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Ausstellungstexte gendern - easy! Oder?

Männliche Form, weibliche Form – abwechselnd. So haben wir die Texte unserer Kernausstellung geschrieben. Das war vor sechs Jahren. Höchste Zeit, die Texte zu überarbeiten und sie der zeitgemässen Sprachpraxis anzupassen. Gendersensibler sollen sie sein. Doch das ist gar nicht so einfach. Wir stossen auf unerwartete Herausforderungen und finden in Leerstellen nicht erzählte Geschichten.

«Mit Worten, Mimik, Gestik und Stimme versucht die Absenderin, die Botschaft zu übermitteln. Der Empfänger hört unbewusst und aktiv zu.» Das sind Sätze aus unserer Kernausstellung. Die männliche und weibliche Form wird abwechselnd verwendet, so ist es in allen Texten der Kernausstellung. Bei geschlechtstypischen Begriffen, wie zum Beispiel Informatiker, wird mit der Norm gebrochen und es steht die geschlechtsuntypische Form: Informatikerin. Häufig sind die Texte geschlechtsneutral formuliert («wir Menschen»). So wurde das bei der Neukonzipierung der Kernausstellung 2017 vom Projektteam festgelegt – in einer Zeit, in der Ausstellungstexte in deutschsprachigen Museen hauptsächlich im generischen Maskulinum geschrieben wurden, galt diese Handhabung als innovativ. In den letzten sechs Jahren hat sich bezüglich gendersensibler und inklusiver Sprache viel getan. Besonders in akademischen und aktivistischen Kreisen wurden neue Sprachformen diskutiert und erprobt. Auch medial wurde das Thema vermehrt aufgegriffen und schliesslich landete es auch auf dem Gesprächstisch bei Familienfeiern, beim Abendessen mit Freund:innen und am Arbeitsplatz. Als Museum für Kommunikation interessiert uns dieser sprachliche und soziale Wandel auf inhaltlicher Ebene. Als öffentliche Institution möchten wir beim Schreiben und Sprechen alle miteinbeziehen und nicht verletzend sein. Höchste Zeit, unsere Ausstellungstexte der Kernausstellung von 2017 zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen.

«Sprache schafft Wirklichkeit» heisst es weiter in unserer Kernausstellung. «Wörter und Formulierungen beeinflussen unser Denken und unsere Wahrnehmung.» Wer in der Sprache nicht sichtbar ist, an den wird nicht gedacht. Der Verein Museen Bern hat 2021 auf Anregung seiner Mitgliederinstitutionen, zu denen auch das Museum für Kommunikation zählt, einen Leitfaden für gendersensible Sprache herausgegeben. Darin empfiehlt der Verein Begriffe zu neutralisieren beziehungsweise vergeschlechtlichte Begriffe zu vermeiden (Lehrpersonen statt Lehrer:innen). Für Wörter, für die es keine neutralen Formulierungen gibt, wird der Gender-Doppelpunkt empfohlen. Damit sollen alle Geschlechter und non-binäre Personen miteinbezogen werden. Dieser Leitfaden von Museen Bern diente uns als Orientierung, um in einem ersten Schritt die digitalen Texte auf den Bildschirmen in der Kernausstellung anzupassen. Im Bewusstsein, dass wir uns in Bezug auf gendersensibler Sprache aktuell in einer Umbruchphase befinden und in kurzer Zeit möglicherweise andere sprachliche Standards gelten.

An dieser Stelle wichtig zu betonen: Wir fokussieren uns erstmals auf die deutschen Texte, die weiteren Ausstellungssprachen Französisch und Englisch sind nochmals andere Geschichten.

In einer Pilotphase sollten also die deutschen digitalen Texte «entgendert» werden. Das Vorhaben erschien uns einfach: Männliche und weibliche Formen raus, neutrale Begriffe und Gender-Doppelpunkte rein. Die Texte überarbeiten und in die Software einpflegen. Aber: Wir täuschten uns. Was als simple sprachliche Überarbeitung begann, führte zu einer Reihe von Herausforderungen und schliesslich dazu, dass die Ausstellung mit weiblichen Geschichten ergänzt wird. Aber der Reihe nach.

Eine Hand bedient einen Touchscreen im Museum für Kommunikation. - vergrösserte Ansicht
An den Bildschirmen können die Besuchenden tiefer in die Inhalte eintauchen. Diese digitalen Texte in der Ausstellung können wir verhältnismässig leicht anpassen – das dachten wir zumindest anfangs.

Irgendwie komisch. Oder: Historische Kontextualisierung

Die Mehrheit der betroffenen Begriffe in den digitalen Ausstellungstexten konnte unaufwändig angepasst werden: Züchter wurden zu Züchter:innen, Passagiere zu Fahrgästen und die Anruferin zu anrufender Person. Doch es gab auch einige Fälle, die wir eingehend diskutierten, insbesondere historische Begrifflichkeiten. Die Gleichberechtigung in der Sprache ist eine moderne Diskussion, historische Begriffe können gendersensibel und inklusiv umformuliert aus der Zeit gefallen und unpassend erscheinen (obwohl es mit Sicherheit auch damals Menschen gab, die sich heute als nonbinär oder trans bezeichnen würden). Zum Beispiel hiesse es entsprechend dem Leitfaden von Museen Bern «Römer:innen» statt «Römer». Doch ist das stimmig? Oder wäre es besser von der «Bevölkerung des römischen Reichs» zu sprechen? In diesem Fall haben wir uns für «Römer:innen» entschieden, auch wenn die Formulierung anachronistisch wirkt, fanden wir es zum Zeitpunkt der Entscheidung die beste aller Möglichkeiten.

Die Aufzählung «Hirten und Sammler, Waldarbeiter und Köhler» beliessen wir jedoch dabei. Alternativen, die wir diskutierten, waren: «Hirt:innen und Sammler:innen, Waldarbeiter:innen und Köhler:innen» oder «Personen, die Nutztiere hüten und versorgen, Personen, die sammelten, Personen, die im Wald arbeiteten und Personen, die Holzkohle herstellten». Beides erschien uns nicht stimmig, wenig lesbar und stilistisch nicht sehr elegant. Ausserdem stellt sich bei diesem Abschnitt eine weitere zentrale diesmal inhaltliche Frage: Wenn wir gendersensibel formulieren (mit Doppelpunkt), implizieren wir, dass nicht nur Männer diese Tätigkeiten verübten – ist das historisch korrekt?

Eine schwarz-weiss-Aufnahme eines Köhlers, der einen Kohlenmeiler vorbereitet. Im Hintergrund ist Wald und geschlagenes Holz zu sehen. - vergrösserte Ansicht
Köhler:innen? Bilden wir damit die Realität richtig ab? Gab es zu dieser Zeit überhaupt Köhlerinnen? Aus dem Anpassen von Wörtern entsteht schnell eine historische Recherche.

Köhler bei der Arbeit, ca. 1920-1940. Museum für Kommunikation, Fotograf unbekannt, FC 001781
Auf dem Bild ist eine ältere Frau mit kurzen weissen Haaren und Brille vor weissem Hintergrund zu sehen.  - vergrösserte Ansicht
Bei der PTT waren lange Zeit gewisse Berufe nur für Männer reserviert. Die Oral History-Interviews des PTT-Archives geben spannende Einblicke in diese Welt. (Link: https://mfk.rechercheonline.ch/de/explore/articles/zeitzeug-innen_kaderfrauen?sqs_query=wenger)

Von Piratinnen und Wagenführerinnen. Oder: Inklusion ohne Unsichtbarmachung

Bei der Überarbeitung der Texte stellte sich eine Frage immer wieder: Wie war das Geschlechterverhältnis? An einer Stelle ist beispielsweise von Piraten die Rede. Wie viele weibliche Piratinnen gab es zu dieser Zeit an diesem Ort? Wenn Frauen Ausnahmen waren, wie bilden wir sie sprachlich ab? Solche Fälle erfordern historische Recherche und Kontextualisierung. Die Empfehlung für gendersensible Sprache lautet, Begriffe zu neutralisieren. Es darf jedoch nicht passieren, dass dadurch Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten aufgehoben werden, wie es der Begriff «neutralisieren» bereits impliziert. Neutralisierte Begriffe können eine Gleichheit und Gleichberechtigung suggerieren und damit strukturelle Diskriminierungen unsichtbar machen. Ein Beispiel: Von «Wagenführer:innen» in der Schweiz Anfang des 20. Jahrhunderts zu sprechen, würde unsichtbar machen, dass es Frauen verwehrt blieb, diesen Beruf auszuüben. Auch wenn es bestimmt Ausnahmen gab. Das Dilemma: Den Eindruck von Gleichheit erwecken oder Ausnahmen und Minderheiten vernachlässigen.

Gewisse Wörter, Bezeichnungen und Formulierungen bedürfen einer Kontextualisierung, beispielswiese «das Fräulein vom Amt». Heute gilt diese Bezeichnung als abwertend, sie deshalb zu streichen, bedeute jedoch Geschichte unsichtbar zu machen. Wichtiger ist es, den Begriff in den historischen Kontext zu setzen. Wie wurde der Begriff ursprünglich benutzt? In welchem gesellschaftlichen Kontext wurde er gebraucht? Wie hat sich der Begriff über die Jahre gewandelt?

Es wurde deutlich: Das Gendern von Ausstellungstexten ist eine komplexe und nuancierte Angelegenheit. Jeder Fall muss individuell betrachtet werden, eine allfällige Anpassung muss recherchiert und überlegt erfolgen. Ausserdem machte uns die Diskussion historischer Inhalte ein Dilemma bewusst: Wir wollen mit gendersensibler Sprache vermeiden, dass die Binarität von Mann und Frau verfestigt wird; stattdessen möchten wir eine Sprache, die alle Geschlechter miteinbezieht. In gewissen Diskussionen, besonders historischer Inhalte, ist es jedoch unvermeidlich von Männern und Frauen zu sprechen, weil das gesellschaftlich relevante Kategorien waren (und auch heute teilweise noch sind). Und solange Mann und Frau gesellschaftlich relevante Kategorien bleiben und Sexismus weiter existiert, können die binären Begriffe «Männer» und «Frauen» nicht verbannt werden. Auch wenn diese Erkenntnisse im Nachhinein banal erscheinen mögen, brauchten wir den Prozess und Diskussionen, um das Unbehagen, welches wir bei den sprachlichen Anpassungen verspürten, in Worte fassen zu können. Unterstützend dabei war ein anregender und aufschlussreicher Austausch mit Bettina Stehli von «Die Historikerin».

Arbeit im Zwischenraum

Im generischen Maskulinum in der deutschen Sprache steckt die Ideologie, dass der Mann die Norm ist. Dies soll durch die gendersensible Sprache verändert werden. Das erneute, fokussierte Lesen der Ausstellungstexte sechs Jahre nach Eröffnung der Kernausstellung machte diese Ideologie nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich deutlich - es wurden Leerstellen und Ungerechtigkeiten sichtbar. Ein Beispiel: Frauen, die auf Fotografien abgebildet sind, werden in den Legenden seltener namentlich genannt als Männer. Oder ein weiteres Beispiel, das wir eingehend diskutierten: In einem Text stehen vier Beispiele für Persönlichkeiten, die auf Briefmarken abgebildet wurden – ausschliesslich Männer. Nach einer kurzen Recherche war klar: es gab auch Frauen, die auf Briefmarken abgebildet wurden, doch es bestand zahlenmässig eine starke Ungleichheit im Vergleich mit Männern. Was nun? Bilden wir diese Ungleichheit ab? Wenn ja, wie? Wir entschieden uns für eine pragmatische Lösung: zwei Männer, zwei Frauen, ohne Anspruch auf zahlenmässige Repräsentation.

Eine Briefmarke mit einer roten Tuschzeichnung einer älteren Frau. Dazu der Text "Pro Juventute 1927" und "20 Helvetia".
Eine Briefmarke mit einer blau-grünen Tuschzeichnung von Henri Dufour.
Eine Briefmarke mit einer rot-braunen Tuschzeichnung von Johanna Spyri.
Eine Briefmarke mit einer blau-grünen Tuschzeichnung von Gottfried Keller.
Eine Briefmarke mit einer braun-roten Tuschzeichnung von Susanna Orelli.

Die beiden Beispiele machen deutlich: Unsere Mission «Entgendern» machte die Ausstellungstexte nicht nur sprachlich inklusiver, sondern sie wird auch dazu führen, dass die inhaltliche Ebene mit zusätzlichen nicht-männlichen Perspektiven und Geschichten angereichert wird. Wer in der Sprache nicht sichtbar ist, an den wird nicht gedacht. Was nicht erzählt wird, bleibt unsichtbar. Umso wichtiger ist es, sich die Zwischenräume und Leerstellen in den Geschichten bewusst zu machen, genau hinzuschauen und im besten Fall die unterrepräsentierten Geschichten, Perspektiven und Erfahrungen zu ergänzen. Und wie immer: Es ist ein Prozess, wir bleiben dran.

Autorin

Zita Bauer, Kommunikatorin, Museum für Kommunikation, Bern

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Kommentare (3)

  • Gästin
    Gästin
    vor 3 Wochen
    Ein ganz wunderbarer Blogpost, der aufzeigt, wie vielschichtig dieses Thema ist. Vielen Dank fürs Teilen dieses Prozesses und der Erkenntnisse!
  • Alnothur
    Alnothur
    am 22.01.2024
    "«Sprache schafft Wirklichkeit» heisst es weiter in unserer Kernausstellung. «Wörter und Formulierungen beeinflussen unser Denken und unsere Wahrnehmung.»"

    Dann steht in eurer Kernausstellung ziemlicher Mist. Das wurde nämlich so oft widerlegt, dass es auch dem letzten einleuchten müsste.
    • Nico
      Nico
      am 23.01.2024
      Danke für den Kommentar, auch wenn wir die Meinung nicht teilen. Vielleicht kannst du uns noch eine wissenschaftliche Studie zu deinem Kommentar schicken?

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