Navigieren auf der MfK-Website

Die neue Postlogistik zur Jahrtausendwende

Anfangs der 90er Jahren schreibt die Post rote Zahlen und die Rufe nach einer Trennung von Post und Telekom werden lauter. Die Post muss rentabler werden und sich den Herausforderungen eines zunehmend liberalisierten Marktes stellen. Der Schlüssel zur Eigenwirtschaftlichkeit heisst Logistik. Ein kleiner Einblick in die organisatorischen und technologischen Entwicklungen, die zur Rationalisierung der Postlogistik in den 90er und 2000er Jahren beigetragen haben.

Ab Ende der 1980er Jahre setzt die weltweite Liberalisierung der Post- und Telekom-Märkte die Schweiz unter Zugzwang: Es heisst entweder Mitziehen oder an Wettbewerbsfähigkeit einbüssen – so zumindest die weit verbreitete Meinung in politischen und ökonomischen Kreisen. Das Staatsmonopol der PTT ist einem zunehmenden Druck ausgesetzt und dazu kommt, dass der Telekom-Bereich den Post-Bereich «querfinanziert». Die schweren Verluste der Post führen 1990 dazu, dass die gesamte PTT erstmals seit dem Rezessionsjahr 1975 wieder defizitär ist. 1991 erreicht das Defizit des Postdepartements 864 Millionen CHF – das schlechteste Ergebnis seiner Geschichte. Da die für die Digitalisierung notwendigen Investments im Telekom-Bereich immer mehr Geld verschlucken und die Wirtschaft nicht länger bereit ist, mit teuren Telefontarifen das Postgeschäft zu subventionieren, muss die Querfinanzierung enden. 

Dank des drakonischen Spar- und Rationalisierungsprogramms von Generaldirektor Jean-Noël Rey kann das Defizit zwar getilgt werden, dennoch wird die Trennung von Post und Telekom mit verschiedenen Reformprojekten progressiv in die Wege geleitet. Am 1. Januar 1998 ist es offiziell: Aus der PTT werden zwei unabhängige Unternehmen – Die Schweizerische Post und Swisscom –, die den Prinzipien der Konkurrenz und der Wirtschaftlichkeit unterstellt sind.

«Eigenwirtschaftlichkeit»: Die Post muss rentabler werden

Die neu entstandene Schweizerische Post ist den Konsequenzen der digitalen Revolution und der zunehmenden Liberalisierung des Postmarktes ausgesetzt: Private Kurierdienste, ausländische Postunternehmen, die in den schweizerischen Markt eindringen, sowie das aufsteigende Internet machen dem traditionellen Briefpost- und Paketpostdienst Konkurrenz. Die Anweisung der Regierung ist klar: Die Zeit der Subventionen ist vorbei; die Post muss jetzt auf eigenen Beinen stehen. Diverse Monopole werden schrittweise gelockert oder aufgehoben: das Paketmonopol fällt 2004 weg, das Briefmonopol wird 2005 auf 100 Gramm gesenkt, 2009 dann auf 50 Gramm. Der Druck aus der Privatwirtschaft, auch dieses Restmonopol noch aufzuheben, bleibt bis zum heutigen Tage gross.

Die neue Post muss zwar die landesweite Grundversorgung («Service Public») weiterhin garantieren, dabei aber «wettbewerbsfähig, kundenorientiert und eigenwirtschaftlich» sein. Darüber hinaus müssen auf Druck der Gewerkschaften hin die Rationalisierungsmassnahmen möglichst ohne Entlassungen erfolgen. Wie lassen sich diese widersprüchlichen Weisungen miteinander vereinbaren?

Der Schlüssel zur Konkurrenzfähigkeit heisst Logistik

Die Schweiz hat eines der dichtesten Poststellennetze der Welt, was mit enormen Infrastruktur- und Personalkosten verbunden ist. Aus einer Analyse der Beratungsfirma TC Team Consult AG geht 1992 hervor, dass zu viel Handarbeit, schlechte Koordination und zu wenig Standardisierung die Personalkosten unnötig in die Höhe treiben. Es kommt daher ab 1992 zum ersten grossen Rationalisierungsprojekt der Briefpost-Logistik mit dem Projekt «Briefpost 2000». Ziel ist es, den Briefverkehr über immer weniger Knotenpunkte laufen zu lassen und die Sortierungsprozesse so zu gestalten, dass jeder Brief im Normalfall nur noch zweimal in die Hand genommen werden muss: einmal vor dem Transport und einmal bei der Zustellung. Die Anzahl der Verteilzentren wird stark reduziert: Das Netz besteht jetzt nur noch aus drei neu erbauten, hochautomatisierten Hauptzentren (Lausanne, Bern, Zürich), zehn Regionalzentren auf etwas tieferem technischem Standard und elf Subzentren für die Sortierung des Nahbereichs. Verglichen mit den ca. 4’000 Poststellen und unzähligen Bahnpostwagen, in denen bis dahin die Briefpost sortiert wurde, ist dies ein beachtlicher Schritt Richtung Zentralisierung. Durch diese Konzentration werden die Transportwege für die einzelnen Sendungen zwar länger, die Anzahl an Transporten kann aber verringert werden.

1997 folgt mit «Paketpost 2000» ein ähnliches Optimierungsprojekt für den Paketdienstbereich. Drei neue Paketzentren in Daillens (VD), Härkingen (SO) und Frauenfeld (TG) gesellen sich zu den bereits existierenden Zentren in Bern, Zürich-Mülligen und Basel. Jeder dieser drei Mammutbauten entspricht ungefähr dem Kubikmeter-Inhalt von rund 300 Einfamilienhäusern und der Fläche von drei Fussballfeldern. Sie liegen mitten im Grünen, abseits der Städte, aber nah an den Hauptverkehrsachsen. 

Blick auf das Graue Paketzentrum in Härkingen. Im Vordergrund steht ein gelbes Schild auf dem "Die Post" steht.
Blick auf den Haupteingang des Paketzentrums Härkingen
Das Paketzentrum Härkingen von weitem. Ein graues Gebäude, herum viele Gelbe Lastwagen.

Zusammen mit der Logistik wird auch die Entscheidungsgewalt zentralisiert. Die 11 Kreispostdirektionen, die seit der Gründung der Eidgenössischen Post 1849 bestanden, sind ab 1998 Geschichte, denn diese «kleinen Königreiche» standen einer Strukturierung der Logistik auf Landesebene im Weg. 

Ein neues Transportkonzept

Mit der Einführung des «Transportkonzepts 1999» wird das Logistiksystem komplett umgekrempelt. Die Beförderung der Brief-, Paket- und Expresspost verläuft fortan weitgehend getrennt, in separaten Behältern, Lastwagen und Zügen. Die traditionelle Bahnpost, bei der Postbeamte Briefe und Pakete in speziell ausgestatteten Wagons während der Fahrt sortieren, wird zuerst weitgehend eingeschränkt und 2004 (fast) gänzlich eingestellt. Die Post setzt jetzt auf den sogenannten «kombinierten Verkehr», das heisst auf den fliessenden Übergang zwischen Schiene und Strasse. Mittels spezieller Container – sogenannten «Wechselbehältern» –, die sowohl mit der Eisenbahn als auch dem LKW befördert werden können, bleiben aufwendige Umlade-Arbeiten erspart. Dies reduziert nicht nur mühsame Handarbeit, sondern schont auch die Sendungen.

Blick auf einen schwarzen Containerkran von der Post. Es stehen verschiedene Container an der einen Seite während auf der anderen Gleise sind, auf denen eine leerer Güterzug bereit steht.  - vergrösserte Ansicht
Umschlagterminal des Paketzentrums Daillens.
Fotograf:in: Hans-Ulrich Friedli, Museum für Kommunikation, Bern, (FFF_66750)
Blick auf Containerkran der Post. Es hebt einen Gelben Post-Container in der Luft. Am Boden stehen weitere Postcontainer.  - vergrösserte Ansicht
Portalkran am Umschlagterminal des Paketzentrums Härkingen beim Umladen von Wechselbehälter
Fotograf:in: unbekannt, Museum für Kommunikation, Bern, (FFF_66664)

Grosse Fortschritte in der Automatisierung

Des Weiteren setzt man auf eine weitgehende Automatisierung der Verarbeitungsprozesse. Automatisierte Sortieranlagen sind bei der PTT schon seit den 1960er Jahren im Einsatz. Jedoch substituieren sie anfänglich die menschliche Arbeit nur begrenzt. In den 1980er Jahren werden die ersten automatischen Adresslesegeräte schrittweise eingeführt. Die Fehlerquote ist jedoch hoch und die manuelle Codierung bleibt ein wesentlicher Bestandteil des Sortierungsprozesses. In den 90er Jahren gelingt jedoch dank entscheidenden technischen Innovationen ein Quantensprung. Eine neue Generation von Adresslesern erfasst nicht nur die Postleitzahl, sondern auch die Zustelladresse, die sie sogar in Handschrift mit geringer Fehlerquote entziffern kann. Dazu kommt die Verbreitung der in den 1980er Jahren eingeführten «Videocodierung», bei der die Briefe nicht mehr physisch bei den Codierer:innen vorbeikommen, sondern die unlesbare Adresse elektronisch aufgenommen wird und auf dem Bildschirm des Codierplatzes erscheint.

Auch in den neuen Paketzentren wird die Sortierung auf hochautomatisierte Art vollzogen. Über Teleskopbänder gelangen die Pakete von den Abladeplätzen in die Sortieranlage. Mit dem automatischen Codiersystem werden die Barcodes der Pakete einzeln gescannt. Nach dieser Identifikation kommen die Pakete über Einschleusbänder auf ein Förderband, das sie zu den Zielstellen befördert und dank Kippschalen in die vorbestimmten Rutschen abkippt. Hierbei wird auf das Gewicht der verschiedenen Pakete Rücksicht genommen, um zu verhindern, dass leichtere Pakete von schwereren zerquetscht werden: Indem die schweren Pakete einen kurzen Augenblick später vom Transportband gekippt werden, wird die räumliche Trennung von leichten und schweren Paketen in den Auffangbehältern am Fuss der Rutschen möglich. Von dort werden die Pakete dann in sogenannte «Rollboxen» geschichtet, zu den Verladeplätzen geführt und in die Wechselbehälter gepackt. Bis zu 34'000 Pakete pro Stunde können auf diese Weise abgefertigt werden.

Blick von innen auf ein Paketzentrum. Pakete werden automatisch sortiert.
Blick von innen auf eine Sortiermaschine für Pakete.
Schwarzweissbild von oben auf dem verschiedene Personen Pakete sortieren.
Schwarzweissbild auf dem Mitarbeitende der Post Pakete in verschiedene Säcke sortieren.

Ein Modernisierungsprojekt jagt das nächste

Nach Abschluss von «Paketpost 2000» stehen schon die nächsten Optimierungsschritte vor der Tür, da die Paketpost trotz der modernsten Paketverarbeitungsanlagen Europas immer noch rote Zahlen schreibt. Ende 2001 wird das Paketzentrum Basel geschlossen. Anfang 2003 folgt das Paketzentrum der Schanzenpost Bern – wegen rückläufigen Verkehrsmengen, der gesteigerten Produktivität der drei neuen Zentren und der wachsenden Konkurrenz im Paketmarkt. Auch ein Teil der Paketsortierung von Zürich-Mülligen wird nach Frauenfeld und Härkingen verlagert, da diese Zentren effizienter sind. Das Paketzentrum Zürich-Mülligen wird 2006 in ein Briefzentrum umgewandelt. Die drei 1999 eröffneten Paketzentren in Daillens (VD), Härkingen (SO) und Frauenfeld (TG) bilden bis zum heutigen Tag den Knotenpunkt für die Verarbeitung der Paketpost. 

Die Briefpost muss wegen des Konkurrenzdrucks und der rasanten Entwicklung im elektronischen Bereich nur drei Jahre nach der Finalisierung von «Briefpost 2000» (1992-1997) mit dem Projekt REMA (REengineering MAil-Processing) – das bisher grösste Projekt in der Geschichte der Schweizerischen Post – erneut umstrukturiert und weiter rationalisiert werden. Die Anzahl der Sortierzentren wird erneut stark reduziert. Zwischen 2007 und 2009 gehen in Zürich-Mülligen, Härkingen (SO) und Eclépens (VD) die modernsten Briefzentren der Welt in Betrieb. Diese sollten ursprünglich alle bestehenden Zentren ersetzen und die Zahl der Angestellten schweizweit halbieren. Auf Druck der Politik und der Gewerkschaften hin werden die drei Grosszentren mit sechs regionalen Subzentren und zwei Zentren für die Videocodierung ergänzt. Das Briefzentrum der Sihlpost, das bei seiner Eröffnung 1992 als das modernste in ganz Europa galt, wird 2008 nach nur 17 Jahren Betrieb wieder abgerissen, da die Anlage schon veraltet ist. Die städtischen Briefzentren in Genf, Lausanne, Freiburg, Sion, Winterthur, Chur, St. Gallen und Baden schliessen ebenfalls.

Blick auf ein Paketzentrum. Vor dem Grauen haus, stehen einige Gelbe Post-Lastwagen - vergrösserte Ansicht
LKWs von PostLogistics vor dem Paketzentrum Zürich-Mülligen.
Fotograf:in: Hans-Ulrich Friedli, Museum für Kommunikation, Bern, (FFF_66551)

Die Liberalisierung des Postmarktes in den 90er- und 2000er-Jahren sowie die Entkopplung von der Telekom zwangen die Post zu massgeblichen Veränderungen. Der Druck zur Rationalisierung und der technische Fortschritt in der automatischen Sortierung machten in dieser Zeit eine zuvor schwer umsetzbare Zentralisierung der Brief- und Paketverarbeitung möglich. Die verstärkte Automatisierung und Zentralisierung des Logistiknetzes war für die Post der einzige Weg, die Kosten zu senken ohne die Dienstleistungen schwer einschränken zu müssen. Die Anstrengungen lohnten sich: Die Schweizerische Post konnte sich in den 2000er Jahre über stetig steigende Gewinne freuen.

Autor

Roger Steinmann, Fachperson Information und Dokumentation, Museum für Kommunikation, Bern

X