Aus Post wird Kunst
MailArt ist eine Kunstform, die sich über das weltweite Postnetz entfaltet: Kunstwerke werden verschickt, verändert, weitergereicht – und erst das entstehende Netzwerk macht das Werk vollständig. Trotz ihrer spannenden Geschichte seit den 1960er-Jahren ist MailArt heute fast in Vergessenheit geraten. Im Interview erzählt MailArtist Ueli Sager, was diese Form so einzigartig macht, wie sich MailArt-Netzwerke entwickeln – und welche Bedeutung sie in der Gegenwart noch haben.
Ist das Kunst oder Post? Ab wann ist ein Brief ein Brief – und darf man manche Dinge überhaupt so versenden?
MailArt spielt genau mit solchen Fragen. Und gleichzeitig ist es ihr erstaunlich egal, ob es auf sie klare Antworten gibt. Denn MailArt ist eine eigene Welt: eine Kunstform, die humorvoll testet, was die Post noch akzeptiert – und die Wort und Bild auf engstem Raum zusammendenkt.
MailArt endet nicht mit dem Versand. Oft wird ein Werk von der Empfängerin oder dem Empfänger weiterbearbeitet, verändert oder an jemand ganz anderes geschickt. Das einzige verbindende Element ist der Weg über die Post. Und die Vorfreude darauf, was als Nächstes im Briefkasten landet.
Ueli Sager ist einer dieser MailArtists. Seit den 1980er Jahren verschickt der Collage-Künstler und Wortakrobat kleine Kunstwerke und hat so ein lebendiges Netzwerk aufgebaut, das bis heute aktiv ist – zeitweise sogar bis in die ehemalige DDR und nach Italien. Für ihn ist MailArt die „Freude am Spiel und die Lust an den Buchstaben“. Sein Spielbein“ neben seinem beruflichen Standbein als Arzt.
«Immer wieder etwas fortschicken und hoffen, es kommt was zurück – das ist das Schönste daran.» Ueli Sager
Über ein versendetes Kunstwerk kam er einst in Kontakt mit dem Museum für Kommunikation in Bern. Heute sammelt und zeigt das Museum Teile dieser Netzwerkkunst, unter anderem von H.R. Fricker, Marcel Stüssi oder Tino Steinemann.
Doch die Zukunft der MailArt ist ungewiss. Nachwuchs fehlt, und das Postnetz schrumpft kontinuierlich. Vielleicht hat sich MailArt längst ins Digitale verlagert: in Memes, Kurzvideos und Gifs. In die Lust am Sinn und Unsinn, an Reaktion und Weiterentwicklung.
Vielleicht sind wir heute alle MailArtists – nur eben im Internet.
Autor
Johannes Sauter, Leiter Sammlungen, Museum für Kommunikation, Bern