Patizipation ist tot. Lang lebe die Partizipation!
Im Museum für Kommunikation hat Partizipation eine lange Tradition. Erste Projekte wurden bereits in den 1990er-Jahren umgesetzt. Doch ruhig ist es um das Thema nicht geworden, weiterhin führen wir intensive Diskussionen.
Was kann Partizipation? Was soll Partizipation? Und vor allem: Wie gelingt Partizipation? Fragen, die nach jedem Projekt neu diskutiert werden. Ein Interview mit Gallus Staubli, Leiter Bildung und Vermittlung im Museum für Kommunikation.
> Nach fast 30 Jahren mit Partizipationsprojekten – sollten wir den Begriff nicht langsam beerdigen? Müssen wir von einem Scheitern der Partizipation sprechen?
Danke für diese provokative Frage. In der Tat habe ich häufiger schon über das «P-Wort» gelästert. Allerdings nicht über die Bedeutung des Begriffs, sondern über dessen invasiven Gebrauch. Alle benutzen den Begriff und alle verstehen darunter etwas anderes. Partizipation mag als in den 2000er-Jahren gehypter Begriff nun aus der Mode fallen, die kulturelle Teilhabe von Menschen tut dies hoffentlich nicht. Sie ist und bleibt ein Menschenrecht (vgl. Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, 1948).
> Also doch weiter zum nächsten Partizipationsprojekt?
Partizipation ist eine Haltung und nicht ein Projekt. Eine Haltung zu entwickeln, braucht Zeit. Sie muss verinnerlicht werden. Von allen. Prozesse und Entscheidungen basieren auf Grundhaltungen, gemeinsamen Werten. Partizipation ist eine dieser Grundhaltungen.
Partizipation wird von Vorgesetzten vorgelebt.
Partizipation wird von Mitarbeitenden eingefordert.
Partizipation ist Anlass für Diskussionen und Verhandlungen.
Partizipation ist ein Wert, der bei der Auswahl von Mitarbeitenden wichtig ist.
Partizipation ist ein Wert, der bei der Wahl und Ausgestaltung von Projekten wichtig ist.
Lebt eine Institution nach partizipativen Richtlinien, ist es deutlich einfacher auch die Partizipation der Gäste, Kund:innen, Besuchenden zuzulassen.
Wer Partizipation als Projekt(e) anschaut, tappt in eine Falle.
Denn…
…Partizipation hat nicht ein Anfang und ein Ende.
…Partizipation kann nicht erkauft werden.
…Partizipation kann nicht delegiert werden.
Wir sind schon viel zu oft in diese Falle getappt. Zu merken, dass aus Partizipationsprojekten wenig oder nichts Nachhaltiges entsteht, frustriert.
Projekte mit Frustrationspotenzial sind zeitlich limitiert, oft für eine sehr spezifische Zielgruppe gedacht und mit Projektgeldern – oft Drittmitteln – finanziert. Die Ressourcenverschwendung ist also von Beginn an Teil des Konzepts. Ich nenne dies Popcorn-Partizipation: mit viel Energie gemacht, ungesund, schnell gegessen.
> Was haben wir beim Projekt «Radio Silbergrau» besser gemacht, dass es fast 30 Jahre später immer noch läuft?
Unsere Unbedarftheit hat beim angesprochenen Projekt «Radio Silbergrau» (1999) geholfen, dass etwas Nachhaltiges entstanden ist. Der damalige Leiter Marketing & Kommunikation, Alberto Meyer, hatte die Idee, frühpensionierte ehemalige PTT-Angestellte im Rahmen des Museums aktiv werden zu lassen. Nach dem Schneeballprinzip sollten damit viele weitere Senior:innen als neue Klientel ans Museum gebunden werden.
In einem völlig ergebnisoffenen Prozess von mehreren Workshops, die ich begleiten durfte, sind zwei Ideen aus der Gruppe von vorerst etwa einem Dutzend PTT-Pensionär:innen weitergeführt worden:
1. Eine Gruppe wollte eigene kleine Ausstellungen mit Sammlungsgut von ehemaligen PTT-Kolleg:innen machen. So entstanden über einen Zeitraum von vier Jahren acht Ausstellungen. Von Pins über Pöstlerhüte bis zu Fahrzeugmodellen.
2. Eine Gruppe vermisste einen Radiosender, der sich explizit an Senior:innen richtet. Sie nahmen das gleich selbst in die Hand. Wir organisierten einen ersten Kurs im Radiomachen in Kooperation mit einem Lokalradio. Nach der Ausstrahlung einer ersten einstündigen Sendung war klar, dass die Beteiligten weitermachen wollten. Ein Verein wurde gegründet, ehemalige Radioprofis an Bord geholt, neue Interessierte ausgebildet, Geld gesucht, Equipment angeschafft, Kooperationspartner für die Veröffentlichung regelmässiger Sendungen gefunden. Heute, 27 Jahre später, produziert Radio Silbergrau in den Räumen des Museums nach wie vor monatlich eine einstündige Sendung für Senior:innen.
Das ursprüngliche Marketingziel mit den vielen Senior:innen, die unsere Besucherzahlen in die Höhe schiessen lassen sollten, haben wir mit diesem Projekt nicht erreicht. Dafür nehmen seit langer Zeit eine begrenzte Anzahl Senior:innen sehr aktiv am kulturellen Leben der Gemeinschaft teil, eng mit dem Museum verbunden. Und sie sorgen mit ihren Beiträgen selbst wiederum dafür, dass andere ebenfalls an der Kultur teilhaben dürfen. Was für ein Glück!
> Manchmal hilft der Zufall mit. Gibt es Erfolgsfaktoren für Partizipation?
Kommunikator:innen sind (auch) für gelungene Partizipation eine hervorragende Lösung. Mit ihnen haben wir vor zehn Jahren einen Beruf geschaffen, dessen wichtigste Aufgabe der authentische Dialog mit dem Publikum auf Augenhöhe ist. Dialog, Augenhöhe, Authentizität. Diese drei Begriffe sind aus meiner Sicht die wichtigsten Voraussetzungen für gelungene Teilhabe. Innerhalb des Teams und der Organisation genauso wie für Menschen ausserhalb der Organisation.
Wenn in der DNA der Mitarbeitenden, die täglich im direkten Austausch mit den Gästen stehen, das echte Interesse am Gegenüber fliesst, ist das eine wunderbare Ausgangslage für Partizipation.
Kommunikator:innen entwickeln täglich neue interaktive Formate. Über gemeinsame Erlebnisse kommen sie so in den Austausch mit Gästen. So erfahren die Kommunikator:innen, welche der Gäste in von uns kuratierte Teilhabeprozesse involviert werden wollen. Und sie erfahren es auch, wenn Gäste eigene Vorstellungen von Teilhabe in unserem Museum haben.
In diesem Setting ist die Kommunikation zwischen Kulturinstitution und Bevölkerung jederzeit und ganz direkt von Mensch zu Mensch möglich. In vielen Partizipationsprojekten muss genau diese Ausgangslage immer wieder neu und teuer geschaffen werden. Um nach viel zu kurzer Zeit – spätestens, wenn die Drittmittel aufgebraucht sind – wieder beerdigt zu werden.
> Und für alle, die keine Kommunikator:innen haben?
Es gibt Museen, die «Partizipation machen», um diese Fahne hissen zu können. Und es gibt Museen, die sind Teil einer Gesellschaft, die «Partizipation macht», weil es das Normalste und Sinnhafteste der Welt ist.
Partizipation ist tot. Lang lebe die Partizipation!
Hinweis
Allen, die sich in Partizipation üben wollen oder doch lieber in Projektformaten arbeiten, empfehlen wir das Werkzeug Parcours P.
Autoren
Fragen: Nico Gurtner, Leiter Marketing & Kommunikation, Museum für Kommunikation, Bern
Antworten: Gallus Staubli, Leiter Bildung & Vermittlung, Museum für Kommunikation, Bern