaren). Nachdem wir von der Geschäftsleitung grünes Licht für die Weiterarbeit erhalten, stürzen wir uns in die Grundlagenrecherche. Arbeitsteilig klären wir ab, was andere Häuser programmieren, wie die Medien über unsere Themen berichten, welche Bezüge zum Lehrplan wir finden und was sich darüber erzählen lässt. Wir erstellen zu jedem Thema einen Kurzbeschrieb und ein Recherchedossier. In einer Umfrage holen wir das Feedback des ganzen Museums zu unseren drei Themenvorschlägen ab.
Mai 2025: Mit vielen neuen Erkenntnissen begeben wir uns zu fünft in die Retraite. Ich bin etwas nervös, schliesslich wird mich das gewählte Thema in den nächsten 1.5 Jahren beschäftigen. Wie ein Filter wird es die Brille einfärben, mit der ich die Welt betrachte. Plötzlich wird es überall auftauchen, ob ich will oder nicht: An Familienfeiern, an Apéros, in meiner Podcast Playlist, im Newsfeed und im Bücherregal. Der Entscheidungsprozess ist spannend. In der ersten Runde finden wir keine Einigkeit. zwei Stimmen für Chips, zwei für Kriminalität und eines für unterwegs. Wir diskutieren weiter. Ich merke: Das Thema Chips ist vielschichtig, gegenwärtig und das überraschendste in unserer Auswahl. Schon länger hat das Museum für Kommunikation sich nicht mehr in einer Ausstellung mit Technologie beschäftigt. Aber ich tue mich schwer damit, Begeisterung für die Elektronikbauteile aufzubringen.
Wir lassen das Thema mit der geringsten Zustimmung weg. Neuer Zwischenstand: Chips: 3, Kriminalität: 2. Es soll kein Mehrheitsentscheid sein, wir suchen eine Lösung, mit der alle mitgehen können. Wir diskutieren und wägen ab. Die Begeisterung meiner Kollegin Alex Heini ist ansteckend. Meine Zweifel schwinden, ich lasse mich überzeugen. Unter einer Bedingung: Ich möchte mich nicht in Halbleiterphysik, Mikroelektronik und Informatik vertiefen müssen. Wenn wir CHIPS wählen, will ich nicht die inhaltliche Verantwortung tragen.
Unser neues Arbeitsmodell sollte das zulassen. Zum ersten Mal arbeiten wir drei Ausstellungskurator:innen gemeinsam an einem Ausstellungsprojekt. Wir teilen uns die Projektleitung und haben Aufgaben und Verantwortlichkeiten definiert, die wir in verschiedenen Rollen bündeln. Die Rollen dienen dazu, dass wir arbeitsteilig am Projekt arbeiten können, unsere Arbeitspakete im Blick haben und uns nicht für alles gleichzeitig verantwortlich fühlen müssen.
Wir einigen uns also gemeinsam auf das Thema Chips und verteilen gleich anschliessend die «Hüte», die wir uns in diesem Projekt aufsetzen. Sie sind angepasst an unsere Stärken und Interessen: Alex Heini übernimmt die Inhalte, ich das Management, Ueli Schenk wird den Ressourcen entsprechend später ins Projekt einsteigen und in der Rolle «Ausführung» die Arbeiten in der Realisierungsphase koordinieren. Direkt nach der Retraite legen wir los: Wir stellen wir ein Team zusammen und nehmen die Arbeit auf.
März 2026: Das Grundgerüst unserer Ausstellung steht, das Projekt ist auf Kurs, die Eröffnung ist am 13. November 2026 angesetzt. Meine Kollegin Alex Heini kann mittlerweile auf einem beeindruckend hohen Niveau über Chips abnerden. Teilweise lasse ich mich verführen von der Faszination über die menschliche Erfindungsgabe, das Niveau von Präzision und die Komplexität der Zusammenhänge. Ich habe mich bei Nachtessen mit Freunden und Familien darin geübt, das Thema Chips auf eine Weise zu pitchen, dass kritisch zusammengekniffene Augen sich zu einem Staunen weiten. Aber mein Fremdeln gegenüber Chips habe ich genauso wie andere Projektteammitglieder nie ganz ablegen können. Wir haben unsere Skepsis in diversen Workshops einbringen können. Sie hat dem Projekt nicht geschadet – es wird eine überraschende und aussergewöhnliche Ausstellung über Technologie werden, mit der wir auch Menschen begeistern, deren Augen bei Informatik, Physik und Elektronik nicht anfangen zu leuchten, sondern sich leicht verdrehen. Menschen wie mich.
Parallel zur Erarbeitung von Chips haben wir übrigens im Januar in erneut einen Themenfindungsprozess lanciert. Wir stehen kurz vor der Wahl des neuen Themas für die Wechselausstellung 2027/28. Diesmal führen wir ein dreistufiges Verfahren mit grösserer interner Beteiligung durch. Insgesamt 16 Personen haben in ihrem Alltag nach Themen gefischt und sie eingebracht. Im letzten von drei Workshops stehen drei Themen zur Auswahl, die näher bei den Alltagserfahrungen der allermeisten von uns sind. Unserem Arbeitsmodell entsprechend werden wir die Hüte bald neu verteilen und ein weiterer Filter wird unseren Blick auf die Welt einfärben.
Autorin
Michelle Huwiler, Ausstellungen, Museum für Kommunikation, Bern