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Museum für … Kunst-Geschichten?

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.“ – so schrieb einst Paul Klee. Denn Kunst kommuniziert pausenlos. Aber was will sie uns sagen? Was genau macht sie sichtbar? Wir stellen eine Auswahl an Kunstwerken des Museums für Kommunikation vor und zeigen, warum diese in unserem Museum sind und was wir so spannend daran finden.

Kunst kann Dinge vermitteln – oder wie Klee schreibt, sichtbar machen – die nur schwer oder gar nicht in Worte zu fassen sind. Sie regt zum Nachdenken an und bildet neue Perspektiven auf Objekte oder die Kommunikation selbst. Kunst findet sich im Museum für Kommunikation an verschiedensten Orten. In der Kernausstellung gibt es gar einen Kunst-Layer – also eine Ausstellungs-Ebene, die die Objekte mit Kunstwerken in einen Dialog setzt und die Kommunikation allgemein nochmal auf künstlerische Art und Weise ins Licht rückt. Weiter findet sich Kunst in unserem Treppenhaus wieder, sowie in unseren Büro- und Kaffeeräumen.

Bereits bei der Gründung des ehemaligen PTT-Museums wurden neben Postkutschen, Briefmarken und Telekommunikationsmedien auch Kunstwerke in die Sammlung übernommen. Diese dokumentieren häufig PTT-Beamte bei der Arbeit oder Sammlungsobjekte – wie eben Postkutschen – in Aktion. Seither wurde und wird die Sammlung um Kunstwerke ergänzt, die einen besonderen Fokus auf die Kommunikation legen.

In diesem Blog wird nun eine Auswahl an Kunstwerken vorgestellt, die besonders vielschichtig sind. Sie sind selbst Kommunikator:innen, denn sie erzählen – je nach Betrachtung – eine Vielzahl an spannenden und humorvollen Kommunikations-Geschichten.

In einem dunklen Raum steht ein Tisch mit Sitzungsutensilien: Laptops, Drucker, Kaffeetassen, Notizpapier und Stifte. Alles ist von leuchtend pinken Kristallen überwachsen. - vergrösserte Ansicht
Steiner, Gerda, Lenzlinger, Jörg, The Conference, Museum für Kommunikation, Bern (Art_0269)

Gerda Steiner, Jörg Lenzlinger – The Conference (2010)

Ein Konferenztisch mit Stühlen, Laptops, Mobiltelefonen, Agenden, Schreibzeug, Kaffeetasse, Gläser und weiteren Utensilien. Zurückgelassen, als wären die Menschen schlagartig verschwunden. In der Zwischenzeit sind sämtliche Objekte üppig überwachsen mit leuchtend pinkfarbenen Kristallen. Im Hintergrund hörbar sind Nachtgeräusche aus dem Dschungel von Borneo.

Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger beschäftigen sich bei diesem Kunstwerk mit der Vergänglichkeit von Dingen, aber auch mit der unaufhaltbaren Kraft der Langsamkeit. Mit der Zeit wirken die Technikobjekte auf dem Konferenztisch aus der Zeit gefallen. Hier liegen keine Smartphones, sondern noch alte Tastentelefone. Die Arbeiten und Gespräche – die hier noch in der Luft liegen aber längst verhallt sind – waren mal wichtig. Sind es aber nicht mehr. Oder doch?

Die Kristalle, die sich über den Konferenztisch verteilen sind aus synthetisch hergestelltem Harnstoff. Regelmässig werden die Kristalle mit flüssigem Harnstoff besprüht, sodass die Kristalle immer weiterwachsen. Eines Tages wird der Konferenztisch unter der Last der Kristalle zusammenbrechen. Wann das passiert, ist völlig unklar. Klar ist nur, dass es irgendwann passieren wird. Die Kraft der Langsamkeit.

Weitere Informationen zu Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger: https://www.steinerlenzlinger.ch/

«The Conference» ist von Juli bis Dezember im Studienraum ausgestellt.

Blick auf eine weisse Wand mit drei Reihen mit ausgedruckten Blättern. Auf den schwarz-weissen Blättern ist ein Gesicht und Texte zu sehen. - vergrösserte Ansicht
Keiser, Daniela, Whisper in Translation, Museum für Kommunikation, Bern (Art_0325)

Daniela Keiser – Whisper in Translation (2020/2021)

Drei Reihen à 16 Bilder. Einfache Drucke auf DIN A4-Papier. In der ersten Reihe das immer gleiche Gesicht einer Frau, darunter kryptisch wirkende Textfragmente. Das Kunstwerk «Whisper in Translation» von Daniela Keiser beschäftigt sich mit der Covid-Pandemie und mit Zensur. Und es zeigt, wie Kommunikation sämtliche Barrieren überschreiten kann.

Am 27. Dezember 2019 berichtet die Ärztin Ai Fen (Bild erste Reihe) in einem Interview von einem merkwürdigen Krankheitsbild und vermutet erstmals einen neuartigen Virus. Dieses Interview wird jedoch vom chinesischen Staat zensiert. Dennoch wird das Interview im Internet vervielfältigt. Um die Zensur-Algorithmen zu umgehen, wird das Interview in verschiedenste Sprachen und Spracharten übersetzt. User laden das Interview in Hieroglyphen hoch, in klingonisch (Star Trek), in elbisch (Herr der Ringe), in Emojis aber auch in Braille, als Hörbuch eingesprochen bis hin zu einer Version in der Handschrift Mao Zedongs und tricksen so die eingesetzten Zensur-Algorithmen aus. So kann die Information zum neuartigen Covid-Virus trotz Zensur schnell über das Internet verbreitet werden.

Die ersten beiden Reihen des Kunstwerks entstehen bereits 2020. In der dritten Reihe ergänzt Keiser das Kunstwerk in 2021 um ihre erste Impfaufforderung und spannt so den Bogen von China nach Europa, aber auch von der Erstinformation bis zum serienmässig hergestellten Impfstoff.

Weitere Informationen zu Daniela Keiser unter: http://www.danielakeiser.ch/works/translation/

«Whisper in Translation» ist von Februar bis Dezember im Studienraum ausgestellt.

Foto eines gerahmten Bildes an einer Wand. Das Bild zeigt in grober Auflösung eine Galaxie im All. - vergrösserte Ansicht
Eberhard, Roger, Space I, Museum für Kommunikation, Bern (Art_0335)

Roger Eberhard – Space I (2022)

In unserem Pausenraum im 2. Obergeschoss hängt das Bild «Space I» des Schweizer Fotografen und Künstlers Roger Eberhard von 2022. Zu sehen ist eine Aufnahme des Hubble-Teleskops der Polarring-Galaxie NGC 4650A (150 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt). Spannend an der Aufnahme ist, dass sie von einem Rahmdeckeli stammt und fast bis zur Unkenntlichkeit vergrössert wurde. Das Bild misst immerhin stolze 124 x 158 cm, ein Rahmdeckeli ca. 4 x 4 cm!

Roger Eberhard ist hauptberuflich Fotograf, konnte aber in den Pandemie-Jahren seiner reiseintensiven Arbeit nicht oder nur eingeschränkt nachgehen. In der in dieser Zeit entstandenen Serie «Eskapismus», zu der Space I gehört, «stürzte er sich in das Zentrum einer Schweizer Tradition: Die Bilderwelt der Kaffeerahmdeckel.» Die Kaffeepause als Flucht aus der Alltagswelt und das Rahmdeckeli als der Ort der Träume? Durch die Vergrösserung zeigt Eberhard die Leerräume zwischen den Farbpunkten und gleichzeitig entlarvt er die Bilder der möglichen Zufluchtsorte. Denn diese sind beim genaueren Hinsehen auch nichts anderes sind als Farbpunkte auf einer weissen Fläche.

Weitere Informationen zu Roger Eberhard: https://rogereberhard.com/

«Space I» ist im Pausenraum im 2. OG ausgestellt und nur in Begleitung von Mitarbeitenden des Museums zugänglich.

Die Neonleuchtschrift "come chat with me" leuchtet im Dunkel vor einer weissen Wand.  - vergrösserte Ansicht
!Mediengruppe Bitnik – Solve this Captcha: come chat with me, Museum für Kommunikation, Bern (Art_0336)

!Mediengruppe Bitnik – Solve this Captcha: come chat with me (2016)

Im Treppenhaus des Museums hängt das Kunstwerk «Solve This Captcha: come chat with me (2016)» des schweizerischen Künstler:innenduos «!Mediengruppe Bitnik» (ausgesprochen: the not mediengruppe bitnik). Ein Captcha ist ein Test, der Menschen und Maschine auseinanderhalten soll. Captcha steht für «completely automated public Turing test to tell computers and humans apart» also ein «vollautomatischer öffentlicher Turing-Test zur Unterscheidung von Computern und Menschen». Sicherlich hat jede:r von uns das ein oder andere Mal einen Text in dieser seltsam verschobenen Schrift bei einer Anmeldung im Internet nachtippen müssen. Die Website weiss so, dass wir Menschen und keine Bots sind.

In 2015 wurde die kanadische Online-Dating-Plattform «Ashley Madison» von der Hackergruppe «The Impact Team» gehackt und die erlangten Inhalte veröffentlicht. So wurde bekannt, dass auf der Plattform viele Männer, aber kaum Frauen angemeldet waren. Aus diesem Grund wurden 75'000 weibliche Chatbots installiert, die die 32 Mio. Männer zu kostenintensiven Gesprächen verführen sollten. Hierfür wurden standardisierte Gesprächs-Skripts verwendet, die die Chatbots menschlich wirken lassen sollten. Die !Mediengruppe Bitnik nutzt nun die dort verwendeten «Anmachsprüche» der Chatbots als Kunstwerke in Neonschrift, um auf die Wichtigkeit der Captcha-Tests zu verweisen und gleichzeitig auf das Verhältnis von Mensch zu Maschine. Welche Rolle spielt die Maschine in unserem Leben? Können wir im digitalen Raum überhaupt noch unterscheiden, wer Mensch und wer Maschine ist? Wie oft haben wir schon mit einer Maschine kommuniziert, ohne es zu wissen?

«Come chat with me» in leuchtenden Buchstaben ist eine provokative Aufforderung zur Kommunikation. Gleichzeitig steckt hinter dem Kunstwerk eine spannende Geschichte von Mensch und Maschine. Weitere Informationen zu !Mediengruppe Bitnik: https://wwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww.bitnik.org/

«Solve this Captcha: come chat with me» ist im Treppenhaus des Museums ausgestellt und von Dienstag bis Sonntag zugänglich.

Blick von unten auf grosse, dreidimensionale Metallelemente an einer Wand, die zusammen ein Muster formen. - vergrösserte Ansicht
Stämpfli, Peter, Kommunikation, Museum für Kommunikation, Bern (Art_0260)

Peter Stämpfli – Kommunikation (1990)

Vom Erdgeschoss bis ins Obergeschoss erstreckt sich das Wandrelief «Kommunikation» von Peter Stämpfli. 32 Chromstahlelemente so dominant, dass sie beinahe übersehen werden. Das Siegerprojekt des Kunst am Bau-Wettbewerbs für das neue PTT-Museum (1990) fügt sich in das Hauptwerk Peter Stämpflis ein. Stämpfli bewegt sich seit jeher zwischen der Pop-Art und Minimal Art. Die 32 unterschiedlichen Elemente bilden ein Pneuprofil eines Postauto Alpenwagens der 1940-1950er Jahre.

Das Profil ist kalt, identitätslos, austauschbar. Und doch ist es ein Beweis von Leben und von Identität. Ein Beweis, dass hier ein ein Auto gefahren ist. Ein Mensch sass darin. Ein Mensch der von einem zu einem anderen Ort wollte. Eine ganze Geschichte von Bewegung und Kommunikation. Eine Geschichte von Abfahrt und Ankunft. Von Heimat und Ferne.

Das Pneuprofil ist dabei auch immer ein Eingriff in die Natur. Industrielle Struktur wird der unstrukturierten Natur aufgedrückt. Was im Weg ist, wird überfahren. Mit seinen Werken thematisiert Stämpfli so auch immer die Nachhaltigkeit unseres Handelns.

«Kommunikation» ist im Museums ausgestellt und von Dienstag bis Sonntag zugänglich.

Auf weisslichem Hintergrund steht in hellgrauer Schrift schwer lesbar, "Tableau aveugle". - vergrösserte Ansicht
Zaugg, Rémy, Tableau Aveugle, Aveugle, Museum für Kommunikation, Bern (Art_0243)

Rémy Zaugg - Tableau Aveugle, Aveugle (ca. 1991)

«Die Zeit der Bilder ist vorbei. Seht her, es ist Zeit für das Wahrnehmen der Welt.» Rémy Zauggs Werke zeigen keine Landschaften oder Menschen. Sie sind nicht abstrakte Realität, sondern konkret. Keine Illusionen, sondern Wirklichkeit. Sie sind genau das, was sie eben sind.

So sieht man auf dem Werk «Tableau Aveugle, Aveugle» von ca. 1991 nichts weiter als den Titel auf Leinwand. Grau in Grau. «Tableau Aveugle» heisst Blindentafel. Und genau hier taucht die nächste Herausforderung auf: Das Bild ist nämlich genau das nicht. Für einen blinden Menschen bleibt das Bild «blind». Daher auch das zweite «Aveugle» - eine blinde Blindentafel. Zaugg spielt mit Wahrheit und Wahrnehmung. Seine Werke sind unangenehm ehrlich. So ist es auch für sehende Menschen bezeichnend, dass man – Ton in Ton – die Schrift kaum lesen kann. In der Wahrnehmung ist das Werk so für alle Menschen – sehend oder blind – (fast) gleich.

Wir dürfen uns nicht auf unsere Augen verlassen. Wir müssen Kunst wahrnehmen.

«Tableau Aveugle, Aveugle» ist im Pausenraum im 2. OG ausgestellt und nur in Begleitung von Mitarbeitenden des Museums zugänglich.

Foto eines grossflächigen, gerahmten Bildes an einer Wand. Es zeigt ein Mobiltelefon der 1990er-Jahre - vergrösserte Ansicht
Hess, Nic, HandyHandy, Museum für Kommunikation, Bern (Art_0332)

Nic Hess – HandyHandy (2007)

Bei der Kollage «HandyHandy» von 2007 spielt Nic Hess mit Wiederholungen. Er verlängert das Tastenfeld des Mobiltelefon Typ «Nokia 6610» und zieht es so in die Länge. Das zur Entstehungszeit um 1998 handelsübliche Objekt wirkt dadurch falsch, bleibt aber als Telefon klar erkennbar.

Häufig zwingt Hess die Objekte in seinen Werken dazu, neue Geschichten zu erzählen, indem er sie in neue und ungewöhnliche Kontexte stellt. Bei HandyHandy legt Hess einen Fokus auf die Tastatur. Das regt zum Nachdenken an. Warum ausgerechnet die Tastatur eines Natels? Das abgebildete Nokia-Telefon ist bereits fähig Kurznachrichten zu versenden und empfangen (hier gehts zum Werbespot). Populär sind SMS seit ca. 1996. Etwas über zehn Jahre später – bei Entstehung des Kunstwerks von Nic Hess werden weltweit bereits 56'432 SMS pro Sekunde versendet. Das iPhone löst die Tastentelefone dann endgültig ab – auch in 2007.

Doch vielleicht spielt Nic Hess auf etwas ganz anderes an. Das ausgewählte Nokia ist das erste Telefon mit dem beliebten Spiel «Snake». Die Tastatur wird zum Gamecontroller. In beiden Fällen spielt die Tastatur bei Mobiltelefonen eine übergeordnete Rolle. Sie ist bereits 1998 und vor allem in 2007 weit mehr als nur eine digitale Wählscheibe.

Weitere Informationen zu Nic Hess: https://nichess.ch/

«HandyHandy» ist im Treppenhaus (2.OG) des Museums ausgestellt und nur in Begleitung von Mitarbeitenden des Museums zugänglich.

Wer nochmal in den Genuss von Snake kommen möchte, kann hier eine Runde «Schlange» spielen: https://playsnake.org/

Autor

Johannes Sauter, Leiter Sammlungen, Museum für Kommunikation, Bern

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