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Post für Hans Huber, Hafner in Huttwil

In einer Truhe von Hans Huber, die lange Jahre in einem Estrich in Huttwil schlummerte, fanden sich zahlreiche Dokumente, die seinen Mikrokosmos dokumentieren. Die Publikation, die als 7. Band in der Schriftenreihe des Museums für Kommunikation erscheint, bietet uns Gelegenheit, einmal etwas nachzudenken, wie wir mit unserem Schriftgut via SMS, Mail und anderen digitalen Kanälen umgehen.

 

Hand aufs Herz: Schreiben Sie noch Briefe? Ich jedenfalls kaum bis gar nicht mehr, da heute andere und schnellere Kanäle zur Verfügung stehen. Wenn es hoch kommt, dann krieg ich noch farbenfrohe Ansichtskarten aus den Ferien. Die liegen eine Zeitlang in der Wohnung rum und verschwinden dann bei einer Aufräumaktion an einem Regentag. Bei den meisten Menschen endgültig im Papierabfall. Bei mir indes nicht, sondern in einem improvisierten «Archiv», einer Zwischenablage für später…

Alte Schule, ich weiss. Im Zeitalter des Digitalen wirkt das Analoge sperrig, staubig und hat keinen Platz in den aufgeräumten Wohnflächen, da auch die Estriche wegrationalisiert sind zugunsten der Flachdächer.

Wer indes die Chance hat, auf eine Truhe in einem Winkel des Dachbodens zu stossen, welche mit Briefschaften aus alten Tagen gefüllt ist, der wird eine Welt entdecken, die nicht bloss nostalgisch in die Moderne leuchtet, sondern vielmehr einen Alltag aus der Vergangenheit beleuchtet, der viel Ähnlichkeiten hat mit unserem.

So geschehen und nun in Buchform erschienen.*

 

In einer Truhe von Hans Huber, die lange Jahre in einem Estrich in Huttwil schlummerte, fanden sich zahlreiche Dokumente, die den Beginn seiner Lehre zum Mechaniker (1923), eine mehrwöchige Stationierung im Spital von Huttwil und den darauffolgenden Kuraufenthalt in Heiligenschwendi dokumentieren.

Zudem fanden sich Briefe aus den Jahren 1942/43, die nachzeichnen, wie sich zwei Menschen erst kennen lernen, um dann den Bund fürs Leben zu schliessen.

Zahlreiche Postkarten, Ansichtskarten, Briefe sowie Notizzettel, die als Beilage zu den Postsendungen verschickt wurden, geben unverstellte Einblicke in den Alltag eines Menschen und seinen Kosmos in den 1920er und 1940er Jahren rund um Huttwil.

Es ist eine Welt zu entdecken, die noch ohne die modernen Medien auskommt, die einen anderen Rhythmus lebt als wir heute, die aber die gleichen Sorgen und Probleme kennt, wie wir auch.

Gruppenbild der Familie Huber-Zehnder: von links Hans, Trudi, Mutter Anna, Vater Gottlieb, Dori, Fritzli, August 1923 - vergrösserte Ansicht
Gruppenbild der Familie Huber-Zehnder: von links Hans, Trudi, Mutter Anna, Vater Gottlieb, Dori, Fritzli, August 1923

Dem Mechanikerlehring «in der Fremde» wird berichtet, was sich zuhause privat und im Hafnergeschäft ereignet. Mutter versorgt ihren Sohn mit Wäsche, Taschengeld und gutgemeinten Ratschlägen, also mit viel Liebe! Vater schreibt ausführlich über ausserberufliche Ereignisse und seine Hobbys (Motorradfahren und Männerchor). Die Geschwister schwärmen von der neueröffneten Badeanstalt in Huttwil, von Theatervorstellungen, Kinobesuchen oder berichten vom Schulalltag. Und Freunde von Hans bleiben in Kontakt und halten ihn auf dem Laufenden in Sachen sportlichen Ereignissen (Fussball und Radfahren). Hans wird versorgt mit Tratsch und Klatsch, mit Sterbefällen, besonderen Vorkommnissen in Huttwil (Riesen-Varieté) und in der grossen weiten Welt (Erdbeben in Japan). Auch die ersten Gefühle für ein Mädchen in Trub bleiben bei diesem regen Austausch nicht unerkannt.

Sechs Monate nach Antritt der Lehrstelle in Utzenstorf wird bei Hans Huber Tuberkulose diagnostiziert. Das führt zum Abbruch der Lehre, da er erst einmal für einen Monat ins Krankenhaus in Huttwil eingeliefert wird, um danach eine Kur in Heiligenschwendi zu absolvieren.

Die neu eröffnete Badeanstalt in Huttwil, 1923
Dori, eine Schwester von Hans, in der Badeanstalt Huttwil
Hans Huber in der Kur in Heiligenschwendi, April 1924
Trudi, eine Schwester von Hans, beim Wäsche waschen, Sommer 1923
Zeichnung von Bruder Fritzli, (das neue Condormodell pro 1924). Erfinder Fritz Huber II, Sohn von G. Huber Hafnermeister, Huttwil

Mehr als die Hälfte der publizierten Dokumente stammt aus dem Zeitraum während des mehrmonatigen Kuraufenthaltes in Heiligenschwendi. Hans kriegt Zuspruch, beste Wünsche zur Genesung und die unterschiedlichsten Informationen von sehr vielen verschiedenen Absendern: Aus der breiten Verwandtschaft, von Freunden, Bekannten, vom ehemaligen Lehrmeister, sogar der Pfarrer und der Metzgermeister schreiben; auch eine Krankenschwester, die ihn in Huttwil pflegte. Oft kriegt er sogar Besuch. Hans ist beliebt und wird nicht vergessen, da auch er tüchtig mit den Absendern kommuniziert – was leider nicht erhalten blieb und nur indirekt erschlossen werden kann.

So nimmt Hans teil am Fasnachttreiben in Aarau, erhält Bericht über eine Feuersbrunst im Huttwiler Bazar, Unwetterschäden an Strassen rund um Huttwil sowie langwierigen Grippeerkankungen. Das Schützenfest in Huttwil – inklusive seine Verlustierungsangebote – wird ausführlichst beschrieben in mehreren Briefen. Und selbstverständlich wird rege kommuniziert über Sportanlässe, auch wenn es noch keine Liveberichterstattungen via Radio gibt: vom Autorennen am Menzberg, aber auch von der Sommerolympiade in Paris, bei der die Schweizer Fussballnationalmannschaft letztendlich den 2. Platz erspielt!

Es sind diese scheinbar belanglosen Dinge aus der Lehrzeit und dem Kuraufenthalt, die diese Dokumente wertvoll machen. Aus heutiger Perspektive wertvoll, weil sie nicht für eine breite Öffentlichkeit verfasst wurden und dennoch viel Welt, viel Alltagskultur enthalten.

«Ego-Dokumente» nennt die Wissenschaft solche Quellen. Nicht für die Publikation an eine Nachwelt bestimmt, bieten diese trotzdem oder gerade deshalb Zugang zum Mikrokosmos von Menschen, die in der Regel ausgeschlossen bleiben von den Wissenschaften unterschiedlicher Ausrichtungen.

Nicht für die Nachwelt bestimmt waren sicher auch jene Zeugnisse, die zwischen Hans Huber und Berty Zehnder zwischen 1942 und 1943 zirkulierten. Als Leserinnen und Leser können wir mitverfolgen, wie zwei Menschen sich erst auf kuriose Art verabreden, um sich dann über ein Jahr hinweg näher zu kommen und letztlich den Bund der Ehe schliessen. Es sind keine erotisch gefärbten «Liebesbriefe», die da ausgetauscht werden. Es sind vielmehr liebevolle Rückmeldungen über vergangene Treffen oder sachliche Informationen über anstehende Stelldichein. Wer indes zwischen den Zeilen dieser Briefe liest, wird den Wert dieser Zeugnisse zu schätzen wissen.

Zum Glück wurden diese zum Teil schwer entzifferbaren Dokumente bei der Estrichräumung vor dem Hausverkauf «zwischengelagert für später» und nicht als «wertlos» taxiert und sofort weggeworfen! Zum Glück für diese Publikation, die als 7. Band in der Schriftenreihe des Museums für Kommunikation erscheint und uns zudem die Gelegenheit bietet, einmal etwas nachzudenken, wie wir mit unserem Schriftgut via SMS, Mail und anderen digitalen Kanälen umgehen, respektive «zwischenlagern»!

Denn, Hand aufs Herz: Wer speichert heute digitale Post für sich privat?

 

Kurt Stadelmann

 

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* Museum für Kommunikation, Kurt Stadelmann (Hg.):

«Sehr geehrter Herr!

Schwer erstaunt über diese Zeilen …»

Post für Hans Huber, Hafner in Huttwil

2021. 140 S., 40 Abb. Geb.

CHF 28 / EUR 28. ISBN 978-3-0340-1661-2

Buchvernissage

Freitag, 19. November 2021, 19.00 Uhr

Kirchgemeindesaal der reformierten Kirchgemeinde

Marktgasse 3

4950 Huttwil

 

Die Veranstaltung ist öffentlich und gratis

Eintritt mit Covid-Zertifikat

 

Um Anmeldung wird gebeten:

huber.oefen(at)bluewin.ch oder Tel. 062 962 14 00

 

Weitere Infos:

Bericht im Unter-Emmentaler

Autor

Kurt Stadelmann, Ausstellungskurator und Projektleiter, Museum für Kommunikation Bern.

Kommentare (1)

  • Martin Fürst
    Martin Fürst
    vor 1 Woche
    Bei der heutigen Generation der "Baby-Boomers" gäbe es noch viele mit Briefen gefüllte Schubladen zum Durchforsten!

    Danke für das sich liebevoll um den Alltag kümmernde Buch (es tut es Hans Hubers Mutter gleich) und auf weitere solche!

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