Das Museum für Kommunikation sammelt KI und macht sie sichtbar
Künstliche Intelligenz ist gerade omnipräsent und verändert unsere Kommunikation. Als erstes Museum der Schweiz nimmt das Museum für Kommunikation nun ein grosses Sprachmodell in seine Sammlung auf und integriert das Thema KI in seine Ausstellung. Denn ein lebendiges Museum dokumentiert nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart und die Zukunft.
Künstliche Intelligenz (KI) verändert unseren Alltag: wie wir kommunizieren, Informationen suchen und Wissen produzieren. Nun wird sie auch zum Sammlungsobjekt: Wir nehmen im Museum für Kommunikation erstmals ein grosses Sprachmodell, ein sogenanntes Large Language Model (LLM), in unsere Sammlung auf. Wir sind das erste Museum der Schweiz, das ein LLM in die Sammlung aufnimmt – vermutlich sogar das erste Museum weltweit. LLMs sind das, was im Alltag als KI bezeichnet wird.
Dabei handelt es sich um Apertus, das offene Schweizer Sprachmodell der Swiss AI Initiative. Entwickelt wurde es gemeinsam von der ETH Zürich, der EPFL und dem Schweizerischen Nationalen Hochleistungsrechenzentrum (CSCS). Apertus ist in Varianten mit 8 und 70 Milliarden Parametern verfügbar und wurde mit Texten aus mehr als 1800 Sprachen trainiert. Trotzdem gilt es als eher kleines Sprachmodell im Vergleich zu den grossen Anbietern, die mehrheitlich aus den USA kommen.
Das Team des Museums für Kommunikation hat das Modell auf einem Memorystick gespeichert und stellt diesen im Bereich «Datacenter» der Dauerausstellung aus. Der kleine Datenträger steht dabei sinnbildlich für ein digitales Objekt von enormer Komplexität und die schwindende physische Sichtbarkeit in unserer digitalen Welt. Denn ein Sprachmodell besteht nicht nur aus sehr vielen Texten oder Programmcode. Entscheidend sind vor allem seine sogenannten Gewichte. Sie sind das Ergebnis des Trainings und bestimmen wesentlich mit, wie das Modell auf Fragen reagiert.
Das «Datacenter» ist eine Zone in der Dauerausstellung des Museums, die sich mit den Chancen und Herausforderungen der digitalen Kommunikation befasst. Die Inhalte werden dynamisch kuratiert. Das heisst, sie werden regelmässig ersetzt und erweitert. So bleibt die Zone aktuell und kann neue technologische und gesellschaftliche Entwicklungen aufnehmen.
Hier befassen sich Museum und Besuchende nun auch mit der Künstlichen Intelligenz. Parallel zur Aufnahme von Apertus in die Sammlung, wurde diese Woche im Datacenter auch die neue rollende Bar mit dem KI-LAB eröffnet. Die Kommunikator:innen haben damit neu die Möglichkeit, bei ihren Aktivitäten im Datacenter einen Schwerpunkt auf KI zu setzen. Gemeinsam mit dem Publikum diskutieren sie aktuell das Thema Prompting und welche Rolle künstliche Intelligenz bereits in unserem Alltag spielt. Das Museumsteam vermittelt damit auch Wissen und Erlebnisse zu dieser neuen Kulturtechnik, die gerade unseren Alltag umkrempelt.
Warum ein KI-Modell in eine Museumssammlung gehört, erklärte der Computerwissenschafter Damian Borth am 12. Juni 2026 im Gespräch mit der Neuen Zürcher Zeitung. Er bezeichnet Sprachmodelle als «kulturelle Artefakte» und als eine Art komprimierte Version des Internets. In ihren Gewichten spiegeln sich nicht nur Trainingsdaten, sondern auch technische Entscheidungen, Prioritäten, Sicherheitsmechanismen und gesellschaftliche Vorstellungen. Werden solche Modelle vollständig archiviert, könnten Forschende sie auch in 50 oder 100 Jahren noch befragen und untersuchen. Damian Borth spricht deshalb von einer neuen Form der «digitalen Archäologie».
Mit der ersten Speicherung von Apertus ist die Sammlungsarbeit allerdings nicht abgeschlossen. Das Museum für Kommunikation plant, künftig weitere Versionen des Modells aufzunehmen. Dadurch soll eine Art Zeitreihe der künstlichen Intelligenz entstehen. Spätere Generationen könnten verschiedenen Versionen dieselben Fragen stellen und vergleichen, wie sich deren Antworten, Gewichtungen und eingebauten Leitplanken verändert haben. So lässt sich nachvollziehen, wie sich das in einem Sprachmodell enthaltene Wissen und die gesellschaftlichen Vorstellungen rund um KI im Laufe der Zeit entwickeln. Zudem versucht das Museum Apertus samt Modellgewichten, Tokenizern, Konfigurationsdateien, Prüfsummen, Lizenz, Model Card, technischer Dokumentation und reproduzierbarer Laufzeitumgebung zu dokumentieren. Dabei bleibt noch offen, wie lange ein LLM in einer Sammlung erhalten werden kann.
Die Archivierung von Apertus ist damit mehr als eine technische Sicherung. Sie bewahrt ein Stück Kommunikationsgeschichte und schafft eine Grundlage, um künftig besser zu verstehen, wie künstliche Intelligenz unsere Sprache, unser Wissen und unsere Gesellschaft beeinflusst.
Autor
Christian Rohner, Leiter Ausstellungen und Digitales Museum, Museum für Kommunikation, Bern