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Der grosse Bandsalat

Vor 50 Jahren bringt die Firma JVC die VHS-Kassette auf den Markt und verändert damit den Bewegtbildkonsum. Erstmals können wir uns vom linearen Fernsehprogramm lösen und den Inhalt auf dem Bildschirm selbst wählen. Videotheken bieten eine breite Auswahl für den Filmabend zu Hause. Bis die DVD der klobigen Videokassette ein Ende setzt.

Wenn ich in Jugendjahren spät nachts nach Hause komme, läuft auf dem Fernseher nur noch das Testbild. Doch während ich unterwegs gewesen bin, hat der Videorekorder gearbeitet und meine Lieblingssendung aufgezeichnet. Entspannt lehne ich mich zurück und geniesse es, vor der Mattschiebe einzudösen.

So fühlt sich Freiheit in den frühen 1990er-Jahren an: Mit der Videokassette kann ich ganz allein das System des Fernsehens aus den Angeln heben und werde Herr über mein eigenes Programm! Wow. Filmabende, Verpasstes nachschauen oder immer wieder den Lieblingsfilm geniessen – all das wird vor 50 Jahren erstmals mit der Videokassette möglich. Dank der Programmierfunktion des Videorekorders zeichnet er auch in meiner Abwesenheit die besten Filme und wichtige Sportereignisse auf. Doch wehe, wenn «Wetten dass…» im Vorabendprogramm mal wieder überzogen hat, dann fehlt die alles entscheidende Schlussszene des Films auf dem Videoband! Ab 1993 hilft hier die Funktion ShowView – dank einem Zahlencode startet die Aufnahme automatisch zur richtigen Zeit. So wird es bald eng im Wohnzimmer, wegen den vielen VHS-Kassetten geht im Fernsehmöbel schnell der Platz aus. 

Die Schlacht ums Heimvideo

Das Videozeitalter im Heimbereich startet bereits 1971. Grundig und Philips, die rund 10 Jahre zuvor bereits an der Kompaktkassette für Musik gearbeitet hatten, präsentieren mit VCR die erste Videokassette für zu Hause mit einer Laufzeit von rund einer Stunde. Doch sie sind nicht die einzigen: 1975 lanciert Sony das System Betamax und 1976 kommt von JVS das Video Home System (kurz VHS) auf den Markt. Weil bei VHS bereits ein ganzer Spielfilm auf einer Kassette Platz findet, rüsten Grundig und Philips mehrmals nach. Zeitweise sind in Europa gleich drei VCR-Systeme von Grundig und Philips auf dem Markt, die untereinander nicht kompatibel sind. 1979 geben die beiden VCR auf und setzen nochmals auf ein anderes Format: Video 2000. Die vielen Wechsel erweisen sich als wenig hilfreich. Dieses erbitterte Duell der Formate geht später als Video-Krieg in die Technikgeschichte ein.

Eine grosse, rechteckige, schwarze Videokassette auf weissem Grund. - vergrösserte Ansicht
Das Objekt der Begierde in den 1980er- und 1990er-Jahren: Die Videokassette ermöglicht das Heimkino.
Foto: Stephen Holdaway (Unsplash).

Als Sieger aus diesem Wetteifern geht eindeutig die japanische Firma JVC hervor. Ihre VHS-Kassette kommt am 9. September 1976 in Japan auf den Markt und übernimmt spätestens zehn Jahre später den Heimvideomarkt fast vollständig. Obschon dem System eine schlechtere Bildqualität attestiert wird, hat es die Konkurrenten des Video-Kriegs aus dem Markt gedrängt. Mehr ins Gewicht fällt offensichtlich, dass JVC eine deutlich geringere Lizenzgebühr einfordert als seine Mitbewerbenden und dank einer simplen Konstruktion preiswerte und zuverlässige Geräte anbietet. Inwiefern die Sexindustrie beim Siegeszug der VHS-Kassette eine entscheidende Rolle spielt, das bleibt uneindeutig. Tatsache ist, dass VHS in der Sex-Branche beliebt ist. Gleichzeitig kümmern sich Grundig, Philips und Sony nicht um diesen Bereich oder verweigerten eine Zusammenarbeit. 

Leere Plastikhüllen und neue Möglichkeiten

Mit der Videokassette etabliert sich auch ein neues Geschäftsmodell: die Videothek. Diese Verleihorte tauchen plötzlich überall im Stadtbild auf und lassen eine Heimkino-Kultur entstehen. 1990 zählt das Bundesamt für Statistik 601 Videotheken im Land. Dicht an dicht reihen sich darin die Regale mit den bunten und meist schon etwas abgegriffenen Plastikhüllen – selbstverständlich alle leer, um Langfinger nicht in Versuchung zu führen. Und zwischen der umfangreichen Auswahl die grosse Frage: Welchen Film soll ich mir nun ausleihen?

Zahlreiche Videotheken bieten in einem abgegrenzten Raum auch pornografische Filme an – landläufig als «Schmuddelecke» bekannt. Allgemein bleibt ein etwas zweitklassiges Image an den Videotheken haften. Grelles Licht, staubige Teppiche, dazwischen ein Pappsteller eines Filmstars und ein Vorhang als Abgrenzung zur Schmuddelecke – an die grosse Welt des Kinos reicht das nicht ganz heran. Und auch der Höhenflug ist bald vorbei. Bereits 1995 sinkt die Zahl der Verleihorte stark ab auf 370.

Schwarz-weiss Bild einer Videothek: Zahlreiche Regale voller Videofilmhüllen und Neonlicht von der Decke.
Vor einer Wand mit Spraydosenspuren steht eine Reihe mit selbst aufgezeichneten Videokassetten.
Foto eines Regals, in dem ein Kassettendeck, ein Videogerät und unten einen Vielzahl an Videokassetten eingeordnet sind.

Zu Hause ist der Videobann allerdings noch ungebrochen. VHS macht die Filmabende demokratisch. Blockbuster kommen direkt ins Wohnzimmer, die Pausen werden selbst festgelegt, Lieblingsszenen endlos zurückgespult und die Snacks sind stets in Reichweite. Gleichzeitig verändert sich das Erzählen: Horror- und Nischenfilme finden über VHS ihr Publikum, unabhängig von Sendeplänen oder Kinoketten. Auf dem Pausenhof machen Gerüchte über die berüchtigte Videokassette «Gesichter des Todes» die Runde, ein makaberer Zusammenschnitt von Gewaltszenen. Manche Genres – vom Slasher bis zum Low-Budget-Kultfilm – verdanken der Kassette ihre Existenz.

Ab Mitte der 1980er-Jahre schafft die Videokamera auch bei den Hobbyfilmer:innen neue Möglichkeiten. Für die Familienfilme wird zunehmend von Super8 auf VHS umgestellt. Vielerorts lösen langweilige Videoabende die langweiligen Diaabende ab. Aber natürlich entstehen auch kreative Projekte. Mit jugendliche Elan und etwas Übermut werden erste Kurzfilme gedreht und zahlreiche Filmemacher:innen dürften den Karrierestart der heimischen Videokamera verdanken. 

Schichtwechsel

Doch um die Jahrtausendwende beginnt das VHS-Imperium zu bröckeln. Die DVD nimmt der Kassette den Wind aus den Segeln. Bereits im Jahr 2001 werden in der Schweiz mehr DVDs verkauft als VHS-Kassetten. Parallel dazu schnellt die Ausstattung der Haushalte mit DVD-Player nach oben. Haben im Jahr 2000 erst 7% der Schweizer TV-Haushalte ein DVD-Gerät unter dem Fernseher, sind es fünf Jahre später bereits 65%. Riesige VHS-Kassetten-Sammlungen beginnen allmählich Staub anzusetzen. Niemand versucht mehr mit dem Schraubenzieher das VHS-Band aus dem Gerät zu fummeln. Die Zeit der schummrigen VHS-Bildqualität auf Röhrenbildschirmen ist vorbei – die gestochen scharfen digitalen Bilder halten mit der DVD Einzug auf modernen Flatscreens. Und im Hintergrund entsteht ein erst einmal kaum beachteter neuer Gigant: 2005 wird das erste öffentliche Video auf Youtube hochgeladen. 2012 stellt Panasonic die Produktion von VHS-Geräten ein. 2016 gibt mit Funai Electric in Japan auch der letzte Hersteller auf. Es ist das endgültige Ende der VHS-Ära.

Doch ganz verschwunden ist VHS nicht. Sammler:innen, Retro-Fans und Künstler:innen feiern das analoge Medium bis heute – wegen seiner Haptik, seiner Fehler, seiner Wärme. 50 Jahre nach ihrer Einführung steht die VHS-Kassette für mehr als Technikgeschichte. Sie erinnert an eine Zeit, in der Warten selbstverständlich war und Filme in Form einer klobigen Kassette greifbar. 

Autor

Nico Gurtner, Leiter Marketing & Kommunikation, Museum für Kommunikation, Bern

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