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Kunst und Archiv: Telefonbücher mal anders

Archivquellen sind das, was von der Gegenwart in der Zukunft zurückbleibt. Sie verbinden damit die Vergangenheit mit unserer heutigen Zeit. Und sie sind eine Quelle für höchst unterschiedliche Zugänge. Das zeigt sich deutlich wenn sich im PTT-Archiv Künstler:innen mit Telefonbüchern auseinandersetzen. Was geschieht, wenn Kreativität und Archivquellen aufeinandertreffen?

Was haben Telefonbücher mit Kunst zu tun? Und was mit Demokratie? Die Antwort liegt im PTT-Archiv. Archive sind Orte der Erinnerung, der Nachvollziehbarkeit und der Fakten. Sie bewahren, was war und ist und tragen damit den Impuls zur Zukunft in sich, weil sie bewahren, was in der Zukunft von der Gegenwart erhalten geblieben ist. Sie eröffnen Wege, wie die Gesellschaft mit der Vergangenheit umgehen kann: kreativ, interaktiv und auch digital. Daher sind Archive nicht nur Orte für Forscher:innen.

Das zeigt der CoCreation Workshop, der im Juni 2025 im PTT-Archiv stattfindet und Ende März 2026 fortgesetzt wird. Eingeladen haben Wikimedia CH und das PTT-Archiv, gekommen sind Kreative, Künster:innen und Experimentierfreudige. Ziel ist es, neue Zugänge zu historischen Quellen zu finden. Im Fokus stehen die Schweizer Telefonbücher, welche vollständig im PTT-Archiv aufbewahrt und mittlerweile zu einem grossen Teil auch retrodigitalisiert sind. Im Rahmen des Workshops werden sie künstlerisch interpretiert und eröffnen so neue Perspektiven auf scheinbar alltägliche Quellen.

Aber was sind Telefonbücher eigentlich?

Ein kleiner Exkurs: 1880 kommt das Telefon in die Schweiz und nur wenige Hundert Personen haben einen Anschluss. Anfangs nutzen vor allem Gewerbetreibende und Wohlhabende das teure Gerät. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Telefon zum Massenmedium: 1945 gibt es 415'000 Anschlüsse, 1965 über 1,4 Millionen. Zwischen 1980 und 1997 besitzt fast jeder Schweizer Haushalt einen Anschluss – und jede:r Besitzer:in eines Anschlusses steht in einem Telefonbuch. 

Telefonbücher sind öffentliche Verzeichnisse, die offenlegen, wer wann wo mit wem gewohnt hat. Sie fungierten als frei zugängliche Personenregister – eine ausgesprochen demokratische Form der Informationszugänglichkeit. Karl Schlögel beschreibt ihre Bedeutung 1998 als Ausdruck einer offenen Gesellschaft und als Symbol für Transparenz. 

Telefonbücher waren ein Massengut: Richard Erismann, ehemaliger CEO Swisscom Directories AG, erinnert sich an eine Schätzung, dass man mit dem Papier aller Telefonbücher eines Jahres in den 1990ern einen endlos langen Eisenbahnwagen von Bern nach Zürich hätte füllen können. Als Alltagsgut wurden sie jährlich ersetzt und das alte Buch weggeworfen. Heute sind sie historische Quellen und zeigen soziale Netzwerke und Kommunikationskultur. Das PTT-Archiv verwaltet mehr als 70 laufende Meter Telefonbücher: von der ersten Ausgabe im Jahr 1880 bis zum letzten gedruckten Exemplar im Jahr 2023.

Blick auf ein volles Regal im PTT-Archiv. Das Regal ist voll mit Telefonbüchern aus verschiedensten Jahren in verschiedenen Farben. - vergrösserte Ansicht
Regalwand mit Telefonbüchern im PTT-Archiv.

Telefonbücher als Inspiration

Zurück in den Sommer 2025. Am GLAMCoCreation-Workshop befassen sich verschiedene kreative Köpfe mit dem Telefonbuch. Eine ungewohnte Ausgangslage, die spannende Ergebnisse hervorbringt: spielerische Bezüge, Klangwelten, Dada-Kunstwerke. Vielfältig sind die Werke, die aus dem Workshop hervorgehen. Mich persönlich haben diese Arbeiten beeindruckt, weil sie zeigen, welches kreative Potenzial in Telefonbüchern steckt. Entstanden sind vier eigenständige Werke:

  1. Yara Schaub erschafft eine Toninstallation. Telefonnummern wurden in rhythmische Klangmuster übersetzt – eine akustische Reise quer durch die Telefonbücher die man hier nachhören kann: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Listening_to_telephone_books_Z1997.mp3
     
  2. Dadaistisch hat Judith Boy die Telefonbücher interpretiert. Sie sagt zum Workshop: 
    «Besonders fasziniert hat mich schon die Atmosphäre – Geheimnisse und historische Fakten des täglichen Lebens treffen aufeinander – und Eure Bereitschaft, Freundlichkeit und Souveränität... Ganz klar, perfekt um sich frei zu fühlen und zu recherchieren. Das war ein Anfang... Ich habe mit Begeisterung familiäre Namen gefunden... Und habe mich mit dem – geliebten – Dadaismus beschäftigt und natürlich als gebürtige Pirmasenserin die Verbindung zu Hugo Ball (geboren in Pirmasens) hergestellt. Die Verbindung zu Israel (mit jüdischen Namen) und besondere Plätze habe ich mit einfliessen lassen. Gerne würde ich weitere Geheimnisse verbildlichen... Dabei greife ich gerne auf Themen der Kunst, Politik und Weltenwandel zurück und arbeite mit Zeichnung, Malerei und (eigenen) Fundstücken... Telefonbücher sind tolle "Datenträger" und dienen mir persönlich dem Vertiefen in Kunst und Philosophie in Verbindung mit völlig normaler Recherche....Etwas besonderes und wertvolles!»
     
  3. Sandra Becker beleuchtet die Arbeitswelt, die hinter Produktion von Telefonbüchern steht: das lange Sitzen am Computer beim Erstellen von Telefonbüchern muss ausserordentlich herausfordernd sein. Sie erstellt erste Skizzen und überlegt weitere Installationsmöglichkeiten, um den Menschen hinter der Produktion sichtbarer zu machen, aber auch anhand der Geschichte der Rohrpost Kommunikationsverbindungen aufzuzeigen.
     
  4. Violetta Vollrath nähert sich den Telefonbüchern mit einer zeichnerischen Analyse an. 
    Sie untersucht Berufe rund um das Thema Essen. Ihr Fund: In einem Ort, in dem eine Familie namens «Hunger» lebte, gab es kein einziges Lebensmittelgeschäft – eine poetische Pointe, die sie zum Nachdenken anregt.
Blick in ein Skizzebnuch auf dem eine Person im Büro zu sehen ist die in ein Bildschirm schaut.
Blick auf einen Blauen Plan einer Rohrpostanlage in Zürich.
Blick auf ein Kunstwerk auf dem verschiedene Telefonbuch abschnitte draufgeklebt und dazu gezeichnet wurde.

Und warum sind Archive Orte der Demokratie?

Archive sind nicht nur für Historiker:innen oder Künstler:innen relevant. Sie sind zentrale Institutionen demokratischer Gesellschaften. Denn: Was dokumentiert ist, bleibt nachvollziehbar. Gerade in Zeiten von Desinformation und digitaler Schnelllebigkeit sind Archive ein stabiler Anker. Sie ermöglichen Transparenz und kritische Reflexion. Archive bilden damit einen Grundpfeiler unserer demokratischen Gesellschaft. 

Wichtig ist, dass Archive zugängliche Orte sind. Eine zentrale Herausforderung: Wie lassen sich die Zugangshürden wirksam abbauen? Künstlerische Interventionen sind eine Möglichkeit, aber auch digitale Werkzeuge können eingesetzt werden. Archipanion zum Beispiel ist ein KI-gestütztes Werkzeug von uns, das hilft, in unseren historischen Bildbeständen «anders» zu recherchieren. (Suchen Sie doch mal nach «Darth Vader»!) KI interpretiert Inhalte auf der Grundlage einer Masse von Daten. Eine wissenschaftliche Recherche bringt dagegen gesicherte Fakten. Es gibt keine «richtige» Art in Archivquellen zu recherchieren. Sie als Recherchierende entscheiden, wie sie vorgehen möchten. 

Ob mit Stift, Klang oder KI – der kreative Umgang mit Quellen zeigt, was lebendig Archive auch sein können. Also: Nutzt Archivquellen und geht ins Archiv (PTT-Archiv - Museum für Kommunikation Bern)!

Autorin

Heike Bazak, Leiterin PTT-Archiv, Köniz (BE)

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