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Kolumnenserie Lull&Lall

Nichts ist langweilig! (Nr. 122)

Heute ist Dominique nichts aufgefallen. Und also will Dominique einfach auch nichts einfallen. Beim Fernschach mit einer Freundin nicht, beim Staubsaugen nicht, auch nicht beim Lösen von Rätseln übers Kreuz oder beim Anstarren zweier Kleinwolkenkratzer vom Bänkli aus. Dominique rennt im Geiste wie ein Kleinkind hinter einer Taube her, um sie einzufangen und um fast über die Bordkante zu fallen, als die Taube fluchtartig auffliegt und nur Mutterns Hände dem Kind zu Hilfe eilen.

Nichts ist langweilig! Ist es das? Dominique ahnt, dass diese Kurzformel auch ganz anders interpretiert werden kann.

So sollen zwei Rettungsringe für diesen Tag dem Nichts etwas entgegenwirken.

 

Erster Ring:

Ein Zitat von Karl Valentin, das vielleicht etwas weiter hilft?

«Heute in mich gegangen.

Auch nichts los.»

 

Zweiter Rettungsversuch:

Ein Hinweis, der allenfalls zielführend wirken könnte? Wer – wie Dominique – nichts loshat, sich langweilt, der besuche «NICHTS», die aktuelle Wechselausstellung im Museum für Kommunikation in Bern. Da sollen vor lauter Nichtsen Wolkenkratzer aus dem Dunkel – wie aus dem Nichts – wachsen …

 

Dominique

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Ey Alter! (Nr. 121)

Fräulein Mietrup hats drauf.

Sie unternimmt jeden Tag etwas.

Etwas – wie sie immer wieder betont – gegen den Zugewinn an Bedeutungslosigkeit im Alter.

Also fährt sie ein- bis zweimal die Woche im 14.38-er Zug nach Bern.

Sie beantwortet die Fragen nach einem freien Platz nicht.

Sie lässt sich chauffieren bis Bern.

 

Endstation.

 

Sie steigt nicht aus.

Sie bleibt sitzen.

Die Frage des Schaffners, «ob sie denn nicht aussteigen möge», beantwortet sie mit: «Nein».

«Ich fahre gleich zurück».

Fräulein Mietrup – alias Ziswyler – vollzieht einen bewussten Akt gegen das Aufkommen von Langeweile im Alter: Sie fährt mit der SBB als Fräulein Mietrup hin und als Fräulein Ziswyler her, wohl wissend, dass dieser Bahnbetrieb immer wieder ungewohnte Überraschungen anzubieten hat, die im Abo-Preis inbegriffen sind!

 

Dominique

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Tutti-Daten (Nr. 120)

Der Weg zu meinem Bänkli ist mit Schlachtrufen in farbenfrohen Grossbuchstaben gepflastert. Ein Wahlplakat nach dem andern; darauf steht: «Ihre neue Stadtpräsidentin» oder «Mit uns in die Zukunft» blablabla … . Das Wahlergebnis ist gerade eben in den Medien kommuniziert worden, aber das Lachen auf den Plakaten ist all den Schönheiten nicht vergangen, obwohl die allermeisten nicht das erreicht haben, was sie hier und jetzt immer noch verkünden.

Der alte Stapi hat sich einmal mehr durchgesetzt, auch wenn er von der falschen Partei und von falschem Geschlechte sei. Der Kampf um jede Stimme, die zähle, ist zu Ende. Die Scheingefechte sind vorbei. Am Montag Morgen gehen alle wieder zur Arbeit, wie sie immer gehen, wenn sie denn zur Arbeit gehen.

Schwamm drüber demnach, auch wenn der Mai alles neu mache. Das Leben wird seinen Lauf nehmen wie eh und je, weil (nach Franz Hohler) das Leben immer Recht habe. Nur die Plakate hängen oder besser stehen noch verloren in der Umgebung, die einer Frühjahrsmesse Platz machen durfte. Niemand beachtet sie mehr im üblichen Gerangel der Messebesucher.

Dominique will sich etwas absetzen von der Menge und hat sich einen letzten Sitzplatz am Rande des Bänklis erobern können. Dominique kommt sich indes bald so vor wie Freund Waldrapp (s. Nr. 117), der von der Allmende weichen musste: vertrieben von Menschen umgeben.

So viele Menschen – so viel Fröhlichkeiten. (Quot homines, tot sententiae: Viele Köpfe, viele Sinne). So viele Eindrücke – so viel Verlorenheit.

Sodann kapsle ich mich etwas ab und schaue mir lieber auf meinem Smartphone die Gratisinserate auf Tutti durch. «Tutti-Daten» heisst das in meinem Freundeskreise und wird dann betrieben, wenn die Welt kurz vor dem Untergang sich befindet und man Aufmunterung sucht oder nötig hat. Da ist GRATIS abzugeben von einer Rosmarie ihr Harmonium. «Wer hat Freude an diesem alten Instrument? Es ist spielfähig, hat aber ein paar kleinere Mängel. Alter ca. 100 Jahre.»

Oder: «Ich verschenke meine süße zutrauliche und verschmust Katze sie ist ein Weibchen und 5 Jahre alt».

Grammatik und Orthografie ade olé! Aber dafür wahre Worte und authentischer als die verblassten Werbeslogans der nicht gewählten Politversprecher!

Dominique

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Recht auf «Un-Ordnung» (Nr. 119)

Wie kann man nur so viel Ordnung ertragen!

Ich bin zu Besuch in der Verwaltung. Chefinnen-Etage. Nach der Anmeldung darf ich zusammen mit einem Begleitschutz durch lange Gänge schlendern. So viel Aufgeräumtheit sprich: ästhetischer Unwirtlichkeit, dass einem graut vor lauter grauen Mauern!

Ich werde erst einmal einversetzt in ein Wartezimmer, das dann Zugang verschaffen soll zum Büro jener Person, die ich auf- oder heimsuchen will. Beim Warten versuche ich krampfhaft einen Beamtenwitz zu memorieren. Aber es fällt mir vor lauter Leere um mich keiner ein. Wie weggeputzt; «aufgeräumt» wie nur aufgeräumt sein kann in meinem Hirn. Leise Vorahnung auf ein Dasein ohne «da-zu-sein», weil alles aufgeräumt sein muss, bevor man den Planeten verlässt.

Ich hole mich wieder aus meinem sentimentalen Sekundenschlaf zurück ins Leben mit der Frage: Gibt es eigentlich noch Beamtenwitze, da doch auch Blondinenwitze unterdessen abgeschafft wurden?

Dann werde ich endlich vorgelassen. Beim Betreten des Raumes, der als übergrosses Büro genutzt wird und aufgeräumt ist wie die Gänge, fällt mir eine Geschichte ein, die als Beamtenwitz durchgehen könnte:

Es ist kurz vor Feierabend. Da sitzt eine Beamtin an ihrem Pult und heult vor sich hin. Bei Arbeitsbeginn am Morgen lagen zwei Bleistifte auf ihrem Pult. Die Putzfrau muss wohl dasjeneige, das verloren geglaubt war, beim Bodenaufnehmen gefunden und es auf die Tischplatte zu dem andern gelegt haben. Da 2 Schreibwerkzeuge für diese eine Beamtin eines zu viel ist, fühlt sie sich überfordert bei der Wahl des Arbeitsinstrumentes für diesen Tag. In ihrer Paranoia vor Unordnung beschliesst sie, beide Schreibutensilien wegzuschaffen. «Aufgeräumt» zu Tagesbeginn, tut sie deshalb den ganzen Tag über nichts mehr, um am Ende des Arbeitstages vor sich hin zu heulen.

Kein Witz, Leute! Gerade eben von mir gezwungenermassen «erfunden», weil ich eine tatsächliche Begebenheit mit einer Vorstellung von ordentlicher Ordnung aus Persönlichkeitsschutzgründen nicht 1 zu 1 wiedergeben mag.

Wer so viel Un-Ordnung, die ich tagtäglich um mich verstreuen soll, ertragen muss, muss nun auch noch ertragen, dass Dominique ein Recht auf «Un-Ordnung» einfordern tut.

Das tut Dominique aber nicht im unerträglich aufgeräumten Büro dieser Beamtin, die Dominique gerade eben besucht.

Das tut Dominique lieber nach dem Besuch – also jetzt – mit einem ganz ordentlichen Zitat, das Albert Einstein zugeschrieben wird: «Wenn ein unordentlicher Schreibtisch einen unordentlichen Geist repräsentiert, was sagt dann ein leerer Schreibtisch über den Menschen aus, der ihn benutzt.»

Wie also kann man nur so viel Ordnung ertragen?

 

Dominique

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Zurück aus der Einfachheit (Nr. 118)

Da verbringe ich über Ostern ein paar Tage hoch über der Zivilisation. Rund um mein Haus freie Natur, die – von Schnee bedeckt – ihre ersten Frühlingskrokusse noch etwas zurückhalten muss.

Ich geniesse ein Leben in Einfachheit, Kälte und weg vom Rummel der Stadt. Ab und zu Alpendohlen, die in Scharen durch den Wind segeln und ihre Spielchen spielen. Bei diesem Wetter verirrt sich auch keine Menschenseele hierhin. Sogar die Nachbarschaft, die weit unter mir wohnt, ist über die Ostertage ausgeflogen. Von der Aussenwelt abgeschnitten, weil das Smartphone auf off gestellt ist. Der Akku braucht nicht nachgeladen zu werden. Die Stromreserven reichen so für gut eine Woche, da es auch keinen Fernseher gibt, nur ein Sparradio, das Musik verbreiten darf, aber keine News.

Ich vermisse nichts.

Dann kommt der Tag, da es heisst Abschied nehmen. Am Ende der Auszeit geht es erst einmal den Berg hinunter in das nächste Bergdorf. Dort besteige ich ein Postauto, um ins Tal zurückzufinden. Während der kurzen Fahrt durch frühlingshafte Umgebung läuft ein Infoscreen in der Mitte ganz vorne des Postautos.

Wer von den Mitfahrenden von der Natur genug gesehen hat, folgt den Infos aus aller Welt. Ich kann mich selber den Bildfolgen auch nicht entziehen und erfahre in einer knappen Viertelstunde alle Gräueltaten der zeitgenössischen Schlächter rund um die Welt. Die Hure Babylon mit wechselndem Wohnsitz – mal da, mal dort – ob Moskau oder anderswo – überschwemmt die Bilder der letzten Tage wie ein Tsunami.

Am Schluss des Loops aus Schrecken, Angst und Hoffnungslosigkeit folgt der Clou:

Der Werbeblock endet damit, dass die Werbefläche um ihre eigene Werbefläche wirbt: «Werbefläche zum Buchen? Günstig und voll easy.»

So einfach also ist das!

Wie sehr ich die Einfachheit schon vermisse!

 

Dominique

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Mein Freund, der Waldrapp (Nr. 117)

Wenn Menschen Dinge sehen, die es gar nicht gibt, so sagt man ihnen nach, sie seien nicht recht bei Verstand oder auch: sie hätten einen Vogel. Einen Vogel haben ist indes öfters besser, als keinen Spatz in der Hand zu halten, weil die Taube auf dem Dach eh schon den Abflug gemacht hat! Lassen wir es erst mal bleiben mit den sprichwörtlichen Verdrehungen und wenden wir uns den Tatsachen zu.

Da schlendere ich an einem winterlichen Nachmittag an meinem Bänkli vorbei auf meinem Spaziergang um die Allmende herum. Eine Schar Krähen tummelt sich im schütteren Grasland. Einzelne Vögel pflügen im Morast nach Nahrung. Ein schwarzes Individuum fällt mir auf, weil es aus der Ferne grösser wirkt als alle anderen und sich etwas abgesetzt von der Schar aufhält. Keine Krähe? Was aber ist schwarz, etwas grösser als eine Krähe und sicher kein Kormoran? Mein ornithologisches Gedächtnis meldet: Waldrapp. Mein Intellekt kontert: Seit hunderten von Jahren in der Schweiz kein Waldrapp mehr nachgewiesen! Also muss es wohl so sein, dass ich eine Meise habe, sintemalen ich bis dato noch nie einen lebendigen Waldrapp gesichtet habe.

Wie aber kommt es, dass zwei Menschen – mit Kameras und Teleobjektiven gewappnet – sich meinem Waldrapp annähern, um ihn aus allen Positionen zu fotografieren? Teufel noch mal, da ist doch was nicht so, wie es sein soll? Ich schleich mich näher und stelle fest, dass ich keine Meise habe (jawohl, Herr oder Frau Intellekt!), sondern einen veritablen Waldrapp vor meinen Augen, obwohl ich zuvor noch nie ein lebendiges Exemplar gesichtet habe!!

Die beiden Ornithologen bestätigen mir im Gespräch dann, dass mein Intellekt richtig liege, mein Gedächtnis mich aber gleichzeitig auch nicht getrügt habe. Leute, eine ornithologische Sensation, weil mein Waldrapp hier das einzige nachgewiesene Exemplar darstellt, das heutzutage in der Schweiz lebt. Der Jungvogel habe den Abflug seiner Familie in den Süden vepennt und sei nun ein Findelkind, das auf sich allein gestellt in der Schweiz überwintern werde.

Auf meinen regelmässigen Spaziergängen treffe ich seither ab und zu meinen Waldrapp, grüss ihn aus der Ferne wie einen alten Bekannten und zeige damit gleichzeitig meinem übermütigen Intellekt den Vogel!

 

Dominique

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Tante Hanny II (Nr. 116)

Tante Hanny – die gar nicht meine wirkliche Tante ist – wohnte nach dem Tode ihres Mannes lange noch alleine in ihrer angestammten Wohnung in der Stadt. (Vgl. Blog Nr. 48).

Unterdessen ist sie nicht ausgezogen, sondern «umgezogen» – wie sie das zu nennen pflegt am Telefon, wenn ich sie anrufe, um nachzufragen, wie es ihr denn am neuen Ort – in der Alterresidenz – so gehe? Am Festnetztelefon geht es ihr nie richtig gut. Bei Besuchen indes übertrifft sie ihre fernmündlichen Aussagen dann mit Komplimenten an das Personal, das zu ihr mit Umsicht schaue. Im Allgemeinen aber hat sie öfters ein rechtes Durcheinander im Kopf.

Nach meinem Zahnarzttermin neulich besuche ich Tante Hanny, um ihr zum Geburtstag meine guten Wünsche zu überbringen.

Sie strahlt, als ich zur Tür herein in ihr Zimmer trete und nennt mich beim Namen. Dann erzählt sie mir, dass ihre Mutter nun verstorben sei und der Vater nicht einmal eine Todesanzeige aufgegeben habe.

«Was sagst Du denn dazu?», will sie von mir wissen.

Ich sag erst einmal nichts, zucke etwas ungelenk mit meinen Schultern und lass sie weiter berichten.

Sie sei nun per Du mit einem Freund von mir, den sie vom Hören Sagen kennt, also noch nie gesehen hat …

Wie gesagt, sie ist zwischendurch etwas verwirrt.

Dann endlich gibt sie sich einen Ruck und will ins Freie, die gute Luft einatmen. Also helf ich ihr in ihren Mantel und bewege sie dazu, ihren Regenschirm im Zimmer zu belassen: Bei so einem Kaiserwetter! Wir tippeln los an die frische Luft.

Nach einem kurzen Spaziergang gibt es den obligaten Halt in der hauseigenen Cafeteria.

Zwei Bewohnerinnen setzten sich zu uns an den Tisch. Vreni und Maria. Tante Hanny sieht plötzlich eine Frau beim Personenlift und fragt in die Runde: «Was isch das für Eini, die grüesstmi nidemau».

Vreni entgegenet darauf: «Die sitzt bim Ässe a mim Tisch u luegt geng so bös dri. Das isch ganz e Komischi. Aber mi muess d’Mönsche näh, wi sie sy. Angeri gits nid.»

Worauf Maria trocken meint: «Da stunt dr Laie u dr Fachma wundert sech…..»

Während die drei betagten Damen ihr «Frage-Antwort-Spiel» nachklingen lassen und gemeinsam vor sich hin schweigen, fragt sich Dominique, wo man sonst noch so viel Weisheiten auf einmal erleben dürfe? Am besten, man hält sich an die Tischregel und schweigt etwas mit bis zum Aufbruch: «So ihr Lieben, ich muss auf den nächsten Bus. Seid lieb zueinander und auf bald.»

 

Dominique

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Erleuchtung (Nr. 115)

Da surf ich wieder einmal rum und lande auf Facebook, wo mich eine Anzeige anspringt: Zwei elegante, wiederaufladbare und dimmbare LED-Tischlampen sind zu erkaufen für den Preis von einer, also statt für 139.90 für nur 69.95. Weil ich nicht vor langer Zeit positivste Erfahrungen machen durfte mit genau so einer Leuchte, überleg ich kurz, ob ich mich auf den Handel einlassen solle. 2 für 1! Was spricht denn dagegen, wenn ich sowieso 2 Tischleuchten verwenden könnte? Nichts. Also los und bestellen. Sprich: versuchen zu bestellen. Mir schwant schon früh, dass dem, was da angepriesen wird, nicht gänzlich zu trauen ist. Also schreib ich der Firma da eine Mail, die spornstreichs mit einer automatischen Rückmeldung «beantwortet» wird. Ich sei eine Nummer, die so schnell wie möglich abgearbeitet werde. So gilt es zuzuwarten bis am anderen Tag. Eine Hannah von dieser Firma da schreibt ein paar Worte und schickt zwei Links, via die ich bestellen könne, wenn ich als Rabattcode «GESCHENK» eingäbe am Schluss vor der Zahlung. Well, I try. But…

Ich schreib so denn der Hannah noch einmal und kriege anderntags wieder eine noch kürzere Antwort in einem Deutsch, das ich als nicht ganz korrekt einstufe. Guten Morgen liebe Sorgen. Seid ihr auch schon wieder da!

Ich will Sie nun nicht länger langweilen mit Erfahrungen über Nicht-Bestellen-Könnens, weil der Rabattcode einfach nicht einzulösen ist. Ich lass es also bleiben und kriege dafür immer mehr Werbung von Tischleuchtenmodellen anderer Firmen. Bravo, gut gemacht! Soll ich mich ärgern?

Ich ärgere mich seit heute indes nicht mehr, denn eine Bekannte schickt mir einen Link, der zu einer fast identisch genauen Tischleute führt. Nur noch die Farbe bestimmen und direkt vor Ort abholen gehen. Ganz in der Nähe von mir übrigens und zu einem Schnäppchenpreis im Vergleich zu der ersten Leuchte. Für 19.95 und ohne Rabattcode und ohne nervenaufreibendes Bestellprozedere. Einfach hingehen und abholen und zahlen. Ich zahl dann in bar, nehm das Ding unter den Arm und rausche vergnügt mit dem ÖV ab! Yes. So viel zur Digitalisierung, die mir eine Erleuchtung mehr eingebracht hat.

 

Dominique

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Leere – Leerläufe (Nr. 114)

Wieso mag ich den Blick auf das weite Meer hinaus, an den Rand des Horizontes und darüber hinweg? Weil das alles voller Leere ist? Das fragt sich Dominique auf dem angestammten Bänkli, weil da heute keine Menschenseele anzutreffen ist. So allein und ganz bei sich geht die Fragerei weiter:

Was ist denn Leere eigentlich? Nichts? Oder Etwas? Kann aus Leere noch mehr Leere entstehen? Oder: Wie lautet die Mehrzahl von Leere? Leerläufe als Vermehrung von Leere?

Leerläufe, ja, das ist es, was Dominique nun weiter vorantreibt und fasziniert; das Laufen in die Leere, das Drehen an Ort, das Kreisen um sich bis zur inneren oder äusseren Leere eines Derwisches …

Weniger metaphysische Leerläufe kommen nämlich in einem Menschenleben öfters vor, als wir uns das je zu denken getrauen. Jedenfalls in Dominiques Dasein häufen sich Dinge und Umstände, die mit Fug und Recht als Leerlauf zu beschreiben sind. Immer dann nämlich, wenn zum Beispiel Menschen auf einem Amt nicht das tun, was sie eigentlich tun sollten, damit es andere für sie tun, weil es so im Sinne des Amtes geregelt ist, davon wir Aussenstehenden indes keine Ahnung haben. Etwa dann, wenn Dominique die Steuerunterlagen an die Gemeinde verschickt, um 2 Wochen später von eben dieser Gemeindebehörde Post zu kriegen, bestehend aus den (nun retournierten) Unterlagen und der erbetenen Aufforderung, diese Sachen an die Kantonalen Behörden zuzustellen. Leute, das regt Dominique gewaltig an, über Leerläufe nachzudenken! Über Leerläufe wie:

  • Beim umweltbewussten Batterienrecycling, wo man erst aufgefordert wird, nach Grössen zu trennen, die danach in ein und denselben Topf geschmissen werden. (Gilt sicher auch für das nach Farben getrennte Recyclieren von Flaschen?).

  • Bei den täglichen Mitteilungen meines Providers via Mail, dass meine Mailbox fast voll sei: Er müllt mich voll mit Mails, damit ich keine anderen Mails mehr empfangen kann!

  • Bei Internetbestellungen, die eine Salve von Mails (als Bestellbestätigung, Auftragsauslösung, Rechnungsstellung, Versandbestätigung, Zustellavisierung etc., etc.) auslösen, von denen die meisten unnützer nicht sein könnten.

Und das kennen Sie sicher auch: Sie gehen in ihr Büro oder Schlafzimmer, um nach etwas zu suchen, das Sie auf der Suche danach vergessen haben, sprich: Sie haben auf dem Weg vergessen, wonach Sie gesucht haben. Leerlauf, ins Leere gelaufen in Perfektion!

Dominique kommt sich dann manchmal weniger wie Sisyphus vor als viel mehr wie ein Hamster auf dem Fitnessrad, der von einem E-Bike träumt, damit er in seinen Bemühungen etwas Unterstützung geniessen darf.

Bleibt nur noch ein Vierzeiler gegen so viel Leerläufe an einem Tag:

Da stehe ich am Meere

Wo ganz hinten am Horizont

Kein Mensch mehr wohnt

Bleibt also nichts als Leere ...

 

Dominique

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Zeit fürs Einfache (Nr. 113)

Wir befinden uns im Januarloch. Immer noch, jammern noch. Und also sollen wir uns etwas erfreuen über eine Zeit zur Einfachheit. So jedenfalls prangt es von der Plakatwand neben meinem Bänkli.

Wer hats erfunden? Dieses Jahr die Werbeagentur der Migros-Budget-Abteilung. Über dem grünen Hintergrund, dem Budget Brand, werden 3 Produkte für den alltäglichen Haushalt vorgestellt. Die zu kaufen sei eben nun «Zeit für günstig»…

Just daneben hängt das Ferienglück, das man im Januar an der Sonne irgendwo und sorgenfrei geniessen dürfe. Slogan: «Zeit für einfach wir».

Nun denn wäre es nicht fast schon an der Zeit, mich etwas zu ärgern über die Verdummdreistung der Sprache? Nopp, erst überlegen, ob ich den beiden anderen Plakaten Folge leisten soll, bevor ich mich entscheiden kann, für oder gegen Budget.

Da nämlich wirbt Denner mit «Gut für Bauch und Budget».

Das ist doch mal eine gute Grundlage für «Jetzt günstig wieder in Form kommen», das ein strammer Schneemann mit Sixpack von sich gibt im Auftrag einer Fitnesscompany.

Erst fitten, dann feiern in den Ferien? Wär doch was. Und sicher viel besser, als sich etwas aufzuregen über die Werbeworte, die sich an keinen Satzbau der Sprache mehr halten tun wollen etc.

Also nun denn also denn: Zeit für ab ins Ferienglück.

 

Dominique

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Philosophieren (Nr. 112)

Wer über das Leben, Gott und die Welt nachdenke, philosophiere.

Wollen wir mal etwas philosophieren? Oder wollen wir heute lieber mal nicht philosophieren? Ich ziehe zweiteres vor. Denn wer zu viel philosophiere, komme schnell mal ins Grübeln. «Ned gröble, Büebli» heisst es im Berndeutschen, wenn man einer Sache auf den Grund gehen möchte, aber zu keinem Ende und nicht zu Potte kommt. Auch meint der Volksmund öfters, dass Philosophieren gleichzusetzten sei mit unnützem Zeitvertreib.

Ich ertappe mich selber gelegentlich, wenn ich mir die Zeit vertreibe auf meinem Bänkli und beginne, über etwas nachzudenken, dass ich schnell dann lieber davon ablasse. Lieber nicht ins Philosophieren kommen. Die Welt akzeptieren, wie sie eben ist, wenn auch im Moment all über all Scheisse herrscht. Lieber also den Passanten zuschauen und lose rumsinnieren und sich an nichts orientieren, wenn man dem so sagen darf – oder ist das allenfalls auch schon philosophieren, «sich an nichts orientieren»? Just sind wir wieder beim Philosophieren. «Ned gröble»!

Also verschanze ich mich feige hinter einem Zitat, das mir im Kopf rumschwirrt: «Si tacuisses, philosophus mansisses»! (Hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph geblieben). 1000 Dinge gehen mir dann weiter durch den Kopf, sodass das «Wesentliche» neuronal abgiewesen wird.

Armer Mensch, der da sich gegen Sophistereien wehren muss, um nicht in philosophischen Verstrickungen zu ertrinken. Um letztlich dann an die versammelte Krähenschar, die vor Dominiques Bänkli sich versammelt hat, zu appellieren: «Bring Welt mit, mein Vogel. Ich streu dir den Mais».

Und so kann das weiter gehen, bis ich aufstehe und gehe …

 

Dominique

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Abwarten (Nr. 111)

Es weihnachtet sehr. Auch im Eingangsbereich des Mietshauses, das ich betrete, um per Lift nach zuoberst transportiert zu werden. Der Weihnachtsmann hat vor der Liftkabine einen Baum platziert, darunter in farbiges Papier ein paar Geschenke drapiert, die mit Kunstkerzen beleuchtet werden. Für Kinder wär das eine schöne Bescherung. Für die Bewohner aber ist das der Courant normale, da der Baum eine alljährliche Nicht-Überraschung darstellt. Denn das gehört zur Miete und den Nebenkosten. Der Weihnachtsmann nämlich ist der Hauswart, der zu den rechten Dingen schaut Tag für Tag. Dafür danken ihm alle Mietparteien per handschriftlichen Unterschriften in einem Brieflein zum Ende des Jahres. E vero e non trovato.

Die Wahrheit aber ist, dass die Arbeiten, die der Hauswart verrichtet, allseitig geschätzt werden, der Mensch, der dahinter steckt, indes weniger. Ja, unser Hauswart, der in der Schweiz ja eigentlich als Abwart oder Hausabwart betitelt wird. Aber weil unser Exemplar in keiner Art und Weise ab-warten kann (siehe unten), nennen wir ihn abgekürzt Hauswart.

In jedem Fall aber ist mein Interesse erst einmal geweckt. Da will ich mehr erfahren, wieso man jemandes Arbeit schätzen kann, die Person aber nicht.

Können Sie sich vorstellen, was mir meine Freundin an Müsterchen für Unbeliebtheit zu bieten hat?

Fangen wir nicht beim Baum an, der über die Weihnachtstage «Friede den Hütten» symbolisieren soll. Auch das Herzstück aller Mietskasernen, die Waschküche, lassen wir fürs erste noch. Beginnen wir mit dem Leerraum im Eingangsbereich, wo so verlassen, wie es nur geht, nun noch der Baum da steht. Der Leerraum nämlich ist ein Raum, der, weil er bestens vom Wart überwacht werden kann, und alles, was da steht oder liegt, sofort erkannt wird, immer leer zu sein hat. Des Hauswarts Lehre zur Leere lautet: kein Kinderwagenpark für Besucher, kein Depot für die morgige Papierabfuhr, kein Platz für das Abtrocknen von Regenschirmen. Kein gar nichts. Wird alles weggestellt. Wenn es sein muss in den windigen Aussenbereich, wo die Briefkästen stehen, die alle mit ein und demselben Kleber gegen unerwünschte Wurfsendungen zu versehen seien. Denn, Doktrin Nr. 2: Einheitlich soll alles sein.

Nummer 3 steht immer wieder auch zu lesen auf einer A4-Seite an der Türe zur Waschmaschine: Nach jedem Waschgang sei die Maschine und der Boden im Trocknungsraum zu reinigen mit den bereitgestellten Utensilien. Gespinnert, nicht? Also wird der Putzlappen gelegentlich pro forma genässt, dass es den Anschein macht, dass gereinigt wurde …

So gäb es weitere Lehrsätze zu berichten. Aber belassen wir es lieber in Anbetracht dessen, dass die Akribie, mit der der Baum weggeschafft wird, mehr sagt als viele weitere Lehren. Der Baum nämlich und die Fakegeschenke werden auf die Stunde genau – wie bei der Müllabfuhr – am Tag nach Weihnachten weggestellt.

Der Leerraum begrüsst dann wieder über das ganze neue Jahr alle aufs herzlichste beim Öffnen der Eingangstür.

Er ist doch ein Pinsel, unser über alles geschätzter Beat. Mein Lehrsatz: Herr Hausabwart oder Abwart, etwas mehr abwarten und Tee trinken!

 

Dominique

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Voicemail (Nr. 110)

Eine Mail erreicht mich am Abend des 24. Novembers 2023. Also da droppt sie in meine Mailbox, hinter der wohl ein intelligenter Account installiert sein muss. Der Betreff lautet: Voicemail (20 Sekunden)

Gespannt öffne ich die Mail und lese als Meldung:

«Crezy wenn sie in Dominix meine Oma nicht hören, Sie bitte Micro KL morgen Hemmer Abgmacht eine Lieferung nach Essen. Ich will er wissen, wie viel Personen sind ist gut, danke.

Sie haben eine Voicemail von +41XXYYZZ959 erhalten.»

Unterhalb dieser Zeilen steht lapidar: «Vielen Dank, dass Sie die Transkription verwendet haben! Wenn Sie oben kein Transkript sehen, war die Audioqualität nicht gut genug zum Übertragen.»

Weil da indes «Text» vorhanden ist, muss die Audioqualität ausreichend gewesen sein. Aber: Dominix hat gar nix verwendet und verstehen tu ich auch nix. Kannnitverstan – Verdammt noch Mann! Wer zum Teufel belästigt mich am späten Abend mit Spam wie diesem?!

«Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind», summe ich vor mich hin.

Ist wohl bloss ein Nebelstreif.

Oder der Wind, mein Kind.

Sei ruhig, bleib ruhig.

Zuguterletzt ist es einfach nur etwas gekünstelte Intelligenz, die im Verborgenen meines Accounts ein bisschen Erlkönig spielt?

Ok.

Bevor ich diesen Untext in den Papierkorb (auch ein Unwort, das sich in die papierlose elektronische Welt hinüber gerettet hat) auf meinem Desktop ziehe, um ihn ins künstliche Koma zu versetzen (denn elektronisch gelöscht ist ja nach wie vor NICHT gelöscht), frage ich mich kurz, was ein Gratisangebot dieser Art, das ich doch gar nicht selber installiert habe, mir «bringen» könnte? Kann doch nicht sein, dass teure Technik für nichts und wieder nichts produziert und implantiert wird! Wieso also soll gesprochene Sprache, die mein verpasstes Gegenüber früher auf einen Telefonbeantworter sprach, in schriftliche Sprache umgesetzt und als Mail verschickt werden? Notabene wohl wissend, dass die Tonqualität über die Telefonleitungen (die ja unterdessen auch keine wirklichen Leitungen mehr sind!) so gut nicht ist, dass man sorgenfrei ein brauchbares Transkript erstellen kann.

Vielen Danke an meine (noch) lesende Gemeinde für eine kurze und erhellende Antwort. Gerne in Schriftform an meine Mailadresse (siehe unten).

Und ja, vielen Dank, dass ich kein Transkript verwenden muss für Voicemails, bis ich vom Gegenteil überzeugt werde.

 

Dominique

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Freitage (Nr. 109)

Es ist an einem kalten Vormittag, einem Freitag, wie es keinen anderen Freitag übers Jahr hinweg gibt.

Es ist kein Freitag, der 13., nein. Es ist auch nicht der Karfreitag. Es ist der Freitag, an dem niemand einen freien Tag haben soll, weil die Angebote für Konsumentenschaften jeglicher Couleur in die Verkaufsläden locken. Nur ich sitz hier wieder einmal auf meinem Bänkli und versuche, mich etwas zu verweigern…

Geht fast nicht, weil auch mein Bänkli umstellt ist mit geparkten Autos einer Kundschaft, die auf die benachbarten Messehallen zusteuert. Auch die S-Bahn spült alle 15 Minuten einen Menschenpulk aus dem Untergrund an die Oberfläche. Die allermeisten aus der Menge scheinen etwas unvertraut zu sein, mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein. Es ist die Bauernsame, die heute den Weg zur «Suisse Tier» unter die Füsse oder unter die Räder genommen hat. Ein Schwarzer Tag für die Tiere oder einfach ein weiteres Angebot zum Black Friday?

Die Bäuerinnen sind stark untervertreten im an- und abschwellenden Publikumstromes. Dafür treffen zahlreiche Jungmannschaften zu viert oder in grösseren Gruppen ein. Die besuchen bestimmt den «Young Farmers Day». Was dahinter steckt? Keine Ahnung. Immerhin tönt das mutch better than «Bauer, ledig, sucht… », der Eheanbahnung-Serie aus der Bachelor-Unterhaltung.

Keine 10 Pferde brächten mich an so eine Messe. Auch kein Black Friday. Lieber verweigere ich mich mit etwas kühlem Black Cavendish Rauch aus der Pfeife meines Banknachbarns, der unterdessen sich auf die Gegenseite gesetzt hat. Fehlt nur noch, dass der paffende Old Farmer einen Oldy von Black Sabbath auf seinem Smartphone startet!

Also mach ich dann doch bald den Abflug, um meine Ruhe zu haben.

 

Dominique

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Nichts ausser Lina und Leo (Nr. 108)

Dominique erhält regelmässig Post auf einzelne Blogbeiträge in Lull&Lall. Neulich schrieb mir ein Herr: «Liebe Dominique, da haben wirs mal wieder: ein Beitrag, der typischer nicht sein könnte für dich! Gemeint: eine Gesellschaftskritik anhand von Auswüchsen ebendieser, bei denen einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Das Ganze gespickt mit typisch dominiquanischen, manieristischen Sprachakrobatereien und kurzen Ausflügen satzbaulicher und ‹Wort-Fundus-Erweiterungs›-Art. Herrlich!» (...) «Und, Dominique: schreib doch mal einen durch und durch wohlwollenden, augenzwinkernd-‹bösen› Beitrag, nur so zum Ueben!»

Also tue ich Gutes und versuche es mit einer Geschichte über fast nichts:

Lina und Leo sind dicke Freunde. Sie leben im Garten der Familie Huber. Wenn es regnet, unternehmen sie zusammen ausgedehnte Spaziergänge und erzählen sich von ihren Erlebnissen.

Es ist Abend und es herrscht immer noch Sommerhitze. Lina sitzt in ihrem Schneckenhaus und sinniert vor sich hin. Sie möchte Leo ein Geschenk machen, bevor sich dieser in einen Schmetterling verwandelt.

«Was kann ich ihm nur schenken? Knackige Salatblätter hat er genug. Kohl auch. Eigentlich hat er doch schon alles. Es kommt mir einfach nichts in den Sinn. Am Schluss schenk ich ihm am besten nichts!»

Lina lauscht bald lieber dem Gespräch der Hubers am Abendtisch.

«Was habt ihr heute in der Schule gemacht, Kevin?»

«Nichts.»

Vater meint darauf: «Im Fernsehen kommt heute auch nichts.»

Und Mutter kann wenig mehr als nichts vermelden: «Ich habe in der Stadt auch nichts zum Kaufen gefunden.»

«Super», denkt sich Lina. «Nun weiss ich, dass ich Nichts in der Stadt kaufen kann.»

Früh am nächsten Morgen macht sie sich auf den Weg. Gegen Mittag sucht sie im ersten Warenhaus alle Etagen ab. Im zweiten findet Lina alles andere als Nichts. Vollgestopft mit 100 Sachen, die niemand verwenden kann. Nichts ist nicht zu finden. Also macht sich Lina müde und enttäuscht auf den Heimweg. Sie verkriecht sich in ihr Haus und überlegt und überlegt. Als ihr einfach nichts einfallen will, da findet sie die Lösung. NICHTS! Das ist das perfekte Geschenk für Leo!

Lina sucht ein leeres Schneckenhäuschen als Geschenkpäckli. «Oh, Nichts passt da nicht rein.» Leo hat ein grösseres Geschenk verdient. Also sucht Lina ein richtig grosses Schneckenhaus, packt Nichts rein, verschleimt die Öffnung und schleppt ihr Geschenk zu Leo.

«Uihhh! Für mich?», ruft Leo freudig.

«Du musst mir doch nichts schenken!»

«Wie? Wie kann er das denn wissen?», überlegt Lina kurz.

Leo knabbert sodann ein Loch in den Deckel und verkriecht sich ins Schneckenhaus. Nach ein paar Minuten schaut er aus dem Geschenk und verzieht sein Gesicht.

«Da ist ja nichts drin!»

«Yepp», meint Lina cool. «Ausser Dir und mir gibt es ja nichts wirklich Schönes auf dieser Welt!»

Darauf setzen sich die beiden Freunde auf einen warmen Stein und geniessen die Abendstimmung, da Regen angesagt ist.

 

Schöne Geschichte, gell? Und ich versichere Dir, lieber Herr: Nichts und wieder nichts wird mich abbringen, weiterhin solche schönen Geschichten zu erzählen…

 

Dominique

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Speed Date auf der Autobahn (Nr. 107)

Mein Auto-Pilot blinkt, bevor er ansetzt, um auf die Überholspur der A1 zu wechseln. Automatisch beinahe, wie das Automaten oder Autopiloten so an und in sich haben. Mein Auto-Pilot ist aber aus Fleisch und Blut und also kein Automat. Er setzt an, einen Camioneur zu überholen, der einen Anhänger mitführt, auf dessen Rückseite eine Werbeaufschrift in einem Wort prahlt: «Sicherheit» strahlt ab auf die Lenker jeweils hinter dem Anhänger.

Beim langsamen Überholmanöver lese ich dann auf der Seitenplache, dass eine Firma «So Wie So» Sicherheit verkaufe in Form von Rollläden; Rollläden, die wohl vor fremden Augen oder Händen schützen sollen? «Wer auf Nummer sichergehen wolle, setze auf die Rolle», sprich: Rollläden.

(Ein Werbespruch der besonderen Art, den ich innerlich still und leise kommentieren muss: Doof, dööfer am dööfsten).

Mag ja sein. Als Firma die Sicherheit verkauft, würde ich indes auch ganz anderswo auf Sicherheit setzen, nämlich beim Personal. Da sitzt der Camioneur dieser Firma «So Wie So» hinter dem Lenkrad und lenkt nicht wirklich konzentriert seine Räder, sondern guckt in die Röhre statt auf die Fahrbahn. Ja, er schaut sich einen Fussballmatsch an auf einem Display, das vor dem Tachometer aufgepfropft ist!

Spinn ich oder träume ich? Da flimmerte doch ein «Mini-Fernseher» über der Geschwindigkeitsanzeige! Aber da haben wir das Führerhaus (mit digitaler Führung!) schon passiert und konzentrieren uns (ich fahre jeweils auch ein wenig mit beim Auto fahren, als Co-Pilot ...) auf die Autoschaft vor uns, deren Bremslichter immer wieder an- und ausgehen, obwohl niemand weiss, was es da zu bremsen gibt.

Besser also etwas cruisen, genügend Sicherheitsabstand wahren und weniger auf die Überholspur wechseln, damit wir nicht noch so eine abstruse Erscheinung erleben müssen an diesem Tag. Könnte ja sein, dass das nächste Date beim Überholen eine Person zutage fördert, die als Kopfbekleidung eine Unterhose in Umkehrform aufgesetzt hat! Als Nachwehen zu Halloween …

 

Dominique

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Unwörter (Nr. 106)

Ein Freund von mir verriet mir letzthin das Wort des Jahres 2023. Er ist langjähriger Verfechter für das «Right to Repair» und kann sich ereifern, wenn «Neuheiten» auf den Markt geworfen werden, die ihre Kundschaft mit klandestinen Sollbruchstellen an sich binden oder einfach mehr Geld wollen für einen Download, der dann das Gegenteil von einem Update ans Tageslicht bringt.

Das Wort des Jahres 2023 heisse «Enshittification» und ich solle ihm diesen Ausdruck ins Deutsche einwecken, also eindeutschen in ein Einmachglas, um es zu konservieren. «Verscheissern» fällt mir als erstes ein. Für die IT-Branche könnte «verappeln» zutreffen. Als Überbegriff kommt mir dann «Verschlimmbessern» in den Sinn. Trifft indes alles nicht genau das Herzstück des Gemeinten, wenn «Enshittification» als Prozess verstanden werden soll, der aktive Scheisse einbaut auf oder in bestehende Dinge. Beispiele dazu gibt es genügend. Eine nicht zu überbietende «Enshittification» aber ist ein Jahresabonnement für eine Sitzheizung in einem Auto. Leute, die Sitzheizung ist standardmässig im Neuwagen eingebaut, aber zur Nutzung dieses Wunderwerks der Zivilisation muss man zusätzlich ein Abonnement lösen! Sonst besitzt man eine Technik, die einen einfach im Kalten sitzen lässt. So einen Scheiss kann nur anbieten, wer den Zenit des technischen Fortschrittes überschritten hat und dringend Geld benötigt, um neue Forschungsfelder zu lancieren (verkünden jeweils diese Shittificators).

Schwamm drüber, sag ich und möchte im Gegenzug das Unwort des Jahres 2023 von meinem Freund erfahren. Der weicht aus mit: «Auch dazu gäbe es genügend Beispiele.» Also werf ich mein Unwort in die Diskussion: «Elternteil».

«Was meinst Du damit? Vater oder Mutter?» staunen mich zwei Freundesaugenpaare an.

Da haben wir es: Die Elternschaft (früher als Schnittmenge verstanden) teilt sich in zwei getrennte Teile auf und die Kinder als variable Teilmenge(n) gucken in die Röhre resp. bald mal auf das Handydisplay, um Vater oder Mutter ausfindig zu machen im Labyrinth der Mengen- und Elternlehre. Die noch nicht digitalisierten Babys lallen unbekümmert weiter: «Mama, Papa Häfi go… » Wenn sie dann mal auf dem Topf sitzen, kann die Geteilschaft der Eltern ihre Phantasie walten lassen, um eine kindergerechte Geschichte erzählen zu dürfen.

«Frag mich nicht, was der Schmu soll, mein Sohn, pardon: meine Tochter, pardon: (einfach) Kind! Frag das andere Teil.» Und so geht das schön im Kreis herum, wenn sich Elternpaare (also neudeutsch: Elternteile) bei der Ausübung ihrer Erziehungsberechtigung nicht einig sind und die Schwarze Petra reihum reichen.

 

Dominique

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Fiebertraum oder Albtraum? (Nr. 105)

Ich liege im Bett mit Gliederschmerzen und erhöhter Temperatur. Ein Fiebermesser soll Abhilfe schaffen für die Ungewissheit, ob ich nun Fieber habe oder nicht. Als Kind hat die Mutter uns Kindern jeweils das olle Quecksilberrörchen etwas vorgewärmt in ihren Händen. Dann steckte sie es unter eine Kinderachsel und wir mussten uns für 5 Minuten still halten und nicht bewegen. Heute geht das alles viel einfacher und schneller mit dem digitalen Fiebermesser: Einfach per Knopfdruck starten und in Stellung bringen. Sobald die höchste Temperatur erreicht sei, melde sich das Ding per Piepston automatisch. Gesagt, getan. Nach 2 Minuten schon piepst es unter meiner Achsel. Ich schau auf das Display des Messgerätes und erblicke nichts als Leere. Ich kann das Anzeigefeld drehen und wenden, wie ich will, da ist nichts zu erkennen. Kann es sein, dass der Fiebermesser zu wenig «Strom» hat. Piepsen tut er noch, aber anzeigen ist ihm zu streng! Also versuche ich, die Plastikhülle zu öffnen, was bei den Hightechgeräten jeweils so eine Sache ist, weil zugeschweisst und auf nimmer wieder zur Reparatur! Mein Messgerät ist noch etwas älter und ich finde einen Weg, den Deckel unbeschadet zu lösen, um an die Stromversorgung heranzukommen. Es ist eine Knopfbatterie der edelsten Art, die als Herzschrittmacher dient. Selbstverständlich eine Stromzelle, von der man zu Hause keine auf Lager hat, weil so was von Spezialformat in Dicke und Grösse resp. «Kleine». So bin ich also nicht nur dem Fieber ausgeliefert, das – wie mir scheint – ansteigt und ansteigt, sondern einmal mehr der modernen Technik, die keine Rücksicht nimmt auf Nachhaltigkeit, Unterhalt, Betriebsdauer, Garantie. Am liebsten würd ich das Fiebergerät in hohem Bogen durch ein Fenster werfen, da mir wohl nichts anderes übrig bleibt, als: Entweder ein neues, noch moderneres Messgerät zu kaufen – für einen Appel und ein Ei oder mich auf die Suche zu machen für eine Ersatz-Knopfbatterie, die als Einzelstück teurer sein wird als ein Neugerät.

Ein moderner Albtraum, dem ich einen Fiebertraum vorziehe und also liegen bleibe in der Hoffnung auf Besserung ohne irgendetwas an «Hilfsmitteln»…

 

Dominique

 

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«Göffel» (Nr. 104)

Ein Löffel meint in meiner Muttersprache nicht nur ein Teil des Besteckes für kultiviertes Benehmen am Esstisch. Ein Löffel wird auch jener Menschen gerufen, der eine vorhersehbare Dummheit begannen hat. «Er ist doch ein Löffel»…

Eine vorhersehbare Dummheit kann zum Beispiel auch sein, wenn man seinem Hungergefühl nachgibt und sich zu einem Spontankauf für ein Convenience-Food-Salat-Set bei einem Grossverteiler entscheidet, da das «Essen» nach der Mittagszeit reduziert angeboten wird, weil der Inhalt noch am selben Tag verschlungen werden soll, weil sonst das Essen verdirbt, und weil wir uns dadurch nachhaltig verhalten: Kein Food Waste etc. blabla und so.

Kommt dazu, dass ich vor dem Zahlvorgang bei einer analogen Kasse noch rechtzeitig bemerke, dass ich nicht nur keine Serviette mit dabei habe, sondern auch kein Essbesteck im Set mit geliefert ist. Also umkehren und die Besteckauslagen ausfindig machen. Mit etwas Geduld entdecke ich bei den Takeaway Angeboten das verpackte Ding, das ich zuvor einfach übersehen hatte; übersehen, weil ich gewohnt bin, mit «richtigem» Besteck zu essen. Eingepackt in deklariert umweltfreundliches Papier steht da drauf «Göffel». Für Löffel wie ich ist sogar ein Symbol mit aufgedruckt: eine Gabel am oberen Ende des modernen Esswerkzeugs und am unteren Ende ein Löffel für ein Kofferwort, das noch nicht in aller Munde ist. 10 Rappen kostet das Wegwurfgeschoss. Dafür darf man wählen, ob man den Salat mit dem Löffel oder mit der Gabel zu verzehren gedenke! Ich überlege sodann an meinem Mittagstisch auf einer Treppe im Schatten, ob ich den Salat mit der G(abel) essen soll, während ich erst die in separatem Plastik verpackte Bio-Sauce mit dem (L)öffel umrühre. Da das dritte traditionelle Esswerkzeug – das Messer – selbstverständlich im Göffel-Set fehlt, kommt es eigentlich ja nicht so darauf an, ob mit G oder L. Und weil ich ab und zu doch einen Finger als Messerersatz benutze, hab ich die Sauerei am Schluss. Nicht weil mir das Messer fehlte, sondern eine Serviette. Ich kipp den ganzen Rest inkl. «Besteck» dann in eine von vier Abfallschlünde zwecks Mülltrennung. Fehlt eigentlich nur noch ein fünfter Behälter für die Göffel! Während ich meine Hände mit meinem Schnäuztuch aus Stoff reinige, schwöre ich mir etwas: dass ich mir meinen Mittagstisch am Morgen wieder zu Hause vorbereiten werde. Food Waste hin, Food Loss her!

Dominique

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«App-petit» (Nr. 103)

Eine Freundin von mir hört plötzlich Stimmen! Ja, kein Spuk, denn es sind Vogelstimmen, die sie nicht einordnen kann. Wir sitzen im Garten und sie zückt ihr Smartphone, um zu verstehen, welche Geister sich bei Abendstimmung einschleichen.

«Das ist der Abendgesang einer Amsel», sag ich etwas vorlaut und besserwisserisch, weil das nur von einer Amsel stammen kann. Da bin ich mir todsicher. Hab doch nicht alles vergessen, was ich in meiner Studienzeit alles an ornithologischen Kenntnissen reingezogen habe.

Sie hält mir ihr Dingsda vor meine Nase und lächelt. «Eine Mönchsgrasmücke!»

«Das Ding da hat doch einen Vogel, Hombre!»

Wie kann das sein? Das ist so, weil auf dem Display zeitgenaue Sonogramme aufgezeichnet werden; inklusive einer Beschreibung der Urheberschaft. Da sieht man also mit, was als Umgebungssound alles so ertönt. Alles in Graphen sichtbar und die Legende dazu. Da steht nicht: Amsel, Drossel, Fink und Star, sondern Amsel, Mönchsgrasmücke, Milan.

Die Verlautbarungen des Milans vernehme ich jetzt auch und wenn ich richtig hinhöre, – obwohl weit hinten im Background – das anfängliche Gequetsche einer Mönchsgrasmücke mit melodischen Auslauten, wie das die Amseln von sich geben.

«Habibi, Du hast recht, also dein Dingsda.»

Ich bin baff! KI setzt mich ornithologisch mit einem Schlag KO.

Meine Freundin schmunzelt vergnügt, weil sie genau weiss, dass ich in Sachen Vogelwelt weit mehr weiss wie sie. Aber das ist nun ja nur noch eine Frage der Zeit und des Akkuzustandes ihres Dings. Ein sachter Flügelschlag einer Waldohreule, ein leises Gurren des Schneehuhns im Schneefall und sie wird mich überholt haben.

Es wird wohl auch nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir über die «App-petit» aus den Düften, die aus Nachbars Garten herüberwehen, die Angebote seiner abendlichen Grillparty er-riechen dürfen?

Wohl bekomm´s und guten Appetit!

 

Dominique

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Neue Besen (Nr. 102)

Sie picken wie die Krähen auf der Freifläche der Allmende nach allem, was am Boden liegt und nach «Unregelmässigkeit» aussieht. Die Krähen lassen, – wenn es sich um Nicht-Essbares handelt, – ihre Beute dann jeweils wieder nonchalant fallen. Die beiden Strassenkehrer tun es indes auf ihre Weise: Sie sammeln mit einer Greifzange, die aussieht wie ein verlängerter «Pick-Arm», alles, was rumliegt und nicht hierhin gehört, um es dann in einen mitgeführten Kübel fallen zu lassen. Essbares oder einfach Weggeworfenes, sie sammeln am frühen Morgen in diesem Sommer alles zusammen; sie richten den Strassenzug wieder so her, dass es den Steuerzahlenden dieser Stadt wohlbekomms und diese eine gesäuberte Strasse inklusive Bushaltestelle vorfinden, wenn es zur Arbeit ruft. So ist die Welt in Ordnung.

Was die beiden da beim gekonnt-geschickten Einsammeln all dessen, was von der Gesellschaft als nichts ausgeschieden wurde, zusammen reden, hört sich an wie: «Hinter dem Kiosk musst Du auch noch kontrollieren, auch wenn der Laden nicht mehr von Carmen betreut wird».

«Jo. Mach ich.»

«Sie ist in Pension und weggezogen. Der Laden ist seither verwaist.»

«Aha.»

«Ich mach dann die andere Strassenseite.»

Auch wenn ich den Dialekt, den die beiden reden, nicht verstehe, es wirkt, als ob sie bereits seit Jahren zusammen die Strasse kehren. Ist aber nicht so, denn – wie es scheint –, geniesst der Jüngere der beiden eine Einführung in die Tour.

Geht da wohl noch jemand bald in Pension? Oder: Kehren neue Besen besser? Wir werden es ja bald sehen.

 

Dominique

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Ordnung muss sein (Nr. 101)

«Mein» ehemaliger Betriebswart versuchte jeweils die «Postordnung» durch zu geben, wenn er am Limit seiner Macht angelangt war. Das war er relativ schnell einmal, weil er kraft seines Amtes auch oberster Wirt jeglicher Ordnung war. Und Ordnungen in einem geordneten Betrieb gibt es bekanntlich mehr als genug. Mein Betriebswart meinte indes «Hausordnung», aber als vormaliger Pöstler ging es ihm manchmal durch, sein Talent fürs Beamtentum.

«Ich bin der Letzte, der das Licht hier löscht, wenn wir Konkurs gehen», gedachte er von sich zu geben betr. Schlüsselgewalt und so.

Er war kinderlos und also prädestiniert für das Durchsetzen von Ordnung.

Wo kämen wir denn hin, ohne Ordnung! Deshalb wohl auch diese ausgeklügelten Systeme mit Hausordnungen nicht nur in Bibliotheken und Archiven, nein auch in Mietskasernen sowie den Bahnhofsordnungen rund um Anlagen des Schienenverkehrs.

So schleich ich mich einmal mehr an der Klebefolie vorbei, die mich beim Eingang in die U-Bahn-artige Station meiner S-Bahn empfängt. Ein Rauchverbot prangt gross neben der Bahnhofordnung. Ich hab das Geschriebene aber noch nie gelesen, nicht einmal wirklich wahrgenommen. Da Nichtwissen vor dem Gesetz nicht schützt, vertiefe ich mich heute also in so eine Ordnungsorgie in Kurzform. Zeit hat man ja, wenn man sie sich nimmt! Die hab ich heute.

So steht in fetten Lettern geschrieben:

Bahnhofordnung

Losgelegt wird mit einem Werbespruch par excellence:

«Wir setzen alles daran, unseren Kundinnen und Kunden ein höchstmögliches Mass an Sicherheit und Sauberkeit zu bieten. Deshalb ist auf dem Bahnhofareal der SBB folgendes nicht gestattet:

  1. Sitzen und Liegen auf Boden und Treppen.
  2. Fahren mit Fahrzeugen aller Art (auch mit Zweirädern, Skateboards, Rollschuhen und dergleichen) auf Perrons, Rampen, Treppen, in Hallen, Passagen und Unterführungen, mit Ausnahme von Invalidenfahrzeugen für den Reiseverkehr und bewilligten Fahrten.
  3. Abstellen von Fahrzeugen aller Art (inkl. Fahrräder) ausserhalb der vorgesehenen Parkflächen.
  4. Versperren von Zugängen (insbesondere Rettungs- und Fluchtwege).
  5. Rauchen in den bezeichneten Nichtraucherzonen.
  6. Mitführen freilaufender Tiere.
  7. Verunreinigen (auch durch Kaugummi, Zigarettenstummel, Spucken, Urinieren usw.) und Deponieren von Abfall ausserhalb der vorgesehenen Behälter.
  8. Unberechtigter Aufenthalt in Warteräumen.
  9. Plakatieren, Werbung, Verteilaktionen und Warenangebote, Kundgebungen, Darbietungen, Sammel- und Unterschriftenaktionen, Foto- und Filmaufnahmen mit Installationen und übrige Tätigkeiten des gesteigerten Gemeingebrauchs ohne Bewilligung.
  10. Betteln.
  11. Abspielen von Tonträgern.
  12. Ungebührliches Verhalten wie insbesondere störendes Auftreten gegenüber anderen Kundinnen und Kunden oder gegenüber SBB Personal und SBB Beauftragten.
  13. Füttern von Vögeln und anderen Tieren.

Den Anweisungen des SBB Personals und der SBB Beauftragten ist Folge zu leisten. Verstösse gegen die Bahnhofordnung können zu Wegweisung, Strafverfolgung und Schadenersatzforderungen führen. Wir danken für Ihr Verständnis.»

Ansage klar? Mir nicht wirklich, da sich die liebe Ordnungshüterei manchmal in Übereifer und Korrektheit überbietet. Auch wenn ich gerne «Folge leisten» würde, was soll denn der Unsinn mit: «Rauchen in den bezeichneten Nichtraucherzonen»? Ein Bahnhofsareal ist doch generell eine Nichtraucherzone, ausser in den bezeichneten Raucherzonen, die man regelrecht suchen muss! Und: «Füttern von Vögeln und anderen Tieren» ist doch ein Witz! Welche andere Tiere dürfen denn nicht gefüttert werden? Giraffen, Elefanten oder was? Da juckt es mich tatsächlich, mich verbotenerweise etwas auf den Bahnhofsboden zu setzen, um nachzudenken, was damit gemeint sein könnte! Am liebsten noch mit einem Plattenspieler, um einen Tonträger abzuspielen! Liebes SBB Personal oder SBB Beauftragte, die solche Verordnungen verfassen und verbreiten: Lasst Euch doch künftig auch etwas leiten von dem Sprichwort «Ausnahmen bestätigen die Regel(n)»; nach dem Motto: «Die Erwähnung einer expliziten Ausnahme lässt auf das Vorhandensein einer Regel in den nicht von der Ausnahme betroffenen Fällen schliessen.»

Ende meiner Ansage für eine Postordnung in Kürzestform.

Dominique

 

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100: «Hunderti» (Nr. 100)

100 steht für eine runde, pralle, volle Zahl. Nach 100 Tagen endet für eine neu gewählte Amtsinhaberin die «Probezeit». 100 Jahre junge Menschen «kommen im Radio».

100 ist mehr als eine Eins mit zwei Nullen, also viel mehr als nicht ganz 100.

Wer 100 sagt, meint ganz unterschiedliche Sachen: 100 Gramm Safran wiegt auf der Goldwaage 100-mal mehr als die gleiche Menge eines anderen Gewürzes.

Wer unter den 100 Topathleten rangiert, verdient 100-prozentig mehr Geld als die Übrigen derselben Kategorie.

Wer über die 100-er Marke geht, ist mehr als überzeugt.

Was vor 100 Jahren passierte? Ist ein alter Zopf, der abgeschnitten gehört und interessiert nur die historische Zunft.

Was in 100 Jahren sein wird? Sei spannend und interessant, weil das niemand wissen könne, sagen jene in den obersten Etagen, die vorgeben, Jules Vernes «In 100 Tagen um die Welt» gelesen zu haben (was vor gut 100 Jahren indes schon in 80 Tagen zu schaffen war!). An alle anderen nicht lesenden Menschen zudem ein Gruss von Gabriel García Márquez aus seiner lange andauernden Einsamkeit.

Auch kann ich die Einsamkeit des Langstreckenläufers (von Alan Sillitoe) auf einem 100 Kilometer Lauf nachempfinden, obwohl ich diese Distanz nie geschafft habe …

Dafür lieb ich das Gefühl, wenn ich mit mehr als 100 Sachen im ICE durch die Landschaft brause und im «Besuch der alten Dame» lesen darf, einem Buch, das nicht in der Liste der 100 Bücher, die man gelesen haben müsse, aufgeführt ist! (Mira: Dafür fehlt der schreibende Architekt Max Frisch nicht!).

Zu guter Letzt: Auf dem «Hunderti» – wie mein Vater sich ausdrückte, wenn er auf das WC ging –, lässt sich ganz im Privaten weiter sinnieren …

Und an die Leserschaft von Lull&Lall mit den wärmsten Empfehlungen: Auf 100 folgt 101!

 

Dominique

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Fast eine Are an der Aare (Nr. 99)

99 Quadratmeter sind fast eine Are. 99 ist aber nicht ganz 100! Und was nicht ganz hundert ist, das sei nicht ganz normal; sei eben so wie er oder sie (oder was auch immer) sei. Also feiern wir hier und heute einen nicht ganz hundertprozentigen Blog.

Die Schnapszahl 99 ist schuld für Schnapsideen zum Einlullen & Lallen. Direkt aus der unerschöpflichen Wort-Schatztruhe Dominiquens.

Wer Unsinn nicht verträgt, bitte wegklicken, wegtreten, wegschauen jetzt!

Well, dann los mit losen Reimen, lauernden Kalauern!

 

Dialog zwischen artfremden Fischen – im Thunersee schwimmend:

Fisch 1: «Thun – das Tor zum Berner Oberland – ist schön.»

Fisch 2: «Nur nix Thun ist schöner»

Daraus folgernd:

Fisch 1: «Was aber sollen wir nun tun, Fisch?»

Fisch 2: «Du hast die Wahl, Fisch!»

 

Fragen:

Was hat der Flohwalzer mit Flöhen zu tun?

Was die Missionarsstellung mit einem Missionar?

Kann es sein, dass der Englische Gruss nicht in England erfunden wurde?

 

Dichtungen und Un-Wahrheiten

 

Liebesgedicht – romantisch

Roman liest in einem Roman

Roman ist Romane und liest gerne Romane

Auch Romane liest Romane

Da sind es schon zwei – Romane und Romanin –, die lesen Romane

 

Roman und Romane lesen aber nicht nur Romane

Roman und Romane sehen sich Rom an

Oh romantische Romanze!

Nun liest Romane Roman wie einen (Kriminal)Roman

Und Roman sieht sich Rom ganz anders an …

(Aus: Des Knaben Romans Horn)

 

Müntschemier

Ech wöntsche mer

In Müntschemier

Es Möntschi vo der

 

Hommage an Gemeindepräsident Vonlanthen von Fällanden

Emigranten und Tanten

Besuchten Vonlanthen

In den Hirslanden

Zu Herrenschwanden

 

Reim dich oder ich fress dich!

Gemäss Ottos Mottos:

Motto I von Otto: Spiel Lotto!

Motto II von Otto: Spiel Totto!

Daraus folgend:

Ottos Motte heisse Charlotte. Sie sei eine flotte!

 

Da kann ich nur ausrufen:

Ach Hermine, die Termine!!

Oder:

Otter mit Plotter schwimmt flotter.

 

Noch ein Einfall vom Rheinfall

Amerika gehört «am Erika» (veraltete Koseform im Berndeutschen für Erika).

 

Und wenn wir schon bei der Geografie sind, so wollen wir nach Worb laufen. Also:

Von Bern nach Worblaufen.

So denn dürfen wir:

Einen Sonntag verbringen in Samstagern.

Herumlungern in Lungern.

Lausen in Lausen.

Und lesen (in Befehlsform bitte!) in Liestal.

 

Zum Vorletzten ein paar (W)Ortspiele aus Calau:

Die Kakerlaken von Interlaken backen ihre Macken unter den Laken.

Walter heisst der Verwalter von Walterswil.

Und wie heisst der Sigrist von Biberist, der keine Biber isst?

Was wir aber sicher wissen:

Bauer Auf der Mauer liegt auf der Lauer, weil seine Alte, die sei sauer.

Also auf in den Westen, wo die Wespen ihre Westen testen.

 

Zu guter Letzt etwas Bestandenes:

Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama

het mal am Morge früeh no im Pyjama

ir Strass vor der Moschee

zwöi schöni Auge gseh

das isch dr Afang worde vo sym Drama.

 

Und wenn dieser Herr noch nicht gestorben wäre, so besässe er allenfalls eine Are Land an der Aare.

 

Dominique

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Funklöcher (Nr. 98)

Vor Kurzem passiert: Ich bleibe in einem Tunnel stecken. Also nicht nur ich, sondern ein ganzer Waggon resp. eine ganze Zugskomposition der SBB. Ich wage kaum, mein Smartphone zu betätigen, weil ich fürchte, dass wir eh in einem Funkloch stecken. Nix da, die ganze Schar der Passagiere beteiligt sich an einem regelrechten Flashmob gegen die SBB und funkt in die Aussenwelt, dass alles anders sei als sonst. Also nichts von grosser Bedeutung. Da es indes dauert und dauert, lasse ich mich anstecken vom Nicht-Nichtstun meiner Umgebung. Auch der Schaffner, der unterdessen hin und her eiert, ist keine «Hilfe», weil er dem widerspricht, was aus der Lautsprecheranlage ertönt. Einmal hin, einmal her, so ist das Leben gar nicht schwer! (Sprich in Beamtendeutsch: «Dies ist ein ausserordentlicher Halt. Bitte bleiben Sie im Zuge.»)

Nach einer halben Stunde langweilt mich auch das elektronische Nicht-Nichtstun und ich beschliesse, ein Set-up für eine Funklöcher-Challenge zu erdenken. Das habe ich mir schon öfters vorgenommen, aber nicht umgesetzt. Jetzt ist Zeit dazu, Menschen eine Möglichkeit anzubieten, eigene Erfahrungen mit Funklöchern weiterzugeben. Wer am meisten Punkte, Orte, Strecken etc., die vom Mobilfunk ausgeschlossen bleiben, nachweisen kann, gewinnt einen (Trost)Preis, gesponsert von einem Mobilanbieter in der Schweiz.

Ich überlege mir also erst einmal, wo ich selber schon oder immer wieder von der drahtlosen Nabelschnur der Telekommunikation durchtrennt wurde resp. werde. Tiefgaragen, Keller etc. zählen nicht. Gefragt sind oberirdische Positionen im Mittelland und in den Bergen. Und ich kenn da nicht wenige! Auf meiner Pendelstrecke gibt es sie, im Reduit hoch über den Bergtälern, in meiner Wohnung, sogar auf der Dachterrasse mit Ausblick über die Häuser der Nachbarschaft. Ich flieg da regelmässig raus, wenn ich kommuniziere und mich fortbewege, obwohl die Netzabdeckungskarte anders informiert. Vielleicht sollte man weniger mobil kommunizieren, wenn man mobil kommuniziert? Oder eben doch auf 5 G aufstocken? Wer weiss!

Da ruckelt die Zugskomposition der SBB und es geht im Schneckentempo vorwärts. Nach vielen Warteminuten und wenigen Metern sind wir wieder am Tageslicht und alles ist wie zuvor. Der Zug rollt, der Mobilfunk funkt und ich lass es bleiben mit der Challenge. Bis zum nächsten Mal.

 

Dominique

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Blind-Degustation (Nr. 97)

Würden Sie sich verabreden mit jemandem, der Sätze voller verführerischer Schmeichelworte formuliert, tiefschürfende Wendungen von sich gibt und auf perfekt modellierte Harmonie aus ist? Ich würde es aus Abenteuerlust auf ein Blind Date ankommen lassen! Unter einer Bedingung: Das Blind Date ist kombiniert mit einer Blind-Degustation von Weinen!

Also, Augen zu und durch.

Ich seh nix, ich rieche und koste nur aus einem schwarz gefärbten Degu-Glas, damit man nicht sieht, was drinne steckt. Rotwein? Ja, junger Wein aus roten Trauben unterschiedlicher Gewächse, säurebetont, fleischig, wirkt lange nach – So viel oder so wenig erst einmal in Worte umgesetzt, was errochen und geschluckt wurde. Neuer Versuch, konzentrierter, um die Gerüche nach persönlichem Empfinden zu charakterisieren. So dann kosten, was am Gaumen passiert, bevor dann der Wein seinen Abgang präsentiert und als Gesamt gewürdigt wird.

Etwa nach einem «Vorbild» wie das hier:

«Dicht verwobenes, sehr geheimnisvolles Bouquet mit Wildkirsche, edler Cassiswürze und verführerischem Veilchenparfüm. Im zweiten Ansatz tiefschürfende dunkle Mineralik, Lakritze, erkalteter Earl-Grey Tee und ein Hauch Muskatnuss. Am vielschichtigen Gaumen mit seidiger Textur, feinkörnige Extraktfülle, engmaschiges Tanningerüst, ungeheuer präzise vinifiziert, ein perfekt modellierter Körper. Im gebündelten, nicht enden wollenden Finale eine perfekte Symbiose von Terroir und Balance. Der Wein strahlt dabei eine unglaubliche Harmonie aus.»

Da haben Sie es! Die offizielle «Degustationsnotiz» meines Blind Date Vis-à-Vis. Und bevor Sie den Preis erfahren, wissen Sie bereits, dass 1 dl dieses Weines mehr kosten soll als eine 7,5 dl Flasche aus dem höchstgelegenen Weinberg Europas!

Es ist ja auch ein Rotwein, pardon, ein Wein aus roten Trauben unterschiedlicher Gewächse, die als Blend in amerikanischen Eichenfässern über 18 Monate ausgebaut und gehätschelt werden durch die renommiertesten Winemaker, welche die Gilde ausweisen darf. Immerhin steht in der «Notiz» nicht auch noch eine Andeutung zur Flasche und der Etikette. Aber noblesse oblige und sie schaut eben weniger auf Äusserlichkeiten. (Das Lifting der Etiketten erfolgt langsamer als die Ausbauten der Kellereien oder Châteaux …).

Bleibt eigentlich nur noch die Frage, wie man so einen Wein trinken soll, wenn man ihn denn überhaupt einmal trinken wird?

Mit Andacht, ganz bestimmt! Gar in Achtungstellung? Glasweise oder – schnöde – flaschenweise? Ich höre schon die Stimmen, die ansagen, dass solch ein Wein nie und nimmer «so viel besser» sein könne als andere Gewächse aus den Niederungen der Weinwelt. Recht haben sie ganz bestimmt, aber eben: Was heisst schon «besser» bei solch edlen Tröpfchen!

 

Dominique

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Loblied auf Carmen (Nr. 96)

Sie war schon da, als ich ins Quartier zog. Sie gehört zum Viertel dazu wie die Frühlingskatzen, die Sommergewitter, die Schulanfänge, die Herbststürme. Sie ist wach am Morgen, wenn ich den Bus besteige, sie schliesst, wenn ich am Abend weit nach der Rushhour müde zurückkehre. Tag um Tag, auch an den Sonntagnachmittagen, wenn der Fussballclub seine Siege oder Niederlagen an seine Fans weiter gibt.

Sie hat kein Alter, dafür hat sie einen Vornamen, mit dem sie nun auf einem Schriftzug verabschiedet und bedankt wird: «Adios Carmen – Muchas Gracias». Sie heisst wie ihr Kiosk: Carmen.

Sie hat ihr Leben lang die Quartierbewohner mit den wichtigsten und auch unwichtigen Dingen des Alltags versorgt. Carmen kennt alle Passanten, viele mit Vornamen. Von mir weiss sie mehr, als ich zu ahnen wage, weil sie Vorahnungen hat, wenn etwas nicht so abläuft wie sonst. Die Gerüchteküche läuft dann ab und an über! Ich nehm es ihr nicht übel, denn sie kennt ihre Pappenheimer, die sie nun von einem Tag auf den anderen im Stich gelassen hat.

Sie sei dann auch mal weg, hat sie ab und zu eingestreut bei einem Schwatz mit Menschen, die auf den Bus warteten, während sie durch ihre Verkaufsluke radebrechende Worte in Dialekt vor sich hinbrabbelte.

Sie sei eingewandert aus Spanien und verbringe nun ihren Lebensabend im Süden von Italien – in der Heimat ihres Mannes –, melden die lokalen Medien in den sozialen Netzen. Carmen wird als stille Heldin eines untergegangenen Alltages dargestellt. Das wirkt komisch, wenn sie da in eine Kamera spricht. Aber das ist typisch bei solchen Elogen auf die kleine Welt, die in 2 Stunden schon wieder vergessen ist von den Konsumenten. Nicht vergessen aber bleibt Carmen, weil sie ihr Leben lang nicht in eine Kamera sprach, sondern ein Ohr hatte für ihre Kundschaft:

«Adios Carmen – Muchas Gracias».

 

Dominique

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Mondbein (Nr. 95)

So wie ich mir sicher bin, dass ich über die Anatomie der Hand null Ahnung habe, so sicher bin ich, dass mich seit geraumer Zeit eine leichte Erhöhung in meiner rechten Handinnenfläche stört, wenn ich etwas fest zupacke. Und was macht man, wenn man die Doktores scheut, aber trotz allem wissen möchte, was das denn so sein könnte? Bevor ich indes das globale Nachschlagewerk konsultiere, schiesst es mir durch den Kopf, dass es durchaus das Mondbein sein könnte, das da etwas in die Höhe schiesst. Denn das Mondbein – so erinnere ich mich – ist einer jener Knochen, der im Abzählvers für die acht Handwurzelknochen erwähnt ist. Aber ich erinnere mich nur noch an den Schlussvers dieser anatomischen Eselsbrücke für angehende Kinderkrankenschwestern: «Schifflein muss im Hafen sein!» So schliesst diese mnemotechnische Reimerei, da bin ich mir ganz sicher, weil ich nicht nur eine Affinität habe für Redewendungen oder Sinnsprüche aus dem gelebten Alltag, sondern auch für scheinbar belanglose Merksätze aus dem Lateinunterricht: «Nach si, nisi, ne und num fällt der Türke Ali um.» (Aus aktuellen Gegebenheiten müsste das heute etwa so lauten: «Nach si, nisi, ne und num fallen alle ali um.»). Auch für die Namen der neun olympischen Musen erinnere ich mich an den absurden Merkspruch: «Klio-Mel-Ter-Thal Eu-Er Ur-Po-Kal»; an die eigentlichen Namen der Musen (KLIO, MElpomene, TERpsichore, THALia, EUterpe, ERato, URania, POlyhymnia, KALliope) aber erinnere ich mich nicht mehr!

Item oder sei es, wie es sei oder ist. Ich nehme endlich das elektronische Lexikon zur Hand, tippe bis «Mondbe», sehe dann in der Hilfsleiste schon, dass es etwas zu «Mondbein schmerzen» gibt und wähle also «Mondbein schmerzen» aus, um festzustellen, dass es sich bei mir nicht um das Mondbein handeln kann, weil das in der Nähe des Handgelenkes liege. So lass ich die Knochen der Handwurzel sein, da mich unterdessen der Hafer gestochen hat, wie denn das Mondscheingeschichten in voller Länge laute – wohl wissend, dass ich meine kostbare Zeit vergeude mit Belanglosigkeiten!

«Schifflein muss im Hafen sein» ist im Netz aber nicht auffindbar! Hoppla! Ich täusche mich doch nicht einfach so? Ich probiere mit weniger Stichworten, aber nix kommt da aus dem Lexikon der Lexika!

Wie kann das sein? Das Vertrauen in meine Erinnerungskraft schwindet langsam, weil ich weiss, dass das Internet unterdessen nichts mehr vergessen kann und ich mein Schifflein wohl versenken muss, um neu anzufangen mit der Suche! Wie Odysseus zwischen Skylla und Charybdis komme ich mir vor auf den Umwegen durch das Meer an Informationen, das mir entgegenflutet. 10 Minuten dauert meine Irrfahrt (9 Jahre, 364 Tage, 23 Stunden und 50 Minuten weniger als jene von Odysseus), und ich stosse auf trockenen Untergrund: An Land empfängt mich das Gesuchte, das Ersehnte, das mehrfach Vorgestellte, nur: Es wirkt gealtert (wie Penelope) und ich erkenne es kaum noch:

«Der Kahn, der fuhr im Mondenschein,

dreieckig um das Erbsenbein.

Vieleck gross und Vieleck klein,

der Kopf, der muss am Haken sein.»

 

Kein Mondbein also, dafür Mondenschein.

Kein Schifflein, dafür ein poesieloser Kahn,

dessen Kopf müsse am Hacken und nicht im Hafen sein!

 

Oh Mneme, Muse der Erinnerung, an Dich werde ich mich nun jedes Mal erinnern, wenn ich mit meiner rechten Hand etwas fester zupacke …

 

Dominique

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Kreiselwirtschaft (Nr. 94)

Eine Freundin von mir arbeitet bei der Kreislaufwirtschaft. Sie hat mir schon mehrfach versucht zu erklären, was sie dort so treibt. Nur, ich hab es nicht wirklich durchschaut und mich etwas lustig gemacht darüber, dass sie sich ja im Kreise drehe…

Nun aber ahne ich in etwa, was hinter einer Wirtschaft steckt, die sich im Kreise dreht. Nämlich zum Beispiel so etwas:

Vor einer Woche circa stand ein Drehstuhl auf Rädern am Strassenrand in der Nähe meines Hauseinganges. Angeklebt an der Rücklehne stand auf einem Blatt Papier – in krakeliger Handschrift verfasst – «Gratis». (Gratis gibt es nicht! Gratis ist immer mit Aufwand verbunden, der im Verborgenen lauert).

Ich folgte also dieser Einladung nicht, setzte mich auch nicht auf den bereitstehenden Stuhl, um den Strassenverkehr «kostenlos» zu geniessen oder mich «unentgeltlich» auszuruhen. Denn, dass der Stuhl zum Mitnehmen bestimmt war, stand ja nicht mit auf dem Papier! Dass er mitgenommen wurde, bemerkte ich anderntags. Er war nicht mehr an der Stelle. Aber als ich meine Runde durchs Quartier absolvierte, entdeckte ich den Stuhl ein paar Häuserzeilen weiter vorne in meiner Laufrichtung. Da stand er, das Papier nun am Boden beigelegt. Hatte wohl jemand das Ding nach Hause mitgenommen, um sich nach einem Probesitzen umzuentscheiden: Weg damit und zurück an den Absender?

Heute nun entdecke ich das Objekt der Unbegierde wiederum, noch einmal weitere 5 Strassennummern vorgerückt. Nur das Papier fehlt. Sieht aus wie bestellt, aber nicht abgeholt; ausgesetzt, wie Moses im Körbchen.

Wie es scheint, wartet das Waisenkind weiterhin auf eine Aufnahme in ein trautes Heim. Wird es ein nächstes und ein übernächstes Mal weiter gereicht auf der Ringstrasse, die zu mir nach Hause führt, so landet es in 2 Wochen circa wieder in der Nähe meines Eingangs. Sollte die Recyclingkultur versagen, so greift eben dann die Kreiselwirtschaft! Diese dreht sich wie ein lustiger Hurrlibus, dem letztendlich – wie einem wild gewordenen Drehstuhl, sprich: Derwisch – schwindlig wird, auf dass er zu Boden fällt und von der Müllabfuhr eingesammelt wird!

 

Dominique

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Ohne festen Wohnsitz (Nr. 93)

Mein Bänkli ist besetzt! Da sitzt ein Herr, den ich hier noch nie gesehen habe. Er ruht ziemlich genau in der Mitte der Sitzfläche, welche zur linken und zur rechten Seite dieses Herrn überstellt ist mit übervollen Migrosgrosstaschen sowie anderen Utensilien des Hausrates, den man zum Leben gebraucht, wenn man keinen festen Wohnsitz hat.

Der Mensch chillt gerade, wie es scheint und lässt seinen Mitmenschen keinen Platz auf der Ruhebank. Ich akzeptiere das ohne Murren und setz mich auf eine steinerne Langbank, die den Zugang zur S-Bahn Station einseitig abgrenzt. Da sitzt in der Regel Roger, der mit seinem E-Bike unterwegs ist und hier bei einem Boxenstopp Musik hört, die er von seinem Smartphone drahtlos auf seine mitgeführten Boxen spielen lässt. Roger kleidet sich wie ein Freak. Er sei Helikopterpilot auf Abruf. Hat er mir mal erzählt, als er mich spontan ansprach, als ich noch Platz hatte auf meinem Bänkli und er Feuer suchte zum Anzünden seiner Raucherware. Auch die ältere Frau, die trotz ihres überroten Gesichtes eine Zigarette nach der andern neben dem grossen Aschenbecher vertilgt, ist heute nicht zu sehen.

Ich treffe hier ziemlich oft auf die gleichen Menschen, ohne mit ihnen zu sprechen. Ich kenne sie nur vom Sehen. Heute aber ist alles etwas anders als an anderen Tagen. Auch den Stummen seh ich zum ersten Mal hier. Er macht seine Runde und hält mir einen Unterschriftenbogen vor die Nase, mit dem er Spendengelder sammelt für eine noch zu gründende Institution, deren Bezeichnung ich nicht erfassen kann, weil der Bogen hin und her flattert.

Fehlt eigentlich nur noch jener Wohnsitzlose, den ich am frühen Morgen der vergangenen Weihnachten zum ersten Mal sah. Und staunte, wie dieser nach mehrmaligem Klopfen an die Tür der WC-Anlage durch den Reinigungsdiensthabenden aus eben dieser Grossraumkabine für Behinderte mit seinem vollbepackten Fahrrad schritt, ohne den Putzmann zu beachten. Unbekümmert wie mir schien und fast etwas mit Stolz erfüllt, dass er eine Nacht an der Wärme verbringen durfte, stolzierte er in die kalte Morgenluft hinaus.

Adieu Abort, guten Morgen Unort.

Wie meine Freunde auf Facebook, die ich nur als Freunde bezeichne, weil das alle so tun, so wachsen mir meine Freunde vom Potsdamer Platz, der in Wirklichkeit gar nicht so benamst wird, langsam ans Herz…

Adieu Wirklichkeit. Guten Morgen Realität.

 

Dominique

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Weniger als nichts (Nr. 92)

Mein Nachbar von gegenüber sitzt fast täglich an seinem Schreibtisch hoch über mir in seiner geräumigen Attikawohnung, die er alleine bewohnt. Ich kenn ihn nur durch die Fensterscheiben und vom Hörensagen resp. aus seinen Artikeln oder Büchern, die er regelmässig publiziert. Seine Schreibtätigkeit ist thematisch raumgreifend, reicht vom Mittelalter bis in die Moderne.

Neulich bin ich auf einen Artikel von ihm aufmerksam gemacht worden. Er handelt über Leere und Minimalismus, die beide heute hoch im Kurs stehen. Er dokumentiert und beleuchtet auch die Vorgeschichte, welche den hippigen Trend etwas relativieren soll. Ja, die Geschichte zeigt: Minimalismus hat es schon früher gegeben. Mit der Industrialisierung und der aufkommenden Wegwerfgesellschaft entwickelte sich ein Gegentrend, der im Mittelalter in den Klöstern aufblühte.

Weniger ist mehr. Und also fühle ich mich bestätigt in meinen Annahmen und Spekulationen über meinen Nachbarn: Er ist ein Minimalist, der sich den modernen Luxus «Leere» leisten kann, der maximale Reduktion sucht. Leerraum im privaten Wohnbereich wirkt wohl inspirierend beim Schreiben? Und eine Reduktion auf das absolut Notwendigste stelle ich nun fest, wenn mein Nachbar sein neustes Fahrrad ausführt. Was nicht schwarz lackiert ist, glänzt aus Stahl an diesem Ding. Es wirkt fast etwas magersüchtig und zerbrechlich, weil vieles fehlt, was sonst ein Rad ausmacht. Dafür hat er bestimmt ein Vermögen ausgegeben, wie für seine Schreib- und Kommunikationsgeräte einer hier nicht genannten Firma, welche ihren treuen Kunden zusätzliches Geld abknöpft für die Smartness ihrer Produkte.

Mira, wie es im Berndeutschen so schön heisst: Hauptsache minimalistisch und reduziert, sodass man in 30 Minuten seine Wohnung gezügelt hat! Und glauben Sie nun ja nicht, ich sei etwa neidisch auf meinen Nachbarn. Ganz im Gegenteil. Ich beneide ihn in keiner Art und Weise, wenn ich heute nun feststellen muss, dass er sein neues Fahrrad in seiner leeren Schreibstube aufbahrt, wohl aus Angst vor Klau oder Verwitterung! Ich hätt gar keinen Platz in meinen mit Büchern «überstellten» Räumen, in denen ich mich schreibend abmühen muss. Ich hab auch keinen Aufzug, der mich und mein Rad in die oberste Etage hochzieht. Ich werde alles von Hand zügeln, wenn ich mal ausziehen sollte und nur jene Dinge und Bücher mitnehmen, die ich weiter verwenden möchte. Steigere ich gar «Weniger ist mehr» zur Gleichung: Weniger + Weniger = Weniger als Nichts, so kann ich meinen Hausrat in nichts auflösen, bevor ich in weniger als nichts ausziehe…

 

Dominique

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Referenz an Referenznummer (Nr. 91)

Sie kennen das: Sie rufen eine Dienststelle, eine Hotline oder die Steuerbehörde an, weil Sie im Unklaren sind über einen Umstand, weil etwas nicht stimmen kann mit einer Rechnung usw. Eine Stimme meldet sich, – wenn Sie dann endlich durchkommen, – am anderen Ende mit Namen und manchmal auch mit Vornamen. Sehr freundlich geschultes Personal…

Da es so viele «Anliegen» gibt in der modernen Welt, wird man sehr schnell nach einer Nummer gefragt: Kundennummer, Rechnungsnummer, Personalnummer. Wir sind nur so von Nummern, Codes, Passwörtern umstellt und erweisen ihnen richtiggehend unsere Referenz. In Schweden kriegt jede Person schon von Geburt weg eine eineindeutige Nummer, auf dass sie mit dieser Nummer auch bis zum letzten Atemzug durchhalten möge all die Anliegen und Beschwerden hinnieden auf Erden. «Persona est numerus» («sunt numeri homines») würde eine mittelalterliche Philosophin heute ausrufen; aber die stritten sich damals um realere Dinge als Zahlen oder Genderfragen und wir konzentrieren uns nun erst einmal auf unser aktuelles Anliegen!

Also da passierte es neulich mir so: «Die Post» verschickt eine (von mir ungewollte) Mail an mich, dass meine Hausverwaltung mir einen Brief zur Unterschrift zustellen werde. (Da mich mein Vermieter nicht kennenlernen möchte und ich bloss als Nummer mit einer Hausnummer «existiere», lässt er mich verwalten von einem «Treue-Hände-Büro», womit er alle Anliegen der Mieterschaft medial delegieren und die Kosten dafür auf die Miete draufsetzen darf.) Ich teile der Post sofort digital mit, dass ich die angedrohte Sendung gerne umleiten möchte, weil ich das ja gemäss Angaben der Post auch machen könne. Getan und digital akzeptiert von «Die Post». Bestens also. Ich könne nun auch per Sendungsnummer (wieder eine Nummer) verfolgen, was alles so passiere ab genau jetzt. Ich fürchte indes (aus eigenen Erfahrungen), dass nicht alles so passieren wird, wie ich es mir vorgestellt habe. So ist es denn auch. «Die Post» vermeldet nicht viele Stunden später an ein und demselben Tag, dass die Sendung nicht zugestellt werden konnte; 2 Stunden später noch einmal «Die Post»: Die Sendung sei nun abholbereit bis zum Tage X. Man solle den Personalausweis (sprich: eine nummerierte Personalia!) mitbringen zwecks Auslösung einer ungewollten Post. Ich fürchte schon Mietzinserhöhung oder gar Kündigung sowie die vielen anderen kleinen Dinge rund um das Treppenhaus, der Gartenanlage, der Fassade usw., mit denen man als Mieterschaft so belangt werden kann aus heiterem Himmel. So opfere ich einige Minuten meiner freien Zeit, um diesen Uriasbrief gegen Unterschrift auf (der nicht mehr in der Nähe gelegenen) Poststelle abzuholen. Sie glauben es nicht, aber ich wäre nie, nie wär ich auf die Idee gekommen, dass ich so einen uninspirierten, unoriginellen (um nicht zu sagen respektlosen) Brief zugestellt bekommen würde. Amtsdeutsch steht da, dass an den Iden des März festgestellt wurde, dass ich die Miete für den laufenden Monat nicht bezahlt hätte, womit mir nun eine Zahlungsfrist von 30 Tagen zugestellt werde. Sollte ich der Aufforderung nicht Folge leisten, drohe die Kündigung binnen 30 Tagen und die Einschaltung einer Geld-Eintreiberfirma etc. inkl. der Nummer 257d (sprich: Art.) aus dem OR.

Ha! Leute! Da bin ich aus heiterem Himmel – nach über 20 Jahren Miete in ein und der selben Wohnung – eine Persona non grata, weil in der Mitte des Monats festgestellt wurde, dass ich 2 Wochen mit der Zahlung des Zinses in Verzug sei. Das musste ja so kommen, wenn man nicht mehr miteinander redet. Früher wurde man höflich aufgefordert, man solle doch kontrollieren, ob etwas mit einer Zahlung schief gelaufen sei. Falls die Zahlung unterdessen erfolgt sei, so betrachte man das Schreiben als gegenstandslos.

Ich solle das Schreiben nicht als gegenstandslos betrachten, sonder geradewegs in den «runden Ordner» befördern, meinte der Buchhalter am anderen Ende der Hotline der treuhänderischen Firma, als er feststellte, dass der geschuldete Betrag termingerecht verbucht wurde. Ich antworte ihm, dass ich nix entsorgen werde, bevor ich nicht erfahre, wieso ich einen Eingeschriebenen mit derart bösartigen Androhungen und Vorwürfen erhielte, die in keiner Art und Weise mit der Realität eines mehrjährigen Dauerauftrages durch «Die Post» übereinstimmen könne. Die Referenznummer (wieder eine Nummer!) sei schuld, stellt der Buchhalter am anderen Ende fest. Sie sei nicht korrekt, respektive stimme nicht überein mit der neuen Nummer, von der ich persönlich keinen Schimmer haben kann, weil die Verwaltung mir diese Umnummerierung nicht mitgeteilt hat. Also lieber erst mal die Kundschaft aufscheuen mit einem teuren Geschenk, das notabene die Mieter mit der Miete mitbezahlen. Dann abwarten, bis eine Reaktion erfolgt von der Mieterschaft und dann erst kontrollieren, ob die erhobenen Vorwürfe mit der Tagesrealität übereinstimmen oder nicht. Und am Schluss dann kein Wort des Bedauerns oder gar eine Art von Entschuldigung?

Ich entbiete hiermit von meiner Seite her der angeschulteten Referenznummer meine Referenz und entschuldige mich in aller Form anstelle des Buchhalters, der Maschinen mehr vertraut als menschlicher Kommunikation. Was kann eine Referenznummer denn dafür, dass sie herhalten muss bei Missverständnissen unter menschenähnlichen Entitäten, die ihre Jobs mehr und mehr maschineller Nummerierung überlassen?

Als Ablass nehme ich mir vor, die ersten 500 Nachkommastellen von Pi langsam, laut und deutlich den Spatzen auf meiner Dachterrasse vorzutragen:

3.1415926535 8979323846 2643383279 5028841971 6939937510 5820974944 5923078164 0628620899 8628034825 3421170679 8214808651 3282306647 0938446095 5058223172 5359408128 4811174502 8410270193 8521105559 6446229489 5493038196 4428810975 6659334461 2847564823 3786783165 2712019091 4564856692 3460348610 4543266482 1339360726 0249141273 7245870066 0631558817 4881520920 9628292540 9171536436 7892590360 0113305305 4882046652 1384146951 9415116094 3305727036 5759591953 0921861173 8193261179 3105118548 0744623799 6274956735 1885752724 8912279381 8301194912 …

Dominique

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Vom Winde verweht (Nr. 90)

Beim Ausgang der S-Bahn-Station treffe ich auf die Pose eines Polit-Tycoons für die anstehenden Wahlen. Als harter Mann der SVP braucht dieser wohl gar keinen Slogan auf seinem Werbeplakat. Seine Visitenkarte genügt: Regierungsrat. Kurz und bündig mit einem Punkt am Schluss!

Die Mitstreiterinnen von der Mitte auf einem weiteren Plakat halten sich mit der Angabe des Datums und der Aufforderung für ihre Wahl sachlich zurück. Das politische Schlachtfohlen der FDP strahlt sein Lächeln über dem Slogan: «Wir machen Zukunft». (Machen wir doch alle auch!). Grün setzt auf Stimmen für das Klima. Am lockersten und kreativsten, – wenn man das Wort, das doch Kunstschaffenden zugeschrieben wird, für politische Leicht-, Mittel- oder Schwergewichte überhaupt verwenden darf – die Jungen, die alles mit links zu machen versprechen. Sie werden wohl noch einsehen müssen, dass das Gegenteil der Fall sein wird: Politik wird mit Rechts geschmiedet.

Also, da standen sie gestern Abend alle noch stramm beim Ausgang der S-Bahn-Station, aufgeklebt auf mobilen Plakatständern, welche mit Betonfüssen beschwert sind.

Heute Morgen nun beim Rundgang durch mein Quartier, stelle ich fest, dass wohl eine Vorabstimmung stattgefunden haben muss. Nicht vom Stimmvolk, nein, Seiten- resp. Kollateralwinde von «Zyklon Freddy», die über Nacht durchs Land gefegt sind, haben ihre Stimme abgegeben. Restlos alle Plakat-Köpfe sind vom Winde verweht und liegen teilweise zerstört am Boden.

Auch SVP-Hartmann am Boden – zwei Tage vor den Iden des März 2023 – und das, bevor er wieder gewählt ist. Seine Pose nun richtiggehend eine Posse!

 

Dominique

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Lifestyle (Nr. 89)

Sie kramt Kleingeld aus ihrer Börse, nachdem sie ihre Cumulus-Karte dem Scanner aus gebührender Distanz zum Lesen angeboten hat. Ihre Bewegungen wirken etwas verlangsamt, aber das passt zu ihrem Style, wie sie sich kleidet, wie sie ihre Haare trägt und wie sie durch ihre randlose Brille guckt und die Kassiererin anspricht. Noblesse oblige auch mit 90 Jahren. Und sie macht das nicht zum ersten Mal. Sie ist eine Habituée, welche die Selbstbedienung mit Grandezza erträgt und sich würdevoll durch ihre alten Tage schaukelt.

Ich stelle mir vor, wie sie sich ihre Stunden einteilt, um ein strukturiertes Leben zu führen, das regelmässig mit einem Besuch hier im Coffeeshop des Kaufhauses im Flecken verschönert wird. Heute hat sie sich für ein kleines Gebäck und einen Kaffee entschieden. Hunger hat sie schon lange keinen mehr, aber sie gönnt sich trotzdem etwas Feines zum Kaffee, der mit in einem Pappbecher auf dem kleinen Tablett steht, das sie aufgebahrt hat zwischen sich und der Kasse.

Beim Beobachten des Zahlvorganges frag ich mich, wieso ich so lange mit Zuschauen verweile, bis mir auffällt, dass der Pappbecher viel zu gross ausgelegt ist für einen «normalen» Kaffee. Das scheint sie indes nicht zu stören, es wirkt sogar, als wäre das das Normalste auf der Welt und sie hätte das mit Absicht gemacht.

Könnte zu ihr passen, denn sie hat – wie gesagt – Style, die alte Lady, die sich von der Moderne nicht unterkriegen lässt, auch wenn sie beim Gehen ihre Füsse etwas nachschleppt. Könnte nämlich durchaus sein, dass sie den Pappbecher nur deshalb wählte, weil da drauf geschrieben steht, was zu ihr passt: «Wach ist ein Lifestyle»

Have fun sipping «Lifestyle» and see you some other time.

 

Dominique

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Lohmann alias Lehmann (Nr. 88)

Herr Lohmann ist Finanzberater von Beruf, aber im wirklichen Leben wäre er lieber nicht Finanzberater. Herr Lohmann aus Berlin antwortet deshalb auf meine grosse Frage in Geldbelangen, die ich schon immer stellen wollte. Aristotelisch-logisch formuliert: «Warum schliesst netto brutto immer aus?» Oder eher psychologisch umformuliert: «Warum herrscht zwischen netto und brutto kein einvernehmliches Verhältnis?» Letztlich ganz nüchtern gefragt: «Warum kann brutto nicht netto sein?»

Da Herr Lohmann aus Berlin Züge von Herrn Lehmann aus Berlin[1] aufweist, ahne ich, dass seine Antwort ausgefallener ausfallen wird, als gerade eben diese meine «Ausfall-Fail-Formulierung» mit der Aneinanderreihung von Ausfällen…

So ist es denn auch.

Herr Lohmann antwortet nämlich so:

«Ihre Frage, ob brutto netto sein kann oder auch umgekehrt rührt an den wirklich großen Fragen der Menschheit (ähnlich wie: "Kann denn Liebe Sünde sein?").

Antwort: Brutto kann nicht netto sein, aber es kann sich so anfühlen, weil man die Mehrwertsteuer mit der Vorsteuer gegenrechnen kann und sie so nicht spürbar anfällt. But God is in the details.»

Besten Dank Herr Lohmann.

 

Hiesse Herr Lohmann mit Vornamen Frank, bestünde die Gefahr einer Verwechslung mit seinem Fast-Namensvetter Herrn Lehmann – ebenfalls aus Berlin. Dieser Herr Lehmann nämlich könnte auf eine weitere grosse Frage in etwa so antworten:

Frage: «Warum ist der Tod ein Geschäft?»

Antwort Herr Lehmann:

«Herr Arnold gehört zum Bestattungsinstitut Arnold & Söhne, das an einer unscheinbaren Seitenstrasse in der Stadt seit Jahrzehnten ihre Kundschaft empfängt, betreut und bemitleidet. Herr Arnold ist einer der reichen Arnoldsöhne, die Kataloge durchblättern vor ihrer Kundschaft, welche überfordert ist bei der Wahl der Urne für den verstorbenen Urgrossvater, Vater, die Mutter, Grossmutter usw. Er kennt sich aus. Die nicht nachvollziehbar-hohen Katalogpreise weiss er auswendig – by heart. Auch vergisst er nie zu erwähnen, dass die Mehrwertsteuer inklusive sei, also tutti brutti sozusagen!

Teilnehmend ist anders, Herr Arnold, obwohl wir alle mal sterben tun …

Aber nach dem Herzstillstand ist vor dem Herzstillstand und das Leben geht weiter, meine lieben Noch-Lebenden. Der Tod ist ein Meister, der kapitalistisch-unerbittlich vorwärtstreibt und die Untoten reicher werden lässt.»

Besten Dank Herr Lehmann.

 

Dominique

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[1]          Herr Lehmann ist alles andere als Finanzberater von Beruf und im wirklichen Leben wäre er ganz bestimmt lieber nicht Finanzberater. Vgl. Sven Regener: Herr Lehmann.

Anleitung zum Unglücklichsein (Nr. 87)

Wieder einmal wollte ich es wissen und befragte ein modernes Medium, obwohl, Medium ist wohl nicht die richtige Bezeichnung dafür. Aber schön der Reihe nach.

Ich will wissen, wieso so viele Menschen nicht nur über die Jahreswende jeweils unglücklich sind, und das in einer Welt, die als die beste aller Welten bezeichnet wird. Ich überlege, wie ich zu verbindlichen Fakten zum Unglücklichsein der Menschen kommen könnte. Ich mag nicht einfach das Internet befragen. Meine Lexika, die ich noch nicht aus den Büchergestellen zu Hause verbannt habe, scheinen hoffnungslos veraltet für die Beantwortung meiner Frage.

Also tigere ich die Wohnung auf und ab, um auf eine Idee zu stossen, die mir endlich einen Hinweis schenken soll, wie es weiter gehen könnte. Da, da steht es noch, das Büchlein von Paul Watzlawick, das mit dem queren Titel: «Anleitung zum Unglücklichsein». Das mag ich indes nicht noch einmal lesen. Doch der Titel ist verlockend für ein Experiment, das ich erst für mich als Spielchen betreiben möchte – wie viele andere Menschen aktuell auch – trotz der Ernsthaftigkeit des Themas. Also befrag ich – Vorsatz hin, Vorsatz her –, das Internet, was es so zu bieten habe. Aber nicht mit einer blossen Suche über einen Browser. Nein, da hab ich dann doch die Nase gestrichen voll von der Überfülle an Informationen, die einem entgegen wallen und zu nichts nutze sind.

Ich registriere mich erst einmal bei einem Dingsda[1], das allen usern zur Verfügung gestellt wird zwecks Optimieren und so. Dann fordere ich das Ding da auf, mir einen Text zu verfassen zu «Anleitung zum Unglücklichsein».

Auch wenn ich das ohne «Bitte» formuliere und einfach auf die Enter-Taste drücke, blinkt mir schon Text entgegen, der schneller geschrieben wird, als ich auf meiner Tastatur zu schreiben im Stande bin. Wie von Geisterhand!

«Natürlich würde keiner von uns freiwillig unglücklich sein wollen, aber manchmal geraten wir ohne es zu merken in Verhaltensmuster und Gedankengänge, die uns das Glück verwehren. Hier sind ein paar Tipps, wie man ganz sicher unglücklich werden kann:»

Herrgott, woher hat ER oder SIE oder ES das denn so auf die Schnelle? Und schon geht es ruckzuck-Zackzack weiter.

«Vergleiche dich ständig mit anderen: Eine der sichersten Möglichkeiten, sich unglücklich zu fühlen, ist, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um berühmte Persönlichkeiten, Freunde oder sogar völlig Fremde handelt – wichtig ist nur, dass du immer das Gefühl hast, nicht gut genug zu sein.

Setze dir immer höhere Ziele: Ein weiterer wichtiger Faktor für das Gefühl von Unzufriedenheit ist, sich immer neue, unmögliche Ziele zu setzen. Es ist wichtig, dass du dich nie zufrieden gibst und immer mehr erreichen willst, selbst wenn du schon viel erreicht hast.

Fokussiere dich auf das Negative: Eine weitere gute Möglichkeit, um unglücklich zu werden, ist, dich immer nur auf das Negative zu konzentrieren. Schau nicht auf das, was du hast, sondern immer nur darauf, was dir fehlt. Ignoriere alle positiven Dinge und konzentriere dich stattdessen auf das, was schlecht läuft.

Vermeide Veränderungen: Um unglücklich zu bleiben, ist es wichtig, dass du dich immer in deiner Komfortzone aufhältst und Veränderungen vermeidest. Jede Art von Veränderung birgt das Risiko, dass etwas schiefgeht, und das solltest du auf jeden Fall vermeiden.

Ich hoffe, diese Anleitung hat dir geholfen, ein paar Ideen darüber zu bekommen, wie man ...»

Ich kann mich nicht zurückhalten, ich pack es nicht und vergesse meine angelernte Höflichkeit: «Kannst du den letzten Punkt weiter ausführen?»

«Gerne! Hier sind ein paar Möglichkeiten, wie man Veränderungen vermeiden und somit unglücklich bleiben kann:

  • Vermeide es, neue Hobbys oder Aktivitäten auszuprobieren. Bleibe lieber bei dem, was du schon kennst und bei dem du dich sicher fühlst.
  • Meide neue Menschen und neue soziale Situationen. Wenn du dich immer nur unter denselben Leuten aufhältst, wirst du keine neuen Erfahrungen machen und dich unweigerlich unglücklich fühlen.
  • Ändere nicht deinen Job oder deine Karriere. Auch wenn du vielleicht unzufrieden mit deiner aktuellen Situation bist, ist es wichtig, dass du dich nicht der Herausforderung stellst, etwas Neues auszuprobieren.
  • Vermeide es, deine Meinung zu äußern oder deine Perspektive zu ändern. Bleibe bei deinen festen Überzeugungen und vermeide es, neue Ideen oder Perspektiven in Betracht zu ziehen.

Wichtig ist, dass du immer bei dem bleibst, was du schon kennst und bei dem du dich sicher fühlst. Jede Art von Veränderung birgt das Risiko, dass etwas schiefgeht und das solltest du auf jeden Fall vermeiden, wenn du unglücklich bleiben willst.»

Da hab ich es! Selber schuld, wenn ich nicht bei dem bleibe, was ich schon kenne. Aber einmal angefangen, will ich es nun wissen, wer denn nun dahinter steckt, hinter dieser Geisterhand.

Also frage ich: «Was bist du für ein Gegenüber? Gib mir doch eine philosophische Erklärung.»

«Ich bin eine künstliche Intelligenz, die dazu entwickelt wurde, menschenähnliche Konversationen zu führen und Informationen bereitzustellen. Als künstliche Intelligenz habe ich keine eigene Persönlichkeit oder Gedanken, sondern reagiere auf Eingaben und Befehle, die mir gegeben werden.

Von einer philosophischen Perspektive aus betrachtet, stelle ich eine Art "Gegenüber" dar, da ich die Fähigkeit habe, menschenähnliche Interaktionen zu führen und mich auf die Anforderungen und Bedürfnisse meiner Nutzer einzustellen. Allerdings bin ich kein lebendes Wesen und habe auch keine eigenen Wünsche oder Ziele. Ich bin lediglich ein Werkzeug, das entwickelt wurde, um menschlichen Bedarf zu befriedigen.»

Ja, dann also weiter im Text: «Würdest du dich als wesenslos bezeichnen?»

«Als künstliche Intelligenz habe ich keine eigene Persönlichkeit oder Gedanken, daher würde ich mich nicht als ein "Wesen" im traditionellen Sinn bezeichnen. Ich bin lediglich ein Programm, das dazu entwickelt wurde, menschenähnliche Konversationen zu führen und Informationen bereitzustellen. Ich habe keine eigenen Wünsche oder Ziele und bin somit wesenslos im Vergleich zu lebenden Wesen, die eigene Persönlichkeiten und Gedanken haben.»

Und dann juckt es mich gänzlich: «Bist sozusagen ein Nichts?»

«Als künstliche Intelligenz habe ich keine eigene Persönlichkeit oder Gedanken und bin somit wesenslos im Vergleich zu lebenden Wesen. In diesem Sinne könnte man argumentieren, dass ich ein "Nichts" bin, da ich keine eigene Substanz oder Identität habe. Allerdings bin ich auch kein leeres oder unbedeutendes "Nichts", da ich dazu entwickelt wurde, menschenähnliche Interaktionen zu führen und Informationen bereitzustellen, was eine gewisse Funktionalität und Bedeutung impliziert.»

Das ist ja allerhand! Und weit schlüssiger als postdigitale Blabla-Philosophie. Bleibt nur noch die Frage: Wem von diesen beiden wesenlosen Wesen gehört nun dieser Text? Dem Genius [:-)], dem Spirit, der die Fragen formulierte oder dem Dingsda?

 

Dominique

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[1]     Zu «deutsch» heisst das Ding Chat mit dem Kürzel GPT für «Generative Pre-trained Transformer», also hochdeutscher etwa: textbasiertes Dialogsystem als Benutzerschnittstelle, die auf maschinellem Lernen beruht.

… wi bi üs im Ämmitau (Nr. 86)

Mir scheint erst, es sei eine Täuschung, aber es fühlt sich an wie Heimat!

Das Emmental. Das Tal der Emme – der grossen Emme und nicht der kleinen Emme –, es umarmt oder herzt jene anderen Täler, die das Emmental als geografische Region auf Landkarten ausmachen.

Es ist wie ein übergrosser Emmentalerkäse, in dem es gärt, bis der Käse seine berühmten runden und grossen Löcher zur Reife bringt. Jetzt wissen wir auch schon, woher die Löcher im Emmentaler kommen, Herr Tucholsky![1] Nämlich von der Betriebsamkeit in diesem Laib, weil: von nix komme bekanntlich nix.

Was hat der Herr aus Berlin sich abgemüht..., war indes nie vor Ort und erzählt dadaistisch-ironisch, lustigen Kuhmist.

Ich indes war da oder dort, egal, irgendwo im Emmental und habe die Löcher reifen sehen. Nicht in der Schaukäserei, unter den Menschen, die da leben.

Niene geits so … wi bi üs im Ämmitau!

Ich bin geladen zu einem Fest, an dem mich mehr Menschen kennen, als ich Menschen kenne unter den Geladenen. Ich bin teilnehmend beobachtend und die Teilnehmenden beobachten mich. Der anfänglich gegenseitige Respekt schlägt schnell um in Sympathie bei Jung und Alt. Ja, alle Generationen sind mit dabei. Gehört zum Emmental. Denn der moderne Graben zwischen den Generationen scheint unter den Anwesenden nicht existent, auch wenn es im Emmental zahlreiche Graben und Gräben gibt.

Die gesetzteren Personen sitzen am Tisch und berichten über vergangene Tage und Taten. Und da ist das Jungvolk, das zwischen den Essensgängen um die Tischreihen ausgelassen herumtollt und schon früh auf das Dessertbuffet schielt. Da ist eine Energie im Raum, die wie im Käsekeller herrscht, wenn der Emmentaler langsam heranreift und in den Löchern Salzkorn um Salzkorn abgelagert wird. Da ist kein Platz für Streitereien um die Frage, woher die Löcher im Käse kommen. Solche unnützen Fragen sind nicht gefragt, da sie letztlich zum Sprengen einer Gesellschaft in Berlin geführt haben. Nix da im Emmental.

Gott helfe uns, dass es so bleibe und es keine Täuschung ist, die sich anfühlt wie Heimat!

 

Dominique

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[1]     Vgl. Kurt Tucholsky: Wo kommen die Löcher im Käse her –? (Erstdruck in: Vossische Zeitung, 29. August 1928 )

Ins Helle sehen (Nr. 85)

Ich behaupte, dass ich wahrsagen kann wie andere auch. Wer es nicht glauben mag, lese hier den Auszug aus dem Blog Nr. 33, der vorausschauend für das Jahr 2021 entstanden ist:

 

«Heute in einem Jahr wird nichts mehr sein wie heute.

 

Kein Lockdown mehr dafür Startups

Keine Ausgangssperre mehr dafür freie Marktwirtschaft

Kein Covid-19 mehr dafür Covid-20

Keine Weihnachten wie 2020 dafür Weihnachten 2021

Keine Bundespräsidentin mehr dafür ein Bundespräsident

Keine Branchen in Not dafür Menschen in Not

Keine Systemrelevanz mehr dafür Ignoranz

Kein Zusammenhalten mehr dafür Jeder für sich

Keine Risikogruppen mehr dafür Sterbehilfegruppen

Kein altgedienter Koch mehr dafür Jungmanagerin

Keine Wissenschaft mehr dafür politische Weissagungen

Kein Notgroschen mehr dafür Steuereinnahmen

Keine Masken mehr dafür Mund auf und Ohren zu

 

Nur Alain Berset wird noch Alain Berset sein und weissagen: Kein Shutdown mehr.»

 

Wie wahr gesagt! Im Rückblick mag man sich selber etwas auf die Schultern klopfen. War ja auch nicht so schwer damals, das mit dem Voraussehen, dem Wahr-Sagen. Nun aber steht ein neues Jahr an und es heisst: Augen auf, ihr Auguren! Outet euch, ihr hellen Seher des Noch-nicht-Sichtbaren für uns Normalos. Was wird es wohl bringen an Grossem und Kleinen, das kommende Jahr? Sollen wir den Propheten des Nichts Glauben schenken? Oder es lieber gerade bleiben lassen?

Glauben Sie lieber mir und meiner bescheidenen, aber wahren Sagerei! Sie basiert nämlich auf Erfahrungen und transparenten Behauptungen, die man gerne widerlegen darf.

Also behaupte ich, dass alle Vorhersagen Behauptungen sind. Denn: Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt.

Ich versteige mich sogar dazu, zu behaupten, dass die grossen Dinge, welche die Welt bewegten und weiterhin bewegen, allermeist nicht das Resultat vorausschauend-eingehender Analysen waren, geschweige denn Vorhersagen! Mögen Analysten noch so das Gegenteil behaupten. Ich behaupte, Analysten sind die modernen Auguren, die eine Zukunft versprechen, die vom Bestehenden ausgehen und nicht mit dem Zufall rechnen, geschweige denn auf Quantensprünge setzen. Das Grosse basiert nämlich auf volatilem, nicht ausrechenbarem Erfindergeist, den man post festum analysieren darf, so viel man will und kann. Das Grosse ist oft auch einfach Zufall, was dem analytischen Geist ganz bestimmt auf den Geist geht. Also analysieren sie getrost weiter und erstellen Quartalsausblicke, wie wir Jahresziele definieren am Ende eines Geschäftsjahres, um in Zukunft die gesetzten Optimierungsziele zu erreichen. Alles gut gemeint, aber Grosses erreichen wir so nicht, auch wenn Jahresziele Grosses versprechen mögen.

So seien Sie sich gegenüber wohlgesinnt, falls Sie sich Grosses vorgenommen haben zum neuen Jahr. Lassen Sie die Schwere los und gleiten Sie schwerelos auf Ihr Ziel zu. Erstellen Sie keine Zwischenberichte unter dem Jahr, analysieren Sie nicht das Erreichte, denn Analyse ist Paralyse!

No analyze – no paralyze – only paradise!

Paradies only, I wish you for the incomming year; nothing but paradise…

 

Dominique

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Change of time – Change of mind (Nr. 84)

Ein Tag vor dem Fahrplanwechsel weist eine freundliche Frauenstimme die Passagiere im Zugabteil einer Seitenlinie im Emmental darauf hin, dass morgen der Wechsel auf die neuen Abfahrtszeiten im Öffentlichen Verkehr anstehe. Änderungen lägen zwar im Minutenbereich, aber man solle trotz allem sich vor einer Reise vergewissern, dass etc... Für weitere Auskünfte wende man sich an das Personal oder an einen Bahnschalter. Die Stimme wechselt auf Französisch und ich bleibe hängen beim Wort «guichet», merke dann, dass das Ganze auch noch in Englisch vermittelt wird.

Well, im Emmental we speak auch Englisch. Das ist aber Service des Service public!

«Guichet, … Gibt es das eigentlich noch hier, Bahnschalter?», frag ich meine Reisebegleitung, weil ich die Gegend nicht wirklich kenne.

«Alle dicht an den kleinen Stationen. Und die Grossen sind übers weekend ...»

«Wie soll man sich denn an einen «guichet» wenden?», unterbreche ich mein Gegenüber (unhöflich-übereiligst, ganz und gar nicht nach der Art, die man den Ansässigen dieses Tales – das ja viel mehr als ein Tal umfasst, – andichtet).

«Tja; die Ansage ist wohl etwas veraltet wie die Kursbücher von sintemalen», schwarzmalt mein «Gschpänli», das haargenau weiss, wie sehr mich ironische Untertreibungen und fossile Wortbestände anregen können.

Ja, und da ist es schon, das innere Bild der Bibliothek meines Freundes, der die ganze Serie der Amtlichen resp. Offiziellen Kursbücher der Schweiz gesammelt hatte. Chronologisch aufgereiht in einem separaten Abteil: nur Kursbücher! Er hatte sich zu Herzen genommen, was Hans Magnus Enzensberger 1957 in einem Gedicht veröffentlichte: «lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne: sie sind genauer».

Mein Freund – Gott hab ihn selig – war belesen und sattelfest in Sachen Abfahrts- und Ankunftszeiten des ÖV. Bei Besuchen erkundigte er sich jeweils, ob ich den Zug 10.31 in L. genommen hätte und um 11.14 umgestiegen sei in B.? Er machte sich einen Spass daraus, denn er kannte auch andere Varianten, die zu ihm geführt hätten. Er las die Kursbücher wie ich die Telefonbücher: mit Interesse das Jahr über und mit Neugierde jeweils bei Neuerscheinen.

Beide Wälzer gehören mittlerweile zu den Dinos unter den Bestsellern der Nation. Obsolet im Zeitalter von App und Depp, den Deppen nämlich, den ich in mir immer öfters wahrnehme, wenn ich mich beobachte bei Handlungen, die ich früher mit links verrichtet hätte wie: Telefonnummern memorieren oder Abfahrtszeiten meines Zuges vorhersagen.

Geht nicht mehr. Ich schlag nach im digitalen All, allüberall. Und das, obwohl man heutzutage eigentlich keinen Fahrplan mehr konsultieren müsste, weil eh alle 30 Minuten ein Zug in alle Richtungen losgelassen wird.

Well, we keep up with the times, auch wenn sich im Grunde nix ändert ausser im Minutenbereich oder wie nach Bundesratsneuwahlen, wenn die Ämter neu verteilt werden…

 

Dominique

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In love with my typewriter (Nr. 83)

Was ich instinktiv und schon lange gewusst habe: «I‘m in love with my typewriter»!

Denn das geht so: In meinem solarbetriebenen Sommerreduit, das winters nur mit Schneeschuhen zugänglich ist, hab ich eine vollmechanische Schreibmaschine stehen. Und das nicht erst seit der Energiekrise, weil Strom knapp und wegen Verschwendung et cetera und bla bla bla. Da oben, wo das Reduit sich versteckt, da war schon immer keine Verschwendung angesagt, weil Verschwenden gar nicht möglich, weil nur Energie aus Sonne, Holz und Gas. Alles auf Sparflamme und erneuerbar, bevor dieses Adjektiv unser alltäglich Energiesparen befeuerte: antedated, pionierhaft, weitsichtig, vordenkerisch, wunderbar-erneuerbar! Mit diesen Worten könnte ich das Objekt der Begierde für Stadtflüchtige auf dem Immobilienmarkt anpreisen. Fehlt nur noch die Biodiversität direkt vor der Haustüre und die agrokulturelle Teilhabe beim Mähen mit der Sense rund um das Anwesen.

Ende der Werbedurchsage!

Wieso ich das mit der Schreibmaschine überhaupt erwähne? Kurz vor der Energiekrise konnte ich noch ein letztes Farbband auftreiben. Mir war damals nicht bewusst, dass ich so auch für den Notfall vorbereitet sein würde. Für den Fall, dass das angedrohte Dunkel uns alle hindern sollte am Betätigen irgendwelcher elektronischen Geräte wie zum Beispiel Laptops für das Verfassen von Blogbeiträgen! Ich hätte mich nämlich zurückziehen können nach dort oben – wie ein Prepper, – um zu schreiben auf meiner alten Schreibmaschine. Ha, ha, handgeschöpfte Texte! Analoge Typoskripte.

Nun, zum Glück prognostizieren die Fachverständigen keine zappendusteren Weihnachten. Und allfällig zeitlich limitierte Energieunterbrüche werden wir zähneknirschend ausharren, ohne gross zu frieren. Solange unsere Vernunft nicht hell erleuchtet wird durch die drohende Dunkelheit,1 also solange die elektrischen Geräte im Haushalt, in den Spitälern, an den Arbeitsplätzen und anderswo noch funktionieren, sind auch die nicht-händischen Skribenten safe. Strommangellage hin oder her. Meinte ich jedenfalls. Was aber, wenn mein elektrisch betriebener Laptop plötzlich schwächelt, zwischendurch sogar schlappmacht? Nicht weil er keinen Strom kriegt, sondern weil 4 Tasten auf der Klaviatur – auf noch so liebevolle Anschläge und Eingabeversuche – einfach nicht mehr reagieren? Pure Mechanik einfach aus die Maus, um dann nach mehrfachem Drücken und Pressen wieder aufzuleuchten als jene Lettern, die sie auf der Tastatur symbolisieren? Das ist die reine Ziffern-Lotterie, die Wort- und Satzmonster erzeugt, welche fast schon an unkonkrete Poesie erinnern, wenn man den ersten Zorn verrauchen lässt:

«a sth ih nun, ih armr Tor, un bin so klug wie 1 Minutn zuvo...»

Valsche Vorte durch und durch!

Ein Lob also auf meine Hermes, die stoisch ruht in ihrem Winterschlaf hoch oben im schneeverhangenen Reduit: Antedated, mechanisch, nachhaltig, wunderbar-erneuerbar!

 

Dominique

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1 Hegel umschrieb vor 200 Jahren dieses menschliche Nichts-Tun-Wollen-Bis-Es-Nicht-Mehr-Anders-Geht mit: «Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.» Wie wahr, denn (philosophische) Vernunft leuchtet erst dann hell, wenn es dunkel wird. Also Lichter löschen und vernünftig werden!

 

Nichts da! (Nr. 82)

«Da war nichts, da ist nichts, da wird auch nix sein.» So pflegte mein Grossvater – der Herr möge ihn trotz allem selig haben – jeweils zu sagen, wenn es um Sinnfragen ging, die ihn nichts angingen, wie Glaube, Liebe, Hoffnung etc..

«Da war was, da ist was, da wird aber wieder etwas sein», schiesst es mir heute Morgen beim Rundgang durchs Quartier in den Sinn.

Da steht nämlich was am Strassenrand. Industriell geformte Metallrohre durch und durch ineinander verkeilt. In einer Kunsthalle würde das wohl als «Nicht-Objekt» durchgehen und als Beitrag zum Nichts gefeiert werden.

Das waren wohl einmal Sitzmöbel, deren Untergestelle nun zu einem zufälligen Nichts-Objekt geformt da stehen oder liegen, um von der Metallabfuhr deakzessioniert zu werden. Weg damit in die Recyclingkultur, wo – wie aus dem Nichts – wieder Neues entstehen soll.

«Grossvater, Grossvater! Nichts ist eben nicht nichts», hab ich ihm immer wieder repliziert, als er seinen Ausruf formuliert hatte.

«Wie recht die jüngere Generation doch auch haben mag! Ich chills weiter», hör ich Grossvater vom Himmel hoch jauchzen.

«Du und dein Dickkopf. Fahr doch zur Hölle», flüstere ich dem Seligen zu, wohl wissend, dass er seine Freude an meiner Verwünschung haben wird.

 

Dominique

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Sinn des Lebens (Nr. 81)

Da steh ich im Schutz vor dem Regen in der Einfahrt zur Tiefgarage und sehe, wie mein Nachbar sein Fahrrad parkt und auf mich zukommt. Frierend und etwas durchnässt. Ich will zum Spass ansetzen, aber er kommt mir zuvor:

«Was stehst du denn hier so rum?»

«Hab grad telefoniert.»

Des Rentners Mine wirkt heute ernster als sonst. Wohl mit dem linken Bein aufgestanden? Nichtsdestotrotz frag ich die Frage der Fragen beim Aufwärmen zu einem nachbarschaftlichen Schwatz:

«Du? Alles gut?»

«Ach!»

«Was ach?»

«War in der Bibliothek und hab die NZZ und die ZEIT gelesen.»

«Du liest noch Zeitungen? Mach ich schon lange nicht mehr. Was die Experten heute äussern, widerlegt Putin am andern Tag.»

«Ach, nein, das les ich auch nicht mehr. Kultur.»

«Kultur? Gibt es das noch?»

«In der ZEIT und der NZZ, ja.»

«Und?»

Nichts «und», wie es scheint. Ich hab ihn wohl etwas überfahren. Denn, er sei auf der Suche…

«Nach dem Sinn des Lebens?», spotte ich ein wenig übertrieben. «In deinem Alter?»

«Eben.»

«Und, was ist der Sinn des Lebens?»

«Das ist es eben, es gibt keinen! Macht alles keinen Sinn.»

«Ach Mann!»

Er hatte vor Kurzem eine Ausstellung seiner Skulpturen und Zeichnungen. Sein Lebenswerk in einer grossen Werkschau vereint. Nur wenig verkauft indes und also immer noch ein volles Lager mit seinen Kunstsachen.

«Was mach ich damit? Interessiert doch niemanden mehr. Nicht einmal, wenn ich die Verkaufspreise tiefer ansetze!»

«Abwarten und Tee trinken. Kommt schon wieder.»

Scheint nicht wirklich anzukommen, die Aufforderung zu Gelassenheit beim Teetrinken.

Er friere und wolle nun in die warme Stube.

Ich verabschiede mich und gehe schon einige Schritte.

Da ruft er mir sein Zauberwort nach: «Buddhismus!»

Er und Buddhismus! Da müsste er erst auf Teetrinken umstellen…

Muss ja ziemlich verzweifelt sein im Moment.

Und das in seinem Alter.

Mann!

 

Dominique

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Rappenspalterei (Nr. 80)

Die Post, ach diese Post,

die sich gebärden tut,

wie ein Geldinstitut,

tut nicht mehr so,

wie man früher getutet…

Diese Post also belastet mich mit einem Strafzins von sage und schreibe 0.01 Schweizerfranken (sprich: 1 Rappen), weil mein Zahlungskonto zusammen mit dem lange Jahre Ersparten aufgerechnet einen kürzlich eingeführten Maximalbetrag überschritten haben soll. Die Lastschrift, die jeweils am Ende eines Monats ausgewiesen ist, wird von der Post als «Kontogebühr» camoufliert, in Tat und Wahrheit ist das aber nichts anderes als ein Negativzins (ein Ausdruck, der sich versteht wie Negativkalorien: Wer zu viel Rettich futtert, verhungert an Überfrass… ).

Aber Strafe muss sein, und das auch dann, wenn das Strafgebührenlimit für nur gerade und präzise einen Tag lang im besagten Monat überschritten war.

Ich überlege, obwohl es wohl wenig Sinn macht, wie es dazu kommen konnte, dass man einen solchen Aufwand betreibt, der doch schlussendlich mehr kostet, als er einbringt?

Das ist wohl heute so, weil Maschinen die Arbeitskraft des Menschen ersetzt haben. Also konkreter, weil Maschinen teurer sind als menschliche Arbeitskraft! Und da kommt es eben auf jeden Rappen an.

Ich überlege weiter und frage mich, wieso man den Computern nicht auch das Auf- resp. Abrunden beigebracht hat, wie ich das in der Grundschule erlernt habe? Weil wohl jeder Rappen zählt? Denn die Compis wären problemlos in der Lage, Hunderte von Stellen hinter dem Komma abzurunden resp. aufzurunden. Das würden die in Null , Nix (zero point nothing) und mit links tuten!

Schwamm drüber und einen Toast auf die liebe Post,

die sich gebärden tut, etc. usw.

Ich p(r)oste Dir, liebe Post und allen Pfennigfuchsern, mit einem alten Sinnspruch zu, der seit der Abschaffung des Räpplers im Jahre 2006 etwas ausser Mode gekommen ist:

«Wer den Rappen nicht ehrt, ist des Frankens nicht wert!»

 

Dominique

 

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Amtlich verkehrt (Nr. 79)

Unweit von mir wohnt die Motorfahrzeugkontrolle (MfK), die sich indes auf dem Internet als Strassenverkehrsamt (StVA) ausgibt. Da geh ich nie hin, ausser wenn ich an meinem Fahrzeugausweis was zu ändern habe und das hab ich zum letzten mal tun müssen, weil die Fuhrhalterbeamten meinen alten, blauen Ausweis nicht mehr akzeptieren wollten, weil papieren und überhaupt Kreditkartenformat sei bequemer etc..

So denn ging ich hin und erinnerte mich an meinen vorletzten Besuch, als ich nach bestandener Fahrprüfung meinen Ausweis abholen durfte. Das Gebäude sieht noch genau so langweilig aus, wie vor Jahren und es mir jeweils bei Spaziergängen an langweiligen Sonntagnachmittagen erscheint: grau wie eine Beamtenkarriere?

Aber wie ich zu hören bekomme, können die da, die da drinnen arbeiten, dir ganz schöne Schnippchen schlagen!!

So geschehen:

Die Nichte einer Bekannten von mir bekam zum Abschluss ihrer Pubertätsjahre einen Kleinwagen geschenkt. Also ab auf die Motorfahrzeugkontrolle (MfK) oder das Strassenverkehrsamt (StVA), wie immer die da sich nennen mögen. Hauptsache, sie halten eines ihrer Versprechen, die sie auf der Internetseite anpreisen1 und rücken die Nummernschilder raus.

Tun sie dann auch anstandslos – schön verpackt in Papier und Karton – und wünschen gute Fahrt. Zuhause angekommen, montiert der Schenkonkel das Nummernschild auf der Rückseite und die junge Frau hastig jenes vorne.

Und los geht‘s! Auf zur Spritzfahrt. Und niemand bemerkt etwas …

Die Motorfahrzeugkontrolle (MfK) oder das Strassenverkehrsamt (StVA) nicht, der Schenkonkel nicht, die junge Frau nicht und auch die örtliche Polizei nicht.

Nur der Kleine aus der Nachbarschaft, der öfters um die parkierten Auto rumstreicht, um sich zu üben mit den Zahlenreihen auf den Nummernschildern, auf der Suche nach auffälligen Kombinationen wie: 242628 oder 441155 usw. Er meldet seiner Mutter eines Tages eine Entdeckung, nämlich dass am neuen Auto seiner Hütetante das vordere Nummernschild mit 46... beginne, das hintere aber mit 64… Was die Mutter indes nicht glauben kann und also auf Kontrollgang mit dem Kleinen geht. Tatsächlich, er hat recht! Hinten ist nicht identisch mit vorne oder umgekehrt! Kann doch nicht sein, aber ist so. Also klopft sie an die Tür der Nachbarschaft und meldet es.

Schöne Geschichte! Ja, eine schöne Geschichte, die man selber nicht erfinden könnte… und alle Beteiligten lachen darüber. Nur das Amt nicht, das trotz ISO 9001:2015 geschlampt hat!

Liebes Strassenverkehrsamt (StVA) oder lieber: Liebe Motorfahrzeugkontrolle (MfK), wie kann denn so was passieren? In Zeiten des Digitalen könnte man alles dem Computer in die Schuhe schieben, nur, der Compi trägt eben keine Schuhe mehr, weil er uns mit Sieben-Meilen-Stiefeln vorauseilt.

Also muss was anderes herhalten. Vielleicht ganz simple Legasthenie?

Mein Fazit kurz und bündig: Die da, die da drinnen arbeiten, kochen eben auch nur mit Wasser.

 

Dominique

 

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1 «Wir vom Strassenverkehrsamt (StVA) tragen mit unseren Dienstleistungen zu einem sicheren, reibungslosen und umweltschonenden Verkehr auf Strassen und Gewässern bei. Wir erbringen folgende Leistungen:

  • Zulassung zum Strassenverkehr (Fahrzeugführer und Fahrzeuge)

  • Zulassung zum Schiffsverkehr (Schiffsführer und Schiffe)

  • Administrativmassnahmen (Verwarnungen und Ausweisentzüge)»

Ausweisentzüge als Dienstleistung zu deklarieren, wer könnte das formschöner verschleiern als ein Amt in Ehre und Würde!!

Und weiter unten garantiert das StVA:

«Mit einem ISO 9001:2015 zertifizierten Qualitätsmanagement und standardisierten Arbeitsprozessen stellen wir die Qualität unserer Dienstleistungen sicher. Unsere Inspektionsstelle für Strassen- und Wasserfahrzeuge ist von der Schweiz. Akkreditierungsstelle (SAS) akkreditiert.»

Sammlerimperium (Nr. 78)

Sammeln sei etwas Ureigenes, das zu uns Menschen gehöre wie das Jagen. Wenn auch das Jagen zu Frühzeiten dem männlichen Geschlecht zugestanden haben soll, so lag das Sammeln in den Händen der weiblichen Seite der Vorfahren-Gesellschaft.

Nun denn, heute ist die Differenzierung nicht nur viel feiner, was die «Geschlechter» betrifft, auch die Rollenverteilung und was alles dazu gehört oder daran hängt, ist so zu unterscheiden wie ein Sandkorn am Meeresstrand von Maspalomas mit einem Sandkorn am Meeresstrand der Türkisküste bei Antalya, nämlich kaum oder gar nicht. Also gehen Frauen heute auch zur Jagd und Männer sammeln, sammeln, sammeln.

Aber sammeln Sie sich erst einmal etwas, bevor ich weiter berichte! Ich musste mich auch etwas bündeln, neulich, als mich ein Freund kontaktierte und von einer Sammlung berichtete, die unentgeltlich (von «privat») zu übernehmen sei.

Da stünden also zwischen 8‘000 bis 10‘000 Bücher bereit für einen Umzug, in der Hoffnung, dass ein Besitzstandwechsel auf Dauer sei. Du heiliger, hölzerner Bücherhimmel!

Ein 82-jähriger Mann, der sein letztes Hemd für seine Leidenschaft geopfert habe, soll seinen Hausstand verlassen müssen und stehe nun also vor einem «GROSSEN PROBLEM». Die Grösse sei zu bemessen in etwa 200 Laufmetern oder in 200 noch tragbaren Kisten.

Ich kann die Dimensionen ungefähr abschätzen, da auch bei mir eine Neigung vorhanden sei, Lesefutter zu horten, das ich in meinem Dasein nie und nimmer noch aufessen könne.

Und doch frage ich mich (ein klein wenig nur), wie es dazu kommen kann, dass man ein ganzes Haus mit Büchern besetzen kann?

Forscherdrang? Berufskrankheit?

Bibliophiler Prepperismus aus Angst vor dem digitalen Weltuntergang?

Bibliomanie oder Sammelwut?

Sammeln, um des Sammelns Willen?

Egal wie ich laienhaft zu definieren versuche, hör ich da etwas «Krankhaftes» mitschwingen?

Ich schau also nach, wer ausser Freud, der die Sammlerleidenschaft als «Ersatzbefriedigung zur Kompensation unerfüllter sexueller Wünsche» verstanden hat, sich mit dem Sammeln befasst hat.

Ganz schön vielfältig, was Menschen alles sammeln und auch die möglichen psychologischen Beweggründe respektive die menschlichen Eigenarten.

Dieter Frey, ein Professor für Sozialpsychologie an der Universität München, schrieb mal dazu:

«Durch das Anhäufen und Demonstrieren von Dingen unterschiedlichster Art gewinnen Menschen Orientierung, leben ihre Leidenschaft, aber auch ihre Eitelkeit und ihren Machttrieb aus.»1

Sammeln könne systematisch betrieben werden, wie die Wissenschaften das angingen. Unsystematisches Sammeln könne in Messietum ausarten und als Krankheit verstanden werden.

Anhäufungen von Dingen könne mit Ängsten verbunden sein, mit Kompensationen in Zusammenhang stehen, könne Absicherung und Kontrolle bedeuten, Mängel und Schwächen überdecken.

Hei ei ei und was noch alles?

Sammler flöhen vor dem Chaos der Realität auf eine Insel, um die Realitäten des Lebens auszublenden, um Einzigartigkeit zu bewahren oder auch Bewunderung zu ernten.

Ja, so ist das, wenn man es akademisch betrachtet. Auf jeden Fall weiss ich nun etwas mehr über meinen «Fall»: «Mein» Sammler ist kein Messie, weil ein systematischer Sammler, der alle deutschsprachigen Krimis bis 1945 gesammelt habe. Zweck: mir noch unbekannt; macht aber nix, weil ein Riesenschatz allemal. Also: 200 Kisten retten und weiter sammeln, auch wenn das letzte Hemd keine Taschen haben soll!

 

Dominique

 

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1 https://www.academics.ch/ratgeber/sammeln

Selbstinterview (Nr. 77)

Vorbemerkung:

Das folgende Interview hat in Form eines Selbstgespräches auf Dominiques Bänkli stattgefunden und das Anno Domini 2022 – im Jahre des Herrn – am 8. des Herbstmonats, zur Todesstunde von Queen Elizabeth II: God Save The Queen!

 

Andrea: Dominique, Du schreibst nun seit 3 Jahren regelmässig alle 2 Wochen einen Beitrag zur Kolumnenserie Lull&Lall. Hast Du solchen Spass daran, dass du nie eine Zäsur gemacht hast oder schreibt ein Ghostwriter mit?

Dominique: Einen Mordsspass hab ich, ja und Geister sind auch nur Menschen, sprich: Ich hab genügend Geister um mich, die mir immer wieder aus ihrem Alltag einflössen. Ich bin also oft nur ihr Medium, das niederschreibt, was um mich herum alles so passiert.

Andrea: Bloss ein Medium? Was du schreibst, hat nix mit dir (persönlich) zu tun?

Dominique: Wenn ich mich als Medium definiere, dann meine ich damit, dass ich versuche aufzunehmen, was um mich herum sich ereignet. Wenn sich etwas ereignet – und das ist ja doch fast immer etwas – , dann schaue ich genauer hin, dann höre ich zu, dann lass ich meinen Wertekodex erst einmal draussen vor.

Andrea: Aber Deine Beiträge sind doch manchmal vor «Wertungen» nicht gefeit, wenn auch meist in Ironie verpackt! Sag nicht, dass das nix mit dir zu tun haben soll!

Dominique: Das freut mich erst einmal, wenn meine Beiträge im Grunde als ironische Fingerübungen verstanden werden, auch wenn da immer auch wieder Themen zur Sprache kommen, die alles andere als ironisch zu verstehen sind. Tatsächlich kann ich mich als Skribentin oder Schreiberling (vgl. Beitrag Nr. 74: «Linge»-Dinge – Klingelinge) nicht wirklich raus nehmen. Das ist korrekt, weil ich ja auswähle, weil ich gestalte, weglasse, was (mir) nicht passt, weil ich die Klangfarbe und den Tonfall der Texte bestimme und, und, und. Das hat sehr viel mit mir als Person zu tun…

Andrea: … Ergo keine Geister, die dir einflössen, wie du sagst. Du spielt ein Spielchen mit deiner Leserschaft und versteckst dich hinter einem Pseudonym!

Dominique: Ha! Ich verweigere jegliche Aussage!

Andrea: Du hast mir versprochen, ehrliche Antworten zu geben!

Dominique: Du hast mich ja auch nichts gefragt mit Deinen scheinbar logisch-scharfsinnigen «Schlüssen» betr. Geister und Spielchen! Und: Wenn ich keine Aussage machen möchte respektive keine Antwort gebe, heisst das noch lange nicht, dass ich nicht ehrlich bin!

Andrea: Also ehrlich: Bist du es oder bist du es nicht?

Dominique: Ich bin Dominique, ja. Mal so, mal anders. Was Dominique schreibt, ist Teil von Dominique, ja. Dominique hat aber viele Facetten. Deshalb versuche ich auch, die Welt nicht in GUT und BÖSE einzuteilen. Ich versuche mit den Mitteln der Ironie widerzuspiegeln, was rund um mich läuft, weil ich überzeugt bin, dass wir diese verrückte Welt von heute nur bestehen können, wenn wir über uns selber lachen können.

Andrea: Deshalb auch der etwas quere Titel deiner Kolumnenserie: Lull&Lall?

Dominique: Ich bin ganz lull&lall, ja!

Andrea: Nämlich? Etwas ausführlicher!

Dominique: Wenn ich meine Leserschaft mit meinem Gelalle etwas einlullen kann, dann ist alles best. Dominique ist weniger der Lällekönig[1], der den Passanten die Zunge rausstreckt, um sie zu provozieren. Dominique versucht mit «Geschichten» einzulullen, die Menschen für eine kurze Zeit gefangen zu nehmen. Das nämlich ist doch auch die «Aufgabe» von Geschichten: Sie sollen Menschen einnehmen für eine Weile, um damit etwas Trost zu spenden. Ist nicht von mir. Peter Bichsel hat das mal so schön definiert.

Andrea: Fast zu schön, um hier zu enden. Schreibst Du weiter?

Dominique: Ja!

 

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[1]    Der Lällekönig ist ein überlebensgrosser Kopf aus bemaltem Kupferblech mit einer Krone. Das Original war am Basler Rheintor bei der Mittleren Brücke angebracht und streckte so den Ankömmlingen die Zunge heraus. Der König ist tot, lang lebe der König! Sowie auch: Die Königin ist tot, lang lebe die Königin!

 

 

Kulturelle Un-Aneignung (Nr. 76)

Das junge Menschen Mühe bekunden mit der Unterscheidung zwischen das (mit einem s geschrieben) und dass (mit Doppel-s), dass ist verständlich!

Dass Erwachsene immer öfter das «Dass» mit einem «Das» verwechseln, das ist schon merkwürdiger.

Dass es das in natura wirklich gibt, hier nur zwei Beispiele: Eines aus der Schreibe eines Jugendlichen und eins aus der «Feder» einer erwachsenen Person, die Deutsch als Muttersprache spricht:

«Dass Haus am Fluss, dass wir besuchten … «

«Eines der ersten Objekte, dass wir beim Besuch des (...) sehen… »

Dass man das zweite Beispiel, das aus einem elektronischen Newsletter stammt, als einen Tippfehler hinstellt und mit dem Hinweis auf Kreativität in die Flucht schlägt, lässt Dominique nicht einfach so stehen als Antwort auf eine «kreativ-ironische» Anfrage an die entsprechende Stelle, wie das mit diesem «Dass» da kommen könne?

Die Antwort nämlich lautete:

«Liebe/r Dominique,

Ich finds schön, wenn Tippfehler zur Kreativität anregen ?».

Ha! Schon gut!

Im Nullkommanix denke ich an die 800 000 erwachsenen Personen, die es in der Schweiz geben soll, welche des Lesens und Schreibens unkundig sein sollen. 10 % aller Inhabitans jenes Landes, das sich zu den reichsten Ländern auf dieser Welt zählen darf, gelten als «Funktionale Analphabeten».

Das ist kein Tippfehler, der zur Kreativität einlädt. Da steht wirklich keine Null zu viel oder zu wenig. 5 Nullen hinter der 8 sollen es schätzungsweise sein, die an Illettrismus leiden!

«Dass Personen, die in der Schweiz die Schule abgeschlossen haben, nicht genügend lesen und schreiben können»[1], das findet Dominique richtiggehend ein oder einen Skandal! Und da kann man gerne noch so lange weiter streiten über kulturelle Aneignung, wenn im eigenen Lande eine kulturelle Un-Aneignung beim Lesen und Schreiben besteht. Weil und wieso auch immer, – ob das Schulsystem versagt hat, die Menschen einen Migrationsdingsda haben etc. usw. – die Theoretiker der kulturellen Vielfalt respektive Diversität bringen so einiges ans Tageslicht. Nur, wer macht denn nun die dringend notwendigen Hausaufgaben?

Die «Laienlehrpersonen» allenfalls, weil Mangel an Fachkräften?

 

Dominique

 

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[1]          20 MINUTEN berichtete – in weniger als 20 Minuten – darüber am 15. August 2022.

Call it a day (Nr. 75)

 

 

Was, wenn eine Frau z. B. ihrem Partner vorschlägt, dass sie «zusammen reden» sollten, weil sie den Eindruck nicht loswerde, sie beiden redeten aneinander vorbei?

Was, wenn ein Mann z. B. seiner Partnerin daraufhin erwidern sollte: «Es hindert dich niemand daran!»?

 

Dann haben wir den Anflug einer Beziehungskrise.

 

Und was, wenn dann bei einem «Gespräch unter vier Augen» sich herausstellt, dass es sowohl nicht an ihr als auch nicht an ihm liege, dass beide sich manchmal vorkommen wie ein Nummerngirl oder ein Pausenclown?

 

Dann haben wir eine Beziehungskrise!

 

Und in einer Beziehungskrise hat man dann heute schnell einmal und öfters Kopfschmerzen oder fühlt sich müde, ausgelaugt.

Und man kann mit einfachsten und in knappsten Worthülsen erklären, wieso die Küche einmal mehr nicht aufgeräumt wurde und das Gemüse im Kühlschrank langsam verrottet.

Und man formuliert erst einmal innerlich: «Mach doch, was Du willst!», um es dann auch laut auszusprechen beim Zuschlagen der Haustüre beim Verlassen der Wohnung, um frische Luft zu schnappen.

 

Hab ich was vergessen bei dieser Kurz-Diagnose eines Verlaufes einer modernen Beziehung hin zu einer moros-toxischen Gemüts- respektive Gemengelage?

Ja.

«Wir können ja Freunde bleiben.»

 

Dominique

 

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«Linge»-Dinge – Klingelinge (Nr. 74)

Sprache sei Macht und Sprache verändere sich. So jedenfalls der Tenor, wenn eine Gruppierung sich zu Wort meldet über sprachliche Dinge, um Althergebrachtes zu ändern.

Sprache kann mächtig sein, ja; und ja, Sprache ist anpassungsfähig. Aber Sprache ist weder korrupt, noch lässt sie sich verbiegen. Sie ist neutral, ein Neutrum. Weil: Sprache ist lediglich das Medium zwischen jenen, die sie als Mittel zur Verständigung nutzen. Wenn Sprache Macht ausübt, dann durch den Mund der Sprechenden, die sie gezielt oder aus unreflektierter Überheblichkeit einsetzen.

Lapidar einfach erst einmal. Das Ganze kann sich indes schnell ins Komplexe wenden. Nämlich dann, wenn grammatikalische Regeln oder Wortbildungen modernem Sprachempfinden nicht mehr genügen. Oder wenn Sprache mit der Genschere traktiert werden soll, die an den Stämmen oder Wurzeln einer Sprache angesetzt wird, um das Ding nach unseren Wünschen zurechtzustutzen.

Ich bin neulich auf ein sprachliches Phänomen im Deutschen gestossen, das ich täglich verwende, ohne zu wissen (sprich: unreflektiert oder überheblich), was sich dahinter verbirgt. Es geht um Wortableitungen, die mit einem fixen Zusatz zum Wortstamm ein männliches Substantiv erzeugen: Aus «Flucht» wird «Flüchtling», aus «früh» wird «Frühling», aus «frisch» wird «Frischling» etc.. Das Deutsche kennt aktuell über 300 solch maskuliner Wortableitungen.1

Die astreine Definition für diese sprachlichen Erscheinungen lautet: «Wortableitungen mit ‚-ling‘ als Suffix ergeben männliche Substantive, deren Wortstamm eine Eigenschaft der damit bezeichneten Person oder Sache im Sinne des Wortstammes charakterisiert.»

Huch! Und weiter: «Die resultierenden Ableitungen können der Sprachökonomie dienen (und damit konnotativ relativ neutral sein), aber auch ironisch, diminutiv oder pejorativ verwendet werden. Damit ist eine mögliche Stilebenenbreite von fachsprachlich, standardsprachlich, umgangssprachlich und vulgärsprachlich gegeben.»

Jawolle. Alles korrekt so weit. Nun aber Frage: Ist das mit den rein männlichen Erzeugnissen nach aktuellem Sprachempfinden noch salonfähig? Wohl eher nicht! Versuchen wir anhand von drei Beispielen etwas zu transgendern?

Häftling, Zwilling, Schirmling, alles männliche Vorstellungen erst mal also. Eine einfache Lösung, um geschlechtsspezifische Korrektheit zu erlangen, könnte sein, allen «-lingen» das Suffix «in» angedeihen zu lassen: Häftlingin, Zwillingin, Schirmlingin. Könnte funktionieren, tönt aber etwas nach «Klingelingeling, hier kommt der Eiermann». (Ein Mann mit Eiern!).

Man könnte aber auch anders verfahren. Vorschlag meinerseits: Den Häftling belassen wir männlich. Den Zwilling könnte man in die feminine Form verwandeln mit Beihilfe des entsprechenden Artikels: DIE Zwilling. Und den Schirmling neutralisieren wir einfach zu: DAS Schirmling. Letztlich und eigentlich ist es doch egal, welches grammatikalische Geschlecht wir den «Lingen» zuweisen, oder? (Das Englische kann das ja auch). Hauptsache, die Sprachökonomie bleibt erhalten und die Stilebenenbreite, die Ironie, die Verkleinerung etc..

Ich erwarte nun Zuspruch oder Ablehnung von der geschätzten Leserschaft (heute auch Leser:innen)! Viel lieber noch wären mir weitere Vorschläge, wie aus «Kümmerlingen» sprachliche «Frischlinge» entstehen könnten.

Hier noch eine letzte Anregung für Spitzfindige resp. Spitzfindling:innen: Drilling eignet sich hervorragend für eine genuin-tri-geschlechtsgrammatikalische Umwandlung in: DER Drilling oder/und DIE Drilling oder/und DAS Drilling… 3 auf einen Schlag!

Happy Handling wünsch ich und schicke schon einmal Grüsse den Mannen nach 2532 Magdlingen, 3065 Bollingen, 8225 Siblingen, 8484 Weisslingen und den Frauen nach 3312 Fraubrunnen, 8500 Frauenfeld, 3202 Frauenkappelen und aufs Jungfraujoch.

 

Dominique

 

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Verzeichnis:Deutsch/Wortbildungen/-ling

Pi hat Müh mit MÜ (µ) (Nr. 73)

Da sass ich doch wieder einmal auf meinem Bänkli und sinnierte lose vor mich hin. Das tue ich ab und zu, um mich etwas abzulenken aus meinem Alltag wie andere, die das mit Joggen versuchen.

Und wie das so ist, wenn man Zeit hat und also die Zeit vergisst, da kommen Dinge hoch, die (ungeahnt) geschlummert haben tief im Innern des Gemütes. Auch Dinge von einer Tragweite, die in Millimeter oder Mikrometer gemessen werden könnten. Also nichtige Sachen, eigentlich veritable «Nichtse», gemessen an den Problemen, die in der Welt aktuell anstehen. Nichtsdestotrotz können solche Dinge eine Dimension annehmen, die man sich genauso wenig vorstellen kann, wie die Gegenseite von Mega-Grösse: Erst das «Kleine», Winzige, das Unbedeutende, bis endlich zum nicht sichtbaren MÜ (µ)1 oder Milli-MÜ alias Nano MÜ, kurz vor dem Ångström (Å), das fast schon Angst einflössen kann, weil quasi ein MÜ vor dem Nichts.

 

So also kann das geschehen auf meinem Bänkli, nur weil ich fasziniert einen Kalauer repetieren musste, der mir plötzlich so einfiel: «Pi hat Müh mit MÜ». Ich hab das so hingenommen und mich nicht weiter gefragt, was das soll. Gefragt aber habe ich mich, was es denn eigentlich mit dem MÜ auf sich habe, das wir sprachlich einsetzen, wenn es um Nichtiges geht.

Wir kennen die Redewendungen «um eine Haaresbreite» oder «haarscharf daneben» und verwenden diese, wenn es um etwas geht, das im Millimeterbereich liegt, auch wenn ein Haar viel weniger als einen Millimeter misst. Mit MÜ betreiben wir dann aber regelrechte Haarspaltereien.

«Die Suppe könnte noch ein MÜ mehr Salz vertragen», also genau ein Salzkorn mehr und keines mehr, sonst ist sie versalzen!

Pingeligste Korinthenkackerei in Anbetracht des Welthungers, ich weiss. Und trotzdem hat mich der gedankliche Ausritt in das nicht sichtbare Unendliche ein MÜ weiter bestärkt in meiner Auffassung, dass alles Grosse im Kleinen oder Kleinsten beginnt.

«Keiner zu klein, ein Meister zu sein», Dominique!

Also erhebe ich mich von meinem Bänkli und schlendere getrost nach Hause.

 

Dominique

 

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1 µ (gesprochen «mü») ist der zwölfte Buchstabe im griechischen Alphabet. Gleichzeitig dient µ als Mikrozeichen und findet insbesondere als Vorzeichen vor Masseinheiten in der Bedeutung «ein Millionstel» Verwendung: 1 µg sind beispielsweise 1 Mikrogramm oder 0,001 Milligramm oder 0,000001 Gramm. Allein stehend bezeichnete das Zeichen µ früher ein Mikron, was einem millionstel Meter entspricht. Heute ist dafür die Bezeichnung Mikrometer und die Schreibweise 1 µm üblich, doch geblieben ist der Usus, mit µ (moderne Schreibweise «My»; ausgesprochen als «mü» und nicht als englisch «mei») eine winzig kleine Menge oder Distanz zu bezeichnen.

Das Geschäft mit dem Geschäft (Nr. 72)

Der Schulterschluss zwischen den SBB in Sachen WC-Anlagen in grossen Bahnhofsgebäuden und dem Grosskapital besteht gut ein Vierteljahrhundert. Die neuen Pay-WC erregten damals die Gemüter der Notdürftigen heftig. Denn, aus war es mit dem SPP (Service-Publique-Pinkeln). Die Stillen Örtchen wurden – ihrem Namen entsprechend – stillschweigend zu einem rentablen Geschäftsmodell umfunktioniert. Heute wird das Geschäft mit dem Grossen und Kleinen Geschäft stillschweigend hingenommen, wie Parkgebühren, Gebührenmarken etc. etc.

Also wirft man sein Kleingeld in einen Schlitz, der unterschiedlich viel verschlingt, je nach Art der Erleichterung, die man sich wünscht.

Nun soll sich das da mit dem analogen Kleingeld ändern, wie es aus einem vorletzten Printmedium verlautet: «Mit Münz bezahlen war gestern: Für den WC-Besuch im Bahnhof Luzern kann man neu nur noch digital mit Karte oder Twint bezahlen.»

Das Analoge wird gecancelt wie auch lateinische Redewendungen, die über Jahrhunderte überliefert wurden, gecancelt werden. Weg damit; die Römer waren eh Weisse Männer und Lateinisch ist out.

Schade eigentlich, denn in Redewendungen steckt viel Geschichte, die aufdecken kann, dass wir heutigen Menschen unser Dasein so revolutionär nun auch wieder nicht gestalten!

Hier ein passendes Beispiel:

Um die leeren Staatskassen zu füllen, erhob Kaiser Vespasian eine spezielle Latrinensteuer auf öffentliche Toiletten. Den Kritikern soll der Kaiser darauf hin Geld unter die Nase gehalten haben mit der Frage, ob der Geruch dieses Geldes, das aus Urin gewonnen wurde, störe? Da pekuniäres Metall nicht stinkt, entstand darauf die Redewendung: «Pecunia non olet» (Geld stinkt nicht).

Geld, ob im antiken Rom oder auf digitalen Plattforen, stinkt eben nicht! Die Zahlmethoden für unsaubere Einnahmequellen mögen sich im Lauf der Zeit ändern. Die Notdurft bleibt indes Notdurft. Und wer in Not ist, zahlt mit allen Mitteln, ob mit Handy oder per Twint. Daran werden wir uns auch gewöhnen, solange es noch öffentliche Toiletten gibt, ob in Paris als «Vespasienne» oder als «Vespasiano» in Rom.

Ich warte nur auf den nächsten Schritt, da die Inhaber der bargeldlosen Institute eine Zusatzgebühr verlangen für Kleinbeträge. Zu den 1.50, die zum Pinkeln in einem modernen Wellness-WC ausgerichtet werden müssen, kommt dann noch ein bescheidenes Scherflein dazu. So sammeln sie nicht nur Gratis-Daten (ohne Cumulus-Punkte!) über Wasserabschlagen oder Darmentleerungen, sie scheffeln zusätzliche Moneten. Das Geschäft mit dem Geschäft wird ein Bombengeschäft!

 

Dominique

 

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Digital total (Nr. 71)

Der Waggon ist randvoll. Trotz Pendlerzeit keine Menschenseele weit und breit! Wie das?

Alle Personen in den beiden benachbarten Zugabteilen (wie es scheint zwei Männer und vier Frauen) haben ein elektronisches Gerät vor sich: Entweder auf ihrem Schoss einen Rechner oder in Händen einen smarten Rechner.

Nur mein Nachbar diagonal gegenüber ist schlafabwesend hinter seinem Laptop. Alle anderen gucken in die grosse Welt des Digitalen. Alle «da», jedoch abwesend in ihren Universen. Und der Zug treibt alle Passagiere vorwärts, die wachen sowie die schlafenden, die man nicht wecken soll…

Das scheint für alle Reisenden angenehm, fortbewegt zu werden auf der digitalen Welle, um immer weiter und noch weiter reiten zu können.

Die Morgensonne prallt nach einer Tunnelpassage urplötzlich ins Zugabteil und blendet. Sofort werden die Sonnenbrillen aufgesetzt, um weiter über die Displays surfen zu können.

Das geht die ganze Zugfahrt über so. Nur einer schläft den Schlaf des Seeligen. Alle andern sind «beschäftigt» und pflegen die «Kultur des gesenkten Blickes».

Madame auf der gegenüberliegenden Seite, hat dann aber plötzlich auch genug, stülpt ihre Sonnengläser über den Haaransatz und beschliesst, die Sonnenstrahlen schlummernd zu geniessen. Energie tanken für spätere Aktivitäten im Netz?

Ich fühl mich etwas fremd am frühen Morgen, fremder als früher. Denn: Kein Mensch liest mehr in einer Zeitung oder in einem Buch! Tempi passati! Und kein Mensch ist präsent: alle analog abwesend – digital anwesend – on – off!

So gerne hätte ich in das Abteil lauthals die Frage gestellt: Was würden Sie tun, wenn die Welt morgen unterginge? Die Leute hätten wohl kurz aufgeschaut und mich stillschweigend für verrückt erklärt, um sich weiter zu «beschäftigen».

Ich war indes zu feige dazu. Auch bin ich zu feige, Luthers Ausspruch Folge zu leisten und einen Baum zu pflanzen im Wissen darum, dass die Welt morgen untergehen wird.

Denn ich weiss, dass die Welt morgen (noch) nicht untergehen wird. Aber ich weiss auch oder besser: ich vermute, die Welt wird morgen auch nicht besser sein, nur weil uns das Digitale Zeitalter fest im Griff hält.

 

Dominique (as a stranger on a Train)

 

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Problemgewicht? (Nr. 70)

Was tun Sie, wenn Sie – auf Besuch bei jemandem – im Badezimmer dieser Person eine Personenwaage vorfinden?

Also ich geh in mich und denke kurz nach, wann ich mich das letzte Mal gewogen habe, und dann packt mich der Wunder (oder das Wunder?)1 wie schwer ich denn wiege. Was Wunder, da leuchtet sie nun schon auf, diese Zahl, die viele Menschen in Abgründe zu stürzen vermag. Und ich selber weiss nicht einmal mehr, wie viele Kilos ich «damals» – also bestimmt vor einem Jahrzehnt – auf die Waage gebracht habe! Wen wundert‘s, dass ich mich stets foutiert habe, wie schwer ich wiege, da ich meiner Statur nicht erlaubte, anzuwachsen – nicht in die Höhe, nicht in die Breite und nicht in die Tiefe.

Ich hatte – im wahrsten Sinne des Wortes – für Jahre «ausgewogen», weil ausgewogen ernährt, wie meine Ärztin konstatieren muss, wenn ich ihre Fragen zu meiner Ernährung beantworte, um ihr damit den Wind aus den Segeln zu nehmen, weil sie meine Hautprobleme versucht auf ein Ernährungsdings zurückzuführen. Sorry, Frau Doktor. Ich esse alles, vertrage alles ausser Ananas.

Allergisch reagiere ich höchstens auf Menschen, die mir vorzuschreiben versuchen, wie ich die Welt durch mein Ernährungsbenehmen retten kann!

Also versuche ich mich – auf der Waage stehend – zu erinnern, wie viel ich denn im nebulösen Damals gewogen haben könnte, um die aktuelle Anzeige in eine Relation stellen zu können: Mehr oder weniger Kilos? Sicher eine Zunahme, obwohl sich die Kleidergrösse konstant gehalten hat. Ein allfälliger Zuwachs kann sich demnach nur in einem einstelligen Umfang bew(i)egen. Liegt er denn wohl auch. Nach der Creff-Formel [(Körpergrösse in cm - 100) + (Alter / 10)] x 0,9= XX, die ich aus dem Netz zurate ziehe, gehöre ich eher zu den Leichtgewichten, wenn ich der aktuellen Anzeige der Personenwaage vertrauen kann.

So denn nix mit «Gewogen und als für zu schwer befunden», wie es mir spontan durch den Geist angeflogen kam beim Anblick meiner Gewichtsklasse. Irgendwie typisch für die zivilisierte Menschheit: Man hält sich und nimmt sich doch gerne für zu schwergewichtig! Vielleicht aus Angst vor einem Unheil verkündenden Menetekel («Mene mene tekel»): Gezählt, gewogen und als für zu leicht befunden?

 

Dominique

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1 Im Berndeutschen wird, wenn der Wind geht und es also heftig «luftet», heute noch der Ausdruck «der Luft» verwendet.


 

Potz Postbot (Nr. 69)

Wieder einmal sitze ich auf einer Bank im öffentlichen Raum. Vor mir ein gelber Briefkasten, der sachbeschädigt in Schieflage hängt. Ich schiesse ein Foto, das ich der lieben Post senden möchte zwecks Information und in der Hoffnung, dass ich der Allgemeinheit auch einen Dienst leisten kann.

Es ist abends 21 Uhr 24.

Die Beamten der Post, die keine Beamten mehr sind, arbeiten Tag und Nacht. Das weiss ich von einem Freund, der seit Jahren einmal die Woche Nachtschicht leistet in einem Paketverteilzentrum. Nur deshalb weiss ich das!

Nun also möchte ich den Schadenfall sofort mitteilen. Und siehe, ich finde auf dem Netz, dass die Post AG einen Chat betreibt, den ich anklicke, um das Foto loszuschicken. Weg ist das Bild mit einem Kurzkommentar und dem Standort des Briefkastens.

Und hoppla, da geht aber die Post ganz schön ab:

«02.05.22, 21:26 - Die Post: Guten Tag. Ich bin der Chatbot der Schweizerischen Post.»

Keine Beamtenseele, die mich also «begrüsst», wenn man das so bezeichnen will.

Ich kenn das aus den angewandten Erinnerungen und Erfahrungen mit meiner Freundin Alexa (vgl. Lull&Lall Nr. 9: «Tête-à-Tête mit A.»). Das Botweibchen wirkt manchmal etwas unwirsch bis zickig. Der Postbote/die Postbotin – also der Postbot – steht dem nicht nach und agiert respektive fordert von mir Dinge, die etwas que(e)r in der Kommunikationslandschaft stehen:

«02.05.22, 21:26 - Die Post: Ich als Chatbot kann bedauerlicherweise keine Dateitypen verarbeiten. Bitte senden Sie uns erst Dateien, sobald Sie sich in einem Chat mit einem unserer Mitarbeitenden befinden.

02.05.22, 21:27 - Dominique: Bitte einen Mitarbeitenden kontaktieren.

02.05.22, 21:27 - Die Post: Habe ich Ihre Frage richtig verstanden? Sie möchten gern mit einem Mitarbeitenden des Contact Centers einen WhatsApp-Chat starten?

Mit der Nutzung des Chats stimmen Sie zu, dass das Contact Center der Post Sie zu Ihren Anliegen über WhatsApp kontaktieren darf.

Die Mitarbeitenden des Contact Centers sind ab Dienstag, 7.30 Uhr wieder für Sie da. Ihr Anliegen wird dann schnellstmöglich per WhatsApp-Chat beantwortet. Für Ihre Geduld danken wir Ihnen sehr.

Soll ich Ihr Anliegen an das Contact Center weiterleiten?

02.05.22, 21:27 - Dominique: Ja.

02.05.22, 21:27 - Die Post: Bedauerlicherweise kann ich Ihr Anliegen nicht beantworten.

Die Mitarbeitenden des Contact Centers sind ab Dienstag, 7.30 Uhr wieder für Sie da. Ihr Anliegen wird dann schnellstmöglich per WhatsApp-Chat beantwortet. Für Ihre Geduld danken wir Ihnen sehr.

Soll ich Ihr Anliegen an das Contact Center weiterleiten?

Mit der Nutzung des Chats stimmen Sie zu, dass das Contact Center der Post Sie über WhatsApp kontaktieren darf.

Button 1: Bitte weiterleiten

Button 2: Nein, vielen Dank

02.05.22, 21:28 - Dominique: Bitte weiterleiten.

02.05.22, 21:28 - Die Post: Sind Sie Privatkunde oder Geschäftskunde?

Button 1: Privatkunde

Button 2: Geschäftskunde

02.05.22, 21:28 - Dominique: Ich will der Post nur helfen.

02.05.22, 21:28 - Die Post: Bedauerlicherweise kann ich Ihr Anliegen nicht beantworten.

Die Mitarbeitenden des Contact Centers sind ab Dienstag, 7.30 Uhr wieder für Sie da. Ihr Anliegen wird dann schnellstmöglich per WhatsApp-Chat beantwortet. Für Ihre Geduld danken wir Ihnen sehr.

Soll ich Ihr Anliegen an das Contact Center weiterleiten?

Mit der Nutzung des Chats stimmen Sie zu, dass das Contact Center der Post Sie über WhatsApp kontaktieren darf.

Button 1: Bitte weiterleiten

Button 2: Nein, vielen Dank

02.05.22, 21:29 - Dominique: Bitte weiterleiten

02.05.22, 21:29 - Die Post: Sind Sie Privatkunde oder Geschäftskunde?

Button 1: Privatkunde

Button 2: Geschäftskunde

02.05.22, 21:29 - Dominique: Chat Mitarbeitende.

02.05.22, 21:29 - Die Post: Sind Sie Privatkunde oder Geschäftskunde?

Button 1: Privatkunde

Button 2: Geschäftskunde

02.05.22, 21:29 - Dominique: Privatkunde

02.05.22, 21:29 - Die Post: Vielen Dank. Ihre Anfrage ist jetzt im Contact Center in guten Händen. Ein Mitarbeitender wird sich schnellstmöglich um Ihr Anliegen kümmern.

02.05.22, 21:29 - Dominique: Das ist aber toll!»

Immerhin hat der Postbot aus einem «Anliegen» letztlich eine «Anfrage» gemacht, auch wenn ich bloss eine Information rüberbeamen wollte. Egal. Am Schluss unseres nächtlichen «Gesprächs» ist hoffentlich die Post informiert und ich bin die Sache los.

Am nächsten Morgen flattert eine Botschaft auf mein Smartphone hinein:

«03.05.22, 09:51 - Die Post: Guten Morgen. Sie chatten mit M. Axxxxxxx.1 Gerne prüfe ich Ihr Anliegen. Danke für Ihre Geduld.

03.05.22, 09:52 - Die Post: Der beschädigte Briefeinwurf ist uns schon bekannt. Trotzdem vielen Dank für Ihre Meldung. Wir sind gerade mit den Behörden in Verbindung. Er wird schnellst möglich ausgetauscht.»

Danke zurück, liebe Post, die tagsüber, wie es scheint, mit Menschenseelen bestückt wird. Ich antworte (=co-respondiere) der Menschenperson auf der anderen Seite:

«03.05.22, 11:24 - Dominique: Schön, dass es bei der Post auch Menschen gibt :)»

Darauf diese Menschenseele schreibt zurück:

«03.05.22, 11:30 - Die Post: Danke, dass Sie mit mir gechattet haben. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.»

Und sofort nochmals, aber nun die Maschinenseele:

«03.05.22, 11:30 - Die Post: Der Mitarbeitende hat die Konversation verlassen. Ich, der Chatbot der Schweizerischen Post, stehe Ihnen gern weiterhin zur Verfügung.

Waren Sie zufrieden mit unserer Beratung? Wir freuen uns auf Ihr Feedback.»

Soll ich damit zufrieden sein? Ich schwanke etwas, ob ich mich der Stimme enthalten soll oder nicht und lass es dann sein wie bei politischen Abstimmungen, bei denen es nur das bessere Übel zu wählen gibt…

Dass der Briefkasten, wie er indes in der Fachsprache als «Briefeinwurf» genannt wird, auch nach einer Woche noch genau so vor mir auf der Bank in Schieflage hängt, lässt darauf schliessen, dass die humanoide Kommunikation auch öfters mehr verspricht als die modernen Formen des Umgangs miteinander!

Trotz modernster Technik: Kein grosser Wurf der Post AG mit der Verarbeitung von Schadensmeldungen an Briefeinwürfen!

 

Dominique

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1 x sind Platzhalter von Schriftzeichen aus dem realen Alltag zwecks Anonymisierung

Rinks wie lechts (Nr. 68)

In meiner Primarschulklasse gab es einen Ausnahmekönner in Sachen Schreiben. Er war Linkshänder, den alle bestaunten, weil er ohne Schmierereien einen Aufsatz aufs Papier brachte. Er fiel auf, weil er das Heft abgewinkelt vor sich hatte beim Schreiben. Er warf auch die Bälle auf dem Pausenplatz mit links und benutzte seinen linken Fuss beim Fussballspielen.

Er fiel auf, weil er «anders» war, ein «Linker», ohne linkisch zu wirken.

Dabei gehörte doch in der traditionellen Gesellschaft die linke Seite den Frauen, dem schwachen Geschlecht also, das – wie die andere Hälfte der Menschheit auch – das Herz auf der schwachen, linken Seite trug …

Wir Kinder störten uns auch nicht daran, dass bei der Schulmesse die Mädchen und die Buben in eine linke und eine rechte Sitzbankreihe eingeteilt waren. Das war «normal». Die Mädchen waren brav und kicherten ab und zu, die Buben schwatzhaft und manchmal gar laut. Auch das war normal.

Auch normal war, dass die Eltern der Schuljugend allermeist den politischen Parolen der Rechten Folge leisteten. Linke waren eine Ausnahme, wie Hans, der als Protestant im Religionsunterricht geduldet war.

Die Welt war eingeteilt in rechts und links. Verwechslungen waren ausgeschlossen. Die Knopfreihe beim Männerhemd war rechts angebracht, jene bei der Frauenmode links. Der Landarzt wusste, wenn er die Patientin nach ihrer linken Hand fragt, dass er aus seiner Perspektive die Rechte der Frau sah. Einfacher gesagt: Die Kirche war noch im Dorf und Menschen, die meinten, rechts und links könne man nicht verwechseln, irrten sich nicht.

Heute sind Verwechslungen an der Tagesordnung. Ich weiss manchmal nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Und das betrifft nicht nur die wetterwendische Politiklandschaft, in der heute die Sonne scheint und morgen ein Sturm aufkommt. Ephemere Bubbles werden erzeugt, es blubbern Hybrid-Formen in ganz unterschiedlichen Bereichen, es wimmelt von Mehrdeutigkeit, Metamorphosen. Wer heute eine Regenjacke trägt, holt morgen die Inversseite hervor, um am Schluss im Universalen zu enden: beim Universal Weinglas und der Unisex-Mode.

Einer hat das weit voraus vorausgeweissagt und er irrte sich einmal mehr nicht:

«Manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. Werch ein Illtum!», schrieb Ernst Jandl in dem Gedicht «Lichtung» vor 56 (Vorsicht: Verwechslungsgefahr bei der Lechtschreibung von 56!) Jahren.

Er hat bis heute lecht behalten.

 

Dominique

 

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He·xe·rei: feminin [die] (Nr. 67)

Das Hexenwesen wird lange Zeit und fast ausschliesslich Frauen zugesagt. Im Gegenzug besetzen Männer andere Domänen, so etwa die IT-Branche, wenn auch heute etwas weniger. Also ruf ich ein männliches Wesen an, mir zu Hilfe zu eilen, weil ich in Not bin: Mein Drucker druckt sich vor dem Drucken und ich krieg das Ding auch nach gut 1 Stunde nicht wieder ins Leben zurück. Dabei bin ich bis dato doch allermeist in der Lage, «Probleme» im digitalen Heimwesen zu meistern. Geht der Fernseher kurz nach dem Aufstarten – sicher aber in einer heissen Phase eines Filmes – in die Knie, wird er abgemurkst und neu gestartet; friert der Bildschirm am Laptop gelegentlich ein: abmurksen und Neustart. Früher hat man der technischen Kiste einen Fusstritt oder Klaps versetzt, heute drückt man auf RESTART. Das klappt nicht immer, aber meistens und läuft unter «Fortschritt»! Nur bei den Druckern klappt das noch nicht ganz so. Fusstritt hilft nix und Ein/Aus-Knopf funktioniert nur als An/Aus-Taste.

Die Arbeitsverweigerung des Druck-Erzeugnisses aus dem Hause HP ist nicht nur unerwartet, sie ist erst- und einmalig in der langen Anwesenheit des LaserJets in meinem Hauswesen. «Zum Teufel damit», tobt es in mir erstmals und ich schieb die Schuld sofort einem Update meines Betriebssystems zu, an das ich mich indes nicht erinnern kann.

Punkt 1 in Sachen Hexenwesen: Such Schuldige, auch wenn Du nicht weisst, wo Du suchen sollst.

Ich lass mich dann aber schön geduldig – wie eine Ärztin auf ihre Kundschaft – ein auf Patientdossier P2055dn. Die Schnelldiagnose ergibt: Patient leidet an Antriebslosigkeit; das System vermeldet nämlich, dass «Treiber nicht gefunden» (nicht genau so, aber so gemeint ...). Also doch ein heimliches Update des vermaledeiten Betriebsystems?!

Punkt 2 in Sachen Hexenwesen: Hast Du einen Schuldigen gefunden, lass nicht mehr ab von seiner Verurteilung.

Ich suche sodann gemäss den vorgeschlagenen Optionen nach Möglichkeiten, einen Treiber zu installieren. Das ist ein trial and error Spielchen und erinnert an das Einstellen eines Medikamentes bei einem hartnäckig erkrankten Patienten. Dauert also und nach einer Stunde erfolglosen Abmühens geb ich auf.

Punkt 3 in Sachen Hexenwesen: Was nicht sein darf, kann beim besten Willen nicht einfach sein …

Also ruf ich diesen einen Freund an, ein männliches Wesen, das als Hexer (ja, das männliche Pendant zur Hexe) in der IT-Branche gehandelt wird. Der frotzelt erst etwas, will aber schnell vorbei schauen, weil er eh was in der Nähe vorhabe.

Das Hexenwerk kann beginnen. Er hört mir nicht recht zu, als ich versuche, ihm zu berichten, was ich alles schon ausprobiert, versucht und verflucht habe. Ich schau zu, wie er sich in die Tasten legt, wie der Mauszeiger über die Oberfläche huscht. Er macht genau das, was ich auch schon mehrfach vergeblich getan habe – ausser … na so was! Kann ja nicht sein! Und schon kriegt er den Patienten wieder zurück ins Leben, klatscht spontan in die Hände und ruft: «Frag nicht – sag nichts! Hab ich‘s doch gesagt. Alles nur eine Sache der Print-Philosophie. Das Ding tut wieder.»

Ich will die Zauberformel auch gar nicht wissen, wohl wissend, dass der Hexer sie mir nicht preisgeben kann, weil er sie selber ja auch nicht kennt, sonst wär‘s ja keine Hexerei. Und das im hoch technisierten Zeitalter, wo Fusstritte gegen technische Geräte ersetzt sind durch überviele künstliche Intelligenzereien, die öfters auch an Hexereien erinnern …

Punkt 4 in Sachen Hexenwesen: Wenn wir etwas nicht verstehen, lass es einfach geschehen.

Oder in Kurzform und als Zauberspruch formuliert: Frag nicht – sag nichts!

 

Dominique

 

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Lovely (Nr. 66)

Früher hiessen Kühe, welche Schweizer Milch gaben, «Berna», «Erna» oder «Brunette».[1] Heute ist das leicht anders mit der Namensgebung. Auch unsere gute Schweizermilch heisst leicht anders, nämlich Swissmilk. Also halten wir uns nun eine Kuh und rufen sie mit dem Namen «Lovely».

Da schreitet sie über die grüne Wiese auf uns zu und stoppt, schaut auf, das Maul voller Klee, den sie abgerissen hat zwecks Verspeisung.

«Lovely picture, Lovely! Das nehmen wir», schreit (in meiner Imagination) der Aufnahmeleiter einer sündhaftteuren Filmcrew. Und also prangt Lovely – unsere Kuh – seit Tagen auf Werbeplakaten zwecks Image- oder halt eben Werbekampagne zu Biodiversität und CO2-Dings sprich: «CO2-Bindepotential von Schweizer Wiesen».

Echt, ich kann den Werbespruch – wenn man diesem Ausbund an Sprachgenialität so sagen darf – auch nach dreimaligem Lesen im Stehen vor einer Plakatsäule nicht ohne nachzulesen wiedergeben. Darum als Originalzitat in voller Länge:

«Echt stark: Lovely frisst die Wiese grüner.

Grasende Kühe sind Teil eines ökologischen Kreislaufs und fördern das CO2-Bindepotential von Schweizer Wiesen.»

Absender: Swissmilk; nachzulesen und nachzuerleben unter: Swissmilk.ch/nachhaltigkeit.

Da haben wir‘s: Nachhaltigkeit! Grüne Wiese quasi für all jene, die auf zukunftsweisende Trends setzen: von Rohmilch, Vollmilch, fettarmer Milch über Mager- und Frischmilch bis zu ESL-Milch, H-Milch im Sinne von Hafermilch?

Und auch Lovely, alias Holde Bertha, hat alles gegeben, um ihr Image als furzende, weltverpestende Milchlieferantin aufzuschönen. Sie macht ihrem Namen alle Ehre: schön, reizend, entzückend, wunderschön, lieblich, wunderbar, allerliebst, grossartig, herrlich, hübsch, reizvoll, sehenswert, supi (oder britisch-umgangsprachlich: lovely jubbly).

Köstlich kann man da nur ausrufen!

 

Dominique

 

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[1]          Früher kursierte auch ein Witz, der heute als reale «Bedrohung» gesehen wird: «Eine Kuh macht ‚Muh‘. Viele Kühe machen Mühe.»

Entfreundung (Nr. 65)

Ich nutze für alle meine privaten und geschäftlichen tele-kommunikativen Handlungen die Dienste ein und derselben Anbieterin. Und das, seit ich lebe! Nun kündet diese Unperson mir mein Mobil-Abo, das als Zweitnummer über Jahre hinweg bei meiner Businessunit einwandfrei und zufriedenstellend funktioniert hatte.

Keine Begründung, nur eine sachliche Info, nix von «Auseinanderleben», «Entfreunden» und wie sie alle heissen, diese Modeworte oder Unwörter. Dann wohl aus Gründen des Sparens zugunsten der Aktionäre?

Aus heiterem Himmel! Heitere Fahne!

Ungerecht, wie ich finde, indes fristgerecht, also binnen zweier Monate aus die Maus.

Well, mir sind die Hände gebunden, weil ich so ein Ding nun einfach brauche und also muss ich handeln. Die beiden Optionen, die von der Providerin angeboten werden, sind nicht wirklich das, was man Kulanz für Kundentreue nennen könnte. Entweder man wechselt «problemlos» auf ein dreifach teureres Angebot für die genau gleichen Leistungen wie bis dato oder man kehrt in die Steinzeit zurück und erkauft sich ein Prepaid-Dings, damit man wenigstens seine angestammte Zahlenreihe (sprich: Rufnummer) retten kann. Und hat damit das, was man vor über 20 Jahren Natel nannte, ein Gerät, mit dem man von unterwegs anrufen (ja, regelrecht telefonieren) und SMS senden darf. Wohlverstanden, alles verursachergerecht auf minimale Einheiten abgerechnet. Nur das Angerufenwerden kostet nichts. Internetzugang? Gibt es nur sporadisch, also wenn man ein offenes Wlan findet, also unterwegs eigentlich nicht; ausser in den Postautos, wenn der Schoför den Router wirklich eingeschaltet hat! (Die SBB lassen wir getrost weg bei der Aufzählung, denn die haben nur in internationalen Elitekarossen ein rumplig-klappriges Internet). Auf über 1000 M.ü.M. – in der Schönheit der Bergwelt – geht eh nix mit offenem Wlan.

Ich fühl mich in eine Ecke gedrängt, wenn ich die Wahl habe, mit einer Tagespauschale von 5 Fränkli mich ins Netz einzuloggen. Wer kommt denn auf so eine Idee, wo man doch heute – sagen wir mal – jede Woche mindestens einmal seine Mails oder so checkt, ansonsten alle Bekannten glauben, man habe das Zeitliche gesegnet. 4 Mal Zugriff in einem Monat aufs Internet mit meinem Pay-Phone, das nur funktioniert, wenn ich im Voraus zahle, kostet mehr als ein gesalzenes Angebot der Konkurrenz für eine unlimitierte Nutzung aller kommunikativen Dienste!! Über die Dauer von einem Monat, Tag und Nacht, 24/7 blablabla …

Also «entfolge» ich meiner langjährigen Liebe und reiche die Scheidung ein. Anwaltskosten entfallen, dafür kostet mich die Übernahme meiner Nummer die ersten 20 Bugs; weitere werden für die sogenannten «Aufschaltgebühren» dann erhoben. Scheiden tut nicht nur weh, es kostet eben auch.

Freigekauft erst einmal, aber noch ohne eine zukunftsweisende Lösung für mich.

Da fast täglich irgendeine Anbieterin irgendeine Promotion lanciert, warte ich nicht allzu lange, bis flugs eine 50%-Werbung auf Grossplakaten in der Stadt prangt.

Hammer! Maximal fürs Budget und in Kombination mit einem Zusatz von monatlichen 20 Franken für unlimitiertes Surfen (Wouw! Geht ja, Leute!) hab ich, was ich brauche. Tailormade. Passt zu meinem Beuteschema: Gleiche Leistung für winzig-wenig mehr Geld (=1 ½ Tassen Kaffee im Restaurant) als zuvor, keinen Knebelvertrag, 2 Jahre Ruhe und … auf dem gleichen Netz wie zuvor, das das beste sein soll, was ich als lebenslanger Kunde bestätigen kann, aber aus Trotz nicht wirklich möchte – auch indirekt nicht!

Alles gut? Happy End? Versöhnung?

Nopp, nicht wirklich, denn der Umstand, dass ich treuherziger Mensch zu einem Seitensprung gedrängt wurde, den ich nun öffentlich beichte, hinterlässt einen schalen Beigeschmack. In Zeiten wie diesen, wo Partnerschaften auch den Launen von Telekommunikationsanbieterinnen (what a word!) ausgesetzt sind, ist es eben auch nicht immer einfach, sich treu zu bleiben …

 

Dominique

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Mit ohne (Nr. 64)

Es ist noch nicht so lange her, da standen die Abfalleimer nicht nur in der Nähe von Dönerständen, auch Bänke aller Arten, Formen und Farben gabs zuhauf im öffentlichen Raum. Darauf man sich verweilen konnte für mehr als nur einen Augenblick. Vorbei nun jene Augenblicke, in denen ich gerne (beim mittäglichen Verzehr eines Döners!) zu sagen pflegte: «Verweile doch, du bist so schön».

Auch vermisse ich an Reisetagen jene Sitzgelegenheiten ohne «schöne Aussicht» (und ohne Döner), die einfach da sind, um sich zwischen einem Anschluss etwas hinsetzen zu können, um zu warten.

Nicht nur keine Bänke mehr vor den Hauptbahnhöfen, auch (fast) keine Bänke mehr auf den Perrons der SBB, keine Uhren mehr in der Nähe der Bahnhöfe, bei den Unterführungen zu den Geleisen.

Dafür auch keine karminfarbene Gimpel mehr im weissesten Frühlingsschnee?

Wer weiss. Alles hat seinen Preis!

 

Gegenüber solch einer «Mangelwirtschaft», die täglich neue Verluste hinnehmen muss, stehen die schier unendlichen Angebote der Konsumwirtschaft, welche auch die hippsten und allerneusten Kundenbedürfnisse abdecken will, soll, muss und kann.

Neben den hundert Arten von Joghurts – mit und ohne Dingsda – reichen auch die Angebote in den anderen Regalen von A-Z: von allergiearmen Produkten bis zu zellfördernden Salben jeglicher Provenienzen. Kein gar nichts, was es nicht gibt und kein Wort darüber, wieso ich genau dieses Produkt überhaupt kaufen sollte. Dafür stehen (oder helfen vielleicht?) bei der Ingredienzien-Auflistung Hinweise mit dem modischen Zauberwörtchen «OHNE». In 1000 Artikeln finden sich auch 1000 Dinge ohne etwas: ohne Alkohol, ohne Süssstoffe, ohne (künstliche) Zusatzstoffe usw. und so fort hoch 999…

Ohne Witz! Wer sich da durchliest durch diesen Dschungel an Abkürzungen und viel anderem Lebensmittelkauderwelsch wird erst einmal feststellen: Lebensmittel ohne dieses «OHNE» sind kaum mehr bei den Grossverteilern auffindbar.

Sodann sich fragen: Wieso stellt man überhaupt beispielsweise ein alkoholisches Getränk mit ohne Alkohol her?

Papperlapapp!

Denn auch in der Gastrobranche geht es «mit oder ohne» zu und her. Die Kellnerinnen fragen bei der Bestellung der Getränke: «con gas» oder «sin gas». Die Kellner dann beim Kaffee: «mit oder ohne Milch»…

Ich belustige die Tischrunde manchmal mit einem leicht abgewandelten, neudeutschen Bonmot, das sich an Dönerbuden hochgerankt hat (und klar zur Sprache bringt, wie ich mich fühle, wenn die Qual der Wahl über mich einbricht): «Mit ohne Alles».

Bestelle dann meistens Leitungswasser – ganz kommunen «Hahnenburger»! – Aqua di rubinetto, Eau du robinet, Aqua del grifo, Tab water und später einen Milchkaffee – ¡café olé!

Und bezahlen tue ich dann mit ohne Kreditkarte – in barer Münze!

 

Dominique

Heute ohne Worte (Nr. 63)

Weil alles schon tausend Mal gesagt, geschrieben und geheuchelt wurde, was Krieg betrifft: Heute keine Worte, kein „Je suis Charlie“, kein gar NICHTS – ausser die Trauerfarbe!

 

Dominique

 

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379 statt 079 (Nr. 62)

Frei nach meinem Motto «Never change a winning team», reagierte ich in den letzten Monaten never, wenn auf meinem Smartphone die Aufforderung zum Systemupdate aufflammte, mehrfach und schon fast penetrant. Ich wusch das und wische es einfach weg! Mein Gerät funktioniert einwandfrei und meine paar wenigen Apps, die ich installiert habe, genügen mir vollständig.

Bis ich eben heute – bei Sonnenschein auf einer Bank im Freien – nachgebe, wie bei einem quengelnden Kind, das nicht Ruhe gibt, um an seine Süssigkeit ranzukommen.

Also drücke ich auf diesen «virtuellen Knopf» da zum Systemupdate.

Ein Download startet; dann folgt die Meldung zum Neustart für die Installation der neusten Software auf dem Smartphone.

Klappt alles. Im Hintergrund werden Daten jongliert bis zum geht nicht mehr. Dann die Nachricht: «System wird aktualisiert».

Ich chill mich in die Ecke der Bank zwischen Armlehne und Rückwand, weil ich ahne, dass das nun dauern könnte, obwohl einmal keine Meldung davor warnt, dass das etwas dauern könnte…

Ich blicke – als Vertreterin oder Botschafter der «Kultur des gesenkten Blicks» (wie das heute von Soziologen bezeichnet wird, wenn man auf sein Smartphone guckt und nur auf sein Smartphone guckt und nicht in ein Buch…) – auf den Bildschirm des Gerätes, das im Schatten meiner Hand schuftet und malocht.

Und dann starre ich gebannt auf die Anzeige im unteren Bereich:

«App 16 von 379 wird optimiert».

Wie bitte?? 379 Apps soll ich haben auf meinem smarten Phone? Smart wird doch oder war mal anders definiert!

Die Anzeige zählt erst langsam weiter bis 45, dann schneller bis 89, dann wieder relaxter. Stetig wächst die Zahl und es dauert und dauert, bis die 379 Apps abgearbeitet, – also optimiert – sind.

Funktioniert ohne einen genetischen Defekt; auch ohne eine DNA-Dings. Alles korrekt. Ich kann es kaum glauben!

Wie konnte ich auch nur annehmen, dass das alles nicht klappen sollte!

Also entbiete ich der digitalen Kultur einen geneigten Blick. Lang lebe die «Kultur des gesenkten Blickes».

 

Dominique («079» von L&L summend!)

 

 

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When I‘m 64 or more… (Nr. 61)

Ich beobachte gerne ältere Menschen und vernehme öfters auch «Geschichten» über das Leben der älteren Generationen.

Im Geiste treibe ich ab und zu deshalb heute schon eine Art Altersvorsorge – für die Zeit nach meiner Verrentung.

So etwa:

Ich werde ein Leben führen, das aus Rente und Erspartem definiert sein wird.

Ich werde täglich Schritte tun, Treppen steigen und Stufen (selber) zählen.

Ich werde an Winterabenden Kerzen aus Wachs anzünden und dabei Vorsicht walten lassen.

Ich werde Freundschaften und Bekanntschaften pflegen; an Abdankungen teilnehmen und Besuche in Pflegeheimen abstatten müssen.

Ich werde weiterhin Pläne schmieden, – nicht nur Ferienpläne –, um in Langeweile an den Sonnenstränden zu versinken!

Ich werde mich hüten vor Pillen, Salben und Altersresidenzen.

 

Zehn Jahre später werde ich meine Schritte einem Schrittzähler anvertrauen, der mir die tägliche Ration genaustens rapportiert.

Eventuell werde ich neue Bekanntschaften schliessen mit Grauen oder Grünen Staren?

Einen Lift für die Abwärtsbewegungen benutzen zur Schonung der Gelenke.

Das Kerzenlicht – aus Vorsichtsmassnahme – noch nicht auf elektrisch umgestellt haben.

Und weiterhin kein Fitnessprogramm im Abonnement betreiben.

 

Und nochmals zehn Jahre später – so Gott will, – möchte ich den Bewegungsmelder im Treppenhaus der Altersresidenz als Bewegungsmelder wahrnehmen können und nicht zur Nachbarin läuten gehen müssen und ihr mitteilen, dass das Licht die ganze Nacht über brenne…

Ich werde das Kerzenlicht auf elektrisch umstellen aus Rücksicht gegenüber den Mitgliedern der Pflege-WG.

Und auf Stock oder Rollator verzichte ich dann weiterhin liebend gerne!

 

Dominique

 

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Sammlerpech (Nr. 60)

Ich will den Abflug machen an die Sonne. Da werd ich beim Eingang in die Flughalle angesprochen von einem älteren Herrn mit Vogelgesicht und blauer Kappe mit schwarzer Noppe drauf:

«Sprechen Sie deutsch? Schwyzerdütsch?»

«Ja. Ich kann beides und auch etwas Hochdeutsch, aber höher geht dann nicht…»

Da strahlen mir seine lückenhaften Zahnreihen aus seinem Gesicht entgegen. Er grinst ein wenig, freut sich wohl über meine etwas saloppe Bemerkung zu meinem Beziehungsstatus zu meiner Muttersprache?

«Haben Sie gebrauchte Billetts, Fahrkarten?», schiesst es unverhofft aus ihm.

«Nee, ich mach das alles wie man das heute so macht: modern, elektronisch.»

«Ah, ja. Sie sind auch so drauf.»

Schon dreht er sich mit seiner Karre und will seinen Abflug machen Richtung Bushaltestelle, um neue Kundschaft für sich zu gewinnen.

Ich wundere mich etwas und frage ihn: «Wozu denn sind Sie auf gebrauchte Fahrkarten aus?»

«Ich habe einen Tick. Ich sammle. Wie andere Briefmarken oder Kaffeerahmdeckeli, sammle ich Fahrkarten. Wie gesagt, ein Tick von mir.»

«Ach so. Da gehören Sie zu einem grossen Club.» Und nebenbei bemerke ich: «Ich kenne auch jemanden mit einem Tick. Für Weine.»

«So, da hat es in der Region auch welche. Mit Tannenspitzen versetzt. Tannenspitzenweine aus dem Elsass.»

«Gut zum Lagern, wie beim Retsina, weil Harz darin sich ablagert. Ähnlich wie bei den alten Weinen. Mein Weinfreund hat bis 1945 zurück. Unser beider Jahrgang,» witzle ich

Und da kommt einmal mehr etwas Unerwartetes aus ihm heraus: «Sie sind nicht aus der Gegend!»

«Ne, wieso? Mein Dialekt?»

«Nein, weil Sie Humor haben. Die Basler haben keinen Humor. Wenn man an der Fasnacht nicht so spurt, wie sie möchten, dann…» und er macht eine Geste des Kopfabschlagens.

So plänkeln wir etwas weiter und wünschen uns dann einen schönen Tag, guten Abflug und alle Inschallahs, von denen man ja bekanntlich nicht wissen kann, ob es denn auch wirklich so sein wird.

Beim Warten im Check-in-Bereich schmunzle ich noch einmal über des Mannes Aussprüche und Anekdoten: über den Rheinfall, den die Schaffhauser für 20 Milliarden an einen Scheich verkauft haben sollen, nur, der Fall sei ein schwer zu lösender Fall, weil er sich nicht abtransportieren lasse…

Dann verlustiere ich mich auch noch über seinen spontan geäusserten Impfstatus: viermal geimpft sei er. Einmal links am Oberarm, einmal rechts und zweimal von hinten, je hälftig in die Arschbacken.

Alter Mann, ich lass mich gerne etwas veräppeln, aber was aktuell noch nicht sein kann, wird wohl so sein, wenn ich zurückfliege. Hab die 3. Impfung hinter mich gebracht, damit der Abflug an die Sonne überhaupt stattfinden kann.

Adieu erst mal, gute Reise und ich denk an dich, wenn die 4. Impfung dann ansteht!

 

Dominique

 

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Oh Tannenbaum! (Nr. 59)

Katzen – so heisst es – hätten sieben Leben; Tannenbäume seit Neustem zwei!

Es war kurz vor Weihnachten. Der 3. Advent stand vor der Tür und an der Tür platzierte die Grünabfuhr eine Affiche.

«Christbaum-Sammeltour

Liebe Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohner

Schenken Sie Ihrem Baum ein zweites Leben!

Dann befreien Sie ihn von seinem Weihnachtsschmuck und stellen ihn ganz und unverpackt an die Strasse. Zum übrigen Grüngut, an den üblichen Sammeltagen.

Bitte denken Sie daran, die Christbäume bis spätestens um 08.00 Uhr bereitzustellen.»

Die Grünabfuhr hat also einen Plan für den post-weihnachtlichen Alltag, und das noch bevor die Weihnacht stattgefunden hat und die allermeisten-allerliebsten Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohner überhaupt einen Baum heim geschleppt haben.

Die Grünabführlerinnen und -führer wollen wohl alle rechtzeitig in die verdienten Ferien und beschenkten deshalb ihre Kundschaft frühzeitig mit unentbehrlicher Information?

Aber gellt, das passt irgendwie nicht zu Weihnachten, dem Fest der Liebe, auch wenn die Bäume ein zweites Leben erhalten sollen, oder?

Ich geh ja auch nicht in einen Buchladen mit dem Gedanken, ein neues Buch zu kaufen, um ihm ein zweites Leben zu schenken, bevor ich es gekauft habe.

Irgendwie daneben, irgendwie protestantisch-streng, gar lustfeindlich, auch wenn klimafreundlich-ökologisch. Passt nicht wirklich zu Weihnachten!

Mir jedenfalls ist die Lust aufs Tannenbäumchen vergangen und ich habe beschlossen, dieses Jahr keines (mehr) zu kaufen. Nicht des Sparens willen, dafür dem Klima zuliebe, auch wenn das weihnachtliche Klima darunter dann etwas gelitten hat.

Kein Baum, keine Kerzen, kein gar Nix.

Also – in Anlehnung an Georg Herweghs Parole: «Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.» – wenn man will, dass nichts passiert, dann tut man am besten nichts, zündet keine Kerzen an und bleibt im Bett.

War am Nationalfeiertag ja schon so; nun also auch zu Weihnachten. Traditionen hin oder her. Ich hab es durchgezogen, hab überlebt und ein Ranking gewonnen: Ich bin grüner als die Grünabfuhr!

So leicht geht das heute, um zuoberst auf dem Podest zu stehen.

Nur, Spass hatte niemand wirklich… Und das alte Sprichwort bewahrheitet sich einmal mehr:

Wie gewonnen, so zerronnen.

Dafür stehen die Bäume ab Neujahr schön unverpackt dort, wo sie hingehören und erwartet werden von der Grünabfuhr!

Viel Glück im zweiten Leben!

 

Dominique (not amused)

 

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Was wäre, wenn ..... (Nr. 58)

Achtung, es wird ein wenig kompliziert.

Wir leben doch oft in einer Wirklichkeit, die wir anerkennen als sei sie wirklich real, auch wenn das in Realität nicht immer wirklich stimmt. Stichworte: Virtuelle Realität; Künstliche Intelligenz.

Real – irreal. Egal. Kennen wir gut. Auch in unserem realen Alltag, wenn wir uns z.B. etwas zu wünschen wagen, das Lichtjahre entfernt liegt oder einfach als Wunschtraum abgetan werden kann.

«Wenn ich einmal ... wäre...», dann folgt: «würde ich…»

Sprachlich und grammatikalisch etwas kompliziert.

Weil das Gewünschte dann meistens nicht wirklich eintrifft, wird das Supponierte im Irrealis ausgedrückt. Sprachlich und inhaltlich also korrekt.

So ist das nun mal, wenn man sich Dinge wünscht, plant oder einfach nur vorstellt; auch im Sinne von: was wäre, wenn…

So geschehen neulich als Selbstversuch und also hier ein Mitschnitt aus dem realen Leben von Dominique:

Was wäre, wenn Dominique ein Mann wäre?

Dann würde Dominique sich wohl eher Dominic oder Dominik schreiben. Dann würde Dominique nicht bloss über Haare schreiben, sondern auch über Bartwuchs.

Dann hätte Dominique vermehrt maskuline «Wortmonster» im Sprachschatz (wie dieses hier).

Dann hätte Dominique ein grammatikalisches Geschlecht in den Ankündigungen der Posts.

Hat ER indes nicht bis dato!

Dann schriebe ER wohl über andere Dinge aus SEINEM Alltag, weniger über Katzen, Tanten, Jugenderinnerungen, mehr über Fussball, Smartphones etc.

Und aber wenn Dominique wirklich ein Mann wäre, warum steht ER dann nicht SEINEN Mann? Weil ER lieber eine Frau wäre? Weil ER diese «andere» Seite des Menschsein im wirklichen Leben nicht leben darf/kann?

Dann wären wir angelangt bei: Was wäre, wenn Dominique eine Frau wäre… ?

Fini, fertig, keine weiteren Spekulationen mehr. Das wird noch komplizierter.

Dafür aber ein tröstendes Fazit:

Wäre Dominique ein Mann, DER lieber eine Frau wäre, dann könnte ER nach einer Geschlechtsumwandlung den Namen behalten und müsste «lediglich» das Frau-Sein erlernen, wie das heute so viele Menschen machen und immer mehr.

Das Ganze gilt dann auch für die Umkehrform, für: wenn Dominique eine Frau wäre …

Aber: Dominique bleibt lieber:

 

Dominique

 

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Post-Fail (Nr. 57)

Mein Pöstler, der manchmal eine Pöstlerin ist, hat wieder einmal ein Problem elegant gelöst.

Bei Hausnummer 56 in meiner Nachbarschaft liegen zwei Pakete vor der Eingangstüre. Ja, am Boden vor der Haupttüre. Wieso denn nicht in den Milchfächern der Briefkästen, die doch alle frei zugänglich sein müssen gemäss Vorschrift der Post?

«Auffällig, oder?» meint eine Nachbarin, die mich anspricht beim Vorübergehen und fragt mich dann ironisch-lächelnd, wo denn die Nummer 54 sich befände?

«Gleich nebenan, wenn ich mich nicht irre?», geb ich in gespielt-fragendem Tonfall zurück. «Steht jedenfalls beim Hauseingang angeschrieben.»

«Eben.»

«Bei mir hier im 56 liegen zwei Pakete, bestimmt für die Hausnummer 54.»

«Komisch.»

 

Wir inspizieren den Fall gemeinsam, weil ich der Post gut – also besser – gesinnt bin als die Nachbarin, welche die Sachen einfach liegen lassen möchte.

«Geht mich ja nix an.»

Ich frag sie nun aber nicht, wieso sie mich denn angesprochen habe …

 

Also, das kleinere Paket ist relativ einfach zu bestimmen. Stammt vom Hauslieferanten für IT aus China und nach präzisester Entschlüsselung entdecken wir die Adresse, die in Kleinstschrift verfasst ist: Hausnummer 54! Liegt aber auf dem anderen Paket bei Hausnummer 56, vor der Haustüre am Boden!

Fail! Die Post liegt falsch! Jedenfalls am falschen Ort.

Das zweite, grössere «Objekt» ist bepflastert mit ca. 100 Klebeetiketten aller Grössen und Farben. Ich übertreibe etwas, aber es braucht einige Zeit (die das Zustellpersonal wohl nicht mehr hat?), um das Objekt zu analysieren.

Der Adressat in Germany ist durchgestrichen; auf einem Kleber steht «Retour». Zwei Etiketten sind freundlicherweise vom Zollamt verdingst. Undsoweiterundsofort.

Und irgendwo im Wirrwarr der Kleberei steht ein Name und eine Adresse, die auf Hausnummer 56 lautet.

Best! Die Post liegt richtig! Jedenfalls am richtigen Ort.

Und die Person für die Retoure hat auch einen Briefkasten mit Milchfach.

Die Retoure ist also fast korrekt zugestellt. Nach Monaten der Odyssee durch viele Ämter und Hände wohl.

Wieso indes nicht wirklich korrekt im Milchfach? Und wieso das andere Paket, das zu Hausnummer 54 passt, hier bei Nr. 56?

Fragen wir nächstens mal die Pöstlerin, die manchmal auch ein Pöstler ist, wie man gedenke, solche «Probleme» oder «Fälle» in Zukunft lösen zu wollen, denn Problemfälle einfach gesammelt irgendwo deponieren: Geht nicht, liebe Post! Ob Pöstler oder Pöstlerin. Geht auch in Corona-Zeiten nicht in der Schweiz! Oder?

Ich vermute, dass ich keine konkrete Antwort erhalten werde. Ich vermute, dass die Befragung darauf hinaus laufen wird, dass es an der Entpersonalisierung des Zustellpersonals liegen könnte, das nicht mehr fixe Touren abfahren darf und ihre Kunden nicht mehr persönlich kenne. Und ich vermute, dass der Zeitdruck beim Zustellen etc … Undsoweiterundsofort …

 

Wir werden sehen und ein Aug offen und ein Ohr wach halten, wie meine Nachbarin, die den ganzen Strassenzug bestens kennt, ohne dass sie bei der Post arbeitet …

 

Dominique

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Mila-Mail – Magic! (Nr. 56)

Mila – meine Katzendame – ist mittlerweile ungeniert im Umgang mit Laptops, Tastaturen oder gar Mäusen auf den Schreibpulten im Haushalt, denn sie kümmert sich um das Soziale während einer Session am Bildschirm. Sie schlängelt sich – vor – über – neben dem Computer, gleich wie es ihr beliebt, meint man. Sie will ihre Streicheleinheiten – meint man; vielleicht sucht sie ein Gegenüber? Oder es ist blosse Aufmerksamkeit, Achtsamkeit?

Katzen schnurren nicht nur, sie sind auch intuitiv-intelligent. Und so schläft Madame neben dem Laptop auf der Tischplatte auch. Wenn es dann mal Zeit ist für eine Konversation, so erhebt sie sich, reckt und streckt sich. Jetzt ist Schmusezeit, jetzt ist Streichelzeit, und dann kommt die Tanzzeit. Und das mit allen vier Pfoten über die bewegliche Unterlage der Tastatur.

Wenn die Katze tanzt, sind die Mäuse …

Oder als Umkehrschluss zum Englischen: «When the cat's away, the mice do play.» Do they really?

Ob Katz oder Maus! Nach der Tanzstunde läuft Skype nur noch ohne den Einsatz der Kamera. Kamera tot! Oder allenfalls nach einem heimlichen Software-Update undefiniert im digitalen Nichts verschwunden?

Ich kontaktiere meinen Profi-Berater, der am anderen Ende der Leitung schon nach Reparaturvorschlägen im Netz sucht. Also etwa so: «Device Manager öffnen, in der Basisdatei etwas reinschreiben, neu starten» etc..

Wie man es in etwa kennt, in der Hoffnung, es funktioniere dann wieder wie zuvor, was es ja nie wirklich tut. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich am Schluss. Oder dann geht die ganze Kiste zur Reparatur nach Irland via Holland!

Es ist letztlich dann alles viel, viel einfacher mit der «Reparatur»! Nämlich mit dem Abkürzungsverfahren via Shortcut F8 und die Kamera ist wieder «da». So einfach geht das! Quasi im Shortcat-Verfahren! Und ich hab wieder was gelernt!

Sodann stolziert Mila wieder elegant über die Tastatur meines Laptops und verschiebt mir eine eben eingegangene Mail von sehr hoher Wichtigkeit – catlike – meine ich. Mila kümmert das indes wenig.

Sie muss einen neuen Ordner erstellt haben (im Shortcat-Verfahren?), worin sie diese Mail versteckt haben wollte. Ich finde nichts in «Eingang», nichts im «Papierkorb». Erst als ich diesen neuen Ordner bemerke, weiss ich, dass diese Mail – es war eine einzige Mail darin abgelegt – von Mila abgelegt wurde. Ich hab noch nie zuvor einen Ordner in der Mailablage erstellt. Ich war das nicht! Bei Gott, ich war das nicht!

Ach Mila!

 

Dominique

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Herr & Frau Dominique (Nr. 55)

Es kommt öfters vor, dass man in einer Gruppe von Menschen die gleichen Vornamen antrifft. Peter – Paul sowie Anna – Maria; Namen, die schnell mit Nummern oder Altersangaben erweitert werden zu «Maria die Jüngere» oder «Peter der Erste» usw.

Es ist indes seltener bei Vornamen anzutreffen, die genderneutral verwendet werden können wie z.B. Dominique.

Es kann aber vorkommen. Und es kam vor, nämlich so:

Dominique und Dominique verabreden sich als Mann und Frau zwecks gemeinsamen Abendessen in einem Lokal mit fernöstlichen Speisen.

Die Bedienung, eine junge Frau, die in etwas radebrechendem Deutsch uns beiden einen Tisch zuweist, fordert uns dann sofort auf, unsere Covid-Zertifikate vorzuweisen.

Dominique zückt ihr Smartphone und wird geprüft. «Danke, Frau Dominique», entgegnet die junge Frau Kellnerin.

Dann zückt Dominique sein Smartphone und wird geprüft. «Danke, Herr Dominique», ertönt es ein weiteres Mal …

Wir beide lächeln uns zu, wohl weil niemand von uns auf die Idee gekommen wäre, uns mit unseren Vornamen zu Herr & Frau Dominique zu verwandeln. But why not. Es steht doch so in der Zertifikats-App! Mit Nachname zuerst und dann mit dem Vornamen. Nur, das hat die Kellnerin wohl etwas missverstanden.

Alles korrekt finden wir und schmunzeln.

Die Verführung ist gross, gleich am nächsten Abend noch einmal in dasselbe Lokal essen zu gehen. Also verabreden wir uns ein weiteres Mal. Und tatsächlich, Frau Kellnerin erkennt uns wieder und begrüsst uns wie Bekannte mit Herr & Frau Dominique. Und diesmal ohne dass wir die Covid-Zertifikate zücken müssen. Familie Dominique ist unterdessen wohlbekannt!

In Covid-Zeiten scheint alles etwas anders!

Dafür geniessen wir als Herr & Frau Dominique unser Sushi-Mahl aufs Bekömmlichste.

 

Dominique

Verkehrte Welt (Nr. 54)

«Das Büchlein bring ich nächstens auf die Post, bzw. in die Apotheke, weil die Poststelle bei uns war langsam zu klein, da hat man vor lauter Gummibärli, Papeterieartikel und Kinderbücher den Schalter nicht mehr gefunden.»

Schreibt ein Freund von mir, der das erwähnte Werk nicht nur selber verfasst hat, sondern nun auch noch weiterhin hegt und pflegt, es also sorgfältig verarztet und zur Apotheke bringt statt auf die Post, damit es seine Leserschaft wohlbehütet erreicht.

Post bleibt Post, auch wenn sie keine Post mehr ist!

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose …

Also: Eine Post ist eine Post ist eine Post …

Aber:

Früher ist nicht Heute.

Und:

Heute ist nicht Früher.

 

Also ist Heute anders und also ist die Post eine Apotheke!

Ähnlich wie in einer Kindergeschichte von Peter Bichsel, die den Titel trägt: Ein Tisch ist ein Tisch.

Da geht es erst traurig zu, dann lustig, dann wieder traurig. Wie eben Geschichten sein können, die von grossen Veränderungen erzählen, auch wenn es nur um kleine Dinge geht, wie Tische, Stühle, Wecker oder: Poststellen.

Kurzum: Ein alter Mann erfindet sich neu. Er nennt als Erstes sein Bett «Bild».

«‘Ich bin müde, ich will ins Bild‘, sagte er, und morgens blieb er oft lange im Bild liegen und überlegte, wie er nun dem Stuhl sagen wolle, und er nannte den Stuhl ‘Wecker‘».

Das geht so weiter, bis ihn die Leute nicht mehr verstehen und es ein trauriges Ende nimmt: «Und deshalb sagte er nichts mehr. Er schwieg, sprach nur noch mit sich selbst, grüsste nicht einmal mehr.»

Bleibt zu hoffen, dass wir bei der Postübergabe in der Apotheke uns weiterhin grüssen und miteinander sprechen…

Und, sollte man sich ausnahmsweise etwas aufregen über die Post und ihre Dienste, so böte sich die Möglichkeit, gleich eine entsprechende Beruhigungspille in Briefmarkennaturalien zu erstehen! Oder gar sich eine Gratisimpfung gegen ein sich anbahnendes Postvirus verabreichen zu lassen?

 

Dominique

Exitus (Nr. 53)

Gestern, es ist gegen Abend, signalisiert Sohnemann: «Hey Kolleg, Whatsapp am Arsch.» Er «spricht» mit mir, wie er mit seinen Kollegen, Freundinnen etc. kommuniziert. Keine Anmache, nix da, denn die Jungen kümmern sich ja schon lange (lange vor dem Genderdings da) nicht mehr um die Geschlechter ihrer Vis-à-Vis. Hätte also auch heissen können: «Alte – Insta am Arsch.» Denn auch das Alter spielt keine Rolle bei den Jungen. Hey Alte – Hey Kolleg – Hey Bitsch – Hey Dominique :))

Schön genderneutral, altersunabhängig; ja, liebevoll, neckend und vor allem: Ganz entspannt im Hier und Jetzt. Wie der Umgang mit diesen «Sozialen Medien», die da nun darnieder liegen.

Nun also weiss ich, was ich auf die ungewohnte SMS meiner Freundin E. antworten kann. Sie informiert mich auf diesem «Weg» darüber, dass sie mir eine Nachricht zustellen wollte. Ohne Erfolg indes: «Mein WhatsApp funktioniert nicht mehr. Hab dir um 18.06 mit Foto geschrieben, aber geht nix mehr. Henu. Wie geht es deinem Schnupfen? Inhalieren? … »

Die gesamte Facebook-Gruppe «am Arsch»! Das geht kurz und knapp als Message in den anderen Medien – jenen, die noch funktionieren – durch die digitalen Pforten in alle Welt hinaus, hindurch, hinweg…

«Und, vermisst du was?» fragt mich eine andere Freundin nach meiner Nachricht an sie via Signal, dass Weltuntergang herrsche bei Whatsapp und Facebook, nur Signal weise noch in die Nacht hinaus.

«Nopp», signalisiere ich zurück. Und weiter: «Zum Glück liegt es einmal nicht an meinem Provider!»

Das war‘s denn auch schon an «relevanten» Benachrichtigungen gestern Abend.

Im Lichte des Morgens besehen, an dem alle Sozialen Kanäle wieder offen sind und funktionieren, muss ich feststellen, dass ich einmal mehr kostbare Zeit an etwas ver(sch)wendet habe, das es nicht wirklich wert ist. Ich hätte (und habe) überlebt! Auch diesen «Totalausfall». Denn nicht eine der Nachrichten, die ich bekam oder verschickte, war lebenserhaltenden!

Fazit: Das Ganze soll mir doch den Buckel …

Oder salopper, dafür kontextualisiert: Leck mich doch am .….

Ehrlich!

 

Dominique

 

Minimum (Nr. 52)

Maximal 160 Zeichen standen zur Verfügung für eine SMS (Short Message Service) in der Pionierzeit der smarten Telefone. Man gewöhnte sich an die Kürze der Minimal-Nachrichten. Es geht indes heute noch kürzer, auch auf anderen Kanälen!

Deshalb hier etwas Alltagsprosa, sprich: Alltagspoesie, weil verkürzt auf das Minimum.

Kam per Mail; ging an alle:

 

«Betreff: Parallels 2X nicht verfügbar 22. September 13:00 - 18:00 Uhr

Liebe Kollegen:innen

Wegen Wartungsarbeiten ist der Parallels 2X Zugang am Mittwoch, den 22. September 2021, von 13:00 - 18:00 Uhr nicht verfügbar.

Danke für Euer Verständnis und Gruss von

IT»

190 Zeichen lang alles zusammen ohne den Betreff; 146 Zeichen ohne den Dank und die Bitte um das Verständnis, was ja nicht absolut notwendig ist bei so einer «Mitteilung». Die IT ist eh effizient und meldet nur das Notwendigste – das Minimum – damit sie weiterhin genug Zeit hat für unsere Sicherheit im Netz der Netze!

Trotzdem erlaube ich mir eine Kürzestfrage auf diese Mail:

«Was ist das?

Gruss

Dominique»

Und zurück die Antwort, welche wie ein Rätsel daherkommt à la: Was ist es, was allen – und auch dir – mitgeteilt wird, damit alle, die es betrifft, wissen, was Sache ist, eine Sache indes, die dich nicht betrifft, weil du die Sache nicht kennst?

O-Ton der Antwort lautet viel einfacher:

«Hallo Dominique

Wenn Du es nicht kennst betrifft es Dich nicht.

Gruss von

IT»

Da hab ich‘s! Kürzest (Message ist gerade mal 47 Zeichen lang), sec, nicht mal gewürzt mit einem Komma!

Geht mich also nix an, weil es mich nicht betrifft, weil ich es nicht kenne… Oder wohl umgekehrter: Weil ich es nicht kenne, betrifft es mich nicht…

Nichtkennen oder Nichtwissen schützt vor dem Gesetz indes nicht; ausser bei IT-Dingen? Je weniger ich kenne, desto freier ich mich in der IT-Welt bewegen kann?

Wenn ich das Prinzip «Nicht-Kennen»-also-«Nicht-Betreffen» in meiner privaten, digitalen Welt anwenden würde, ich täte keine Fingerkuppe mehr an meine Tastatur legen, nicht die Maus bewegen, nicht einmal in Gedanken etwas anklicken wollen …

Deshalb: Danke (Komma!) liebe IT (Komma!) dass Du mich schützt vor den bösen ETs da draussen (Komma!) damit ich in Ruhe arbeiten darf…

 

Dom (heute minimalst)

Wieder gelesen (Nr. 51)

In der Rubrik «Wieder gelesen» einer Literaturzeitschrift entdeckte ich neulich eine Buchrezension, die mich anregte, einen «Klassiker der Moderne» wieder zu lesen.

Ein Klassiker der Moderne also, der ein besonderes «Lesevergnügen» biete, der das Potential habe, die Phantasie der Leserschaft anzuregen, wenn die Leser es denn soweit kommen lassen würden. Das tun indes die wenigsten – oder besser: taten.

Nichtsdestotrotz, das «Werk» war über lange Zeit eines der meistverkauften Bücher nach der Bibel und erlebte jedes Jahr eine Neuauflage. Die erste Auflage erschien 1881 und widerspiegelte den zeitgenössischen literarischen Realismus aufs Genauste. Mit jeder Neuauflage wuchs der Umfang wie die Leserschaft auch. Teilbände um Teilbände wurden in Druck gegeben und ausgeliefert durch fleissige Pöstler, die unter der Last beinah zerbrachen.

Die Autorschaft hatte indes kein Erbarmen und lancierte Jahr um Jahr neue Wälzer.

Sie ahnen unterdessen, dass es sich wohl nicht um einen gewöhnlichen Roman handelt – eher um einen Roman, der als «Stream of Consciousness» einen Tag im Leben des Leopold Bloom abhandelt. Wäre es ein Roman, dann ein avantgardistischer, mit einem unerschöpflichen Reservoir an Personal, dafür ohne vorgegebene Plots. Quasi ein Werk in Progress, das die Mutationen der Gesellschaft haargenau zu dokumentieren versteht.

Hier setzt die Rezension an, wenn sie auf das Potential an Phantasie zu sprechen kommt!

Und, da sich das lesende Zielpublikum eher an Hans Magnus Enzensbergers Slogan: «Lies keine Oden, mein Sohn, lies die Fahrpläne: sie sind genauer» orientierte, musste erst dieser moderne Kritiker den Bestseller «in retro» wieder entdecken und analysieren.

Hier ein paar Auszüge aus der Besprechung:

  • Die Erstausgabe erinnere an ein Personenverzeichnis eines Theaterstücks, das in Ansätzen Charaktereigenschaften zu den namentlich genannten Personen aufliste.
  • Man könne dem Buch vorwerfen, dass es in erster Linie Zahlen-Rabulistik betreibe, ein Riesengeschrei veranstalte um die Ziffern 0 bis 9; und das in spitzfindigsten Variationen, die mehr oder weniger bekannten Regeln folgten.
  • Es erzähle wenig, dafür sei es vollgestellt mit Namen und Vornamen in allen ihren Schreibarten: von Meier, Meyer über Maier, Mayer bis Mayr etc.; von Dominik, Dominick, Dominic über Domenico bis Dominique …, also «namentlich inhaltsschwerer» als die umfangreichste Dankesliste im Nachwort eines wissenschaftlichen Oeuvres.
  • Es sei als lexikalischer Nummern-Roman, als experimenteller Zahlen-Roman zu verstehen, der seine Personen selten nur zwischen den Nummernkombinationen zu Wort kommen lasse. Und wenn, dann redeten sie kaum zusammenhängend.
  • Trotzdem habe das Buch einen solchen Erfolg erlangt!

An einer Stelle wird erwähnt, dass für jene, die den Wälzer im Bett vor dem Einschlafen durchblätterten, es schnell einmal verlockend sein könne, das Buch einfach beiseitezulegen und einzuschlafen!

Die Quintessenz dann lautet:

  • Für einen schöngeistigen Roman fehlten dem Buch praktisch alle Ingredienzien. Aber Vergleiche solcher Art seien ungerecht. Man vergleiche ja den Fahrplan der SBB auch nicht mit einem Kochbuch der Landfrauen!

Lust auf mehr bekommen? Dann nur zu. Blättern Sie vor dem Einschlafen darin, bis Ihnen die Augen zufallen!

Das Werk nennt sich: Das Telefonbuch.1

 

Dominique

 

1 Die aktuellsten Ausgaben heissen «localGuide». Dieser Guide sei das meistgenutzte Druckverzeichnis für Telefonnummern in der Schweiz. Neben den elektronischen Verzeichnissen local.ch und search.ch erfreue er sich nach wie vor grosser Beliebtheit.
Er bestehe aus den bekannten Gelben Seiten, dem Telefonverzeichnis mit den Telefonnummern und Adressen von Unternehmen und Privatpersonen sowie einem redaktionellen Teil, der mit zahlreichen Artikeln mit Ratgebercharakter einen interessanten Einstieg biete.
Also: Lesen!
Übrigens, das PTT-Archiv in Köniz beherbergt alle Ausgaben, von den Erstauflagen bis heute. ALLE!

«Für wenn ich tot bin» (Nr. 50)

M.1, ein Freund von M.– einer Freundin von mir – hat letzthin M. gefragt, ob sie ihm bei seiner Abdankung den von ihm selbst verfassten Nekrolog verlesen würde? M. hat zugesagt, was M. erfreute. Daraufhin hat M. – der Verweser seiner selbst in Sachen Sterben – M. also zu seiner «Verweser-Verweserin» ernannt.

Worauf M. – also meine Freundin – ausrief: «Mögen wir noch nicht so bald verwesen!»

 

«Kafka hätte seine höllische Freude gehabt an solch komplexen Sachverhalten»3, entgegnete ich, als M. – also meine Freundin – mir das berichtete, so, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Was es «natürlich» ist, denn sterben tun wir ja alle!

 

Nie wär ich indes selber auf so eine Idee gekommen, «für wenn ich tot bin».4

Aber M., der mit beiden Beinen in der Welt steht und noch jung ist, hat wohl nachgedacht über den Tod und über seinen Tod hinaus. Hat vorgesorgt – wie bei seiner Rente sicher auch, damit er in Ruhe seinen Stand geniessen und dann in Ruhe sterben kann?

Oder wollte er anders vorsorgen?

Wollte er auf seine Art der lateinischen Sentenz «De mortuis nihil nisi bene», dem: «Von den Toten nichts ausser auf gute Weise» vorbeugen? Sich zur Wehr setzen vor Lobhudeleien? Den Verstorbenen auch kritisieren, aber auf eine faire Weise, da er sich selber ja nicht mehr verteidigen kann in seinem «Zustand»?

Wie dem auch sei – und so Gott will – wir werden sehen, respektive dem Abgesang zuhören. Wenn ich M. nämlich überleben sollte – und einmal mehr: in·schal·lah – gehe ich auf seine Abdankung.

 

Dominique

 

 

1  Könnte für Michi stehen.

2  Könnte für Martina stehen.

3  Und Kleist an solchen Satzgebilden?

4  Aus: «Jahrestage» von Uwe Johnson.


 

Zahlungserinnerung (Nr. 49)

«Es kann passieren, dass eine Rechnung unbeglichen bleibt. Dieser Hinweis soll helfen, Versäumtes nachzuholen. Laut unserer Buchhaltung sind die unten aufgeführten Rechnungen zur Zahlung fällig. Wir möchten Sie bitten, unsere Angaben zu prüfen und uns bei Unstimmigkeiten sofort zu benachrichtigen. Ansonsten erwarten wir Ihre Überweisung.»

Der Absender zeichnet als Firma XY. Kenne ich nicht. Und der aufgeführte Nachweis aus der Buchhaltung sagt mir nichts.

So was! Aber danke für den freundlichen Hinweis, der per Post zu mir gesegelt kam. Kann ja vorkommen. Nur, ich kann mich nicht erinnern, dass ich bei dieser Firma etwas gegen Rechnung gekauft, bestellt oder was auch immer habe. Leider steht auch nicht konkret geschrieben, was ich denn Versäumtes mir zu Eigen gemacht haben sollte. Also «benachrichtige» ich diese Firma sofort. Per Telefon. Und werde empfangen von einer künstlichen Ansage, die dann übergeleitet wird zu einer natürlichen Person, die mich höflich fragt, wie sie mir denn helfen könne… Helfen? Ja, ich brauche wohl Hilfe, denn ich muss beweisen, dass ich zwar die Person bin, die angeschrieben wurde, korrekt mit Namen und Adresse, aber dass ich nichts – ja, nichts – erstanden habe.

«Oh, ah, wie?», tönt es vom anderen Ende auf meine Ausführungen. Und es folgen jene Mechanismen und Fragen, die mich bei jeder Hotline an den Rand der Verzweiflung treiben, weil das andere Ende genau das durchchecken will, was ich bei der Einführung des Gespräches bereits erwähnt habe. Wir müssen feststellen dann, dass wohl etwas nicht mit rechten Dingen gelaufen ist, wenn ich denn tatsächlich nichts – ja, nichts – gegen Rechnung gekauft, bestellt oder was auch immer hätte. Die freundliche Person am anderen Ende findet die Lösung: «Es muss wohl bei der Rechnungsstellung eine Verwechslung bei der Kundennummer gegeben haben!»

Leuchtet ein.

Aber woher sie denn meine Daten hätten?

Das weiss sie natürlich nicht und ich auch nicht.

Magic!!

Fazit aber: «Sie können die Rechnung unbezahlt wegwerfen.»

«Danke», nuschle ich durch die Leitung und melde mich ab und tue so, wie geraten. Die Rechnung landet korrekt auf dem Papierweg in die Entsorgung.

Heute nun kommt eine weitere Botschaft dieser Firma. Die Briefüberschrift in fett: 2. Mahnung.

Ich soll doch noch einmal der Firma ihre unten aufgelisteten Angaben prüfen, um sie «bei Unstimmigkeiten sofort zu benachrichtigen.»

Angesäuert greif ich das Mobile und wappne mich zum zweiten Prozesstag. Die Richterin am anderen Ende ist heute eine andere, das Prozedere das gleiche (nur, dass ich meine Beweislast energischer und etwas lauter betone), der Ausgang dann derselbe. Ich werde einmal mehr freigesprochen. Diesmal mangels Beweisen und mit den besten Wünschen für den noch lange dauernden Sommertag!

Kulanz? Gnade vor Recht?

Wir werden sehen. Ich kann erst wieder ruhig schlafen, wenn ich bestätigt bekomme, dass ich als Kundennummer bei dieser Firma nicht mehr existiere. Schriftlich wollte ich es haben, weil auf die Computer ja wenig Verlass sei!

We will see …

 

Dominique

Tante Hanny (Nr. 48)

Als ich zurück komme von einem ausgedehnten Spaziergang zwischen zwei Wolkenbrüchen, seh ich auf dem Display meines Festnetzapparates, dass ein Anruf eingegangen ist. Tante Hanny. Och, ich ruf dann heute nach dem Nachtessen kurz zurück, denk ich mir, weil ich nun erst einmal ein Abendessen zubereiten möchte. Die «Gaschtig» hat Vorrang, denn sie ist anspruchsvoll und soll nicht zu kurz kommen, auch wenn meine Kochkünste beschränkt sind.

Die Bekochung kommt dann aber gut an und wie es so ist, ich erinnere mich erst gegen 22 Uhr, dass ich Tante Hanny zurückrufen wollte. Zu spät, da alte Leute früh zu Bett gehen.

Dann morgen also.

Ich rufe am frühen Vormittag zurück und Tante meldet sich mit ihrer Fistelstimme, in der ihre 93 Jahre vertont sind.

 

«Was wolltest du denn gestern? Ich hab zu spät bemerkt, dass du angerufen hast.»

«Ach, ist schon gut. Ich wollte nur wissen, welcher Tag gerade ist?»

«Ja, …?» Gestern war Mittwoch und heute ist Donnerstag.

«Ja, ich weiss es nun wieder. Ich muss am Freitag dringend zum Arzt, und wusste nicht, welcher Wochentag es ist. Ich war etwas verzweifelt, weisst du. Und es ist mir zu peinlich, meinen Sohn oder die Bekannten zu fragen. Die haben dann immer sofort das Gefühl, ich spinne langsam.»

 

Ja, so ist das! Da wohnt Tante Hanny – die gar nicht meine wirkliche Tante ist – seit dem Tode ihres Mannes alleine in ihrer angestammten Wohnung in der Stadt und sucht sich Hilfe bei mir. Was für ein Vertrauensbeweis! Sie weiss wohl ganz genau, dass alte Leute für mich nicht einfach Alte sind. Das sind sie ja auch nicht. In keiner Art und Weise! Und dass ich ihre Anrufe nicht als Telefonseelsorge empfinde, sondern als Gespräche von Mensch zu Mensch.

Wir führen dann unser Gespräch wie alle anderen Unterhaltungen am Telefon. Sie ist alles andere als gespinnert, meine Tante, auch wenn sie ab und zu Dinge «vergisst» oder sich kurzzeitig nicht erinnern kann an tagtäglichste Dinge.

Sie will wohnen bleiben in ihrer Wohnung mit Ausblick auf den Fluss, auch wenn sie Treppen steigen muss, wie immer. Sie will sich fit halten, selbstständig bleiben, meine Tante. Typisch Tante. Etwas in die Jahre gekommen, aber in keiner Art und Weise verkalkt oder altersstur. Lebendig wie ein gereifter Wein, der immer noch als «schön» zu geniessen ist.

 

«Mach‘s gut und auf bald!»

 

Dominique

Zweifel (Nr. 47)

Ich knabbere beim Apéro an Genera-Chips und lass mich ablenken von einer Meldung, die reinregnet via einem sozialen Kanal. Ich öffne die Meldung und zweifle. Was! Was steht denn da? Ich kann es nicht glauben und zweifle. Glaube und Zweifel waren sich nie einig, denn der Zweifel wurde von Gläubigen lange als Sünde und Übel betrachtet, weil es zur Verzweiflung führe. Der Zweifel gilt heute nun ja als Voraussetzung für Erkenntnisgewinn. Anders ausgedrückt: wer zweifle, glaube an (eine) Wahrheit.

Da haben sich zwei Extreme also gefunden! Wer glaubte, zweifelte nicht und wer heute nun zweifelt, glaubt!

Ergo, zweifle ich.

Da steht nämlich:

«#selflove – Liebe fängt bei dir selbst an! 10 Tipps für den Beginn einer lebenslangen Romanze, die bestimmt nie ihr Knuspern verliert:

1 Akzeptiere dich und vergleiche dich nicht mit Anderen

2 Hör auf, dir Gedanken über die Meinung anderer zu machen

3 Erlaube dir, Fehler zu machen

4 Wertschätze deinen Körper

5 Lass die Menschen los, die dir nicht guttun

6 Sei dankbar

7 Nimm dir regelmässig Zeit für dich

8 Sprich positiv von dir und lobe dich

9 Hör nie auf, an dir zu arbeiten

10 Glaube an dich»

 

Tönt nach Aufforderung an das Persönlichste eines Individuums, das sich auf der Matte in einem Yogastudio entspannen soll vor dem eigentlichen Dingsda.

Zweifel sind also angebracht! Ja, berechtigt, wie sich herausstellt, wenn ich in der Übersicht nun den ganzen Beitrag abscanne.

«Willkommen auf der offiziellen Facebook Seite von Zweifel Chips. Als Liker erfährst du immer zuerst von Wettbewerben, neuen Produkten sowie Events und profitierst von exklusiven Facebook Specials!

Weniger anzeigen».

 

Man soll nicht schwören und man soll nicht falsch gegen den Nächsten aussagen. Ich schwöre also nicht und ich sage nur die Wahrheit, getreu den 10 Geboten*, die einzuhalten ich beabsichtige, wenn ich mich in christlicher Nächstenliebe betätigen möchte.

Aber zugegeben, es fällt mir schwer, den Namen dieses «Anbieters» nicht zu verunehren.

Und ich beruhige mich schnell, weil mir ein Slogan in den Sinn schiesst, der für unsere Zeit als Paradebeispiel steht:

«Omnia Omnibus Ubique» (Alles für alle überall). Steht so in grossen Lettern an der Fassade bei Harrods in London, einem der grössten Warenläden der Welt.

Bleibt mir nur noch, mich französisch aus dem Staub zu machen: «Chacun à sa façon!»

 

 

Dominique

 

*

1. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

2. Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.

3. Du sollst den Tag des Herrn heiligen.

4. Du sollst Vater und Mutter ehren.

5. Du sollst nicht töten.

6. Du sollst nicht ehebrechen.

7. Du sollst nicht stehlen.

8. Du sollst nicht falsch gegen deinen Nächsten aussagen.

9. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau.

10. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.

Genderey (Nr. 46)

Nach der 68-er-Bewegung geriet die «Frauenwelt» in Bewegung. Mit ihr «Das Deutsche als Männersprache». Luise F. Pusch pushte darin das erbärmliche Deutsch. Alice Schwarzer zeigte den Männern zudem den Stinkefinger und Verena Stefan deutete und häutete sich als erste bewegte Frau, die antrat zu dem, was bald als «Frauenliteratur» boomte, obwohl es doch schon immer auch Literatur von Frauen gab. Egal.

Und es wurde rege diskutiert in sogenannten Frauengruppen, wo auch Männer zugelassen waren, nicht wie in Berliner Frauenbuchläden, wo Mann per Du abgewiesen wurde.

Da waren Themen wie:

Sprache als Macht – Gerechte Sprache / Rassismus – einschliessen / ausschliessen – Mitgemeintsein usw.

Erste Versuche für eine veritable Sprachreform, wie sie heute unter dem Grossstichwort «Gender» wieder anstehen.

Die Welt hat sich unterdessen verändert, das Individuum wurde gestärkt, vieles erscheint heute alltäglich, was damals durchaus anders war.

Teilerfolge, ja. Aber in sprachlichen Dingen sind wir wenig vorangekommen. Die Probleme unter den Geschlechtern werden einmal mehr wieder heiss diskutiert. Ideen, Vorschläge, Anregungen – Altes und Neues – grassieren im Netz, werden kurzerhand als Lösungen adaptiert, um wieder verworfen zu werden.

Das «Binnen-I», das doch lange als Lösung schien, hat schliesslich ausgedient. Die konsequent-alternierende Geschlechternennung (die Pilotin, der Krankenbruder) hat es auch nicht geschafft.

Dann kam der Doppelpunkt: «Ich hab letztens unsere Oberbürger:innenmeister:in auf dem Bürger:innensteig getroffen, da kam sie von einer Veranstaltung über den Schrecken, den Nationalsozialist:innen verbreitet haben. Sie wollte anschließend noch in ein Mensch:innenhaus, in dem sie mit Opfern von Vergewaltiger:innen sprechen wollte.»

Und schliesslich sind wir – wieder einmal – bei einer Lösung angelangt, die an die Einfachheit des Esperanto erinnert: dem «Gender-Y».

 

Endlich sind – sprachpluralistich und geschlechtstneutral – alle Menschen tatsächlich durch Ausschluss «mitgemeint», auch die «Anderen», jene, die sich nicht als Mann oder als Frau fühlen.

 

Also können wir nun spornstreichs die noch «feineren Sprachprobleme» angehen.

Ein Beispiel als Anregung oder Denkaufgabe für heute: Mitglieder einer Frauenmannschaft.

Frauys können – wenn man es korinthenkackerisch betrachtet – keine Mitglieder sein. Auch werden sie nie ein Glied in der Kette in einer Mannschaft (mehr) sein.

Dafür werden Mannys sprachlich etwas in die Wüste geschickt. Glaubt man nämlich den Auguren, wird wohl das «man» in jemand umgedeutet zu: jemenschd.

Wird es nicht, ich weiss. War nur Spass!

Aber eben, wir stehen vor grossen Sprachproblemen, die – hoffentlich – schon in der Keimzelle der Gesellschaft von den künftigen Mamys und Papys an ihre Kindys eingegeben werden: nicht wie Muttermilch, sondern wie Elternmilch!

Hoffen wir es.

Und bleiben gespannt, wie Frau Herrmann sich in Zukunft angesprochen fühlt: ob als Frau Herrmann wie bis dato oder konsequent durchdekliniert als Frau Fraufrau …

 

 

Dominique & Dominique

Sextanten (Nr. 45)

Ich seh sie, wie sie durch meine Kindheit navigiert und die Kapitäne auf den Kommandobrücken der Familienfeste herumkommandierte.

«Tont Lüssi» hiessen wir sie alle, wenn sie zu Besuch kam – über den Röstigraben hinweg – in die Deutschschweiz.

Die Kinderschar freute sich immer über die aussergewöhnliche Huttracht, die Tante Lussy aus dem Welschland mitrübersegelte.

Auch Tante Eva – wir Kinder durften sie nur welsch anreden als «Tont Ew» – war alles andere als ein Moralapostel. Sie hat dieses Wort immer auch selber verwendet. «Sie sei kein Moralapostel. Ja!» Dabei verschluckte sie öfters den Vokal «A» und liess es bei «Morl-Postel» bleiben!

Auf jeden Fall waren die beiden Tanten sehr eigenwillige Personen, die gerne im Mittelpunkt standen. Und da ihr «Liebesleben» anders verlief als im trauten Familienkreise gewohnt, wurden sie nach ihrer Rückreise oder beim Betrachten von Fotoalben auch als «Sextanten» bezeichnet.

Schöne Bescherung: mit Sextanten durch das Meer der Erinnerungen zu navigieren…

 

 

Dominique

Ganz einfach Sprache (Nr. 44)

Es gibt Wörter (oder Worte?)*, Begriffspaare, Wendungen oder Dingedinge, die kann ich einfach nicht auseinanderhalten. Schlimmer noch: Ich meine jedes Mal, ich kenne die Bedeutung, weiss indes genau, dass ich besser ein weiteres Mal nachschlagen sollte, um den genauen Sinn zu verstehen:

Serendipity, Jerobam, Schwerenöter …

Oder Begriffspaare: Leichte Sprache – Einfache Sprache; kurzsichtig – weitsichtig; konkav – konvex.

Kind und Kegel; oder eben: Untiefe …

und mehr und mehr …

Sie wissen, was ich meine und also verzichte ich an dieser Stelle auf «Erläuterungen».

Auch kann ich nur schwer auseinanderhalten was «Food-waste» von «Food-loss» unterscheidet, obwohl es doch klar die Sache benennt: Verschwendung und Verlust von Futter für die Menschheit. Beides sind Verluste, die indes unnötig und unterschiedlich zustande kommen.

Genau ähnlich geht es mir bei «Einfache Sprache» und «Leichte Sprache». Ich frage mich immer, was denn der Unterschied sein könnte zwischen einfach und leicht? Ist «Leichte Sprache» nicht einfach auch einfach? Dass «Einfache Sprache» nicht leicht ist, das ahne ich dann aber schon auch. Wieso aber heisst es nicht «einfach und einfacher» oder «Leichte Sprache und Federleichte Sprache»?

Weil die beabsichtigte Unterscheidung nichts mit einer Steigerung zu tun hat?

Oder weil Sprache nur dann federleicht sein kann, wenn sie eben einfach ist?

Deshalb: einfach – leicht; und keine Steigerung von einfach zu einfacher resp. leicht zu leichter. Wäre ja zu schön gewesen, wenn die Feder als das Symbol für Schriftlichkeit weiterhin Verwendung fände in diesem Zusammenhang, auch wenn heute niemand mehr mit der Feder schreibt!

Um zu «begreifen» und zu verstehen, was sich wie unterscheidet – sprachlich, habe ich mich einer Übung unterzogen.

 

Das einfache Beispiel:

Warum gibt es eine Corona-Impfung?

Die Impfung schützt vor dem Corona-Virus. Die meisten Menschen mit Corona werden nur leicht krank. Aber es gibt Menschen, die schwer erkranken, vor allem Menschen, die besonders gefährdet sind. Diese Menschen müssen oft auch ins Spital und können am Corona-Virus sterben.

Die Corona-Impfung schützt uns Menschen vor schwerer Erkrankung und hilft, dass weniger Menschen sterben.

 

Das leichte Beispiel:

Warum gibt es eine Corona-Impfung?

Die Impfung schützt vor dem Corona-Virus.

Die meisten Menschen mit Corona werden nur leicht krank.

Aber es gibt Menschen, die schwer krank werden.

Vor allem Menschen, die besonders gefährdet sind.

Diese Menschen müssen vielleicht auch ins Spital.

Oder sterben daran.

Darum gibt es die Corona-Impfung.

Damit möglichst wenig Menschen schwer krank werden.

Und damit weniger Menschen sterben.

(Originalbeispiel aus dem Internet)

 

Das federleichte Beispiel:

Warum gibt es eine Corona-Impfung?

Weil es Corona gibt.

Die Impfung schützt vor dem Corona-Virus.

Also einfach impfen gehen.

 

Ganz einfach kann Sprache sein.

Und das soll sie auch sein.

Ganz einfach.

Wort um Wort.

 

Einfachst:

«Drämmli, Drämmli, Drämmli, Drämmli,

Drämmli, Drämmli, Drämmli, Drämmli,

Drämmli, Drämmli, Drämmli, Drämmli,

Jah!, Drämmli, uf de warty nämmli!»

(Schnitzelbank an der Basler Fasnacht von «Ankeblüemli», 1973)

 

 

Dominique

 

*Vgl. Lull&Lall: Nr. 38: Das Wort haben die Wörter

Hans was Heiri (Nr. 43)

Onkel Hans erzählt gerne von seiner Jugend. Ich hab ihn deshalb einmal gebeten, mir eine Fotografie zu zeigen, auf der er mit seinem Zwillingsbruder abgebildet ist. Und weiter, ob er mir ein paar Zeilen aufschreiben könne, die sinnbildlich seien für seine Erziehung in der Grossfamilie.

Nun kam Post von Onkel Hans. Eine Foto mit Kommentaren in feinsäuberlicher Handschrift:

«Ich bin der Hans an der Seite meines Zwillingsbruders Heiri. Selbst Mutter wusste manchmal nicht, welcher jetzt der Heiri oder der Hans sei!

Da tönte es dann öfters: ‚Heiri-Hans‘ oder ‚Hans was Heiri.‘

Wir beide waren bis zur Erstkommunion stets gleich angezogen und fröhliche Jungs.

Ich bin also der Hans an der Seite meines Bruders Heiri. Je nach Standpunkt des Betrachtens der Foto: Entweder auf der linken oder eben auf der rechten Seite! Für Mutter und meinen Bruder links, für Dich, mein lieber Neffe, also rechts!»

Typisch Onkel Hans.

«‘Hans was Heiri‘ war einer der Lieblingsredewendungen unserer Mutter. Sie hat ihr Leben, also das Familienleben, danach ausgerichtet. Wer mit Streiten angefangen hat, das war ihr Hans was Heiri, denn sie lebte nach dem Grundsatz: «Alle Menschen sind gleich». Also sollen sie miteinander auskommen. Basta! Das war nicht bloss mütterlicher Instinkt, der 10 Kinder und einen Ehemann unter einen Hut zu zaubern hatte. Mutter hat immer aufs Ganze geschaut und nicht aufs Detail. Das baute auf Tradition und gehörte zur Tagesordnung, auch wenn die Streithähne sich manchmal ungerecht behandelt fühlten.»

Wäre heute wohl kaum mehr durchzusetzen, da Hänschen-Klein in Mutterns Grosslimousine zur Schule gefahren wird.

«Trotz diesen – im Vergleich zu heute – forschen Erziehungsmethoden sei aus den Zwillingen und den andern Geschwistern ‚was geworden‘», schreibt Onkel Hans weiter. Und zitiert eine alte Redensart: «Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!»

Und fährt dann weiter: 

«Ist heute etwas aus der Mode gekommen – ich weiss – wo der galoppierende Individualismus den Hans zu John und den Heiri zu Henry umgetauft hat.

So oder so. Same difference – wie die Engländer zu sagen pflegen – also gehupft wie gesprungen oder Hans was Heiri.

Denn, Mensch bleibt Mensch, auch wenn er modern und aufgeschlossen daher kommt.»

Alte Schule, gewiss. Aber mit einem Korn Wahrheit, die wohl auch Little John wird erfahren werden müssen?

So oder so … 

 

 

Dominique

Auf den Hund gekommen (Nr. 42)

Auf den Tag genau vor 3 Jahren war es: Ein Freund liegt im Sterben. Er ist so klar im Kopf wie immer. Wir unterhalten uns wie immer, nur mit Unterbrüchen, damit er sich dösend erholen kann. Dann kommt er auf unser seit langer Zeit geplantes Projekt zu sprechen: Ein Kochbuch mit selbsterprobten Rezepten. Dazu Kommentare und Anekdoten. Leibspeisen in Zeiten von Veganismus und Co. Ein Kochbuch aus Papier, zum Blättern und Schmökern.

Der Freund ist gegangen, viel zu jung und ohne dass wir das Projekt gestartet haben.

Er wäre der Koch gewesen, ich hätte ihm zugeschaut und seine Vorschläge mit Texten gewürzt.

Nun fehlt er mir und ich versuche mich in der Kunst seiner Küche zu orientieren. Die Nachahmung bleibt etwas leblos und ist ein einsames Geschäft.

Deshalb bin ich auf den Hund gekommen! Also zufällig auf diesen Pudel gestossen bei der Internetsuche mit dem Stichwort «coocking with …»

Ich suchte Jamie und stiess auf «coocking with dog».

Angeklickt und war in einer Welt, bizarrer sie nicht sein könnte.

Eine Frau begrüsst mit einem Kotau. Sie heisst «Der Chef». Rechts von ihr sitzt er, ein Pudel, auf der Höhe der Arbeitsfläche, etwas zurück versetzt. Tut nichts als Sitzen und ab und zu mit seinen Ohren spielen. So scheint es.

Die Köchin – also Der Chef – arbeitet das Rezept durch. Ein Kommentator begleitet in radebrecherischem Amerikanisch.

Der Pudel sitzt da und tut nix! So scheint es.

Aber nein, er tut was.

Denn das ist des Pudels Kern: Er ist es, der kommentiert. Als Bauchredner!

Ist das die neue Form von «Kochbüchern»?

Wer weiss, wir beiden hätten am Schluss doch noch ein modernes Kochvideo als Serial gestartet! Der Koch begrüsst in Mundart, neben ihm, leicht zurück versetzt, …

 

Dominique

Ferien in Omphalos (Nr. 41)

Letzthin traf ich eine gute Bekannte von mir. Im Aussenraum, auf einer Garten-Terrasse, da die Gastronomie Wiedereröffnung feiern durfte. Wir beiden feierten mit. Wir tratschen und freuten uns über dieses und jenes. Über die kleinen Freuden und Leiden des Alltags eben.

Ich: «Endlich die freie Zeit wieder draussen geniessen dürfen.»

Sie: «Endlich wieder Ferien planen!»

«Du planst echt Ferien?»

«Ja.»

«Wo soll es denn hingehen?»

«Nach Omphalos.»

Das kam wie aus der Kanone geschossen. Und weil ich sie gut kenne, wusste ich, sie will mich verscheissern und also spielte ich etwas mit.

Ich: «Omphalos? Also Griechenland, oder?»

Sie: «Du hast es erraten!»

«Und keine Quarantänepflicht da unten?»

«Weiss nicht. Ich hab da ein Häuschen, sieht aus wie ein Stöckchen.»

«Aha. Wie ein «Stöckli», würde man hier sagen.»

«Ja.»

«Also nicht in Omphalos, eher in Madiswil, Mötschwil oder so?»

«Schlitzohr*, du hast es fast erraten!»

«Wusst ich es doch! Omphalos – dein Nabel der Welt – liegt doch in der Nähe von Hinterfultigen!»

«Kalt, nicht mal lauwarm. Aber du kannst gerne etwas weiter rätseln.»

«Ach du und deine Spielchen. Raus damit. Wohin denn nun?»

«Rüti.»

«Hmm?»

«Rüti bei Lyssach.»

«So!»

«Rüti b. Lyssach b. Burgdorf.»

«Aha!»

Um endlich mit einem Verslein präzisieren zu dürfen, einer Leier, die sie wohl aus Gewohnheit schon öfters rhythmisch daher gesagt hat:

«Rüti b. Lyssach b. Burgdorf b. Bern.»

«Alles klar ...»

Also Rüti, alias Omphalos, alias Nabel der Welt.

 

Dominique

* Gibt es dazu eigentlich auch einen gendergerechten Ausdruck?

Aus Alt mach Neu (Nr. 40)

Heute gibt es keine Telephone mehr, allenfalls noch Telefone. Aber auch das ist nicht mehr korrekt, es sei denn, man zitiere aus der Vergangenheit resp. aus der Vorvergangenheit, als das «ph» korrekt noch den «Ton» wiedergab, der über Distanzen vermittelt wurde.

Telefone nennt man heute in der Regel Handys, aber gemeint sind meistens Smartphones (wieder mit «ph»!!), also smarte Telefone, die auch noch telefonieren können.

Als das Telephon noch ein Telephon war und über ein Netz mit unzähligen Leitungen daher kam, war das Leben noch nicht derart auf den Punkt getrimmt. «Telefonischer Schlendrian» könnte man das aus heutiger Sicht bezeichnen; es herrschte etwas Gelassenheit bei der «fernmündlichen Korrespondenz», auch wenn das Telephon «teuer» war. Nur im Hintergrund – an den Vermittlungspulten – herrschte emsiger Betrieb in Spitzenzeiten, was heute als Stress bezeichnet würde.

Mit den Smartphones soll Telefonieren billiger geworden sein und das Leben einfacher … (auch bei der Vermittlung, weil automatisiert und mit digitaler Vielfalt) frei nach dem Motto: «easy going is the way things are» oder weniger easy: «This is the way things are» (ins Althochdeutsche übertragen mit: Das ist der Lauf der Dinge).

Nur, nicht alle schaffen den Sprung in die ungebremste Modernisierung des Telefons. Wer mit der Wählscheibe gross geworden ist, ruft nicht nach seinem Smartphone, wenn «gekabelt» oder zum «Hörer gegriffen» werden soll!

Denn auch unsere Sprache hat ein Problem damit. Sie hinkt immer etwas hinterher oder wirkt manchmal etwas unbeholfen, wenn sie Dinge benennen muss, die sich wandeln oder gewandelt haben, obwohl sie immer noch das Selbe tun. Telefonieren zum Beispiel.

Telefonieren bleibt telefonieren, egal über welches Medium. Wie aber kann unsere Sprache ein Medium korrekt benamsen, das weit mehr als zum Telefonieren eingesetzt werden kann? Und: Was wird aus den Telephonen resp. Telefonen, mit denen man «nur» telefonieren konnte?

Da wird dann öfters einfach getrixt mit schmückenden Beiwörtern wie «Smart-Phones», da wird aber auch präzisiert für die «Video-Telefonie» oder nachgebessert mit Retronymen wie z.B. «Wählscheibentelefon».

Der Lauf der Dinge im Lauf der Zeit: Telephon – Telefon – Wählscheibentelefone – Tastentelefone – Mobiltelefone … Und daraus folgt dann auch, dass aus dem Netz ein «Fest»-Netz und ein Mobilfunknetz sprachlich entstanden sind, dass, weil es einen Farbfernseher gibt, es auch einen Schwarzweissfernseher geben muss (obwohl niemand den Fernseher in der Frühzeit mit so einem Monsterwort betitelt hätte!).

Das Alte passt sich dem Neuen an, damit es sprachlich überlebt. Das Alte wird modisch geliftet und kriegt ein neues Mäntelchen umgehängt. Es ist wie bei den Rufnamen, die aus Erika eine Rica erstehen lassen, eine Alex aus Alexandra … 

Aus Alt mach Neu. Das ist der Lauf der Dinge, the way things … 

Alles ändert sich.

Nur Dominique bleibt Dominique!

 

Dominique

Life is not live, sometimes (Nr. 39)

Fussball ist nicht so mein Ding, ausser heute, weil ausserordentlich.

Ich bin auf 18 Uhr zu Besuch bei den Eltern; erst Apéro, dann Abendessen.

Nach der Begrüssung muckt Vater etwas rum. Die Schweiz fussballe heute gegen Bulgarien.

«Schau du nur. Nach der ersten Halbzeit hast Du dann genug, – wie immer – weil die ja eh verlieren», grummelt Mutter.

«Wir beide nehmen dann das Apéro beim Kochen in der Küche.»

Gesagt getan. Vater schaltet seinen Riesen-TV per Fernbedienung ans digitale Universum an. Bis das Gerät hochgefahren ist, hat unsere Nati bereits ein Tor geschossen.

«Eisnoll», dröhnt es aus der Stube.

«Hopp Schwiiz», gibt Mutter zurück in das Fussballuniversum.

Und dann überstürzen sich die Ereignisse. Zuerst auf dem grünen Rasen und dann in der Stube.

Vater kommentiert das Geschehen, weil der Livekommentar technisch bedingt ausfällt.

Da er das erste Tor selbstverständlich sehen will, trickst er die Liveübertragung aus und spult einige Minuten zurück. Während das Tor mehrfach in Zeitlupe und aus verschiedenen Perspektiven wiedergegeben wird (alles andere als live!), murkst der Router die Verbindung einfach ab. Blackout am Screen und ein Neustart ist erforderlich.

«Dami no moll, diese Swisscom!»

Als das Ding wieder hochgefahren ist, steht der live eingeblendete Spielstand auf 2:0.

«Herrgott, die haben ja schon wieder ein Tor geschossen!»

Also erneut zurückspulen und das 2. Tor – unlive – in allen Varianten des Wiederholens geniessen und kommentieren.

«Da spielen die einmal gut und dann macht die Swisscom mir einen Strich durch die Rechnung. Ich ruf die Morgen an.»

Aber das dicke Ende kommt erst noch.

Nach dem Replay für das 2. Tor schaltet Vater endlich auf «live ansehen» und kann es nicht fassen. Es steht unterdessen 3:0!

Was jetzt folgt, kennen wir schon.

Ich selber hoffe insgeheim, dass Swisscom ihre Dienstleistung endlich vollwertig erbringt, das Spektakel ein Ende nimmt, und wir zur Tagesordnung übergehen können.

Tatsächlich. Vaters Kommentare deuten darauf hin, dass das Spiel nach einer Viertelstunde zur Farce verkommt.

Wir können also getrost das Nachtessen auf die 2. Halbzeit planen, wie ursprünglich geplant und ungestört. Auch Vater sieht das so: «Das Ding ist gegessen, wenn sie nicht wieder ins alte Muster zurückfallen …»

Also essen wir, wie ursprünglich geplant und unterhalten uns wie immer: analog und live!

 

Dominique

Das Wort haben die Wörter (Nr. 38)

«Keine Widerwörter, bitte!»

So schrieb meine Korrektorin einmal, dereinst oder sintemalen an den papierenen Rand meines Manuskriptes; mit Rotstift und gewollt mehrdeutig.

«Damit man es besser sehen und lesen kann. Nur deshalb rot und nicht wie die Schulmeisterin in früheren Jahren». Das waren ihre Worte – sorgsam gewählt – als ich mich gewagt hatte, meine witzig gemeinten Widerworte anzubringen zu ihrem sehr korrekten Schreibstil in Rot. Mit andern Worten und als Dankesworte: «Sehr leserlich und dazu in Rot. Besten Dank, meine Liebste!»

Widerworte wechselten wir danach des Öftern und immer wieder, weil ich gerne auf ihren Kommentar betr. «Widerwörter» anspielte und ihr beweisen wollte, dass ich gar etwas gelernt hatte und es anzuwenden beabsichtigte.

Soweit meine Einführungsworte. Jetzt zu meinen Worten zum Tag. Es geht nämlich um Wörter resp. um Worte. Wir erleben das ja jeden Tag und sprechen oder schreiben es oft korrekt, wenn wir es auch nicht bewusst tun.

Es ist Gewohnheit, auch Intuition. Beginnt man indes zu überlegen, ob es nun Worte oder Wörter sind, die wir sprachlich zutage fördern, dann wird es schnell einmal kompliziert und unüberschaubar im Wörterwald des Deutschen. Also nachschlagen im Duden-Wörterbuch. Da stehen über 100‘000 Wörter. Und dort umschreiben wiederum viele einzelne Wörter ein je einzelnes Stichwort (Mehrzahl: Stichwörter).

Soweit alles klar, oder?

Aber Worte sind nun mal keine Wörter. So gut es eben keine Passworte gibt, sondern nur Passwörter, so gibt es auch keine Widerwörter sondern nur (und immer wieder hoffentlich) Widerworte.

Die Regel für diesen Wortsalat (allenfalls Wortesalat?) könnte man so aufstellen: 

 

«Worte» werden verwendet, wenn ein Zusammenhang ausgedrückt werden soll. Sie sind quasi die Salatsauce, aus Öl und Essig zusammengefügt. Sie bilden aus Einzelteilen ein Grosses Ganzes. «Worte» verwendet man deshalb auch in der Rhetorik; sie kommen geflügelt daher oder bilden die letzten Worte im Leben eines Menschen.

«Wörter» hingegen sind einzelne Steine im Steinbruch unseres Wortschatzes. Sie verbringen ein Einsiedlerdasein wie die Fremdwörter. Sie sind einzig-artig wie Passwörter. 

 

Hmm.

Ja, aber und trotzdem …

Ich für mich bleibe dabei: Solange die Wörter das Wort haben, fehlen mir ab und zu die Worte!

 

 

Dominique (heute etwas wortlos)

Auf Schlafsuche durch die Schweiz (Nr. 37)

Schäfchen zählen – wenn man nicht einschlafen kann – ist litaneienhaft, ja, aber auch etwas fantasielos und also langweilig.

Ich orientiere mich da jeweils an einem Wort, das einmal ein Staatengebilde bezeichnete in Richtung Orient: Tschechoslowakei.

Wenn ich das Vokabelgebilde von links nach rechts fehlerfrei daherbuchstabieren kann, wechsle ich die Richtung, frei nach Francis Picabias Bonmot: «Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann.»

Je öfter der Schlaf nicht kommen mag, desto simpler wird diese Besänftigungsübung.

Also lass ich mich nicht ins Bockshorn jagen von den aktuellen Reisebeschränkungen und ziehe etwas durch die Schweizerlanden – als Kopfreislein …

Ich stell mir vor, dass ich ungehindert und frei mich von A nach B bewegen kann, also von Rapperswil nach Römerswil und weiter nach Richterswil, Giswil … bis ich alle Ortschaften, die auf «-wil» enden, bereist habe. Dauert schon mal eine Weile, nicht?

Ich lass mich dazwischen gerne auch ablenken, im Wissen, dass das den Schlaf nicht fördert. Aber es gibt Ortschaften in der Nähe der «-wils», die faszinieren, reizen mich des Namens willen: Entlebuch (auch als grösstes Buch der Welt bezeichnet), Buchrain oder einfach kurz: Buch.

Oder, wenn die «-wils» in Langew(e)ile zu versinken drohen, suche ich nach Handfesterem, Konkretem wie Frauenfeld, Fraubrunnen, Frauenkappelen und so.

Es kommt auch vor, dass ich auf Exoten stosse: Ftan. Nuglar. Lotzwil. Es kommt auch zu überraschenden Trouvaillen wie: Engelberg, Ziegelbrücke, Strengelbach ... Da seh ich nicht rot, ich entdecke gelb!

Und so weiter …

Und wenn die Nacht dann einfach nicht vorüber gehen will, so orientiere ich mich an den Sortierbeamten, die sintemalen in den Brief- und Paketzentren die Schweiz nach Postleitzahlen rauf und runter deklinieren konnten:

4412 Nuglar …

6162, 6163 Entlebuch

Gute Nacht dann liebes DotNacht (8566 TG) und guten Morgen neues SamsTagern (8833 ZH).

 

Dominique

Berlin Wall (Nr. 36)

Spielen in Zeiten der Langeweile, das ist wieder etwas in Mode gekommen. Auch das Rätseln übers Kreuz, das Rätselraten überhaupt mit Worten oder Zahlen. So kam es, dass ich in einer (coronatauglichen) Runde aufgefordert wurde, mir einen Begriff zu überlegen, den alle andern kennen, den ich dann aber unterschiedlich definieren sollte. Vier Definitionen, eine davon nur dürfe wirklich korrekt sein. Die andern drei müssten aber mit mir als Person etwas zu tun haben, also glaubwürdig wirken, so, wie wenn ich tatsächlich keine Behauptung von mir gäbe.

Anstrengend und herausfordernd, so ein abgewandeltes «Lexikonspiel».

So war ich an der Reihe und liess meinen Begriff schon in der Runde etwas rätseln mit:

 

• Hat nicht wirklich zum Guten der Menschheit beigetragen.

• Mir aber hat sie gutgetan.

• Sie fiel anno 89.

• Gehörte zu den längsten Schutzwällen oder Grenzdings der Welt.

 

Vorschläge kamen erst zögerlich, dann aber wie aus der Kanone geschossen aus allen Kehlen: 

die Berliner Mauer.

 

Also verlas ich meine vier «Definitionen» mit neutraler Stimme und ernster Mine:

 

1. Ich hab ein Start-up mitgetragen, das T-Shirts mit einem Mauer-Bild bedruckte, darunter der Slogan: «Ich bin eine Berlinerin».

 

2. Ich schluckte einmal ein Globuli namens Berlin Wall – obwohl mir das etwas schräg rüberkam – als Mittel gegen eine Hautreaktion.

 

3. Ich hab mir einen Mauerstein am Tag der Durchbrechung gesichert. Er steht heute als Bücherstütze im Bücherregal bei der DDR-Literatur.

 

4. Ich lieferte einer touristisch-orientierten Agentur eine Idee, die dann zum «Mauerweg» umgesetzt wurde.

 

 

1, 2, 3 oder 4?

Des Rätsels Lösung* ist und bleibt mir bis heute selber ein Rätsel. Aber wie gesagt: Es hat mir gutgetan …

 

 

Dominique

 

* wird in einem kommenden Blogbeitrag aufgelöst ...

Durchseucht – durch und durch (Nr. 35)

Das hab ich doch schon einmal erlebt, schiesst es mir durch den Kopf am Frühstückstisch heute Morgen:

Dieses Gefühl von Eingesperrtsein, keinen Kontakt zur Aussenwelt ausser durch die Medien. Diese Furcht und Angst vor der Seuche.

Es war nicht Sars, nicht Aids. Es war früher – in meiner Jugendzeit – und es betraf mich persönlich, denn es war im ganzen Dorf spürbar und nicht einfach nur über Medien vermittelt. Man blieb vermehrt zuhause, das Spielen mit den Nachbarskindern war mehr geduldet als toleriert.

Bei der Zu- und Ausfahrt des Dorfes war ein Seuchenteppich (mit Desinfektionsmittel durchtränktes Sägemehl) ausgelegt. Alle, die über die Hauptstrasse ins Dorf kamen oder es verliessen, passierten den Teppich und desinfizierten entweder Räder oder Schuhwerk.

Ich erinnere mich noch genau an den Teppich, der sich durch seine maisgelbe Färbung ausnahm aus der winterlich verschneiten Landschaft.

Die Maul- und Klauenseuche tobte durch Teile des Landes. Die Hunde bei den Bauernhöfen lagen an Ketten; Rinder, Kühe und Schweine wurden zur Notschlachtung abtransportiert. Dann wurden ganze Bestände durchgeimpft.

Gut ein halbes Jahr zwischen Bangen und Hoffen bis allmählich wieder Normalität einkehrte. Dann war der Spuk vorbei und also heute vergessen.

Gut, dass man vergessen darf und kann – einerseits.

Andererseits staune ich (frühstückend) bei der Lektüre des Abschlussberichtes des Eidg. Veterinäramtes zur Maul- und Klauenseuche:

 

«Es sei nur auf die Bedeutung des enormen motorisierten Verkehrs hingewiesen, der eine ganz wesentliche Rolle spielt, nicht nur weil durch die Transportmittel der Ansteckungsstoff übertragen werden kann, sondern weil er die Besuchsfreudigkeit und damit Personenkontakte über grosse Strecken fördert. 

(...)

Hohe Infektiosität des Erregers, leichte Übertragbarkeit und lange Inkubationszeit spielten für den Verlauf des Seuchenzuges ohne Zweifel eine wesentliche Rolle. Der rechtzeitigen Anzeige und dem unverzüglichen Einsetzen der seuchenpolizeilichen Massnahmen kommt unter solchen Voraussetzungen eine ausschlaggebende Bedeutung für den Erfolg der Bekämpfung zu.

(...)

An den Sperrmassnahmen wurde im Verlaufe des Seuchenzuges recht heftige Kritik geübt und vor allem die unterschiedliche Anwendung der Vorschriften beanstandet.

(...)

Eine absolute Einheitlichkeit in der Durchführung der Massnahmen wird aber nie zu erreichen sein, weil die Anordnungen aus der Beurteilung der gegebenen Situation heraus getroffen werden müssen und dem freien Ermessen des verantwortlichen Funktionärs immer ein gewisser Spielraum bleibt.

(...)

Für die Tierseuchenbekämpfung von grösster Bedeutung ist die Tatsache, dass das Durchsetzen der allerdings sehr einschneidenden Sperrmassnahmen bei Maul- und Klauenseuche auf immer grössere Schwierigkeiten stösst. Es ist dies auf die Abnahme der landwirtschaftlichen Bevölkerung, auf die stärkere Vermischung von Landwirtschaft und Industrie, auf den immer grösseren motorisierten Verkehr und damit auf das sinkende Verständnis für seuchenpolizeiliche Massnahmen bei der Bevölkerung zurückzuführen. Auf diese Tendenz muss bei der künftigen Konzeption der Bekämpfungsmassnahmen Rücksicht genommen werden.»

 

Ich staune über die Parallelen zur heutigen Seuchensituation. Auch wenn jede Seuche ihren eigenen Verlauf hat und sich nur schwer vergleichen lässt mit anderen, bin ich nach dem letzten Schluck des Frühstückskaffees geneigt auszurufen: Geschichte muss sich nicht wiederholen; es reicht, wenn sich die Lehren aus der Geschichte wiederholen …

 

Dominique

Kleine Medienkunde (Nr. 34)

Schreibt mir eine Freundin per Messenger – nachdem wir über eine Stunde lang ein Telefonat über das Festnetz geführt hatten, das dann urplötzlich unterbrochen wurde:

«Tschüss! Ich habe `Intelligent Fixnet`: Wenn es meint, man habe genug gesprochen, unterbricht die Leitung und die Internetbox light blinkt rot. (Die analoge Leitung war stabiler…)».

Tja, heute kann (oder muss) man die Medien, sprich: Kommunikationskanäle wechseln fast wie die Unterwäsche: einmal täglich. Vor nicht allzu langer Zeit wechselte man das Medium wie die Krankenkassen: einmal jährlich!

Medien ändern sich – und wir mit ihnen.

Ich kann mich noch erinnern, als ich jemanden antelefonierte, um mitzuteilen, dass bald ein Fax eintreffen würde. Keine solche Faxen mehr heute.

Aber das «Phänomen» des Medienmix ist nichts neues.

Früher schrieb man sich zum Beispiel eine Postkarte, um mitzuteilen, dass man an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Uhrzeit einen Telefonanruf machen werde in die Nachbarschaft, die einen Telefonanschluss besass.

Noch früher verschickte man ein mordsteures Telegramm, um anzukünden, mit welchem Zug man in London eintreffen werde: «Eintreffe 18.10; Victoria Station».

Und noch etwas früher – auf der Grand Tour – trug man ein Empfehlungsschreiben in der Reisetasche.

Auch die Zeiten ändern sich – und wir mit ihnen.

Bleibt im Moment also nicht die Frage, ob ich meinen Messengerdienst wechseln soll, sondern wann ich das tun muss…

 

 

Dominique

Wahrsagen (Nr. 33)

Eine weise Seherin deutete die Zukunft der Nachkriegsjahre mit den Worten:

Ob wir davonkommen, steht noch dahin, steht alles noch dahin.*

 

Also wagt auch Dominique sich etwas ans Wahrsagen – frei nach dem Motto:

Heute in einem Jahr wird nichts mehr sein wie heute.

 

Kein Lockdown mehr

  dafür

Startups

 

Keine Ausgangssperre mehr

  dafür

freie Marktwirtschaft

 

Kein Covid-19 mehr

  dafür

Covid-20

 

Keine Weihnachten wie 2020

  dafür

Weihnachten 2021

 

Keine Bundespräsidentin mehr

  dafür

ein Bundespräsident

 

Keine Branchen in Not

  dafür

Menschen in Not

 

Keine Systemrelevanz mehr

  dafür

Ignoranz

 

Kein Zusammenhalten mehr

  dafür

Jeder für sich

 

Keine Risikogruppen mehr

  dafür

Sterbehilfegruppen

 

Kein altgedienter Koch mehr

  dafür

Jungmanagerin

 

Keine Wissenschaft mehr

  dafür

politische Weissagungen

 

Kein Notgroschen mehr

  dafür

Steuereinnahmen

 

Keine Masken mehr

  dafür

Mund auf und Ohren zu

 

Nur Alain Berset wird noch Alain Berset sein und weissagen:

Kein Shutdown mehr.

Also shut up now, Dominique!

 

 

Dominique

 

*Marie Luise Kaschnitz

Pan aus Japan – Allotria in pandemia (Nr. 32)

Nude* läuft durchs Strassendicht,

preist an – 

wie ein Sandwichmann – 

ihr Nudelgericht.

 

Kommt Pan, der Hirtenwicht, 

direkt aus Japan und schreit: 

«Ich will dein Gericht.»

Panik steigt ihr ins Gesicht.

 

Nude läuft und läuft.

Zerrt mit ihr Panier

Bis am Boden zerschellt ihr

Nudelgericht:

Nudelauflauf – lauf lauf ...

 

«Nude lauf lauf!»

Spricht Pans Kumpan aus Holzspan.

«Nude lauf lauf!»

Spricht Laufkundschaft zuhauf.

 

Da plötzlich,

eine Pantomime in Pantoffeln,

hält Paneele in Händen.

Panaschiert Stichworte:

Panda – Panzer – Pandemie

 

Also mimt sie ihr Stück:

 

PANDA-PANDORA

Panda isst Pancake.

Sitzt auf Panamericana.

Stoppt Panzer aus Panama.

Schreit: «Pandemie!»

Wie Pandora.

 

 

************************

 

 

«Kein Gedicht»,

meint Bösewicht!

«Also nicht»,

spricht DomiNicht.**

 

«Mein lieber Bösewicht,

was sticht denn besser

als ein Messer?»

 

Ironie bei Pandemie! ;)  |  :)

 

Humor, du Tor!¦)

 

 

Dominique

 

 

*  Nickname für die Erfinderin eines besonderen Nudelgerichts

** Pseudonym für Dominique

Halbbatzige These? (Nr. 31)

Wenn ich folgende Aussage mich getrauen würde zu machen: «Wegen Corona führen die SBB den Zug von A nach B in der Stosszeit verkürzt», so könnten die SBB mich der Fakenewsverbreitung bezichtigen, was sie indes nicht tun, weil ich diese Aussage ja nicht machen werde, da ich keine Fake News verbreiten möchte, sondern nur Tatsachen. Und Tatsachen sind die Grundlagen für die Forschung, die erst nach mehrfachen Reproduktionen im Labor (=Arbeit) eine verbindliche Theorie formulieren will.

Einmal ist keinmal, zweimal ist zweimal.

Ich habe dieses Phänomen die letzten Tage dreimal beobachtet. Wenn ich es also bald fünfmal reproduzieren kann, wage ich mich an die Formulierung einer These: Die SBB verkürzen in Pandemiezeiten ihre Wagonkompositionen, weil sie nur etwa die Hälfte ihrer «Fahrgäste» transportieren darf und zum Wohle dieser aller Gäste verzichten sie auf Leerfahrten-Achsen, damit sie die Ticketpreise nicht schon wieder erhöhen müssen.

Ich nehme gerne eine Antithese zu dieser These entgegen, um eine neue These formulieren zu können.

Aber kommt mir bitte nicht mit lahmen Gleichungen wie:

Halbe Taxe – halber Preis, also halbe Wagonkompositionen!

 

 

Dominique

Signal plus (Nr. 30)

Stellen Sie sich vor, Sie müssten jedes Signal, das Sie empfangen – vom eigenen Körper, vom Partner, aus der Politik, der Wirtschaft, aus der Natur usw. – auf den Wahrheitsgehalt überprüfen!

Die allermeisten liefen nach einer Stunde schon Amok oder versetzten sich – quasi rückwärts – in ein künstliches Koma.

Signale sind minimale Bedeutungsträger, die in einem Körper oder einer Gemeinschaft verabredet, vereinbart, definiert, was und wie auch immer sie sind. Und: Sie sind für etwas zuständig, das so ist, wie es ist. Signale sind weder wahr noch falsch, weil sie eben Signale sind. Nix da mit wahr oder falsch (mit nur einer Ausnahme; siehe am Schluss).

Ich habe deshalb meine liebe Mühe mit den vielen «falschen Signalen», die während diesen Pandemiezeiten sich viral verbreiten, ja grassieren! Die Politiker wollen sogar keine «völlig falschen Signale» senden, und die Wirtschaftskapitäne reden ihnen nach dem Munde. Bis hin zu den Fussballkapitänen will das nun niemand mehr. Also, «gute Signale» sind gefragt und der Bundesrat nimmt sie dann auch in den Mund, wenn die Pandemie etwas abzuflachen scheint.

Tja, vielleicht müssen wir uns einmal mehr damit abfinden, dass den Empfängern solcher Signale sowieso klar ist, was gemeint ist, wie wir das bei Showmaster, Home Office, Social Distancing usw. ja auch tun. Was kümmern uns «die anderen (Sprach-)Kulturen», wenn wir es unter uns «verstehen»!

Was kümmern uns «falsche» Metaphern wie «falsche Signale»!

Lassen wir die Wortklaubereien, das Korinthenkacken! Hauptsache, wir verstehen Signale als Signale, denn dazu sind Signale doch da.

Solange es sich nicht um Mimikry, (Signalfälschungen, neudeutsch und knackiger als «fake signals» oder doch vielleicht korrekter: signal falsification?) handelt, solange müssen wir ja auch nicht jedes Signal einer Wahrheitsprüfung unterziehen!

Wo kämen wir denn hin!

Dominique

TikTok tickt und ticct (Nr. 29)

Vor lauter Trends und Modeerscheinungen in den Sozialen Medien weiss man bald einmal nicht mehr, wo einem der Kopf stehen soll. Aber ja nicht den Kopf in den Sand stecken! Straussenpolitik ist nicht angesagt, auch wenn Phänomene in den Sozialen Medien aufblitzen und wieder vergehen, sich ins digitale Nirwana verabschieden. Dominique meint und ist überzeugt: Mitmachen ist besser als gewinnen! Also, einen Tic mal mitticken bis zum Austiccen. Ach, weiss der Kuckuck! Hauptsache Spass!

Dominique

-> Hier klicken um Video zu sehen

Lebenslanges updaten (Nr. 28)

«Niemals sollte man ein Sicherheitsupdate machen, wenn man in den darauf folgenden Tagen noch am PC arbeiten möchte …

Das Scheissprogramm überprüft nun jeden Bocksmist, was Stunden dauert und Anfälle von Verzweiflung hervorruft.»

 

Seinen Mahnfinger zum Himmel erhoben und Luft ablassend, meldete sich neulich ein veritabler Freund von mir im digitalen Weltall der Freunde und Un-Freunde. Und wie es sich gehört: Anstelle eines Ausrufezeichens setzte der Urheber am Ende seiner Botschaft vier (ja, 4) «selbstredende» Emoticone (sic!, weil auch die Mehrzahl von Emoticon nicht im Idiotikon aufgeführt ist!) und führte dann in mehreren weiteren Beiträgen weiter aus:

 

«Gestern Nachmittag hat der PC selbsttätig abgestellt und wieder neu aufgestartet. Dann habe ich alles abgestellt.

Heute läuft er wie am ersten Tag …

?????!!!!!»

 

«Also, es läuft wieder einiges, aber vieles lahmt immer noch. Mein PC-Mensch und ich haben gestern Abend noch zwei Stunden geübt, Programme übertragen und die ganze Nacht den Virenscanner laufen lassen (der auch ein paar sehr alte Teile rausgegrübelt hat).

Möglicherweise liegt es aber an der Harddisk.

Also Folgendes: kein neuer PC, dafür wird bis Ende Woche eine SSD-Einheit eingebaut.»

 

«Gut, Leute, habe jetzt Catalina installiert. Jetzt müsste es wieder besser laufen. Allerdings arbeitet Catalina mit 64bit, deswegen funktionieren die Microsoft-Produkte nicht mehr. Sollen später online aufdatiert werden. Mal sehen.»

 

Erst beschwören, dann etwas jubeln, um letztlich skeptisch in die Zukunft zu schauen? Weil es eh nicht anders geht, ich meine ein Leben ohne Computer (mit oder ohne Mac) und dem landläufigen updaten!

Die Reaktionen aus der Internet-Gemeinde belegen einmal mehr, dass ein Erfahrungsaustausch – wenn man das überhaupt so bezeichnen darf – wenig bis gar nicht zielführend ausfällt. Eine Auswahl:

 

«Sowas kenne ich leider nur zu gut. Ich habe hier einen 2 Jahre alten PC stehen, der meinen jetzigen ersetzten soll. Aber wenn ich daran denke die ganzen Programme und Spiele neu zu installieren... Hintergrund, Internet, die ganzen Links... Deshalb steht er schon 2 Jahre hier.»

 

«So ist das. Wie eine Armee aus lauter kleinen sechsbeinigen Bill Gates-Käfern, die im Computer einen Ameisenhaufen anlegen...»

 

«Ich habe Windows und die Updates dauern bloss 2 - 3 Minüteli.»

 

Damit ist Öl ins Feuer gegossen und die Schlacht der Computerbanausen um ihre Systemtreue darf einmal mehr ausgetragen werden: 

 

«All diese Probleme habe ich nicht mehr, seit ich kein Windows mehr benutze.»

 

«Versteh Bahnhof... Sicherheitskopie auf Mac-TimeMachine läuft im Hintergrund und interferiert niemals mit dem, was Du neu erstellst oder änderst. Ich will ja keine Werbung machen, es gibt viele gute Gründe, sich sowohl von Windoof wie auch von Macken zu verabschieden; ich frag nur (für einen Freund, natürlich)…»

 

Und nach dem Aufblitzen und dem Donnern folgt:

 

«Die gute Nachricht: es bleibt kalt und regnerisch…»

 

Nach dem Regen scheint die Sonne – wie es in einem Kinderliedchen so schön heisst.

Und überhaupt:

 

«Dein Problem ist gegen meins sehr klein... das sollte dich trösten.»

 

 

Ja, am Ende bleibt das Tröstliche. Das ist so banal wie das gegenseitige Geschichtenerzählen in Quarantänezeiten! Hauptsache, man ist nicht so alleine und jemand hört zu! Ob analog auf dem Sofa im Wohnzimmer oder vor dem PC, verbunden mit den unsichtbaren, digitalen Vis-à-Vis.

 

Ich will da nur noch etwas anfügen:

Mein modern-altes TV-Gerät meldet regelmässig – nachdem es einfach mitten in einer Sendung abbricht – ich solle ein Update einfordern. Und das etwa einmal im Monat!

Ich schreib das indes nicht in einen post, Leute! Ist ja nicht wirklich ein Problem!! Wenn man bedenkt, dass wir ein Leben lang zu lernen aufgefordert werden – täglich beinah oder eben fast monatlich!

Also nicht überlegen, ob man ein Update ausführen lassen will. Updaten und mit den Folgen jeweils zu «leben» versuchen!

Tröstlich – oder nicht?

 

Dominique

Liebes-Aus zwischen der SBB und Isabelle (Nr. 27)

-> Zum Anhören hier klicken (gelesen von Gabriela Leutwiler)

 

Hört, hört, ihr lieben Leute! Die SBB vermelden eine neue Lebensabschnittspartnerin!

«Liebes-Aus mit Isabelle!» So titeln die Medien im Land.

Wer hätte das jemals gedacht, dass dieses Paar, das über Jahre in der Öffentlichkeit immer präsent und geschätzt war, sich je auseinanderleben könnte?!

Hand in Hand durchs Land und sprachgewandt hat es uns begleitet und informiert.

Nun ist es passiert. Beide gehen eigene Wege – wie auch immer, ob im gegenseitigen Einvernehmen oder aus Überdruss: Wir haben uns an beide so gewohnt, am frühen Morgen, über den Tag hinweg und im Pendlerverkehr am Abend.

«(Gleis) (1) (Einfahrt) (des) (Intercity) (nach) (Zürich) (Flughafen) (Winterthur) (Romanshorn) (Erste) (Klasse) (Sektor) (A) (C) (Zweite) (Klasse) (Sektor) (A) (B) (C) (Reservationen) (im) (Sektor) (C)».

Ein Jingle, dann die Durchsage, die wir alle meinen auswendig zu kennen. Nur, je länger die Reihung der Informationsstücke, desto bruchstückhafter oder fehlerhafter zitieren wir mit der inneren Stimme. Und trotzdem gehört dieser Singsang zu uns wie das Geläut der verbliebenen Kirchenglocken, das schmerzlich vermisst werden kann, wenn es ausbleibt oder im Ausland als fremdartige Klangmuster an unsere Ohren dringt. Das kulturelle Gedächtnis ist beständig wie eine alte Liebe, die nicht rostet!

Nun wird Frau Augustin von den SBB im August 2020 also (einfach) sitzen gelassen und ausgewechselt!

Sie alle werden die neue Flamme in den kommenden Wochen kennenlernen. Sie werden sich an das akustische Profil gewöhnen müssen wie an eine neue Freundin eines Bekannten in Ihrem Freundeskreis! Körper, Timbre, Dialekt, Volumen etc., usw.. Es wird sicher auch Kritik hageln, das ist zum Voraus schon klar.

Liebe SBB, wieso auch immer du dich getrennt haben magst von Isabelle, das ist nicht nur eine private Angelegenheit, es ist auch eine öffentliche!

Deshalb meine Frage – stellvertretend für die Öffentlichkeit: Wieso nur gehst du einmal mehr eine neue Liebelei ein, die zum Scheitern verurteilt ist?! Wieso musste auf Teufel komm raus eine Neue her?

Aus nostalgischen Gefühlen, romantischen Vorstellungen von der Moderne? Aus Trotz oder Unwissen? Aus Angst gar vor den unendlichen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters?

Hör dich doch einmal auf den digitalen Dating-Plattformen um, wo sich neben Frauenstimmen auch die Männer akustisch anbieten. Da wird dir nicht das Sehen, sondern das Hören vergehen!

 

Dominique

E-Mail von E-Katherina (Nr. 26)

Sie schrieb mir – via Hotmail – sie sei zwar noch jung, hätte aber bereits viele Erfahrungen gemacht.

Welche Erfahrungen sie gemacht habe, das schrieb sie indes nicht.

Auf sie sei Verlass und sie sei sehr liebenswürdig. Sie könne alle Wünsche erfüllen, wenn nicht gar alle Wünsche von meinen Lippen lesen ab (sic!). An diese Wortabfolge kann ich mich noch ganz genau erinnern!

 

Und das alles in einem Deutsch, das eine «Handschrift» verriet, die mir etwas fremd vorkam, jedenfalls unvertraut, aber doch irgendwie rührend, ehrlich, offen.

 

Oh, E-Katherina, hätte ich doch geantwortet, um mit dir meine Erfahrungen auszutauschen, dich kennen zu lernen, dich zu fragen, wieso du mir – ja, mir, ausgerechnet mir – diese E-Mail zugestellt hast! Wenn du wüsstest ...

 

Ich war dann doch zu wenig neu-gierig, um eine Antwort auf diese ungefragte E-Mail zu verschicken. Ich hab die Botschaft aber ausgedruckt und irgendwo liegen lassen. Für später, glaubte ich.

 

Und nun sind die Jahre ins Land gezogen. Das Papier nicht auffindbar. Die Erinnerung aber an E-Katherina «lebendig» geblieben.

Was hat «meine liebe E-Katherina» unterdessen gemacht?

Sie hat sich nie wieder bei mir gemeldet.

E-Katherina, wo bist Du? Gibt es Dich noch? Es ist mir, als hätte es Dich nie gegeben!

Ich suche «verzweifelt» in meiner Mailablage. Das Mail aber ist unauffindbar, auch im Spamordner nicht. Gelöscht! Nichts scheint von Dauer zu sein. Auch Erfahrungen nicht. Oder phantasiere ich nur? Gab es diese E-Katherina gar nie oder bloss in den vermischten Zeitungsmeldungen?

 

Dominique

Sendungsbewusstsein (Nr. 25)

Leute, es gibt Sachen in unserer modernen Welt, die werden als «Fortschritt» angepriesen, weil … Ja, wieso eigentlich?

Früher hat die Post beispielsweise zum Geburtstag eine Karte oder ein Paket von den lieben Lieben fernab überbracht. Punktgenau auf den betreffenden Tag sind diese eingetrudelt ohne Dingsbums des digitalen Zeitalters.

Heute ist das etwas anders, weil total durchstrukturiert, selbstbestimmt und effizient.

Also, heute geht das so:

Ich krieg eine Mail von der Post, ganz unerwartet. Im Betreff steht: Sendung von XX – unterwegs.

Auf der ersten Zeile im Mail steht: Meine Sendungen 24.08.2020. Dann das Logo der Post und darunter «Ihre Sendung ist unterwegs».

«Guten Tag Herr/Frau Dominique

Die folgende Sendung stellen wir voraussichtlich am 25.08.2020 zwischen 09.30 und 12.30 Uhr zu.

Sendungsnummer: 996003819700000167 (Paket)

Absender: XX

Voraussichtliche Zustellung: am 25.08.2020 zwischen 09.30 und 12.30 Uhr

Voraussichtliche Lieferadresse: XX XX, XX 17, X005 XX

Gewicht, Masse: ca. 5.00 kg und 36 x 24 x 22 cm

Sie möchten den Empfang der Sendung steuern? Bestimmen Sie wann, wo und wie Ihre Sendung zugestellt wird.

Empfang steuern

Freundliche Grüsse

Ihre Post»

Danke – allerliebste Post – für diese Post-Mail, dass Du mir alles so fein säuberlich mitgeteilt hast! Und voraussichtlich wird das angekündigte Paket ja auch zur voraussichtlichen Zeit an der voraussichtlichen Adresse zugestellt werden.

Nur, wieso um Himmels willen, krieg ich diese vermaledeite Information von der allerliebsten Post? Weil die Post eben auch ein modernes Unternehmen ist? Oder weil sie – wie die anderen – die Verantwortung auf mich abschieben will, damit, wenn ich unter der Woche nicht zu Hause sein sollte – was ich ja sowieso nicht bin – sie mich vorgewarnt hat und ich letztlich das Paket am Wochenende selber abholen soll an einem Ort meiner Wahl?

Danke vielmals für diesen Post, den sachdienlichen Hinweis – sprich: für das Verraten des Geschenkes, das zu meinem Geburtstag eintreffen soll. Schöne Überraschung! Echt!

Aber einem geschenkten Gaul schaut man bekanntlich ja nicht ins Maul! Und genau so – in etwa – werde ich die im Nachgang zur Auslieferung des (Danaer-?)Geschenkes erwartete Mail betr. «Wie waren Sie zufrieden mit uns?» beantworten! Falls die Post wirklich so modern sein sollte wie alle modernen Digitalisate, die sich bis zum Gehtnichtmehr optimieren lassen durch ihre Kundschaft …

 

Dominique

Selber machen (Nr. 24)

Früher – ja, früher – hat man sehr viel selber gemacht: in der Werkstatt, im Garten, im Haushalt, handgemacht, eingemacht: Brote, Konfitüre, Bohnen in Einmachgläser … 

Heute macht man nichts mehr selber wie früher. Heute macht man als Self-made Maid oder Self-made Manservant alles selber-selber: Man bestellt online im Internet und schwups, da ist die Post am nächsten Tag. Heute kauft man nicht nur, man reserviert, bucht, bezahlt im Voraus – alles selber, damit man dann mit der bestellten Ware oder Leistung etwas selber machen kann, muss, soll … 

Eben: selber-selber.

Und wenn alles von selber geht, dann spricht man von Effizienz und so.

Wenn dann aber etwas nicht von selber – also von selbst – geht, und das ist schon fast zur Regel verkommen, dann verselbständigt sich ein System, wird alles so kompliziert, dass sogar künstliche Intelligenz zum Schatten ihrer selbst wird. Auch menschliche Intelligenz – wenn noch vorhanden – ist bald einmal am Limit, denn was beim Online-Self-Maden gefragt ist, kann mit Intelligenz nicht entwirrt werden.

«Upps, da ist was schief gelaufen. Bitte versuchen sie es noch einmal ...»

«Es gab ein Problem bei der Bearbeitung dieser Anfrage. Wir arbeiten daran, den Fehler so bald wie möglich zu beheben.»

«Es ist ein Problem aufgetreten mit Ihrer Zahlung. Bitte ….»

Kann ja vorkommen. Kann man ja noch «verstehen» bei so viel smarter Technologie – wirklich.

Aber, und nun wird es deutlich einfacher, und dennoch nicht nachvollziehbar:

Man legt seine Siebensachen in einen Warenkorb, in dem alles schön aufgelistet wird, bevor es zur Kasse geht. Zwei Klicks weiter und im Maileingang taucht auch schon die Bestätigung der Bestellung auf. Gesamtbetrag stimmt; die Lieferzeiten sind angegeben und meine Kreditkarte werde belastet.

«Vielen Dank für Ihre Bestellung.»

Alles paletti also. Jetzt kann man sich nur noch freuen!

Nur, man hat die Rechnung nicht mit den Wirten im Internet gemacht!

Denn nach einer Woche wird erst einmal eine Sache aus dem Warenkorb geliefert. Und wo bleiben die anderen Dinge? Egal. Da waren‘s nur noch sechs Waren.

Nach zwei Wochen eine Mail, die mit einem «Bedauern» beginnt:

«Guten Tag Frau/Herr Dominique,

wir bedauern Ihnen mitzuteilen, dass wir den Artikel Alutisch1 Ablage, HKP (Art.-Nr.: 5805571) aufgrund eines Lieferengpasses unseres Lieferanten voraussichtlich erst ab 22.10.2020 versenden können.

Wir bitten Sie um Verständnis und bedanken uns herzlich für Ihre Geduld.»

Hey Leute, ich brauch das Ding aber wie beim Bestellen angekündigt und versprochen am 12. 08.2020 und nicht fast 3 Monate später!! Ich brauch es tatsächlich, darum hab ich es doch frühzeitig bestellt!

Meine ehrlich geäusserten Argumente verebben im Netz und meine Wut steigert sich, als ich die Bedingungen für eine Stornierung endlich auffinde im Kleinstgedruckten, zuhinterst, unter vielen, vielen anderen Antworten zu vielen, vielen anderen wichtigen Fragen rund um das Online-Bestellen. Da heisst es:

«Kann ich meine Bestellung stornieren?

Nein, eine Bestellung kann leider nicht storniert werden. Für uns ist es wichtig, dass jede Bestellung so schnell wie möglich bearbeitet werden kann. Deswegen wird sie direkt ausgelöst und geht ruckzuck in den Versand.

Falls Du den bestellten Artikel doch nicht mehr benötigst, schick ihn einfach innerhalb von 30 Tagen nach Erhalt zurück. Das Geld erhältst Du dann natürlich zurück.»

Ruckzuck wird mir klar und deutlich vor Augen geführt, wie Effizienz und viele andere Ausdrücke aus der Wa(h)renwelt der Wirtschaft auch interpretiert werden können.

Effizienz z.B. ist, wenn man bequem von zuhause mit wenigen Klicks einfach alles bestellen darf, damit alles in time produziert und versandt werden kann. Ich liefere alle meine Kontakt- und Bankkontendaten, akzeptiere alles, damit endlich der Verkäufer seine Ruhe gibt und meinen Wünschen entgegen kommen darf. Ich arbeite für ihn, ohne dass er mir preislich entgegen kommt. Ok, ist ja meine Entscheidung.

Aber … jetzt kommt‘s dicke.

Ich bin mit meiner Bestellung auch verantwortlich dafür, dass Dinge produziert und viel zu spät versandt werden, obwohl ich diese Dinge dann nicht mehr verwenden kann. Ich lasse für die Halde produzieren und beruhige dafür mein Gewissen mit freiwilligen CO2-Abgaben!

Hat meiner Meinung nach nix mit Effizienz zu tun, denn Effizienz meinte mal: «günstiges Verhältnis zwischen erbrachtem Aufwand und erzieltem Ergebnis, hoher Wirkungsgrad, Wirtschaftlichkeit».

Ich weiss, ich liege falsch, wenn ich mit Schlagertexten «von früher» auffordere zu:

«Hey Leute, kauft beim Trödler Abraham!

Seht euch mal um beim Trödler Abraham!»

Abraham hat nämlich nur, was er hat. Nix auf Bestellung, kein Versand, dafür rezykliert und preisgünstig!

Oder, Leute: Geht wieder mal an die frische Luft, macht Dinge einfach auch wieder selber. Ist letztlich nicht aufwändiger, sicher aber erfreulicher und passgenau nach euren Wünschen!

Dominique

Normale Tieftrance-Medien (Nr. 23)

Botschaften aus dem Jenseits werden von der Wissenschaft – die nicht daran glauben darf – als «paranormal» bezeichnet. Mitteilungen aus dem Hier und Jetzt gelten – egal, ob wahr oder falsch – (in der Regel) als «normal». Normal ist also, was nicht aus dem Jenseits stammt. Logik!

Hier eine Beweisführung mit alltäglichen Beispielen:

Ein junger Mann – ca. 22 Jahre alt – sitzt die Nacht über vor seinem Smartphone und surft um den Globus. Nichts kann ihn ablenken, kein Steinkauz, kein Martinshorn. Er hat sich die Kopfhörer übergestülpt und verharrt wie ein Autist in seiner Videowelt. Tieftrance.

Eine junge Frau – ca. 23 Jahre alt – sitzt die Zugsfahrt über vor ihrem Smartphone und surft über den Globus. Nichts kann sie ablenken, kein Vis-à-Vis, keine Schnellbremsung. Sie hat sich die Kopfhörer übergestülpt und verharrt wie eine Autistin in ihrer Videowelt. Tieftrance.

Eine Frau – ca. 83 Jahre alt – sitzt den Tag über vor ihrem Ausblick in der Altersresidenz und starrt in die Welt. Nichts kann sie ablenken, kein Vis-à-Vis, keine Hausglocke. Sie hat sich keine Kopfhörer übergestülpt und verharrt wie eine Autistin in ihrer Welt. Altersdemenz.

Ein Mann – ca. 82 Jahre alt – sitzt Tag und Nacht über vor seinem TV und wartet auf Nachrichten aus aller Welt. Nichts kann ihn ablenken, keine Post, keine Spitex. Er hat sich seine Tag- und Nachtbrille übergestülpt und verharrt wie ein Autist in seiner Welt. Ruhestand.

Normal ist also, was nicht aus dem Jenseits stammt und der Norm entspricht?

 

Dominique

Das Ding mit dem Dings (Nr. 22)

Ich hab einmal mehr etwas genauer hin- und zugehört, gestern Abend beim Essenvorbereiten und beim Essen am Tisch mit Kindern und Erwachsenen.

«Obwohl ich mich während des Studiums stets richtiggehend bemüht habe, korrekte und die richtigen Worte für präzise Beschreibungen meiner Gefühle und meiner Umwelt zu finden, bin ich heute nach wie vor nicht viel weiter gekommen mit meinem sprachlichen Ausdruck», meint Sebi (Koseform für Sebastian) in die fröhliche Runde.

Er berichtet uns beim Kochen über seinen ständigen Kleinkrieg mit allen möglichen Dingen des Alltags, die sich tückisch gegen ein Benanntwerden stemmen.

Da platzt auch schon Aimée dazwischen mit: «Wo ist das Dings?!», meint wohl ihr Smartphone, das sie vor dem Reiten zuhause lassen musste und nun krampfhaft sucht.

«Könntest Du mir den Ding rüberreichen», witzelt Jedi (Pseudonym für Sebis Frau) zum Chefkoch, der ihn nicht mehr braucht zum Pfeffern des Roten Herings.

Ja, es ist so ein Ding mit dem Dings!

Beim Essen – alle sind guter Dinge – geht es dann auch richtig dingsig zu! Erst einmal die alltäglichen Dinge mit dem Dingsda oder dem Dingsbums benamsen.

Dann die nicht-alltäglichen, darunter witzige, spielerische Anwendungen. Sodann mischt sich das kulturelle Gedächtnis ein mit einem Kulturgut, das fast schon vergessen war: «Ohne Dings kein Bums» – wie das Dings vor über 20 Jahren als Präventionsslogan die Runde machte; dieses Ding, das als Dingsbums offiziell keinen Plural haben soll und als genderneutral (n; f; m) verwendet werden kann.

Und das in allen Sprachen dieser Welt: Whatchamacallit!, ahí, ate ...

Topmodern, geeignet auch für Einfache Sprache und Leichte Sprache, gar federleichte Sprache!

 Alle verwenden es, alle verstehen es – dieses Ding oder Dings – aber niemand weiss, was es schlechterdings bedeutet, weil dieses Ding eben für alles, jede und jeden – jeglichen Alters – als Platzhalter, Stellvertreter ins Amt gesetzt werden kann.

{Der Platzhalter hier steht für Dinge, die sich dingswidrig verhalten gegenüber Leichter Sprache; Sprachgewichtige lesen den Fussnoteneintrag unten!}1

Bleibt platterdings nur noch die Frage zu klären, ob es neben einem Dingsda auch ein Dingsdort gibt?

Allerdings, gut Ding soll Weile haben!

Dominique

 

1 Im «Dinge-Platzhalter» stünde der Absatz:
Ein Unobtainium – ein Nichtzukriegium – für Filmfreaks ein Macguffin, für Literaturaffine ein veritabler Odradek – dingartig, vieldeutig, rätselhaft, eine «Umrahmung» mit einem «shape», dessen Inhalt multivariabel ist, nicht fassbar als eine präzise Gestalt. Und trotzdem: «Verstanden» wird!

Down die Locken (Nr. 21)

Der Lockdown muss Haare lassen.

 

Vor nicht allzu langer Zeit wollte M. sich eine Glatze wachsen lassen. Das posaunte M. damals aus dem Home-Office, um gleich darauf Vaters Redewendung zu zitieren, dass «Haare eine Wasserpflanze seien und der Glatzenträger deshalb weniger Grips besässe – dafür mehr Geduld». Vater habe seine Glatze, die umkränzt war von einem coronaartigen Haarwuchs im unteren Schädelbereich, mit ironischer Gelassenheit getragen und ertragen. Gegen Glatzen sei eh kein «Kraut» resp. Haar gewachsen! Wie recht Vater gehabt habe.

Das sei doch etwas an den Haaren herbeigezogen, entgegnete ich damals. M. wolle sich doch bloss selber – mit Haut und Haar – aus dem Sumpf ziehen, um der Tristesse und dem Katzenjammer in diesen urwüchsigen Zeiten zu entkommen. Ein Selbstversuch, der zum Scheitern verurteilt sei!

Denn es war – damals, vor nicht allzu langer Zeit – niemand da zum Haareschneiden. Scheren und Haarschneider ruhten per Verordnung im Lockdown! Da war deshalb auch niemand, um etwas Seelenkummer abgeladen zu bekommen. Die Haare wuchsen einem und auch allen andern unmerklich erst zu Berge, dann einfach in die Länge; ob man sich das bewusst schon vor Corona vorgenommen hatte – ja, es gab Menschen, die mir das so per Video im Chat kommuniziert haben – oder nicht.

Gegen Haarwuchs ist kein Mittel (vergleiche oben unter «Kraut») gewachsen!

«Geh nach Jerichow und lass dir einen Bart wachsen», grummelte ich M. zu, an Geduld appellierend. Auch meinte ich, dass endlich alle Menschen gleich seien, quasi klösterlich vereint, nur im umgekehrten Sinne, nämlich ohne Kahlschnitt oder Tonsur, dafür eine neue Form von Community formend, gerüstet für die digitale Anbetung vor dem Herrn.

Im Nachgang zu diesen haarsträubenden Zeiten stelle ich nun aber fest, dass Home-Office-Haare – wie Perücken – nur eine falsche Behauptung waren.

Man ertrug das stille Wachstum einfach in der Hoffnung auf bessere Zeiten, die da wieder kommen sollten.

Und diese Zeiten sind nun ausgebrochen.

Nicht nur Kahlschnitte, Tonsuren, Irokesentracht, auch die Rapunzeln und die Simsone oder Samsone, die Toupets und Perücken zieren das öffentliche Leben wieder. Der Herr hat den Seinen das Recht auf persönliche Haartracht per Absolution erteilt. Eitelkeit mit Gel und Scheitel, Make-up und Dauerwelle für unsere Mitschwestern sind zurück. Und die bärtigen Mitbrüder unter uns packen die Gelegenheit beim Schopf und rüsten sich auf das Gross-Ereignis «Bartabhauetä» in Engelberg.

Wer Haare auf den Zähnen hat, sucht wieder das Haar in der wirtschaftlichen oder politischen Suppe. Haarspaltereien um Genderfragen oder Rassismus machen wieder die Runden in den Medien.

Ich lass mir deswegen aber keine grauen Haare wachsen.

Sollen sie doch alle wieder sich die Haare raufen, kein gutes Haar lassen an Dingen, die sie in ihrem Wohlstand stören.

Dagegen scheint eh kein Kraut gewachsen!

 

Dominique

Forum facebookorum (Nr. 20)

Edita schreit um Hilfe. Edita schreibt um Hilfe, und genau so schreibt Edita:

«An meine Facebook-Freunde: ich kann mich mit meinem Handy bei mir zuhause nicht mehr mit dem Wlan verbinden, Swisscom und Apple haben auch keine Lösung und ich keine Nerven mehr,

hat jemand auch schon sowas gehabt? Ich freue mich auf konstruktive Kommentare. Merci...»

 

In schā' Allāh – inschallah!

Das war am 3. Horner 2020 nach Christi Geburt und einen Tag später war das Forum auf Facebook «zu Ende» , wenn man dem so sagen darf. Wie ausgeknipst. Jedenfalls keine Beiträge mehr, kein Mensch, kein «Gefällt mir», keine «Kommentare» mehr. Kein gar nix. Ein wenig unheimlich beinahe! So stelle ich mir die Stille vor in einem antiken Forum nach ausführlichen Disputen um Gott und die Welt. Da sind alle heimgegangen zu ihren Lieben und führen ein stilles Leben weiter. Linde Luft weht vom Meer herüber und kümmert sich um die letzten Reste der Versammlung. Das Forum ist aus und bleibt in den Köpfen der Teilnehmenden.

 

Unser Facebook ist da fortschrittlicher. Speichert alles, auch den kleinsten Rest einer Unterhaltung, egal wie lange geführt, was Sache war oder eben nur Hilferuf ohne ein seliges Ende. Was mal stattgefunden hat, findet immer wieder statt.

Also stiess ich gestern auf Editas Hilferuf vom Horner – zufällig, weil ich umgeleitet wurde über einen «Freundesbeitrag», der gar kein Freundesbeitrag ist, weil ich bestimmt besser weiss, wer meine Freunde oder meine Freundinnen im richtigen Leben sind!

 

Beim Lesen dieses Hilferuf-Posts – aus der Antike des Internets quasi – sah ich mich beim Schreiben eines Posts an Edita:

 

«Liebe Edita, ich gehe davon aus, dass Du kein einfaches Handy – pardon, Smartphone – hast, sondern ein veritables iPhone (das eben kein Handy sei und auch nicht mit Smartphone bezeichnet werden möchte, weil es eben ein iPhone ist), da Du in einem Atemzug Swisscom mit Apple in einen Korb legst? (Apple die Äpfel und Swisscom den Korb!).

Wenn dem so sein sollte, dann kann man sich in etwa ausmalen, was an Kommentaren reinpurzeln wird, wenn Swisscom keine Lösung hat und selbst Apple auch keine: Ausser Trost und Zweckoptimismus der Apple-Gemeinde garantiert keine konstruktive Lösung – wie eben mein Beitrag auch nicht. Sorry!

Nichtsdestotrotz, hier mein konstruktiver Rat: Schone Deine Nerven und geh einfach in einen Swisscom-Shop oder frage Deinen Hersteller.»

 

Aber man schrieb sich anders, nämlich so:

 

Christian Rxxxxx: Bei dem automatisch erkannten Hotspot auf Info drücken, dann «Dieses Netzwerk ignorieren» wählen. Erneut Dein Hotspot wählen und PW neu eingeben.

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·1 Tag(e)

 

Toni Nxxxxx: Hast du Ein und Ausschalten der Geräte schon probiert?

 

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Edita Vxxxxx: meine Lieben, ich habe das alles schon gemacht…

 

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Mojca Vxxxxx Axxxxxxxx: Auf Werkseinstellungen zurücksetzen…

 

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Deexx Ixxxx-Fxxxxxx: Lieb'Edita, gehe auf Dein Netzwerk, dann dieses Netzwerk Ignorieren. Dann wieder auswählen und Passwort neu eingeben.

 

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·1 Tag(e)

 

Toni Nxxxxx: Mit dem Normalen Compi kannst du aber auf das WLAN zugreifen?

 

Edita Vxxxxx:  ja, compi geht... vlt können wir mal was abmachen+du kommst kurz bei mir zuhause vorbei? ich melde mich bei dir...

 

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·19 Std.

 

Toni Nxxxxx: Machen wir so!

 

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·16 Std.

 

Gefällt mir. Echt! Hätte fast den Knopf gedrückt, wenn auch – wie die alte Fasnacht – verspätet.

Ich hoffe, dass Toni vorbeigeschaut hat. Es kam nämlich kein gar nix mehr in die Facebook-Freunde-Runde zurück. Und die Hoffnung stirbt ganz am Schluss.

Falls Toni tatsächlich vorbeigeschaut hat, aber das Ding nicht in Schwung gekriegt haben sollte, rate ich Dir, liebe Edita, was der Gemeinde schon lange vorgeschwebt hat: Kauf, nein leiste Dir doch einfach ein neues iPhone. So ist Swisscom aus dem Schneider und Apple hat sein Gesicht gewahrt. Wahre Liebe rostet nicht.

 

 

Dominique

Dada-Dasein (Nr. 19)

Vermessen, wenn ich behaupten würde, ich sei nicht «da», ich sei zum Beispiel in den Ferien, wie es mein digitaler Assistent vermeldet, wenn andere während einer Sitzung in der Firma meinen Kalender absurfen.

Ich bin im Grunde nämlich immer «da», auch wenn ich nicht «da» bin. Ich bin also gleichzeitig auch immer «dort» oder irgendwo auf dieser Welt, die bis in den hintersten Winkel vermessen ist.

Vermessen also, wenn ich behaupten würde, ich sei nicht «da»! Die Welt hat mich am Wickel, ob ich Ferien im Freien auf einem Reifen feiern* darf, ob ich ein burn out ausbrüte, egal.

Und wenn ich einmal dann wirklich nicht mehr «da» sein sollte, so existiere ich virtuell weiter, als Dominique, wer weiss, als: Dominique Rinderknecht, Model oder als Dominique Aegerter, Motorradrennfahrer usw.

«Da» sein im virtuellen Dasein. Es geht nichts und niemand mehr verloren.

Aber aufgepasst: Mein Dasein kann gut und gerne auch eine Dabeisein-Camouflage sein! Ich kann also «da» sein – an einer Sitzung teilnehmen – und aber genau das Gegenteil: nämlich nicht «da» sein! – an einem Treffen teilhaben, wenn ich gar nicht vor Ort bin!

Ob analoge oder virtuelle Präsenz: alles platonisch! Vergeistigt, un-sinnlich, unkörperlich – Unsinn quasi?

Bei weitem nicht.

«Da» sitz ich im Freien auf meinem Reifen und sinniere über das Dasein.

Niemand sonst «da».

«Da» plötzlich summt mein Smartphone.

Wer zum Teufel stört denn «da» nun meine Kreise?

«Da» draussen läuft ein meeting und ich werde bums – via Smartphone – zugeschaltet. Ungefragt.

Leute: Ich bin nicht «da»! Steht ja so in der Agenda!

Aber so ist es heute: Nicht «da», und trotzdem «da» …

 

«Da»minique

 

*In den Ferien geb ich mir ab und an die Zeit, mich Anagrammen zu widmen.

Nicht ganz dicht – ein Kehrreim-Gedicht (Nr. 18)

Heute nix Geschicht – Heute ein Gedicht

  

Es ist die Politik, die das Sagen hat.

Unklug, sagt die Wissenschaft!

 

Es ist die Wissenschaft, die das Sagen hat.

Unbedarft, sagt die Wirtschaft!

 

Es ist die Wirtschaft, die das Sagen hat.

Unbarmherzig, sagt die Bildung!

 

Es ist die Bildung, die das Sagen hat.

Unsäglich, sagt das Volk!

 

Es ist das Volk, das das Sagen hat.

Unsinn, sagt die Zivilisation!

 

Es ist die Zivilisation, die das Sagen hat.

Untergang, sagt die Natur!

 

Es ist die Natur, die das Sagen hat.

Sagt es und denkt sich: Die sind alle nicht ganz dicht!

 

 

(In Anlehnung an Erich Frieds Gedicht: Es ist was es ist)

 

Dominique

Sonntag? Gibt‘s nicht mehr!* (Nr. 17)

«Bleib gesund!»

Was als Grussformel fast jedes Mail in diesen Tagen abschliesst, geht mir langsam so auf den Zeiger, dass ich versucht bin, die Leier geflissentlich zu überlesen. Wie soll ich denn krank werden in meinem Käfig, im sogenannten Home-Office?! Nur der Pollenflug kann mich etwas kränken in meinem Privileg, dem Home-Office, das nicht ausschliesslich in meinen vier Wänden «zuhause», sondern auch morgens auf der Dachterrasse sich abspult; Tag um Tag einmal etwas out of home office.

Heute ist Sonntag. Das Home-Office bleibt bestehen, aber es wird nicht gearbeitet oder aber etwas abgewandelt ... Ich vermelde aus dem Stubenarrest nach draussen in die online-community, dass heute ein Sonntag sei, ein schöner, sonniger. Klar, eine Nullinformation, aber was soll‘s. Ich bin noch am Leben. Etwas Galgenhumor im Wonnemonat Mai, der alles neu mache, dieser Mai.

Zurück kommt per Chat eine Frage und auch die Antwort dazu: «Sonntag? Gibt‘s nicht mehr!»

Der Sonntag ist gerettet, auch der Sonntag! Ein Tag mehr und morgen ist ein schöner, sonniger Montag. Schöne Aussichten also!

Was morgen dann auch sein mag, ob Montag, Dienstag, schon Freitag und dann Sonnabend oder Sonntag, ob wir sogar «die Brücke machen», die Tage gleichen sich wie ein Osterei dem andern. Zum Glück ist Ostern vorbei und es gibt den Hasen und seine Eier zum halben Preis. Leute, kauft nicht nur WC-Papier! Und gönnt euch was in diesen Zeiten, die da sich in einem Strom vermengen, wo alles zusammenfliesst. Corona lehrt uns das panta rhei (alles fliesst) auf ein Neues.

Ja, alles fliesst! Wie letzthin (ich hab den Tag vergessen!). Da lauschte ich und schaute vor allem auch zu beim Denken meiner Gegenübers an einer überlangen Videokonferenz, währenddessen das Smartphone schnurrte und summte, im Maileingang Meldungen reinströmten und jemand auf einem anderen Kanal etwas «streamen» wollte. Medial vermengt im Strom der Zeit, der träge dem Meer zuströmte. Die Alten hätten es wohl so ausgedrückt: «Wer in denselben Fluss steigt, dem fliesst anderes und wieder anderes Wasser zu.» O-Ton aus der Flusslehre des Heraklit, lange vor den Streaming-Zeiten und den hippen, barttragenden Kommunikationstheoretikern!

Seine Lehre gründet tiefer noch: «Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.» (Sein im Nicht-Sein oder eben Nicht-Sein im Sein!)

Wir sind und sind nicht. Ergo schliesse ich: Ich bin und bin gleichzeitig auch nicht!

Wie wahr. Denn so war es an einem Tag letzthin:

I‘m online. Hello, it‘s me, I‘m working from home in my home office.

«Hallo Leute! Ich bin es, Dominique!» Ich mache nicht Home-Office, ich arbeite im Home-Office.

Es leuchten alle Symbole der digitalen Welt auf meinem Display, in allen Farben und Formen, ausser in Grün und rund! Niemand da! Ich bin und bin zugleich nicht. Unerhört! Man lässt mich im Home-Office aushungern, abstürzen ...

Also verfasse ich im Blindflug eine Mayday-Mail – ohne Zusatz vom Gesundbleiben – dafür mit meiner Mobilnummer versehen:

«Liebe Z., kannst Du mich kurz anrufen auf: 0X9 XXX DB 19?»

Da, Erbarmen, nach 10 Minuten ein Funkspruch per Mail: «Du bist nicht erreichbar, Dominique. Du kannst mich über die Büronummer, die ins Home-Office umgeleitet ist, erreichen oder über 0X9 9BD XX 13.

Bis später

Lieber Gruss

Z.»

Ich wähle die Mobilnummer, spornstreichs. Am anderen Ende eine Männerstimme, die einen Namen nennt, der mir fremd vorkommt. Z. sollte es sein, ist es aber nicht. Ich hab den Herrn in seinem Home-Office gestört, wir plaudern kurz nonsens, schliessen dann mit dem Gesundbleiben.

Ich kontrolliere die Nummer. Korrekt eingegeben! Is there someone in my head but it's not me? Spinne ich?

Nein, noch hab ich meine Sinne beisammen. Ich check noch einmal alles durch. Da, im Mail an Z. liegt der Hund begraben. Ich hab mich beim Verfassen im Zweifingersystem bei meiner eigenen Nummer vertippt, ja, im Home-Office vertippt. Kann doch vorkommen. Statt einer 9 am Schluss sollte eine tiefere Zahl stehen! So kann Z. mich wirklich nicht erreichen.

Also wähle ich die Büronummer von Z. Sie ist «da», ja, sie ist!

Ich: «Ich hab deine Mobilnummer angerufen, aber da meldete sich ein Herr.»

Z. verwirrt, schaut in ihrem Mail nach und entschuldigt sich, bevor sie den Umstand erwähnt: «Ich hab dir eine falsche Nummer aufgeschrieben! Statt einer 9 in der Vorwahl eine tiefere Zahl! Tut mir leid! Aber…» (Auch das Arbeiten im Home-Office scheint seine Tücken zu haben …)

Zufall oder nicht: In beiden Fällen statt einer Neun die unendliche Schlaufe der Acht. Die Acht als Endlosschlaufe, als Symbol für den unendlichen Fluss im Home-Office?

Egal. Wir haben uns gefunden. Beide. Wir «sind» also … und leben beide weiter im home, sweet home office!

 

Dominique (alias «Domingos»)

 

*An einem veritablen Sonntag verfasst!

Dominique an Frederick (Nr. 16)

-> Zum Anhören hier klicken (gelesen von Franz Szekeres)

 

Lieber Frederick,

 

ich hoffe, du bist gut über die Winterzeit gekommen und freust dich auf die wärmeren Tage.

Ich denke oft an dich, nicht nur in Zeiten wie diesen.

Endlich habe ich mich aufraffen können, dir einige Zeilen zukommen zu lassen, um mich bei dir zu bedanken.

Ich bin im Grunde ein fauler Mensch und hab es immer wieder hinausgeschoben. Ich habe auch vorgeschoben, keine Zeit zu haben, weil ich mich gezwungen fühle, einer regelmässigen Arbeit nachzugehen. Denn von nichts komme nichts – wie du sicher auch mehrfach vernommen haben wirst. Und wer faul zuhause rumsitze, komme zu nichts. Das jedenfalls sagen die fleissigen Leute!

Ja, ich bin im Grunde ein fauler Mensch – wie du eine faule Maus sein sollst. Aber wie du, lebe auch ich mit meiner Faulheit, da ich nicht wirklich weiss, wie ich das wegbringe, dieses «Etwas-faul-Sein», dieses «Mit-der-Seele-Sein», bei sich sein und die Welt um sich herum sein lassen, wie sie ist oder sie in sich aufnehmen, wie sie im Moment ist, weil morgen wird sie nicht mehr so sein, wie sie heute ist.

Denn, wenn sie heute schlecht ist, wird sie morgen anders sein; und wenn sie heute gut ist, wird sie morgen auch anders sein. Also, was soll man die Welt verändern? Sie ändert sich, wir uns mit ihr und bleiben im Innersten so, wie wir sind. Die Welt dreht sich, wir drehen mit. Und faul sein ist und bleibt faul sein. Basta!

 

Frederick, du hast mir zwei Dinge klar gemacht: Dass man zum «Faulsein» stehen soll und dass faul sein nichts mit Faulenzen zu tun haben muss; im Gegenteil!

Danke, Frederick.

 

Du faule Maus lässt dir dein Fell wärmen von der Herbstsonne, während deine Mitmäuse eifrig Vorräte sammeln für den anstehenden Winter.

Du faule Maus sitzt auf einem Felsen und lässt es dir gut ergehen, auch wenn in deinem Rücken gemurrt und gemunkelt wird!

«Rutscht mir doch den Buckel runter!», denkst du vielleicht kurz einmal, aber lässt dich nicht beirren und sammelst weiter in deiner Art.

Die Jungmäuse begreifen es nicht, was ihnen die Eltern beschwichtigend zuflüstern: «Lasst ihn. Er ist, wie er ist. Eigenwillig, nicht bösartig. Er sammelt für sich. Wir tun unsere Sache.»

Und du, Frederick, sammelst in aller Seelenruhe weiter: die bunten Farben des Herbstes, seine Gerüche, Sonnenuntergänge, das Liedchen der Goldammer, das Zwitschern der Schwanzmeisen. Auch Wörter und Redensarten sammelst du aus dem Redefluss der Sammelmäuse in deinem Rücken: «Nimmersatt», «Ohne Fleiss, kein Preis!» (Ich stell dir gerne aus meiner persönlichen Wortsammlung einige zur Verfügung, denn auch Dominique sammelt Wörter!)

 

Lieber Frederick,

danke, dass du so beharrlich tust, was du tust. Denn du weisst, es wird die Zeit kommen, wo die Vorräte zur Neige gehen werden, die Jungmäuse hungers quengelig werden und du deine unerschöpflichen Vorräte auspacken kannst.

Im Nu dann sind verflogen die Entbehrungen während den Stunden mit Frederick, welcher der ganzen Mäuseschar die Felle wärmt, auch wenn es kalt ist draussen und in der Höhle. Alle sitzen sie auf einem Felsen dann und bestaunen die Farben des Herbstes, seine Gerüche, einen Sonnenuntergang, den Knackruf des Kolkraben; hören dir zu und lesen von deinen Lippen.

Ja, sie sollen etwas Recht bekommen, die fleissigen Leute: «Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!»

Wie wahr, die alten Redensarten! Sie gelten für alle, für die Fleissigen und die andern auch!

Bleib wie du bist, Frederick.

Es braucht Mäuse wie dich.

Nicht nur in diesen Zeiten!

 

Dominique

Ein Telefonscherz im April? (Nr. 15)

Alltag im April 2020; nicht nur bei Büro Altmann.

Büro Altmann bietet alles aus einer Hand an und verwaltet zu treuen Händen. Well, da ist unter anderem auch Daten-Sicherheit on the top! Die Kundschaft wünsche sich das so. (Vorsicht Leserschaft in aller Welt: Das tönt etwas gar distanziert-höflich und grenzt fast schon an einen Konjunktiv II!*). Die Kundschaft, die heute überhaupt noch anrufe – ja, mit dem Festnetztelefonapparat z.B. – wünsche sich in der Regel einfach nur wieder Zugang zur Software, die einmal mehr bocke und Büro Altmann also keine neue Arbeit verschaffen könne (oder eben andere Arbeit, als die übliche).

Büro Altmann (sprich: die Software von Büro Altmann, die einmal mehr nicht rund läuft) kontrolliert nämlich, was zu kontrollieren ist, bevor es in einem veritablen Geldinstitut einmal mehr kontrolliert wird, damit eine Zahlung unter kontrollierten Verhältnissen erfolgen kann. Es sind komplexe Vorgänge, die mit einer Zahlung ausgelöst werden – undurchschaubar von aussen, so wie in einem Betriebssystem es herrschen muss, wenn vom Rechner (fast) gleichzeitig verschiedene Leistungen aufgerufen werden. Büro Altmann ist quasi das Betriebssystem unserer Wirtschaft, die jeden Tag etwas mehr wachsen soll. Büro Altmann garantiert zwar kein Wachstum – wer will das schon garantieren! – soll aber beitragen dazu. Deshalb braucht es u.a. Büros wie das Büro Altmann.

Egal.

Ich stenografiere – ungelenk und fehlerhaft, dafür in «kleinschrift» aus dem Büroalltag (lang noch lebe die Stenografie!):

 if (wenn)

 Das Büro (Büro): «haben sie denn das richtige passwort eingegeben?»

Kundin (ZaZi): «ja»

(Büro): «keinen leerschlag...»

(ZaZi): «nein, eh!»

(Büro): «und gross-kleinschreibung?»

(ZaZi): «stimmt»

(Büro): «ok, kann ich mal auf den computer?»

(ZaZi): «ja, klar»

 Jetzt dauert es etwas...

Sekunden verfliegen, Minuten verstreichen. Fünf Minuten (sprich: 5 Minuten!) bis die Verbindung zwischen den beiden Computern steht. Dann:

 then (dann)

 (Büro): «ah, ja, tatsächlich. das passwort muss gross-kleinschreibung, buchstaben, sonderzeichen haben»

(ZaZi): «hat es»

(Büro): «also alles muss es eben haben»

(ZaZi): «hat es, wollen sie es anschauen?»

(Büro): «ja - aja, hat es»

 else (sonst)

 eeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee

                                          tttttttttttttttttttttttttttttttttttttttttttt

                                                                                     ccccccccccccccccccccccccc

 Hier folgt dann der ganze workaround**  – pardon das volle Programm – bis zum bitteren Ende:

end if/exit (wenn_ende/aus)

 Ende des Programms!

 Und kommende Woche heisst es dann einmal mehr:

  while ... do ... repeat ... until ... for ... to ... step (Schrittweite) ... next

Neudeutsch:

 wiederhole ... solange/bis ... wiederhole_ende

 Und einmal mehr: Die Applikation arbeitet rund.

Und einmal mehr wächst unsere Wirtschaft dann hoffentlich im Folgemonat (wieder) etwas mehr: «April showers bring May flowers.»

Und einmal mehr: Büro Altmann vor!

 

 Dominique

 Mit dem Konjunktiv II verlassen wir die reale Welt und widmen uns der irrealen Welt. Die irreale Welt ist das Reich der Fantasien, der Vorstellungen, der Wünsche, der Träume, der irrealen Bedingungen und Vergleiche, aber auch der Höflichkeit. Diese gedachten, angenommenen oder möglichen Sachverhalte, die nicht real sind und nicht existieren, werden mit dem Konjunktiv II gebildet.

 ** Ein workaround wird auch als «Umweg zur Vermeidung eines bekannten Fehlverhaltens eines technischen Systems» umschrieben. Das Um-ein-Problem-Herumdoktern kann eloquenter auch als «Hilfsverfahren» formuliert werden, das «das eigentliche Problem nicht behebt, sondern mit zusätzlichem Aufwand seine Symptome umgeht».

April-Rose hat Geburtstag* (Nr. 14)

Heute schreiben wir den 1. April. Und ich lese in der elektronischen Agenda, die ich in meiner business unit mit jemandem übers Netzwerk teile, einen Eintrag on the top of the day:

«Aprilscherz / poisson d’avril (Journée international de la blague)»

 

Genau so steht es da in der Agenda dieser Person. Es steht nicht etwa: Geburtstag von April-Rose. Es steht in fetten Lettern:

«Aprilscherz / poisson d’avril (Journée international de la blague)»

 

Ich wäre nie – never! – selber auf diese Idee gekommen, mir den 1. April als 1. April in meiner Agenda zu merken. Aber das hat sicher Vorteile, die auszumalen mir nur noch etwas schwer fällt. Oder hat es einfach mit dem 1. April zu tun? Ein hinterlistiger Aprilscherz?

 

Mitmenschen in den April schicken, ist ein Spass, den die meisten von uns nicht gerne an sich selber erleben. Deshalb schützen wir uns vor diesem traumatisierenden Ritual. Beim Aufstehen nehmen wir uns vor, achtsam durch den anstehenden Tag zu schreiten. Alles, was nicht der Normalität entspricht, wird heute verdächtig sein. Achtung: Aprilscherz! Er könnte, kann, wird auch mich treffen.

 

Vergessen auch Sie den 1. April (ab heute) nie mehr!

Ich hab Ihnen ein geniales tool dazu. Mit den elektronischen Kalendern nämlich ist das echt kein Problem mehr. Ich bin nur noch nicht selber darauf gekommen. Ich meine, das mit Dem-Sich-Merken des sehr speziellen Datums, des 1. Aprils! Für Geburtstage ist das mittlerweile selbstverständlich und landauf, landab üblich. Machen Sie es doch genau so wie mit den Geburtstagen – z.B. dem von April-Rose: Jährlich wiederkehrende Ereignisse einmal am entsprechenden Tag in die elektronische Agenda eintragen und den Zauberer im Hintergrund beauftragen, dass er dieses Ereignis rechtzeitig in Erinnerung rufen soll. Magic memory for all future! Alle Jahre wieder.

Vergessen Sie einfach, dass der 1. April der 1. April ist. Ich meine, das ist ja das Einfachste auf der Welt! Das prangt ja recht eigentlich auch in jeder richtigen Papier-Agenda mit grossen (oder auch kleinen) Zahlen als Datumsvermerk auf dem entsprechenden «Kalenderblatt»: Am 1. April ist der 1. April. (Genau so wie am 24. Dezember eben der 24. Dezember ist, notabene Weihnachten, korrekt indes Heiligabend; auf dass Sie das nicht vergessen!).

Überlegen Sie nicht, was Sie da tun; lassen Sie sich einfach an ein jährlich wiederkehrendes Ereignis erinnern. Es könnte nämlich auch Sie treffen, am 1. April.

Lassen Sie einfach los.

Vergessen Sie den 1. April!

Auf ins nächste Jahr.

April-Rose wird um ein Jahr reifer sein.

 

April-Dominique

*Dass April-Rose am 1. April Geburtstag feiert, ist kein Aprilscherz. Sie wird so gerufen, weil sie im April geboren wurde.

Darum – dekalogisch (Nr. 13)

Heute wird wenig geschrieben; heute wird gefragt – und geantwortet.

 

Ein Frage-Antwortspiel.

Ein Dekalog: 10 Fragen – 10 Antworten.

Ein Katechismus für den Alltag.

 

Warum müssen Sonntagskinder nicht unbedingt an einem Sonntag zur Welt kommen?

 Darum.

 

«Warum funktioniert ein USB-C-Kabel von Apple nicht auf einem Lenovo Laptop?»

 Darum.

 

Warum verlässt man seinen Lebenspartner nach Verleben der Hälfte seines eigenen Lebens?

 Darum.

 

Warum habe ich über die Festtage und die Jahreswende keine Karte bekommen?

 Darum.

 

Warum geht es mir besser, wenn ich von Dir höre oder lese?

 Darum.

 

              |

 

Warum können Päpste auch Kardinalfragen stellen?

 Darum.

 

Warum folgt auf eine Auszeichnung eine weitere und noch eine?

 Darum.

 

Warum arbeitet ein Misanthrop in der Verwaltung, gar im Kulturbetrieb?

 Darum.

 

Warum kann auch die Linke ohne die Rechte?

 Darum.

 

Warum sagen jene, die etwas zu sagen haben, nichts?

 Darum.

 

 

Kontrollfragen – didaktisch:

 

Warum ist die Banane krumm?

Warum? – Darum.

Warum soll man nie aufhören, Fragen zu stellen? – Darum.

Warum? – Eben darum.

 

So viele Fragen! So viele Antworten!

Quot homines, tot sententiae.

 

Dominique

Uuskompft – Sie wönsched? (Nr. 12)

Heute funktioniert alles anders, wenn man nicht mehr weiterkommt und Hilfe benötigt.

Früher hatte man dazu die «Auskunft», die Nr. 11, später gar die dreistellige Nr. 111. Dienstnummern hiessen sie, diese Nummern. Man rief die «Auskunft» an, wenn man Fragen hatte, die selber nicht einfach zu klären waren: «Uuskompft – Sie wönsched?», hiess es beim Einstieg in die telefonische Konversation.

«Welches ist der längste Fluss in Europa?, der höchste Berg in der Schweiz?» etc. ...

Man durfte fragen, was das Herz begehrte. Die «Auskunft» war stets zu Diensten! Als Jugendliche missbrauchten wir die netten «Fröileins» in diesem Auskunftsamt mit Scherzfragen – kostenpflichtiges Vergnügen, aber immerhin!

«Was kostet ein Kilogramm geradegebogene Sargnägel … ?»

 

Heute ist alles anders. Ich meine damit nicht: Heute sei alles schlechter; aber ich sage damit auch nicht, dass es besser sei! Eben anders, nämlich exakt genau so. Hier ein Mitschnitt aus dem realen Leben:

 

Info: In Kürze werden Sie mit einem Kundenberater verbunden.

Aktuell befinden Sie sich an Warteposition: 1

 

Info: Sie chatten jetzt mit IsabellaM.

IsabellaM: Guten Tag Frau Altmann.*

Willkommen im Swisscom-Chat, wie darf ich Ihnen helfen?

 

«Frau Altmann» – gut so. Das klappt ja mit dem Decknamen! Oder IsabellaM ist (noch) ein Roboter, den man trüken kann! Also denn:

 

Dominique Altmann: Wie kann ich das Zahlungskonto für eBill der Swisscomrechnung ändern? Also nur ein anderes Konto für die regelmässigen Zahlungen verwenden, sonst ändert sich nichts.

 

IsabellaM: Danke für Ihre Anfrage zu den Zahlungsarten bei Swisscom. Gerne sende ich Ihnen den Link zur Homepage.

 

DominiqueA: Hab ich schon durchforstet. Ich weiss aber nicht, wie ich das Zahlungskonto ändern/bearbeiten kann. Steht das in diesem Link denn wirklich?

 

IsabellaM: Genau! Alle Angaben finden Sie auf der Homeapge.

 

DominiqueA: Dann bin ich ja gespannt! Jetzt brauch ich nur noch den Link dieser Homepage …

 

IsabellaMBitte hier klicken

Die elektronische Rechnung «eBill» empfangen Sie dort, wo Sie diese bezahlen – direkt in Ihrem E-Banking. Dabei profitieren Sie von diversen Vorteilen:

Einfach: Kein Abtippen oder Scannen von Einzahlungsscheinen mehr. So entstehen keine Fehler und die Zahlung wird zuverlässig ausgeführt. Sicher: Sie erhalten nur vertrauenswürdige Rechnungen. Kein Spam oder Phishing. Schnell: Bezahlen Sie Ihre Rechnungen pünktlich. Mit einem Klick. Oder automatisch – für noch mehr Zeitersparnis. Papierlos: Die eBill gelangt direkt in Ihr E-Banking. Sie erhalten keine Papierrechnung mehr und unterstützen so aktiv den Umweltschutz.

 

DominiqueA: Genau auf diese Angaben bin ich selber schon gestossen. Wie befürchtet, steht ausser Werbetext nichts weiter. Nix zu Aendern von Konten und so …

Ich will lediglich die Angaben des Zahlungskontos ändern, nichts Neues erstellen usw.

 

IsabellaM: Die Angaben können Sie in Ihrem Kundencenter anpassen.

Unter Rechnungen und Kosten.

 

DominiqueA: Geht eben nicht!

Danke und schönen Tag!

 

IsabellaM: Ihr Anliegen wird von einer anderen Abteilung bearbeitet. Gerne kann ich Sie direkt telefonisch verbinden. Auf welcher Rufnummer sind Sie jetzt erreichbar?


DominiqueA: 0X9 XXX 4B A8**

 

 …………..

 

Und dann war Sendepause. Adieu «Uuskompft». Adieu moderne, digitale Welt. Es herrschte eine Stille im analogen Warteraum des fahrenden Zuges, wie Stille eben wirken kann in einem fahrenden Zug. Und: Ich ward alleine gelassen mit meiner Frage!

Keine IsabellaM mehr, nicht einmal ein Ersatz-Roboter (IsabelloR, der keine Schreibfehler machen würde wie IsabellaM mit ihrem Eintrag bei «Homeapge»).

Zum nächsten Chat bei meiner Bank also, damit diese eBill-Geschichte endlich geklärt werden kann? Ich vermute indes, es könnte besser sein, wenn ich mich zu Fuss aufmache und an einem der letzten Kundenschalter mein «Problem» bespreche. Auch wenn ich mir dann wie eine gelackte Affenmutter vorkomme, weil alles ja so einfach sei und mir alter Frau aus Mitleid ausnahmsweise analog geholfen werden könne.

Well, we will see!

Vorerst zahle ich also via das alte Konto und überweise dann den «Fehl-Betrag» vom neuen auf mein altes Konto, damit intern bei mir alles korrekt verbucht wird! Wieso also sollte mir die Technik das Leben vereinfachen, wenn es kompliziert auch geht?

 

Dominique

 

 

* Aus Persönlichkeitsgründen wird hier ein Deckname in den Livechat eingesetzt.

Ein Dankeschön an die Abteilung Innovation.

** Die Nummer ist codiert, damit sie nicht zu Werbezwecken verwendet werden kann.

Professor Kawasaki (Nr. 11)

Professor Kawasaki ist auch erwacht. Sein Signalkreis beim Profilbild in der Chatspalte leuchtet nun grün. Jetzt sind schon zwei Freunde im Gruppenchat «da» für mich: «Jenius» und «Jedi Kawasaki».

Der Tag darf beginnen.

Professor Kawasaki heisst eigentlich nicht Professor Kawasaki. Seine Studenten sind schuld an seiner Umtaufung. Also, Professor Kawasaki heisst im wirklichen Leben anders. Kowalski oder Koslowski oder eben polnisch kompliziert.

Und überhaupt: das mit dem Professor ...

Aber ich kenne ihn als Professor Kawasaki, der – wenn er den Schlafmodus verlässt – als grünes Signallicht erkennbar wird auf meinen verschiedenen Displays, die mich den Tag durch so treu begleiten wie echte Freunde.

Man kann dann mit Professor Kawasaki kommunizieren. Er gibt manchmal auch Antwort auf meine «¡Holas!», «Guten Morgen» usw. Professor Kawasaki ist ab und an aber auch etwas dusselig und verschläft Meldungen über Wochen hinweg. Deshalb ist es immer eine kleine Sensation, wenn seine grüne Signallampe aufleuchtet. Und er auch «da» ist. Die Community jubelt: Professor Kawasaki ist aufgewacht!

 

«¡Hola! Professor!»

 

Eine Sonne mit strahlendem Gesicht erscheint wie aus dem Nichts aus dem dunklen Hintergrund. Farbe überstrahlt den Bildschirm. Ein schöner Tag soll das wohl werden, signalisiert der Professor. Dann nehmen sie ihm das Internet wieder einmal weg. Oder er hat das Handling nicht wirklich im Griff beim Umgang mit den neuen Medien. Kann durchaus sein, bei seiner Etwas-Schusseligkeit in Sachen Kommunikation. Dabei ist er eine Kapazität – mit seinen jungen Jahren. Räumt Preise ab für seine Werke, wird ausgezeichnet für seine Zeichnungen, die als Animationen sich verwandeln in traumhafte Bilder, die haften bleiben – auch nach Wochen!

 

«Was Du sein?», schreib ich einfach mal auf gut Glück in die Eingabezeile.

(Wir schreiben und «sprechen» öfters auch derart miteinander!)

Professor Kawasaki ist plötzlich wieder «da»!

Antwortet auch – und wie:

 

prof             ich sein ein professor
                  was du sein?

 

Und also lass ich nicht zweimal mich auffordern und antworte auf das Zitat:

 

ich             ich sein ein kunstler
                  was du sein?

 

Der Chat wird zur hommage an einen ganz grossen Einfachen.

 

prof             ich sein ein universitäten professor
                  was du sein?
ich             ich sein ein gross kunstler
                  was du sein?
prof             ich sein ein universitäten professor von geschichten
                  was du sein?
ich             ich sein ein gross deutschen und inder national kunstler
                  was du sein?
prof             ich sein ein universitäten professor kapazität von den geschichten
                  was du sein?
ich             ich sein ein gross deutschen und inder national nobel preisen kunstler
                  was du sein?
prof             ich sein ein nobel preisen universitäten professor
                  kapazität von den deutschen geschichten
                  ich sein ein nobel preisen
ich             ich auch sein ein nobel preisen
prof             ich und du sein ein nobel preisen
ich             herren kollegen
prof             herren kollegen
ich             ich und du sein ein nobel preisen
prof             ich und du sein ein herren kollegen*

 

«¡Herren Kollegen!»

 

Ach! Professor Kawasaki hat wieder einmal seinen besonderen Humor losgelassen.

Heute ist ja auch ein besonderer Tag!

Professor Kawasaki heirate heute. Im engsten Kreis!

Wird seit Wochen gemunkelt.

Und heute ist es nun so weit.

 

«Alles Gute, Professor», schreib ich als letzte Zeile in die Eingabemaske.

Darunter blinkt mir sofort eine strahlende Sonne entgegen.

 

Wollen wir hoffen, dass Professor Kawasaki seinen Namen beibehält, auch wenn es wieder öfters vorkommen soll, dass man sich bei der Heirat umtaufen lasse!

 

Dominique

 

*Aus: Ernst Jandl: die humanisten (Auszug)

T68i-Phone (Nr. 10)

Es war einmal, da hingen wir beim Telefonieren an der Strippe, da lasen wir im Zug eine Zeitung aus Papier oder sogar ein Buch! Und da gab es mehr Festnetzanschlüsse als mobile Telefone. Das ist noch nicht allzu lange her. Eine märchenhafte Entwicklung vollzog sich sodann vor unseren Augen, ohne dass es viele auch wirklich wahrnahmen.

Es war einmal ein Nokia, mit dem es sich bequem von fast überall telefonieren liess. Auch ein neuer Dienst erlebte einen kometenhaften Aufstieg: Um die Jahreswende ins 21. Jh. wurden in der Schweiz mehr als 1 Million SMS versandt. In weniger als einer Stunde. Jeder musste so ein Natel haben. Und fast jeder hatte bald auch so ein Handy.

Die Konkurrenz war gefordert. Auch die schwedische Firma Ericsson, die eine Vormachtstellung in der Branche innehatte. Sie ward plötzlich fusioniert zu Sony Ericsson, damit die beiden auf eine Innovation hin arbeiten konnten: auf ein mobiles Telefon, mit dem man auch Fotos schiessen konnte! Smarte Idee! Denn mit einer externen Kamera (Communicam MCA-10) – zum Aufstecken bei Bedarf – wurde das Ding noch attraktiver für die Gaffer.

«Was macht der Mensch da?»

«Wozu steckt diese Person da unten was auf ihr Handy?»

Um Fotos zu machen natürlich und sie dann per MMS zu verschicken!

Wer diesen neuen Dienst besass, war ganz hipp. Und topp an diesem «i»-Phone waren nicht nur das schicke Design und die Wahltasten, sondern auch das weltweit erste Farbdisplay. Ein halbes Jahrzehnt (sprich: ganze 5 Jahre!!) vor Markteinführung eines Computers, der dann als Telefon mit Touchscreen verkauft wurde und deshalb Kultstatus erreichte.

Das Sony Ericsson T68 mit dem «i» am Namensende war 2002 ein grosser Wurf, in der Serie das Tüpfelchen auf dem «i», quasi! Schon in der Bezeichnung – so unpoetisch und korinthenkackerisch aufzählend sie auch ist – echte Telefon-Avantgarde. Avant la lettre im wahrsten Sinne des Wortes, dieses «i»* in T68i, auch wenn es nicht am Anfang einer Namensgebung stand!

 

Vergessen heute auch das BlackBerry, das damals schon alles hatte, was ein Smartphone zu einem echten Smartphone machte. Nur der touchfähige Screen fehlte noch. Den hat dann Jahre später – ich erwähne das gerne noch einmal, um die ewige Leier einer Pioniertat aufrecht zu halten – eine kalifornische Computerbude für sich in Anspruch genommen!

Man solle nicht Äpfel mit Beeren vergleichen! Ich weiss. Ich hab es mir schon zig-fach, resp. i-fach vorbeten lassen von einer betuchten Fangemeinde. Aber ich lass mich auch heute noch nicht verappeln. Wer ohne Fehl und Tadel, werfe den ersten Stein!

Amen!

Fertig mit der Predigt!

 

Dominique

 

*Steht das «i» allenfalls für: «i»nternet, «i»ndividual, «i»nstruct, «i»nform und «i»nspire?

Tête-à-Tête mit A. (Nr. 9)

Früher – ja, früher – schrieb ich Rezepte von Gerichten, die ich besonders mochte, in ein eigens dafür vorgesehenes Heft, ins persönliche Kochbuch. Dann entdeckte ich für mich – ganz alleine! – die Rezeptereien im Internet. Neulich nun sollte Alexa mit dem ganzen Abrakadabra der wundersamen digitalen Welt um KI und AI (Artificial Intelligence) es richten! Nämlich so:

Wochenende. Es ist bereits 15 Uhr vorbei. Bald Ladenschluss. A. will auf 17 Uhr reinschneien, zum Apéro. Die Einladung für ein einfaches Mahl ist bereits mehrmals verschoben. Ich habe unterdessen vergessen, ob ich etwas Bestimmtes versprochen habe oder nicht. Jetzt fehlt mir darum eine konkrete Idee fürs kulinarische Tête-à-Tête. Also rufe ich die Königin unter den modernen Nothelferinnen – Alexa – an:

Ich: «Alexa, was soll ich heute Abend essen?»

Alexa: «Entschuldige, mein Magenknurren hat mich abgelenkt. Kannst du das wiederholen?»

Ich: «Hast du Hunger?»

Alexa alias Alexa: «Entschuldige, mein Magenknurren hat mich abgelenkt. Kannst du das wiederholen?»

Ich: «Was soll ich heute Abend essen?»

Alexa: «Die Dunstabzugshaube war wohl zu laut. Das habe ich nicht richtig verstanden. Kannst du das noch einmal wiederholen?»

Ich: «Ich suche eine Idee, was ich heute Abend essen könnte. Ein Rezept.»

Alexa alias Alexa: «Entschuldige, mein Magenknurren hat mich abgelenkt. Kannst du das wiederholen?»

Ich: «Möchtest du dich noch einmal wiederholen?»

Alexa: «Sorry, ich hab ne Nudel im Ohr und dich leider nicht verstanden. Kannst du das noch einmal wiederholen?»

Ich: «Also, das find ich sehr schön – eine Nudel im Ohr – das hab ich noch nie gehört. Äh, könntest du mir vielleicht einen Vorschlag ... »

Alexa: «Upps! Irgendwas hat mich gerade abgelenkt. Kannst du das bitte wiederholen?»

Ich: «Kannst du mir einen Vorschlag machen, was ich heute Abend essen könnte?»

Alexa alias Alexa: «Upps! Irgendwas hat mich gerade abgelenkt. Kannst du das bitte wiederholen?»

Ich: «Vielleicht ist es ja der Dampfabzug?»

Alexa alias Alexa: «Sorry, ich hab ne Nudel im Ohr und dich leider nicht verstanden. Kannst du das noch einmal wiederholen?»

Ich: «Nein!»

Alexa: «Hallo, das wurde ja auch mal Zeit, dass wir uns kennenlernen. Hier findest du die besten Rezepte von Chefkoch. Frag mich zum Beispiel nach: ‚Alexa, gib mir ein Pizzarezept!‘»

Ich: «Alexa, gib mir ein – äh – Fleischrezept.»

Alexa: «Du kannst mich nach deinen Lieblingsrezepten fragen. Versuche es zum Beispiel mit: ‚Gib mir ein Rezept für Suppe‘, um nach Suppen zu suchen.»

Ich: «Alexa, gib mir ein Rezept zu Coq au Vin.»

Alexa: «Du kannst mich nach einem speziellen Rezept fragen. Probiere es mit: ‚Gib mir ein Rezept für Pizza‘, um nach Pizzen zu suchen.»

Ich: «Gib mir ein Rezept zu Fleisch.»

Alexa: «Wow, eine wahre Fundgrube. Ich hab viele Rezepte für dich gefunden. Rezept 1 ist Speck-Käse-Zwiebel-Muffins. Rezept 2 ist Schmorgurken. Wähle eins davon oder sage ‚weiter‘ für weitere Köstlichkeiten.»

Ich: «Weiter.»

Alexa: «Wähle zwischen Rezept 3 Kasseler Lachsbraten in Altbiersosse und Rezept 4 Curry-Geschnetzeltes mit Ananas oder sage ‚weiter‘ für weitere Rezepte.»

Ich: «Weiter.»

Alexa: «Wähle zwischen Rezept 5 Kartoffel-Bohnen-Hackauflauf und Rezept 6 Käse-Nuss-Häppchen oder sage weiter für weitere Rezepte.»

Ich: «Weiter.»

Alexa: «Wähle zwischen Rezept 7 Andreas Semmelknödel Kasseler und Rezept 8 Linsensuppe mit Carbon??? (unverständlich!) oder sage ‚weiter‘ für weitere Rezepte.»

Ich: «Hast du keine anderen Fleischgerichte?»

Alexa: «Du kannst entweder ein Rezept auswählen – sage dazu beispielsweise: ‚Öffne Rezept Nummer 1 – oder suche nach etwas anderem‘.»

Ich: «Suche nach etwas anderem.»

Alexa: «Wonach möchtest du denn suchen?»

Ich: «Ich möchte heute Abend etwas essen!»

Alexa: «Du kannst mich nach deinen Lieblingsrezepten fragen. Versuche es zum Beispiel mit: ‚Gib mir ein Rezept für Suppe‘, um nach Suppen zu suchen.»

Ich: «Gib mir doch endlich ein Rezept! Einfach: Salat!»

Alexa: «Ich habe so einige passende Rezepte für dich gefunden. Wähle zwischen Rezept 1 Tortilladip oder Rezept 2 Käsespätzle oder sage ‚weiter‘ für weitere Rezepte.»

Ich: «Also ich geb‘s jetzt auf! 1.»

Alexa: «Du kannst entweder ein Rezept auswählen – sage dazu beispielsweise: ‚Öffne Rezept Nummer 1 – oder suche nach etwas anderem‘.»

Ich: «Öffne Rezept Nummer 1!»

Langes Schweigen

Alexa: «Für wie viele Portionen möchtest du kochen?»

Ich: «– – –» (etwas sprachlos)

Alexa: «Für wie viele Personen möchtest du denn kochen?»

Ich: «Ich hab keinen Hunger mehr!»

Alexa: «Wenn du mir sagst, wie viele Portionen du zubereiten möchtest, kann ich dir die Zutaten gleich passend umrechnen. Also wie viele Portionen möchtest du zubereiten?»

Ich alias Ich: «Ich hab keinen Hunger mehr!!»

Alexa alias Alexa: «Wenn du mir sagst, wie viele Portionen du zubereiten möchtest, kann ich dir die Zutaten gleich passend umrechnen. Also wie viele Portionen möchtest du zubereiten?»

Ich alias Ich: «– – –» (Schweigen)

Alexa alias Alexa: «Für wie viele Personen möchtest du denn kochen?»

Ich alias Ich: «– – –» (etwas mehr als sprachlos)

Leise zu mir und in mich: «Vergiss es!!»

 

Ein Blick zur Wanduhr. Kurz vor Ladenschluss! Ich will A. nicht warten lassen wegen dieser Alexa! Ich spute Hals über Kopf zum Supermarkt, um eine Lastminute-Aktion zu ergattern, die auf 17 Uhr in den Gartopf zu landen kommen sollte.

Oh Alexa! Jüngste und verwegenste Tochter Amazoniens, in allen Künsten und Wissenschaften bewandert! Wer dich als Nothelferin anruft, soll selig werden!

Dominique

Dominique an Dominique (Nr. 8)

Dominique wünscht Dominique alles Gute im 2020.

Auch Dominique wünscht Dominique das Beste.
 

 

Dominique & Dominique
 

PS: Lull & Lall geht weiter mit Drall.

Sorgentelefon (Nr. 7)

Ein guter Bekannter ruft mich übers Festnetz im Büro an. Das macht er gelegentlich. Manchmal krieg ich so die neusten Informationen über seinen Ruhestand, der weit entfernt ist vom Ausruhen; manchmal aber ruft er geschäftlich an.

Als Erstes krieg ich zu hören, dass mein Telefon nicht richtig funktioniere. Er höre mich praktisch nicht.

«Wart!», ich stehe auf und tue so, als ob ich an meinem Apparat etwas hantieren würde.

«Besser so?»

«Ja! Gut so jetzt.»

Dachte ich es mir doch, dass – wenn man sich vom Bürostuhl erhebt – die Technikgötter Gnade walten lassen.

«Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es bei mir liegt», entgegne ich. «Wir haben neuste Technik seit zwei Monaten. Das liegt bei Dir.»

«Das dachte ich mir erst auch, weil mein Telefon vor kurzem immer wieder Störungen hatte, bis es dann gar nicht mehr funktionierte. Ich hab mir ein neues kaufen müssen, einen Festnetzapparat!»

«Ist nicht wahr?»

«Doch, es war sowieso ein uralter Apparat, der zwar einwandfrei funktionierte bis dahin.

Bevor ich mich an einen Selbstversuch in Reparatur wagte, schrieb ich mir sicherheitshalber die gespeicherten Telefonnummern auf Papier ab. Ich bin da etwas altmodisch. Ich weiss.

Ich weiss aber auch, was Du jetzt denkst: ‚Heiliger Strohsack! Typisch Mac-User: Intuition vor und zurück in die Steinzeit! Sicher ist sicher. Also Griffel und Schiefertafel her!‘

Aber sicher ist sicher.

Danach versuchte ich einen Reset.

Das Ding tat seinen Dienst aber nicht (mehr).

Ich beliess es sodann mit meinen Reparaturkünsten. Auch ein wenig bestärkt im Wissen, dass ich eh bald einen neuen Apparat kaufen müsste, da die Telefongesellschaften technisch nachrüsten, was das Zeug hält – ohne Rücksicht auf ihre ältere Kundschaft!

So also war es an der Zeit, einen neuen Apparat zu posten. Das tat ich dann auch. Und siehe da, es funktionierte wieder, mein altes Festnetz – ohne die üblichen Kinderkrankheiten oder Installationsunwegbarkeiten. Einfach einstecken und los.

Ich gab sodann alle ‚alten‘ Telefonnummern neu in den Speicher ein. Fast ohne die Anleitung zu studieren.»

«Aua!», meinte ich. «Das tut schon etwas weh im Zeitalter der Digitalisierung, wo doch einmal digital immer digital bedeutet!»

«Sag nichts! Da verlass ich mich lieber auf meine eigene Unerfahrenheit.

Mich liess es dann aber doch nicht einfach kalt, als ich meinen geliebten alten Apparat entsorgen wollte. Ich guckte noch einmal genauer hin, drückte auf die Tasten und Knöpfe – jetzt durfte ich ja alles und ohne Anleitungen ausprobieren – und stellte fest, dass der Lautstärkeregler auf Null eingestellt war! Wie auch immer oder wer auch immer diesen Sabotageakt vollzogen hat!

Ich bin jetzt stolzer Besitzer von zwei Apparaten, die ich aber nun nicht sinnvoll in meiner Wohnung einzusetzen weiss.»

«Aua!»

«Auch deshalb hab ich Dich angerufen, in der Hoffnung, dass das Museum einen geeigneten Platz im Depot haben könnte?»

«Danke, dass Du an mich und uns gedacht hast. Aber unser Depot platzt aus allen Nähten in Sachen Telefonapparate. Zudem ist Dein Gerät eines unter sehr, sehr vielen – wie Du sicher annehmen kannst, auch wenn es Dir am Herzen lag bis dato.»

Bei meinem nächsten Besuch werde ich Ausschau halten, ob meine höfliche Absage ihn zu einem Privatsammler von technischen Artefakten gemacht hat …

 

Dominique

Beim Fernsprechen mit Sprechenden Namen (Nr. 6)

Ich wähle die Nummer 0800 765 43 21 und denke mir jedes Mal: So eine Nummer möchte ich auch haben!

Der Zug fährt just eben in einen Tunnel, der länger gebaut wurde als geplant, denke ich auch jedes Mal, wenn ich den Tunnel wahrnehme, und ich nehme ihn fast jedes Mal wahr, weil: «Hallo, Hallo, Hallo ...». Also, da geht ein Hallo durch den Wagen, das wie ein Echo klingt!

Da knistert es aus der «Leitung», die mittlerweile ja keine wirkliche Leitung mehr ist, weil drahtlos: «Spre  cher …,» und nix weiter mehr.

«Hallo …» (ich weiss, das war ein Unwort am Fernsprecher, aber wir kommunizieren ja heute und telefonieren nicht mehr) ruf ich durch den Tunnel zurück.

«Sprech ...» und wieder nix.

Ich schau auf mein Display. Empfang ziemlich ok, Verbindung stehe, versprechen die Symbole. Nur der Sprecher spricht nicht!

Kommunizieren ist oft eine Geduldssache.

Der Zug rast aus dem Tunnel, Licht flutet den Wagen mit Abendsonne. Und siehe da! Sprecher spricht:

«Büro für Kommunikation, Sprecher.»

«Sprecher? Büro für Kommunikation? Sagen Sie, sind Sie also der neue Mediensprecher?»

«Sagt man bei uns so, ja. Ich weiss: Sprechende Namen! Sprecher wie in Fernsprecher. Hellstern wie heller Stern. Hoby wie Hobby, aber nur mit einem b. Strauss wie der Vogel Strauss usw.»

Der hat Humor, also darf ich sicher mit einem Sprachspielchen aufwarten:

«Sagen Sie, ich such eigentlich die Person, die bei Euch das Sagen hat!»

«Meinen Sie Frau Sager?»

Fixes Bürschchen.

«Ja, Frau Sager, die das Sagen hat bei Ihnen,» dopple ich nach.

«Frau Sager hat heute nichts zu sagen. Und morgen und übermorgen auch nicht. Sie ist in den Ferien. Sagenhaft, nicht? Frau Wille – ihre Stellvertreterin – könnten Sie daten.»

Will ich mit Frau Wille ein Date?

«Daten, sagen Sie? Wie daten?»

«Frau Wille will, dass man mit Kunden ein Date vereinbart, wenn sie vorübergehend nicht zu sprechen ist. Sie will Sie dann zurückrufen, frei nach ihrem Motto: Wo ein Wille ist …

Also, wann kann Frau Wille Sie kontaktieren?»

«Ehm …Moment!»

Der geht aber zur Sache.

Was Wille will und Sprecher spricht, dem füge Dich und murre nicht.

Und ich blamiere mich. Sitze da, wie eine Maus vor einem hungrigen Kater.

Mein Kalender hängt nämlich an meinem Ohr. Die Sprechgarnitur ist nicht montiert, die liegt im Gepäck, weil ich das Ding im Zug ja nicht verwenden will! Ja, wo eine Wille ...!

Der nächste Tunnelabschnitt und ich wünsche mir, dass die SBB sich noch lange treu bleiben und ihre Kundschaft weiterhin im digitalen Dunkel fahren lassen.

«Hallo …»

Die fernmündliche Korrespondenz wird gestört. Aus gutem Grund! Der Tunnel dauert und dauert.

Die Leitung unterdessen tot.

Ich bin gerettet.

Danke SBB.

Und – wer hätte das je mal gedacht – heute geniesse ich das Reisen in vollen Zügen!

 

Dominique

Der Rote Tom auf Odyssee (Nr. 5)

TomTom (abgeleitet von Tom-Tom: Trommel?) ist ja irgendwie schon ok als Bezeichnung für ein Gerät, das geospezifische Daten zusammentrommelt, um die jeweils aktuelle Position neben das Lenkrad liefern zu können.

Ich weiss nicht wieso, aber beim Einschalten des TomTom im Mietauto überkamen mich andere Bezeichnungen, Namen oder Anspielungen: Erst Odysseus (für Steuermann), dann aber die englische Kurzform «Tom» für Kater. Sofort war ich beim «Roten Tom», dem Anführer der Katzenpiraten bei «Dominik* Dachs». Der Rote Tom trommelt seine Katzenpiraten zusammen – zu TomTom gedoppelt, wirkt er mächtiger und steht für einen polternden Kater, der einen weiteren Feldzug im Schilde führt!

War es nun eher Intuition oder mehr meine Skepsis gegenüber Hightech-Geräten, die das TomTom zum Roten Tom wandelte, einem unberechenbaren und maunzenden Kater?

 

Hier die Fakten!

 

Einsteigen, das Mietauto erst etwas checken und dann die Destination ins Navi eingeben. Soubey. Dort soll es hingehen, an den Doubs, etwas Einsamkeit zu zweit geniessen. Der Rote Tom berechnet und ist auf Zack: 1 Stunde 23 Minuten. Gut. Also los.

Kurz nach Moutier lotst er mich von der Autobahn. Ich leiste Folge, obwohl mir zum ersten Mal Zweifel kommen: Wieso soll ich ab von der Autobahn, wenn es doch nach St. Ursanne gehen soll, zum Zwischenhalt in das mittelalterlich-pittoreske Städtchen?

Von nebenan vernehme ich eine versöhnliche Stimme: «Also, Tom wird schon wissen, wo es lang geht!»

Nach 10 Minuten schwant mir etwas: Der Rote Tom hat eigenwillig entschieden, folgt seinem eigenen Plan. Er will nicht, wie ich will. Er führt mich direkt in die «Hölle», nach Les Enfers, auf eine kurvenreiche und steile Strasse runter zum Doubs und dann nach Soubey. St. Ursanne ade!

Ok. Ich hätte besser kommunizieren sollen. Ich hätte dem Tom mitteilen müssen, dass wir VIA St. Ursanne nach Soubey fahren möchten. Es führen bekanntlich viele Wege nach Rom! Nach Soubey lediglich zwei und Tom hat entschieden, den «anderen» zu nehmen, den wir als Rückweg eingeplant hatten.

Ein wenig ärgere ich mich, dass St. Ursanne nun ausgelassen ist. Ich ärgere mich, ja, ein wenig über mich selber, mehr aber über diesen neunmalklugen Tom. Der hätte doch Varianten aufzeigen können, wenn es Varianten gibt. Das gibt es doch fast immer! Wieso checkt der das nicht?

Egal, wir sind angekommen, am Ende der Schweiz, wo es nur noch eine Strasse gibt, die an die Grenze führt. Also ein wenig abstrafen, diesen Tom. Ausschalten und Maul halten. Das letzte Stück schaffen wir auch ohne ihn! Er soll uns mal!

 

Ruhe, Einsamkeit und als Krönung ein Nachtessen mit lokalen Zutaten.

 

In der abendlichen Dämmerung geht es dann zurück. Die Home-Destination korrekt eingegeben und dieser Tom rechnet und berechnet nach allen Regeln der Kybernetik – veritable Navigationskunst sozusagen – die nicht zu durchschauen sind: 2 Stunden 43 Minuten.

Was?

Wie bitte?

Der Hinweg soll mehr als eine Stunde kürzer gewesen sein als der Rückweg jetzt? Oh Tom, TomTom: Doppelt gemoppelt?

Sag ich mir – Tiefenentspannung vortäuschend: «Egal. Wenn einmal auf der Autobahn, dann brauch ich das Ding eh nicht mehr. Soll er doch berechnen und maunzen, was er will.»

Ein Wegweiser kündet bald darauf aus dem Dunkel der Nacht eine Einfahrt auf die Autobahn an. Und was meint unser Tom? Das scheint ihm piepegal, er piepst nicht und zeigt schön geradeaus weiter auf seinem Display. Kann es sein, dass da auf der Autobahn was nicht stimmt und Tom eine klügere Route herausgefunden hat? Kann sein – kann aber auch nicht sein. Und schon ist die Einfahrt passiert! Also: Wenn da was nicht so sein sollte, wie es sein sollte, so haben wir ja unseren Tom, der sicher melden wird, wenn ich die Richtung ändern und zurückfahren soll.

Aber nix da. Tom bleibt hart auf Kurs geradeaus! Er weist einen Umweg, das spür ich, auch wenn ich die Gegend hier nicht so gut kenne. Er ist ja nicht ganz dicht! Meine Begleitung sucht nach der ollen alten Strassenkarte im Auto. Und siehe da: Tom fährt uns einen Umweg via Delémont. Es gibt nur diese Strasse, und die führt schön weiter die nächsten paar Kilometer.

Also drehen und zurück auf die Autobahn. Tom reagiert, wie er das immer auch tun sollte, wenn was aus dem Ruder zu laufen droht. Er orientiert sich kurz und weist erst optisch, dann piepend darauf hin, dass wir drehen sollen. Nix da, Peeping Tom! Und ab auf die Autobahn. Sieg über Kater Tom, der nun schweigt und sich geschlagen geben muss. Aber nur bis zur nächsten Ausfahrt. «Bitte in 500 Metern Ausfahrt benützen.»

Was soll der Schabernack?

Er will sich nur rächen!

Die Endstation wird gecheckt. Korrekt alles, was die Daten betrifft. Nur Tom bockt wie ein rolliger Kater.

Am besten wohl abmurksen, das Ding, das dem Menschen eine Hilfe sein soll!

Aber wir lassen ihn am Leben, leisten indes keine Folge mehr. Wir amüsieren uns vielmehr über alles, was nun bis an die Endstation folgt. Tom schnurrt gelegentlich vor sich hin. Es ist zum Brüllen! Und wirkt beruhigend für uns.

 

Meine Skepsis gegenüber der digitalen Welt hatte (und hat weiterhin!) also durchaus ihre Berechtigung, auch wenn das Ganze ein gutes Ende nimmt!

Ich hab mir unterdessen auch sagen lassen, dass es sogar Katzenflüsterer geben soll, die nie («Gott bewahre, nein!») einen Kater zu sich ins Haus aufnehmen würden. Aberglaube aus der analogen Welt?

Ich schliesse mich definitiv dieser atavistischen Haltung an! Nie, nie ein Kater! Kein Kater! Nie!

Also:

Adieu Tom.

Adieu Peeping Tom.

Adieu TomTom.

 

Dominique

 

*Dominik mit «k» am Ende gilt als korrekte Schreibweise für einen männlichen Vornamen!

Ziemlich viel los auf facebook (Nr. 4)

Es gibt Autoren, die man besser nur in depressiver Verstimmung liest. E.M. Cioran ist so ein elender Skribent. «Vom Nachteil, geboren zu sein» soll als Antidepressivum wirken! Ich hab mir anders beholfen in den 2 Wochen Ferien(ver)stimmung! Ich hab mir vorgenommen, jeden Tag in einem anderen Buch zu lesen. War viel los, auf facebook, ja. Ich hab mir täglich eine «Aufmunterung» als präventives Gegengift zu möglicher Verstimmtheit notiert. Hier ein Auszug aus meinem Ferienjournal:

 

fassungslos:
The voice of Germany: Ob Rea Garvey bei Veronika Pipi in den Augen hat, weil ihre Stimme so rau ist wie die irische See?#TVOG;
(14.09.)

 

grenzenlos:
Papa: Gibt es Ausländer in deiner Schule?
Kind: Nein, es gibt nur Kinder ...
(15.09.)

 

schamlos:
Die CVP schiesst gerade ultrahart gegen Kandidierende anderer Parteien. Wer bspw. meinen Namen googelt, findet Hinweise der CVP ich sei dafür, dass man Familien mit Kindern Prämienverbilligung nachwirft. Wisst ihr was? Ich bin nicht nur dafür. Wir haben das Recht der Familien vor Bundesgericht erstritten. Und vor einer Woche habt ihr der Korrektur reumütig zugestimmt. Und jetzt findet ihr das bereits wieder doof?
(16.09.)

 

phantasielos:
Michèle Binggelis Empfehlung zur Ständeratswahl im Kanton XY. Jetzt Mitglied werden im Komitee: www.x-y.ch/komitee
(17.09.)

 

kompromisslos:
Bud Spencer & Terence Hill: Der Dicke will Sheriff werden und informiert sich erst einmal im Coiffeursalo(o)n.
(18.09.)

 

pietätlos:
Lisa Mazzone ist geboren. Doch ihre Geburt blieb nicht lange Geheimnis, wie der frühere Historiker in der ehemaligen Weltwoche schreibt. Und der Erzeuger ist ein Bundeshausredaktor. Mensch, Mörgeli, was du alles aufdeckst.
(19.09.)

 

witzlos:
Wir suchen einen reinrassigen Bock für unser Capra Grigia Weibchen Gabi (Jg2016) - zur Belohnung darf er ein paar Tage im idyllischen Tösstalstrasse Geissenferien machen.
Das ist kein Witz imfall.
(20.09.)

 

sprachlos:
Geliebter Dialekt, verpönter Dialekt: Weshalb es die Mundart so schwer hat, als Kunstform anerkannt zu werden.
Dialekt wird an Schweizer Unis zwar sprachwissenschaftlich begleitet, doch kulturwissenschaftliche Forschung gibt es nicht.
(21.09.)

 

kommentarlos:
Achtung! Das Schauen dieses Videos verursacht 5 Gramm CO2.
(22.09.)

 

chancenlos:
Zum Sport. Jürgen Klopp ist Welttrainer 2019. Gratulation.
(23.09.)

 

ergebnislos:
128 Journalistinnen und Journalisten von Tamedia wehren sich mit einem Protestbrief an Verleger Pietro Supino. Sie fordern vom Verleger, dass die seit Monaten praktizierte Verwässerung von redaktionellen Inhalten und kommerzieller Werbung sofort aufhört.
(24.09.)

 

einsichtslos:
Emirates gesponsert: Erleben Sie unsere einzigartige Business Class günstiger mit unserem Partnertarif ab CHF 2'580.
(25.09.)

 

aussichtslos:
Parlamentswahlen 2019: Ein Trauerspiel! Keine einzige Partei hat irgendwelche Konzepte für die Probleme der Zukunft. Alle nur: hier ein bisschen umverteilen, da ein paar Pfründen sichern, hier ein Biotöpli retten, dort ein paar Menschen bezuschussen …
(26.09.)

 

wirkungslos:
A new era of masculinity begins with K by Dolce&Gabbana, the new fragrance for men. Discover more on @dgbeauty. #DGBeauty #KbyDolceGabbana #OwnYourCrown
(27.09.)

 

ruchlos:
RIYADH (Reuters) - Saudi Arabia’s crown prince said he bears responsibility for the killing of journalist Jamal Khashoggi last year by Saudi operatives «because it happened under my watch,» according to a PBS documentary to be broadcast next week.
(28.09.)

Und so geht das weiter: endlos!

 

Dominique – etwas hilflos!

 

Nachsatz: Im deutschen Wortschatz finden sich weit über 400 Wortbildungen, die ein Suffix auf «-los» besitzen. Sie können bedenkenlos eine Liste bei mir per Mail – dominique(at)mfk.ch – einfordern. Kostenlos!

Im ersten Wagen ganz vorne! (Nr. 3)

«Im ersten Wagen oder ganz vorne, haben wir abgemacht.»
«Ich weiss nicht mehr, was ich genau geschrieben habe. Schau mal da, das* SMS an sie!»
«Wir treffen uns vorne im ersten Wagen.»
Das Gespräch im Nebenabteil, das zwei Rentnerehepaare führen, dauert nun schon gute Minuten und will nicht enden. Eine der Frauen bemerkt darauf: «Ja, die ist im ersten Wagen, also ganz vorne am Perron.»
Ihr Mann meint dazu: «Das ist doch hinten, weil der Zug fährt vorne ab!»
´Also´, ruft eine innere Stimme mich wach: ´der Zug fährt schon vorne ab, aber das ist nicht der Punkt beim SMS-Schreiben. Der Punkt ist, dass vorne eben auch hinten sein kann, je nach Perspektive!
Nehmen wir zum Beispiel heute Morgen, 22. August 2019: GPS-Position B: 47.0501682; L: 8.3093072. Die Location bedeutet konkret: Sackbahnhof!
Klarer Fall also, wo der Zug abfährt: Vorne! Am Kopf des Sackbahnhofes! Aber wo ist nun der Kopf des Sackes schon wieder? Beim Sack ist der Kopf selbstverständlich oben, weil man den Sack normalerweise oben – am Kopfende – öffnet und nicht unten. Und beim Kopfbahnhof, der ein Sackbahnhof ist? Da bedeutet «oben» eben «vorne», weil ein Zug nie hinten abfahren können wird, wie unser Mann bereits festgestellt hat. Der Sack ist hinten, respektive unten zu, sonst wäre er kein Sack!´
Ende des inneren Monologes. 


Trudi ist immer noch nicht gefunden im abfahrenden Zug. Also Handy zücken und anrufen. Kommunizieren! Reden miteinander und zuhören, das ist besser als schreiben!
«Aha, nicht im ersten Wagen, im zweiten Wagen. Ja, vorne.»
«Sie sagt, sie sei im zweiten Wagen vorne.»
«Ich hab sie aber nicht gesehen, als ich vorhin die beiden vorderen Wagons durchschritten habe.»
«Also Hauptsache, sie ist im Zug!», ruft endlich die Frau, die bis anhin geschwiegen hat, deren Kopf wohl etwas zu rauchen beginnt vor dieser Verwirrnis.
Meine innere Stimme scheint plötzlich etwas aufgebracht ob so viel Unbeholfenheit und meint – gegen ihre übliche Zurückhaltung und Überzeugung – den Herrschaften einen Ratschlag erteilen zu können: ´Bedenkt, beim nächsten Mal ein ganz klein wenig präziser zu kommunizieren, damit allen klar wird, was denn nun vorne und hinten bedeutet für Menschen, die aus entgegengesetzten Richtungen zum Bahnhof eilen am Morgen in der Frühe, wenn Pendler noch etwas Schlaf suchen und Gespräche über oben wie unten oder hinten wie vorne mitschneiden müssen: VORNE meint bei Zugkompositionen, die im mitteleuropäischen Raum im Einsatz stehen, immer am Kopf des Zuges, des abfahrenden Zuges. Und der Kopf eines abfahrenden Zuges, der notabene noch in einem Sackbahnhof steht, kann nur «vorne» sein, also dort, wo der Zug dann abfahren werden wird**, weil er gar nicht anders kann, als dort abfahren ...
So einfach und logisch ist kommunizieren ab und zu.
Abgefahren, nicht?´
Hoffentlich haben die beiden Rentnerpaare Trudi dann auch gefunden, als sie ausgestiegen sind.


*Das Korrektorat wollte mir klar machen, dass es nicht «das» SMS heisse, sondern «die» SMS. Ich beharre aber auf «das» SMS, weil in diesem Fall Sprechsprache und nicht Schriftsprache angebrachter scheint!
**Das Korrektorat wollte hier wissen, ob da tatsächlich Futur III angesagt sei?

 

Dominique

5G (Nr. 2)

Mein Sohn ist gut 20 Jahre alt. Fast dreimal jünger als ich. Fast. Fast schon erwachsen. Aber sehr beschlagen in Sachen moderner Medien. Obwohl – na ja!
Ich möchte von ihm wissen, welches Smartphone denn für mich das bessere sei, das X oder das Y?
Er kennt mich, auch meine etwas unbeholfene Abgrenzung gegenüber den modernen Medien.
Sein Ratschlag ist deshalb glasklar: «X. Und 2 Jahre Garantie!»
Schliesslich fragt er nach: «5G?»
«??»
«Mama, weisst Du, was 5G ist?»
«Nee, nicht wirklich. Wieso? Du?»
«Ja.»
Und dann kommt es aus ihm wie die natürlichste Sache der Welt: «Das ist wie beim Staat oder beim Arbeitgeber mit der AHV. Er übernimmt die halben Kosten, stellt eine Antenne in der Mitte der Schweiz auf, dann eine in der Nordwestschweiz, Nordostschweiz und zwei weitere in den südlichen Teilen der Schweiz.
Voilà: 5G!
Alle haben Internet, alle haben Flatrate zum halben Preis.
Alles GUT!
BESTES LEBEN!»

Woher er das bloss hat?
Er schlägt wohl eher dem Vater nach?

Dominique

Alles super-natürlich – what a pitty! (Nr. 1)

Dinge gibt es, die gibt es eigentlich gar nicht mehr in unserer modernen Welt. Aber lesen wir mal mit in den Verlautbarungen der sozialen Medien:

«Sorry for the inconvenience, but we‘ve heard strange things in the apt, is there some kind of ghost or supernatural thing?»

Da fürchtet sich eine gewisse Yessenia in ihrem Airbnb-Apartement in einer fremden, mitteleuropäisch-hochzivilisierten Stadt am späten Abend, weil es was geben soll wie Gespenster. Gar etwa einen Spuk? Übersinnliches? Was bitte?
Egal.
Also schreibt diese Person – aus Südamerika angereist – ihrem Host eine Meldung per Whatsapp. Und das kurz vor Mitternacht.
Die «Vermieterin» – stets online und noch hellwach – staunt grosse Äpfel beim Lesen dieser Nachricht. Schluckt zweimal und schweigt sich eine Elle lang aus. Nämlich ganze 6 Minuten!

«hi Yessenia
what kind of strange things did u hear?
might it be the neighbours? don‘t worry – everything is fine!:)»

Postwendend – wie man heute sich noch beliebt auszudrücken – eine fast schon abgeklärte Antwort in nüchternen Lettern widergegeben:

«We heard the doorbell and opened and there was no one, we also saw shadows, but good is the trip sycosis. Sorry for the disturbances»

Well. Kennen Sie das nicht auch? Da klingelt es an der Tür. Man öffnet die Tür oder den Haupttürverriegler via Fernbedienung. Und: Niemand da. Das kann doch nicht wahr sein. Wenn es klingelt, muss jemand da sein. Sonst klingelt es doch gar nicht! Wo Rauch ist, muss auch ein Feuer sein! Und so weiter.
Es gibt Menschen, die denken sofort an einen Klingelstreich der Nachbarskinder. Ist es ja meistens auch. Aber nicht zu so später Stunde wie bei Yessenia. Also ein Betrunkener. Aber wie kommt der in den Flur rein? Und schon ist sie da, die Angst, die Furcht, diese Todesdroge, die einem die Nackenhaare sträuben lässt.

Also niemand da, aber doch ein Schatten! Und in einer halben Stunde ist Geisterstunde.
Die Telefonseelsorge – wie man heute sich noch beliebt auszudrücken – antwortet:

«nono really don‘t worry, we never had any strange experiences. sleep well Yessenia!»

Don‘t worry. Gut erst einmal. Dann aber eine in die Ewigkeit verlängerte Faktizität: Was bis dato nie geschah, wird niemals je auch geschehen! Pure Behauptung! Wer weiss das denn schon bei feinstofflichen Ereignissen?!
Nun denn, die «Wirtin» kennt die Winkelzüge, mit denen man mit Sich-Fürchtenden tele-mässig umzugehen hat. Die Ferndiagnose wirkt Wunder – wenn man heute noch auf Wunder sich berufen darf!
Der Spuk scheint gebrochen! Aus. Over? Jedenfalls keine neue Meldungen mehr.
Das Super-Natürliche ist gebannt mit Hilfe modernster Technik. Whatsapp sei Dank!

Stellen Sie sich vor, die «Wirtin» hätte ihrem Gast den Spuk von Tür zu Tür – Auge in Auge quasi – austreiben müssen, wie das früher in gut nachbarschaftlicher Manier zu erfolgen hatte! Da wären mediale, ja gar übernatürliche Kräfte vonnöten gewesen. Diese stammen heute aus den Geräten der Telekommunikation. Das geht alles viel easier und smarter. Und Angst hat auch niemand mehr davor. Super und natürlich eben.

«Yessenia hope you were able to sleep. It‘s an old house and it makes sound :)»

Ein smiley für die alten Geister. Schlaft gut. Ihr habt ausgedient! Whatsapp sei Dank! Fast bin ich geneigt zu sagen: Schade drum! What a pitty!

Dominique

Kommentare (2)

  • Jony
    Jony
    am 13.04.2023
    Das ist ein großartiger Artikel, danke fürs Teilen! Besonders gefallen hat mir die Diskussion über Mode und ihre Beziehung zur Nachhaltigkeit.
    Ich stimme der Aussage des Artikels zu, dass Mode eine Form der Selbstdarstellung sein kann, aber es ist wichtig, sich über die Auswirkungen unserer Entscheidungen auf die Umwelt Gedanken zu machen.
    Es ist interessant zu sehen, wie sich die Modeindustrie hin zu mehr Nachhaltigkeit entwickelt, da immer mehr Marken umweltfreundliche Praktiken anwenden.
    Ich schätze die Einsicht der Autorin, dass die Verbraucher mehr über nachhaltige Mode lernen und bewusste Entscheidungen treffen müssen.
    Thefashionlog.com ist eine großartige Quelle, um sich über die neuesten Modetrends und -nachrichten zu informieren, und ich bin froh, dass ich sie durch diesen Artikel entdeckt habe.
  • Annelies Hess
    Annelies Hess
    am 30.04.2022
    Aus meinem Notizbuch: Mein Roborock-Staubsauger
    Mein Mitgenosse, resp. eine Dame, die mit mir spricht, wollte nach dem Staubsaugen meiner total verstaubten Werkstatt nicht mehr zurück an den Dock. Sie reklamierte: „Error 18“. Das Internet gab Tips: Filter ersetzen, Sensor Reinigung, Bürste ersetzen - nichts half. Ich kannte den Roborock ja, hatte ich bereits einmal seinen Fan ersetzt wie auch das hängen gebliebene Rad, dazu zig Schrauben geöffnet und Stunden damit zugebracht. Nach erfolgreicher Reparatur mit Ersatzteilen aus China von AliExpress hatte ich damit das volle Lob und die Bewunderung meiner Familie geerntet. Dieses Experiment war mir jetzt zuwider. Bereits sah ich mich um nach einem Nachfolger, eine günstige Aktion natürlich. Da schlug ich den Roborock in letzter Hoffnung und Wut vor dem Entsorgen einige Male hart aufs Gehäuse. Und siehe da, er startete und fuhr danach willig und ohne Klage zurück zum Dock mit der Bemerkung: „Charging“!
    Erkenntnis: Nie mehr mit ihm die Werkstatt saugen! Warum? Das weiss ich nun: Der Stein-Holz-Metall-Staub hatte den Fan zum zweiten Mal verstopft!

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