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Das Museum in der Kita

Diversität heisst auch auf die Kleinsten zu achten. Doch wie kann sich das Museum für Kommunikation noch besser auf seine jüngsten Besuchenden einstellen, damit der Museumsbesuch auch für sie anregend und lehrreich ist? Wir haben uns dieser Herausforderung mit einem Experiment genähert: Im Rahmen der nationalen Initiative Lapurla der Hochschule der Künste Bern HKB und des Migros Kulturprozent hat unsere Kommunikatorin Veronica Reyes gemeinsam mit der Kindertagesstätte mixmax Schönegg in Bern das «Museums-Minilabor» entwickelt.

Ich bin kein völlig unbekanntes Gesicht, da mein Sohn in diese Kita geht. Dennoch halten die meisten Kleinkinder Abstand. Wie sie alle, nehme ich am Eingangsritual teil, indem ich für den Eintritt ein Puzzleteil von Ratatösk entgegennehme. Nachdem wir das Puzzle zusammengesetzt haben, ist das Museum offiziell geöffnet. Das Schild wird gedreht:  «Offen» steht da nun zu lesen. Wir betreten den Raum.

Er ist hell. Altes Farbband-Rollen aus dem Museum für Kommunikation hängt als Vorhang über den Fenstern gegenüber dem Eingang. Unter den Fenstern befindet sich die Schreibstube, mit Postkarten, grossen Briefmarken und Material zum Schreiben und Stempeln. Rechts davon steht ein alter Briefkasten aus der Museumssammlung, auf dem ein «Pöstler-Hut» liegt. Daneben endet die Rohrpost. Sie verläuft zwei Wänden entlang und schwingt sich elegant über dem Türrahmen des Haupteingangs durch. Ein Ausstellungstisch mit historischen Museumstelefonen und Bildern von Menschen, die die Apparate benutzen, sind links davon zu sehen. Der Anfang der Rohrpost steht in der Ecke. Sie wird von einem daneben liegenden alten Staubsauger betrieben. Die Kinder können so Nachrichten nicht nur versenden, sondern auch anzusaugen! Nicht einmal das Original im Museum für Kommunikation kann das. Zu sehen sind auch eine Tonkiste, ein Minilabyrinth mit einer Kugel, ein Spiegel, verschiedene Spiele und einen Tisch mit zwei Gesichtern aus Gips, einem traurigen und einem fröhlichen. Das ist Johanna, wie wir später erfahren.

Blick in einen Raum mit Kinderspielsachen: ein Kugelbahnlabyrinth auf einem Tischchen, eine Schreibstube und zwei Masken mit einem traurigen und einem lachenden Gesicht. - vergrösserte Ansicht
An verschiedenen Stationen im Minilabor können sich die Kleinkinder spielerisch mit der Kommunikation auseinandersetzen.
Auf einem Sideboard stehen historische Telefone, dahinter Fotografien von telefonierenden Menschen. In der Ecke eine Rohrpost, die von einem Staubsauger betrieben wird. - vergrösserte Ansicht
Die historischen Telefonmodelle ermöglichen einen einfachen Einstieg und sind ideal für Rollenspiele.

Wer spielt mit?

Nach dem gemeinsamen Einstieg darf nach Lust und Laune ausprobiert werden. Die Kinder legen sofort los. Sie sind völlig frei und lassen sich von ihrer Neugier leiten. Die Telefone sind beliebt: Zahlen zählen, Knöpfe drücken, abheben und auflegen. Das taktile Angebot zieht an. Bald beginnen der Austausch, das Rollenspiel und Nachahmen der Erwachsenenwelt. Ich beschliesse, die Kinder zu beobachten und zu versuchen, mit ihnen zu sprechen. Nichts....bis ich mich neben die traurige Johanna setze und weinende Geräusche mache. Ein Kind wird neugierig, nimmt schliesslich mein «Weinen» auf und sucht meinen Blick.

«Hier ist die Polizei», sagt er durch das Telefon. «Warum bist du traurig?»

«Mir ist mein Eis runtergefallen», antworte ich.

«Ah! Du musst deine Mutter bitten, dir ein neues zu kaufen,» rät er und legt das Telefon auf

Das Gespräch war wichtig. Plötzlich gehöre ich zur Gruppe. Zusammen gehen wir an die Tonkiste, die uns eine Kitamitarbeiterin vorzeigt. Die Kinder mögen es sehr, die Knöpfe zu drücken und sich überraschen zu lassen, was passiert. Sie nehmen sich selber auf. Wenn sie sich anschliessend hören, brechen sie in Staunen und Gelächter aus. Von wo kommen diese Töne her? Sie erkennen die Stimmen der anderen Kinder.  Es ist sonderbar und faszinierend. Willkommen im «Museum-Minilabor» in der Kita mixmax.

Das Museum für Kommunikation hat als strategisches Ziel, besser auf die Diversität der Gesellschaft und damit seine heutigen und potenziellen Besuchenden einzugehen. Kleinkinder sind eine Gruppe, die für ein Spektrum der kulturellen und kommunikativen Diversität stehen, das leicht übersehen wird. Bisher haben wir sie zu wenig bewusst angesprochen und in die interaktive Museumsgestaltung einbezogen. Aus diesem Grund entwickelten wir gemeinsam mit  der Kindertagesstätte mixmax Schönegg in Bern das Projekt «M4 – das MfK-Minilabor in der Kita mixmax». Die Kita-Leitung Marie-Jeanne Metz und ihre Mitarbeitenden konzipierten das Minilabor zum Thema Kommunikation gemeinsam mit der Museums-Kommunikatorin Veronica Reyes und setzten es altersgerecht um. In Betrieb war es zwischen Oktober 2020 und Mai 2021.

Zwei Kinder sitzen an einem Tischchen und telefonieren mit einem alten Tastentelefon und einem Klapphandy. - vergrösserte Ansicht
"Hallo? Wer ist da?" - das beliebte Rollenspiel am Telefon.
Ein Kind küsst eine weisse Maske eines traurigen Gesichts. - vergrösserte Ansicht
Kann man die traurige Johanna mit einem Kuss aufheitern? Kleinkinder kommunizieren sehr direkt.

Ein aussergewöhnlicher Lernort für alle

Das Minilabor ist ein museal-pädagogisches Setting für Kleinkinder (bis vier Jahre), das in einer variablen Umgebung installiert werden kann. Zugleich war es ein konkreter Raum, der Originalobjekte des Museums sowie von der Kita bereitgestelltes Material zum Thema Kommunikation enthielt. Vier Zwecke wurden mit dem Minilabor angestrebt und erreicht:

  • Erstens war es ein Ausstellungsort. Das Museum ging zu den Kleinkindern, um ihnen an einem vertrauten, «sicheren» Ort eine Museumserfahrung zu ermöglichen und so eine Beziehung aufzubauen. Das Minilabor wurde von den Kindern als «echtes» Museum wahrgenommen und war über diese lange Zeit ein beliebtes Angebot. Die Vielfalt von Objekten und Aktivitäten und die Möglichkeit, Bekanntes immer wieder neu zu entdecken, animierten die Kinder zum regelmässigen Besuch.
  • Zweitens war das Minilabor ein Inspirations- und Forschungsort zu den Themen «Kommunikation früher und heute» sowie «Wie Kleinkinder kommunizieren». Die Kinder beschäftigten sich spielerisch mit Sprache, erforschten sinnlich Aspekte der non-verbalen Kommunikation und entwickelten mit wiederverwertbarem Museumsmaterial den Raum weiter. Gegenstände und Formen von Inspiration und Erforschung waren zum Beispiel Tiersprache, Gesichtsausdrücke oder Körperhaltungen, aber auch die verbale Kommunikation per Telefon und Gespräche von Angesicht zu Angesicht.
  • Drittens wurde das Ziel erreicht, das Minilabor zu einem Ort der Zusammenarbeit zwischen einer Kulturinstitution, einer Kita sowie den Eltern zum Zweck der kulturellen Teilhabe von Kleinkindern zu machen. Die gewonnenen Erkenntnisse werden helfen, die Zusammenarbeit zwischen dem Museum und der Kita mixmax zu verstetigen und möglicherweise auf andere Kitas auszuweiten.
  • Viertens ermöglichte es das Minilabor dem Museum, sich auf die Zielgruppe «U4» vorzubereiten und so inklusiver zu werden. Heute verstehen wir Familien-Interaktionen während eines Museumsbesuchs besser und sind eher in der Lage, neue Aktivitäten für Kleinkinder und ihre Begleitpersonen zu entwickeln.

Für die Kinder, jedoch, war das «Museums-Minilabor» vor allem ein fester Bestandteil ihres mixmax-Alltags. Die Absicht ist, diese Form der kulturellen Bildung und Teilhabe auch vielen anderen Kita-Kindern zugänglich zu machen.

Autorin

Veronica Reyes, Kommunikatorin und Zuständige für Diversität und Inklusion , Museum für Kommunikation, Bern

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