Gesucht: die Pressezeichnung des Jahres
267 Pressezeichnungen umfasst die Ausstellung Gezeichnet 2025. Ein Universum – gross, vielfältig und bunt. Daraus soll die Jury des Swiss Cartoon Award die beste Zeichnung des Jahres küren. Keine leichte Aufgabe! Nico Gurtner, Jury-Mitglied und Marketingleiter im Museum, lässt uns über die Schulter gucken.
267 Pressezeichnungen. Sie liegen vor uns, verteilt über eine Vielzahl von Tischen. Sie füllen den ganzen Raum. 267 Zeichnungen und hinter jeder steckt eine Geschichte und viel Arbeit: gründlich verfolgte Tagesaktualität, Recherchen, Ideen, Geistesblitze, Skizzen, Entwürfe, Überarbeitungen und Diskussionen. Jede Zeichnung ein Kunstwerk, in dem sich aktuelles Geschehen verdichtet und mit Humor kombiniert. Es ist ein faszinierendes, sehr vielseitiges Universum, das sich hier aufspannt! Doch das macht unsere Arbeit keineswegs einfach. Wir sollen hier die beste Zeichnung herausfiltern.
Dazu hat man allen von uns in einer ersten Runde einmal acht Jetons in die Hand gedrückt – damit können wir unsere Favoriten kennzeichnen. Vier mal acht, das macht total 32 Zeichnungen aus über 260. Und schnell wird klar: Das ist wenig. Sehr wenig! Eine Aufgabe, die erst mal fast unmöglich scheint, bei all den vielschichtigen Werken.
Wir, das sind Andreas Ackermann, Henriette Engbersen, Veronika Müller und ich. Wir treffen uns in dieser Konstellation zum ersten Mal. Was uns verbindet, ist die Begeisterung für den gezeichneten Journalismus. Allen voran Andreas. Er hat unter dem Zeichnernamen oger seine besondere Fähigkeit zum Beruf gemacht. Als Gewinner des Swiss Press Award 2024 sitzt er nun in der Jury. Henriette und Veronika bringen als erfahrene Journalistinnen ausgewiesenes Gespür für Berichterstattung mit und kennen die Pressezeichnung aus dem Arbeitsalltag. Ich selbst bin so etwas wie der hausinterne Pate der Gezeichnet-Ausstellung, seit sie vor 10 Jahren im Museum für Kommunikation angekommen ist. Gemeinsam stehen wir nun im Sitzungszimmer des Museums für Kommunikation, alle mit den Jetons in der Hand – vor uns die ganze Pracht der Schweizer Pressezeichnungen des Jahres 2025.
Bedächtig gehen wir im Raum umher. Alles, was die letzten Monate gebracht haben ist nochmals da: Eurovision Song Contest, Frauenfussball Europameisterschaft, Zollstreit mit den USA, Kriege, Wahlen, Abstimmungen. Ein gelegentliches Schmunzeln oder ein unterdrücktes Lachen deutet darauf hin, dass es sich hier um keine alltägliche Aufgabe handelt. Trotzdem ist die Ernsthaftigkeit der Aufgabe spürbar. Da wird sorgfältig abgewogen, hier und da ein Jeton verschoben. Bei keiner Zeichnung liegen zwei Jetons – ohne Absprache ist uns allen klar, dass wir so am meisten Zeichnungen mit in die nächste Runde nehmen können.
Dann steht die erste Auswahl. Mit einem Schlag verschwinden über 230 Zeichnungen. Kein leichter Moment. Die Breite und Vielfalt der Zeichnungen ist eine der Stärken der Ausstellung Gezeichnet. Das ist uns hier nicht vergönnt. Wir sollen die Besten küren. Also tief durchatmen. Wir müssen unsere Auswahl nochmals halbieren.
Doch mit dem Verschwinden der vielen Zeichnungen lichtet sich das Feld – wir haben mehr Übersicht. Noch reicht die Stimme eines Jurymitglieds fürs Weiterkommen. So ist die zweite Runde erstaunlich schnell vollbracht. War der Anfang ruhig, sind wir nun definitiv in der Diskussion angekommen! Noch immer liegen 16 Zeichnungen vor uns. Eigentlich hätten alle diese Werke einen Preis verdient – so weit sind wir uns einig. Den Preis für die beste Karikatur, den Preis für Einfachheit, die beste grafische Umsetzung und den schönsten Gedankensprung. Leider haben wir aber nur einen Preis zu vergeben.
Also sortieren wir diese Shortlist erst einmal nach Themen. Zweimal Blatten, zweimal Trumps Amerika, zweimal Klimawandel, zweimal Gaza, zweimal Putin. Eins gegen eins fällt der Entscheid leichter. Doch danach wir haben immer noch acht Zeichnungen vor uns.
In der gemeinsamen Diskussion über die letzten verbleibenden Werke kristallisiert sich immer mehr heraus, was uns unter diesen letzten Werken noch wichtig ist: Die Zeichnung muss stark mit dem Jahr 2025 verknüpft sein. Und sie soll nicht nur einfach eine gute Pointe haben, sie braucht eine zweite Ebene – einen Twist oder eine unerwartete Kombination. So ziehen wir die Kreise immer enger. Während wir noch diskutieren, wird uns plötzlich klar, dass wir uns schon geeinigt haben. Es hat es nur noch niemand ausgesprochen.
Der Gewinner liegt vor uns: Es ist die Zeichnung von Pitch Comment zu Putin und der NATO! Er verbindet die weltpolitische Anspannung mit einer ganz alltäglichen Situation und verleiht ihr damit eine seltsame Vertrautheit. Wir alle kennen das. Eine Wespe surrt um den Esstisch und jemand sagt: «Vorsicht, nicht hektisch reagieren – das macht sie nur aggressiv!» Die Übertragung in die hochpolitische Situation nach Putins Überfall auf die Ukraine ist genial und simpel zu gleich. Sie trifft ins Schwarze wie ein Wespenstich. Auch weil uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Haben wir nicht selbst schon so reagiert? Spielend verknüpft Pitch Comment Weltpolitik und Alltag und holt uns damit mitten in die Geschichte hinein. Genau das ist die Stärke der Pressezeichnung. Genau deshalb liebe ich Gezeichnet!
Autor
Nico Gurtner, Leiter Marketing & Kommunikation, Museum für Kommunikation, Bern