Geschichte der Postkarte: Ceci n’est pas une carte postale!
Postkarten sind bunte Feriengrüsse, die man an den Kühlschrank hängt. Doch ganz so einfach ist es nicht - Postkarten sind als Kommunikationsmedium so vielschichtig wie die Menschen, die sie benutzen. Ein Streifzug durch die Geschichte der Postkarten mit Kurator Nicolas Kessler zwischen Whatsapp, Kunst, Weltkriegen und Managerkommunikation vergangener Jahrhunderte.
Kommunikationsgeschichte ist oft Technikgeschichte: Sie handelt von Briefen, Telegrafen, Telefonen, Logistiknetzen, Eisenbahnen und digitalen Plattformen. Doch am Ende geht es immer um Menschen – um jene, die schreiben, zustellen, lesen, gestalten, sammeln oder sich auf andere Weise mit Medien auseinandersetzen. Was eine Postkarte ist, hängt also nicht allein von ihrer Form ab, sondern von ihrer Nutzung.
Vorne Bild, hinten Text?
Praktisch alle gegenwärtigen Postkarten zeichnen sich durch Bilder aus. Untenstehend ein Beispiel aus dem Jahr 1972. Die Karte zeigt ein Postauto in einer futuristisch schwebenden Haarnadelkurve der Gotthardpassstrasse, flankiert von einer Citroën DS – Symbole für Mobilität und Fortschritt. Die Karte bewirbt die Alpenpostrouten und verbindet landschaftliche Idylle mit dem unbändigen Fortschrittsglauben der Nachkriegszeit.
Doch das Bild allein macht die Karte nicht zur Postkarte. Auf der Rückseite findet sich Platz für eine kurze Nachricht, daneben Felder für Adresse und Briefmarke. Eine vorläufige Definition könnte lauten: Eine Postkarte ist ein Stück Karton, etwa im Format A6, mit einem Bild auf der Vorderseite und Raum für eine offen lesbare Nachricht auf der Rückseite – versendbar per Post.
Doch diese Definition wirft Fragen auf. Warum sollte man eine Nachricht verschicken, die potenziell alle mitlesen können? Und warum zahlt man dazu denselben Tarif wie für einen Brief? Solche Fragen deuten darauf hin, dass das Bild allein nicht der Ursprung der Postkarte sein kann. Es lohnt sich also weiter in der Zeit zurückzugehen.
Form follows function
Die erste Postkarte führte 1869 führte Österreich-Ungarn ein: die Korrespondenzkarte. Die Schweiz folgte 1870 ein Jahr später und innert kurzer Zeit gab es sie in praktisch allen Industrienationen. Die Gestaltung war funktional: Adresse auf der Vorderseite, Mitteilung auf der Rückseite und das Wertzeichen von fünf Rappen war direkt aufgedruckt. Eine Briefmarke musste also nicht separat gekauft werden. Zudem war der Tarif somit günstiger als für die reguläre Briefpost
Die Korrespondenzkarten schlossen so eine Lücke in der Kommunikationsinfrastruktur. Zwar gab es schon ein weit verzweigtes Telegrafennetz. Allerdings war die Nutzung nicht ganz billig. Und auch die ab 1880 hinzukommenden Telefonnetze waren alles andere als günstig – zudem mussten Telefonverbindungen zwischen den Städten erst noch gebaut werden. Genau hier setzten die Korrespondenzkarten an. Besonders in Städten mit mehreren Zustellungen pro Tag konnten Nachrichten so günstig, schnell und effizient übermittelt werden.
Diese Korrespondenzkarten dienten also nicht als bebilderte Feriengrüsse oder Souvenirs, sondern vereinfachten die Geschäftskommunikation. Die ersten Postkarten waren vielmehr ein Werkzeug für das preiswerte und offene Versenden von Kurznachrichten.
Vom Staatsmonopol zum Massenprodukt
Wichtig anzumerken: Die Korrespondenzkarten durften in der Anfangszeit nur von der schweizerischen Postverwaltung herausgegeben werden. Nach der Gründung des Schweizer Bundesstaats 1848 wurde das Postwesen in einer einzigen nationalen Institution zentriert. Post war somit Staatsaufgabe und so verfügte letztlich auch der Bundesrat die Einführung der Postkarte in einer Verordnung.
Die Korrespondenzkarten erfreuten sich schnell grosser Beliebtheit. Und mit der Zeit öffnete sich das Medium. Private Verlage durften ab den 1880er-Jahren eigene Karten produzieren, zunächst mit kleinen Illustrationen, später mit Fotografien. Die technische Entwicklung der Druckverfahren und der Fotografie ermöglichte eine enorme Vielfalt an Motiven. Um 1900 setzte sich das bis heute bekannte Layout durch: Bild auf der einen, Text und Adresse auf der anderen Seite.
Das goldene Zeitalter der Postkarte
Um 1900 kommt es zu einem regelrechten Postkarten-Boom. Wichtiger Faktor dafür war die stark zunehmende Mobilität – getrieben durch die Eisenbahn. Ob auf Geschäftsreise oder im Kuraufenthalt in den Bergen: Wer unterwegs war, schickten oft ein Lebenszeichen an die Daheimgebliebenen. Das diente oft nicht nur dem Mitteilen des eigenen Befindens sondern signalisierte auch, dass man aneinander denkt, sich nicht vergessen hat. Die Distanzen, die durch Mobilität entstanden sind, wurden mittels Kurznachrichten wieder überbrückt.
Die versendeten Bilder waren dabei so vielfältig, wie die Menschen. Es gab Landschaftsbilder, Dorf- und Stadtansichten, Wahrzeichen, Denkmäler, Porträts, Bilder von historischen Figuren oder Ereignissen, technische Errungenschaften, Zeichnungen, Grafiken, auch Werbung, erotische Darstellungen und vieles mehr.
Auch Konflikte wie der Erste Weltkrieg hinterliessen Spuren im Medium. Soldaten verschickten massenhaft Karten an ihre Familien. In der neutralen Schweiz wurden propagandistische Darstellungen teilweise zensiert – ein Hinweis auf die politische Brisanz, die selbst ein scheinbar harmloses Medium wie die Postkarte annehmen konnte.
Die Nutzung definiert die Technologie
Innert kürzester Zeit ist also aus einem Werkzeug für geschäftliche Kurznachrichten ein breit und vielseitig genutztes Massenmedium geworden. Das zeigt, dass sich Kommunikationstechnologien mit den Menschen verändern und so vielfältig wie ihre Nutzer:innen sind. Ein ähnliches Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit sind SMS, WhatsApp und Co. In der Anfangszeit waren auch diese vor allem als Businesskommunikation konzipiert worden. Doch mit der weiten Verbreitung von Mobiltelefonen und dem Siegeszug des Smartphones veränderten sich auch diese Technologien rasant. Von Abkürzungen wie «LG» über innovative Sprachnutzung (Stichwort Jugendsprache) bis hin zum gegenseitigen Updaten durch das Versenden von Fotos ist diese Technologie fixer Bestandteil des Alltags geworden.
Postkarten heute: Analoge Geste in digitaler Zeit
Trotz digitaler Alternativen hat die Postkarte überlebt. Sie ist heute weniger Notwendigkeit als Geste – ein bewusst analoges Zeichen in einer digitalen Welt. Eine Postkarte lässt sich anfassen, aufhängen, sammeln. Sie ist (aus heutiger Sicht) langsam, aber beständig. Und sie erlaubt eine Form der Gestaltung, die im digitalen Raum verloren geht.
Digitale Dienste wie der Postcardcreator der Schweizerischen Post zeigen, wie sich analoge und digitale Praktiken verbinden lassen. Nutzer:innen können eigene Bilder hochladen, Texte gestalten und physische Karten verschicken – ein hybrides Kommunikationsformat, das Qualitäten beider Welten vereint.
Autor
Nicolas Kessler, Sammlungskurator Post- und Verkehrsgeschichte und Philatelie, Museum für Kommunikation, Bern sowie Wissenschaftlicher Mitarbeiter Digitales Archiv, PTT-Archiv, Köniz