Navigieren auf der MfK-Website

Asbest – ewiges Gift

Asbest galt einst als Wunderfaser. Spätestens ab den 1930er Jahren war anerkannt, dass die Fasern die Lungenkrankheit Asbestose auslösen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde klar, dass Asbest krebserregend und tödlich ist. Doch erst seit 1990 ist in der Schweiz die Inverkehrbringung und Verwendung von Asbest verboten. Aber was ist eigentlich Asbest und wie kommt es, dass er so allgegenwertig war? Wie problematisch ist die Verwendung des giftigen Stoffes und wer haftet eigentlich für diesen? Dieser Blogbeitrag macht sich auf Spurensuche.

Die Sammlung des Museums für Kommunikation umfasst viele technische Artefakte. In den letzten Jahren entdeckten wir immer wieder Asbest in einzelnen Objekten. Das Gift lauerte unter Leuchten von Telefonkabinen, als lose Schnur in alten Gleichrichtern, als Hitzeschutz in Röhrenradios oder in Filmprojektoren, in Postauto-Bremsen, in fahrbaren Notstromaggregaten, in Feuerschutz-Handschuhen oder als Platte zwischen Elektroheizung und Wand in unseren historischen Telefonzentralen. Ende 2025 haben wir mit Hilfe einer Spezialfirma, in Unterdruckatmosphäre und in kompletter Schutzausrüstung, eine Auswahl an Objekten von Asbest befreit. Bei anderen Objekten war der Asbestbefund ausschlaggebend für die Deakzession, sprich für den Entscheid zur Entsorgung. Aber auch hier galt es vor der Entsorgung diversen Auflagen zu folgen. Asbest ist Sondermüll und darf nicht in die normale Müllmulde gelangen. Die Sanierung von 20 Objekten kostete uns rund 20’000 Franken. Dabei stellte sich auch die Frage, ob der Asbest nicht auch relevanter Teil des Kulturguts ist. Da man die Frage bejahen kann, haben wir einige Asbestobjekte für die Nachwelt aufbewahrt – professionell luftdicht abgepackt und mit Warnhinweis-Klebern versehen. In anderen Fällen haben wir uns für eine schriftliche und bildliche Dokumentation entschieden und den problematischen Stoff entsorgt. Dabei sind wir nicht die einzige Schweizer Gedächtnisinstitution mit Asbestproblemen. 2021-2022 reinigte die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) in einem höchst komplexen und 10 Millionen Schweizer Franken teuren Projekt tausende von Objekten aus der Sammlung von Bruno Stefanini. Diese Objekte waren zuvor teilweise unsachgemäss gelagert worden: Spritzasbest von Gebäudedecken rieselte über Jahre auf das Kulturgut.

Eine lange Kulturgeschichte

Asbest ist eine Sammelbezeichnung für natürlich vorkommende Minerale, welche sich in Serpentinite-Gesteine findet. Abgebaut wurde insbesondere Chrysotilasbest, der auch Weissasbest genannt wird. Der griechische Ursprung des Wortes beschreibt auch bereits eine zentrale Eigenschaft des Materials. «Asbestos» steht für unvergänglich. Das feinfaserige Material ist feuerfest, hitzebeständig, säureresistent, wärmedämmend und auch noch zugfest-elastisch. Ein Werkstoff also, der sich für viele Anwendungen anbietet. In der Schweiz gibt es im Wallis und in Graubünden grössere natürliche Vorkommen. Im 19. Jahrhundert ist für Asbest auch die Bezeichnung «Bergflachs» dokumentiert – und genau wie die pflanzlichen Flachs- oder Leinenfasern kann auch Asbest zu Fäden versponnen werden.  In diesem Zusammenhang dokumentierte der Archäologische Dienst Graubünden 2024 die früheste bekannte Asbest-Nutzung auf dem Gebiet der Schweiz: Griffe und Aufhängungen an bronze- oder eisenzeitlicher Geschirrkeramik aus dem Unterengadin waren aus Asbestfaser-Schnüren gefertigt. Somit liess sich die Töpferware problemlos der Herdhitze aussetzen: Die praktischen Griffe waren feuerfest und leiteten die Wärme nicht weiter. Der dazu benötigte Asbest dürfte aus Aufschlüssen in der Chlemgia-Schlucht bei Scuol gewonnen worden sein. 

Auf weissem Untergrund liegen zahlreiche Tonscherben in den Farben beige, braun und grau mit Schnurresten daran. - vergrösserte Ansicht
Die erste bekannte Asbest-Anwendung in der Schweiz. Asbestschnüre an bronze- oder eisenzeitlicher Geschirrkeramik. Wir sehen hier jeweils die Aussen- und Innenseite der Keramikfunde aus Ramosch und Scuol im Kanton Graubünden. Dank der Asbestschnur-Aufhängung konnte mit den Töpfen problemlos an der Herdhitze hantiert werden.
Bildquelle: Archäologischer Dienst Graubünden.

Die Nutzung der Asbestfasern wurde ab der Antike vereinzelt auch in schriftlichen Quellen festgehalten. Darin wird etwa über Tücher berichtet, die ins Feuer geworfen sich selbst reinigten und danach blütenweiss wiederverwendet wurden. Der eigentliche Asbest-Boom brach nach 1900 los, als der österreichische Industrielle Ludwig Hatschek (1856-1914) den Asbestzement erfand. Der mit Fasern angereicherte Zement liess sich in beliebige Formen walzen und pressen. Das erste Produkt waren Dachziegel. Hatschek nannte seine Erfindung «Eternit», und lehnte sich beim Markennamen an das lateinische Wort «aeternus» – ewig – an. Ein Baustoff für die Ewigkeit, der die Abschreibungsätze für Gebäude verringern konnte. Der Erfolg war garantiert. 

Eternit wird in der Schweiz sesshaft

In der Schweiz wurden 1903 im glarnerischen Niederurnen die Schweizerischen Eternitwerke AG gegründet. Die Firma sicherte sich die Rechte zur Fabrikation von Eternit in der Schweiz. An der Landesausstellung 1914 in Bern stellte die Firma auf dem Viererfeld ein Eternit-Haus zur Schau. Dieser Einfamilienhüsli-Traum war grösstenteils aus Eternit-Elementen gefertigt. Das «Geschäftsblatt für den obern Teil des Kantons Bern» berichtete: «Nebenbei sei bemerkt, dass man jetzt auch ganze Häuser fast ausschliesslich aus Eternit herstellt, die solid und billig sind. Da hat man keine Reparaturen mehr wegen verfaulter Holzteile und zerschlagener Ziegel und gegen Hitze wie Kälte schützt das gut isolierende Eternit vorzüglich.» Wie dem Landesausstellungs-Bildband «Schweizer Industrie und Handel in Wort und Bild» zu entnehmen ist, baute die Firma Eternit zuvor bereits in Niederurnen Einfamilienhäuser und Arbeiterhäuser, in denen auch Wände und Decken aus Eternittäfelungen bestanden. Zudem wurde der Export des Baumaterials aus der Schweiz nach Brasilien, Südafrika, Indien, Australien, Japan und China gerühmt, wo die Firma einen ausgezeichneten Ruf habe. 

Im Jahr 1920 erwarb die Rheintaler Familie Schmidheiny, die zuvor bereits erfolgreich in der Zement- und Ziegelindustrie tätig war, die Fabrik in Niederurnen. Ab 1923 hiess die Firma Eternit AG und erwarb sich durch Exporte und Beteiligungen an einem weltweiten Eternit-Firmengeflecht einen Weltruf in der Asbestzementindustrie. 1957 wurde im waadtländischen Payerne ein Schweizer Zweigwerk eröffnet. In der Schweiz wurde grösstenteils importierter Asbest verarbeitet – etwa aus der Sowjetunion und aus Kanada.

Schwarz-weiss Aufnahme eines kleinen Einfamilienhauses auf offenem Gelände. Das Haus hat eine kleine Veranda, ist zweistöckig und aussen mit (Eternit-)Schindeln verkleidet.
Schwarz-weiss Aufnahme eines kleinen Zimmers mit Bett, Waschtisch mit Waschschüssel und einem Fenster.
Blick in ein kleines Esszimmer mit einem Tisch und Stühlen. An der Wand eine Sitzbank und ein Buffet.

Ein Werkstoff für alle Anwendungen – oder doch nicht?

Die «Wunderfaser» Asbest machte derweil nicht nur als Faserzement weltweit Karriere. Im Hollywood-Kinderfilm «Der Zauberer von Oz» (1939) fallen «Schneeflocken» aus Asbest auf die schlafende Judy Garland. Dieser feuerfeste Kunstschnee wurde um die Weihnachtszeit in den USA auch als Deko-Artikel verkauft. Auch aus Asbestgewebe gefertigte Ofenhandschuhe oder Beutel für das feuersichere Aufbewahren von Bargeld verkauften sich. In der Getränkeindustrie wurden Asbestfilter für Wein, Bier und Säfte eingesetzt. Mit Schläuchen applizierter Spritzasbest war für diverse industrielle Anwendungen beliebt. In der Schweiz wurde damit etwa die Innenisolation von Eisenbahnwagen billig bewerkstelligt und Stahlträger in Eisenbetonbauten machte man mit dem aufgespritzten Gemisch praktisch feuerfest. Zudem mixte die Bauindustrie die Faser wegen ihrer Eigenschaften bald in Fliesenklebern, Fugenmassen, Wandverputze, Rohrisolierungen und Vinylböden-Kleber. Einen preisgekrönten Möbel-Designklassiker entwarf 1954 der Ostschweizer Innenarchitekt Willy Guhl (1915-2004) mit seinem Strand- und Gartenstuhl aus Eternit. Für die Firma Eternit gestaltete Guhl auch Eternit-Blumenkisten, einen Sandkasten und weiteres Garteninventar. Mit diesen Klassikern des Schweizer Industriedesigns überführte Guhl einen ursprünglich dem Bauwesen zugeordneten Werkstoff in den Bereich des Möbel- und Produktdesigns. Die Eternit-Blumenkisten werden seit den frühen 1980er Jahren ohne Asbestzement hergestellt. Die 1997 erschienene asbestfreie Neuauflage des Guhl-Gartenstuhls hat ein leicht abgeändertes Design mit zwei zusätzlichen Verstärkungsrippen. Diese gewährleisten die Stabilität des Stuhls, da der asbestfreie Faserzement nicht gleichwertige tragende Eigenschaften aufweist. Im militärischen Bereich war der Verwendung von Asbest kaum Grenzen gesetzt und nach 1945 versprach das Material in Bunkern, Panzern oder U-Booten zumindest ein bisschen Schutz vor dem Feuer der atomaren Apokalypse.

Werbeplakat mit der Schlagzeile "Blumenkistchen im Fenster - Eternit". Zu sehen ist ein offenes Fenster mit einer grauen Kiste mit blühenden Geranien, dahinter eine Frau, die aus dem Fenster schaut.
Eine Zeichnung einer Frau, die mit trüber Miene hinter dem verschlossenen Fenster steht. Vor dem Fenster hängt eine Blumenkiste mit der Aufschrift "Warnung - Inhalieren kann Ihre Gesundheit gefährden".

Asbest hat aber einen grossen Nachteil: Er macht krank und ist ein tödliches Gift. Im Jahr 1900 wurde erstmals medizinisch beschrieben, dass Asbest in Form der Lungenasbestose eine mit der Quarzstaublunge verwandte Krankheit auslösen kann. 1918 verweigerten US-amerikanische Versicherungen Arbeiter:innen aus der Asbestindustrie den Abschluss einer Lebensversicherung. Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt SUVA anerkannte 1939 erstmals einen Fall von Asbestose als Berufskrankheit. Am 15. Juli 1949 konnte auf der Titelseite der NZZ ein längerer Artikel zum Thema Asbestose gelesen werden. Klar war schon damals: Die Krankheit ist tödlich und Arbeit in der Asbestindustrie ungesund. 1953 nahm die SUVA die Asbestose definitiv in die Liste der entschädigungspflichtigen Berufskrankheiten auf. Heute weiss man, dass selbst geringste Mengen Asbest gefährlich sind, wenn sie eingeatmet werden. Die sehr dünnen Asbestfasern können im Bereich Lunge und Brustfell kaum abgebaut und ausgeschieden werden. Während des jahrelangen Verbleibs im Organismus, können die Fasern Krankheiten wie Asbestose (Asbeststaublunge), Lungenkrebs und Mesotheliom (Brustfellkrebs) auslösen. Das Perfide daran: Bereits eine einzige eingeatmete Faser kann Krebs auslösen. Dabei kann die Latenzzeit mit 15 bis 45 Jahren sehr lang ausfallen. Heilung gibt es für keine der Krankheiten. Insbesondere der Brustfellkrebs ist meist innerhalb von ein paar Monaten tödlich und am Ende wartet der qualvolle Erstickungstod. 

Die Schattenseite wird immer deutlicher

Spätestens nach der Lektüre des NZZ-Artikels im Jahr 1949 sollte dem liberalen Schweizer Wirtschafts-Establishment sowie dem Verwaltungsrat und Führungsgremium der Eternit AG klar gewesen sein, dass die Arbeit in der Eternit-Fabrik ein Gesundheitsrisiko birgt. In Niederurnen liess man sich von der Asbestose-Diskussion aber nicht gross aus der Ruhe bringen. Ein Grund dafür war wohl das seltene Auftreten der Krankheit. Laut SUVA wurde bis Mitte der 1960er Jahre nicht einmal ein Asbestose-Fall pro Jahr diagnostiziert. Es darf aber angenommen werden, dass viele Fälle nicht registriert wurden oder als Tuberkulose oder einfach als Krebs in die Statistiken eingingen. Der Zusammenhang zwischen Brustfellkrebs und Asbest wurde durch den US-Mediziner Irving Selikoff (1915-1992) ab den 1950er Jahren erforscht und publik gemacht. Dass man sich bei diesem Thema bei der Eternit AG zuerst der Realität komplett verweigerte, zeigt eine Jugenderinnerung von Stephan Schmidheiny (1947), die Werner Catrina im Buch «Der Eternit-Rapport» festhielt: Vater Max Schmidheiny (1908-1991), der damalige Eternit-Boss, schmiss an einem Sonntagabend im Jahr 1965 fluchend ein Buch von «Sauhund» Selikoff durch das heimische Wohnzimmer. Was dort zu lesen war, wollte Max Schmidheiny nicht wahrhaben. Er vermutete hinter Selikoff irgendwelche Interessensgruppen und unterstellte dem Mediziner, er wolle nur berühmt werden. Noch 1984 vertrat Schmidheiny Senior den Standpunkt, dass Eternit sowieso nicht gefährlich sei, da die Fasern in Zement eingebettet seien.

Schwarz-weiss Foto aus der Luft: Im Hintergrund ein Dorf, im Vordergrund eine grosse Industriefläche mit Anschluss an die Bahngeleise und der grossen Aufschrift "Eternit". - vergrösserte Ansicht
Die Eternit-Fabrik im glarnerischen Niederurnen im Jahr 1966. Hier wurden von 1903 bis in die 1980er Jahre hinein Asbest zum Faserzement Eternit verarbeitet. Die Fabrik gehörte der Industriellen-Familie Schmidheiny, die weltweit Beteiligungen an der Asbest-Industrie hielt.
Bildquelle: Comet Foto AG, ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_F66-08037.

Dabei irrte er gewaltig. Nicht nur die Arbeit in der Asbestindustrie ist lebensgefährlich, auch eine Zufallsbegegnung mit der einstigen Wunderfaser kann tödlich enden. Jährlich sterben in der Schweiz momentan um die 170 Menschen an den Spätfolgen von Asbestkontakt. Dabei beschränken sich die Fälle nicht auf den Kontakt am Arbeitsplatz. Asbestfasern gelangten, beispielsweise an kontaminierten Kleidern von der Baustelle nach Hause getragen, zu Familien und Kindern. Auch die Anwohner:innen zu Asbest-verarbeitenden Betrieben waren wohl der Gefahr ausgesetzt. Der Lehrer Marcel Jann, der in direkter Nachbarschaft zur Eternit-Fabrik in Niederurnen aufwuchs und beruflich nie mit Asbest zu tun hatte, starb an einem Mesotheliom. Er spielte laut einem SRF-Interview als Kind mit Eternitplatten und sein Schlafzimmerfenster lag ca. 50 Meter neben einer Eternit-Produktionshalle. Ob dafür jemand haftet, muss das Glarner Kantons Gericht klären – nach einer 2024 erfolgten Rüge des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. 20 Jahre nach Janns Tod wird sich «erstmals das unterste Gericht wirklich mit diesen Ansprüchen befassen müssen.», so der Schadensanwalt Martin Hablützel.

Lange Wirkung und zögerlicher Richtungswechsel

Obwohl die Inverkehrbringung und Verwendung von Asbest in der Schweiz seit 1990 verboten sind, steigt die Zahl der Asbest-Toten pro Jahr noch an. In den letzten dreissig Jahren registrierte die SUVA weit über 4000 Asbestfälle. Die kumulierten Kosten haben die Milliardengrenze überschritten. Diese Menschen sind Opfer einer ganzen Industrie. Nebst Eternit gab es diverse Firmen, die mit asbesthaltigen Produkten ihr Geld verdienten. Besonders betroffen sind Menschen aus dem Baugewerbe, Elektriker:innen, Küchenschreiner:innen oder Automechaniker:innen. Asbest lauert beim Abbruch oder Umbau von Liegenschaften, in Strom-Sicherungskästen, unter Bodenplatten, im Fensterkitt, beim Hantieren mit witterungszersetzten Eternitplatten oder in Brems- und Kupplungsbelägen. Wohl nicht unbedeutend dabei ist, dass sich Gesundheits- und Arbeitsschutzgedanken erst ab den 1960er Jahren als gesellschaftlicher Konsens durchzusetzen begannen. Lange kämpften etwa Gewerkschaften beim Umgang mit gefährlichen Stoffen eher für die Kompensation durch höhere Löhne und weniger für Schutzkonzepte, Verbote und Einschränkungen. Auch die SUVA war in Bezug auf Asbest lange zurückhaltend. Erstmals taucht das Thema 1967 in einem Geschäftsbericht auf. Mitte der 1970er Jahre wurden erste Grenzwerte verschärft, was zu einem praktischen Verbot von Spritzasbest – die gefährlichste Asbestanwendung überhaupt – führte. 

Eine traurige Verbindung gibt es von Niederurnen nach Santa Maria di Leuca. Wie Maria Roselli im Buch «Die Asbestlüge» aufzeigt, stammten viele Eternit-Mitarbeiter:innen aus Apulien, ganz im Süden Italiens. Der Arbeitsplatz in der Schweiz wurde über ein Netzwerk von Eternit-Ehemaligen vermittelt. Nach der Heimkehr nach Italien wartete der Asbesttod – oder Ungewissheit und die quälende Frage: «Erwischt es auch mich noch?». Auch in unserer Schweizer Gegenwart führen oft Menschen mit Migrationserfahrung Asbestsanierungen durch. Unsere Museumsobjekte befreiten – nebst unserem Konservator-Restaurator – Menschen aus Peru, Polen und der Ukraine vom Schadstoff. 

Foto von zwei Personen in Schutzkleidung - weisse Overalls und Atemmasken über dem ganzen Gesicht. Ein Person ist im Hintergrund an der Arbeit, die andere blickt durch die Maske in die Kamera. - vergrösserte Ansicht
Im Museum für Kommunikation haben wir Ende 2025 mit Hilfe einer Spezialfirma, in Unterdruckatmosphäre und in kompletter Schutzausrüstung, eine Auswahl an Objekten saniert und den Asbest entfernt. Bei anderen Objekten war der Asbestbefund ausschlaggebend für die Deakzession, sprich für den Entscheid zur Entsorgung. Vor der Entsorgung musste auch bei diesen Objekten der Asbest entsorgt werden.
Fotograf: Tim Hellstern, Museum für Kommunikation Bern.
Objektfoto von zwei Handschuhen die in einem verschlossenen Plastikbeutel stecken. Darauf ein Kleber mit einer Asbest-Warnung. - vergrösserte Ansicht
Asbest als Kulturgut für die Nachwelt. Feuerfeste Handschuhe für das Hantieren mit Radio-Senderöhren im Landessender Beromünster – aufbewahrt vom Museum für Kommunikation. Ähnliche Handschuhe fanden sich auch in unseren Telefonzentralen neben den Feuerlöschern – oder in Bunkern der Schweizer Armee zum Auswechseln von heissgeschossenen Maschinengewehrläufen.
Museum für Kommunikation Bern, 9897_A_0019.

1974 trat der promovierte Jurist Stephan Schmidheiny als Verkaufsleiter in das Familienunternehmen Eternit AG ein und übernahm 1976 die Gesamtleitung der schweizerischen Eternit-Gruppe SEG von seinem Vater. Der im internationalen Asbest-Business gut vernetzte Jurist erkannte, anders als sein Vater, dass auf die Eternit-Firmen ein riesiges Problem zukam und dass der krebserregende Werkstoff in der Schweiz längerfristig keine Zukunft hatte. Er lancierte das Innovationsprogramm «NT» (für «Neue Technologie») und liess asbestfreie Eternit-Produkte entwickeln, die ab 1984 auf den Markt kamen. Nebenbei wurden in Niederurnen und Payerne aber weiterhin Eternitprodukte mit Asbest hergestellt. Derweil lobbyierte der «Arbeitskreis Asbest» ab 1978 erfolgreich gegen die Einstufung von Asbest in die höchste Giftklasse. Damit mussten die Asbestprodukte nicht mit dem Totenkopf-Symbol gekennzeichnet werden. Die Einstufung als potentes Gift erfolgte erst 1987. In diesem «Arbeitskreis» waren die Eternit AG und andere Firmen, die mit Asbest hantierten, vertreten, so etwa die Asbest + Packungs AG aus Glattbrugg oder die Isola-Werke Breitenbach.

Umgang mit Asbest – am Beispiel PTT

Wie herausfordernd der Umgang mit der Problemfaser war, zeigt ein Blick ins PTT-Archiv. Ab den 1970er Jahren erlässt die PTT, der SUVA folgend, dienstliche Weisungen betreffend Asbest. 1978 wird beispielsweise der Umgang mit Asbestkissen, welche in Kabeldurchführungen für den Brandschutz eingesetzt wurden, neu geregelt. Das Personal wurde verpflichtet, für solche Arbeiten eine geeignete Schutzmaske des Typs «PTT-Art. 58.58.1» zu tragen. Bei Neubauten wurde dort, wo mit Spritzasbest hantiert wurde, das Tragen einer Maske empfohlen. In der gleichen Weisung gestand der Staatsbetrieb auch ein, dass es bisher für die Asbestkissen keinen adäquaten Ersatz gäbe, und dass «in bisherigen Anlagen […] PTT-Bedienstete aber noch über Jahre mit Asbestkissen aller Gattung umzugehen haben.» In den 1980er Jahren wurde dann der in den Boom-Jahren der Nachkriegszeit in PTT-Gebäuden verbaute Spritzasbest ein riesiges Thema. In einer vertraulichen Telefonnotiz aus dem Jahr 1982 beklagte sich ein zuständiger Beamter: «Offenbar kommt eine Lawine ungeahnten Ausmasses auf uns […] zu.» Es sei möglich, dass in PTT-Gebäuden Asbestpartikel in die Räume gelangen – «Wenn das die Personalverbände erfahren!». Er könne «doch nicht alle Gebäude abbrechen oder zumindest auf die Stahlträger ausschälen lassen». Eine der übelst belasteten Bauten war der 1973 eingeweihte Gebäudekomplex mit dem PTT-Hochhaus am Stadtrand von Bern nahe Ostermundigen. Hier fand man in den 1980er Jahren praktisch überall Spritzasbest: in Wandbelägen, unter Zwischendecken, in Ventilationskanälen, an Fugen, an allen Stahlträgern und in Leitungs- und Kabelschächten. Auch Storenkästen waren kontaminiert und jedes Mal, wenn die Storen bewegt wurden, rieselten Asbestflocken in den Fensterbereich, wo die Luft zirkulierte. 

Schwarz-weiss Foto: Im Vordergrund Gebüsch, im Hintergrund der grosse Block des Hochhauses, das in den Himmel ragt. - vergrösserte Ansicht
Im 1973 eingeweihten PTT-Hochhaus bei Ostermundigen wurde an diversen Stellen Asbest – darunter viel Spritzasbest – entdeckt. Mindestens ein Mitarbeiter erkrankte an den dort eingeatmeten Fasern.
Fotograf: Walter Studer, Museum für Kommunikation Bern, FFF_72535.

In einem Bericht von 1987 hielten die Verantwortlichen fest: «In den erwähnten 10 Räumen mit Verdunkelungsstoren sollte jeder nicht unbedingt nötige Gebrauch der Storen vermieden werden.» Zudem stand im Bericht zu lesen, dass «praktisch jeder Mitarbeiter bzw. jede Mitarbeiterin im V-Hochhaus in einem Raum mit Spritzasbest arbeitet». Obwohl die PTT nach einer Phase der Hilflosigkeit Sanierungs-Massnahmen ergriff, kamen diese für einzelne Mitarbeiter:innen zu spät. Aus dem Jahr 1993 ist ein Brief der PTT an das Tiefenausspital erhalten, wo es um einen an Asbeststaub erkrankten Mitarbeiter geht. Die PTT versichert darin der pneumologischen Abteilung, dass bereits 624'500 CHF (ca. 760’000 CHF von 2026) für Asbestsanierungen im Gebäudekomplex ausgegeben wurden, trotzdem seien noch «zum grossen Teil Spritzasbestisolationen vorhanden […] Eine Totalsanierung mit einer Kostenfolge von schätzungsweise Fr. 2 Mio. kann wegen technischen und räumlichen Problemen zurzeit noch nicht ausgeführt werden.»

Die grosse Frage der Kosten

Mit dem Spritzasbestproblem stand die PTT nicht alleine da. Das Bundesamt für Umweltschutz (BUS) erstellte eine Liste von mit Spritzasbest belasteten Gebäuden. Wie in der Zeitung «Der Bund» vom 06.09.1985 nachzulesen ist, fanden sich beispielsweise im Kanton Bern um die 300 belastete Gebäude – darunter Kindergärten, Schulhäuser, Schwimmbäder, Läden von Coop und Migros, Bahnhöfe, und Gemeindehäuser. Schweizweit waren etwa 4’000 Gebäude betroffen. Klar war: eine Sanierung war zwingend – aber nicht immer sofort machbar. Das Risiko bestand, weiterhin in einem belasteten Gebäude arbeiten zu müssen oder dort in die Schule zu gehen. Wie am Beispiel des PTT-Hochhauses gezeigt, zogen sich Sanierungen teilweise über Jahre hin. Ein Grund dafür war, dass spezialisierte Firmen für die Sanierung noch rar waren. Einige Spritzasbest-Firmen passten sich den neuen Gegebenheiten an und spezialisierten sich nun auf den Rückbau und die Sanierung von Spritzasbest. Nicht immer wurde die belasteten Stellen rückgebaut. Manchmal begnügte man sich auch mit dem mehrmaligen Überstreichen der betroffenen Fläche, was die Asbestfasern an die Farbe binden sollte. Asbestsanierungen sind kostenintensiv. Es war und ist immer noch eine Art Selbstverständlichkeit, dass die Sanierung von den Immobilien-Besitzer:innen aus der eigenen Tasche zu bezahlen sind. Die Werkeigentümerhaftung im Obligationenrecht verpflichtet dazu, Personen z.B. bei Bauarbeiten vor Schaden und Gefährdung zu schützen. Asbest kann nicht als Baumangel beanstandet werden. Die Baufirmen handelten zum Zeitpunkt des Anbringens von Spritzasbest oder beim Verwenden von Eternitprodukten legal. 

Ein Zeitungsartikel ohne Bild mit dem Titel "In diesen Gebäuden könnte es - gemäss BUS-Inventar - Spritzasbest haben". - vergrösserte Ansicht
1985 erstellte das Bundesamt für Umweltschutz BUS eine Liste von mit Spritzasbest belasteten Gebäuden. Im Kanton Bern standen 300 Gebäude in Verdacht, mit Spritzasbest belastet zu sein.
Quelle: In all diesen Gebäuden könnte es – gemäss BUS-Inventar – Spritzasbest haben, in: Der Bund, 06.09.1985, S. 29.

Spritzasbest produzierte die Firma Eternit AG in der Schweiz nicht. Aber auch Faserzementprodukte gerieten in Verruf. Kurz vor dem 1990er-Asbestverbot in der Schweiz verkaufte Stephan Schmidheiny alle Beteiligungen an der Schweizerischen Eternit-Gruppe. Auch die mittlerweile verpönten weltweiten Beteiligungen an der Asbestindustrie stiess er ab. In Italien wurde der Schweizer Industrielle zu einer Hassfigur. In diversen Prozessen setzte man sich dort mit der Frage auseinander, ob Stefan Schmidheiny für die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen in italienischen Eternit-Fabriken, wie der im piemontesischen Casale Monferrato, persönlich haftet. 2026 hob Italiens oberstes Gericht Schmidheinys Verurteilung zu mehr als neun Jahren Haft auf, weil dem nie anwesenden Angeklagten keine deutsche Übersetzung des Urteils vorlag. 

In der Schweiz hilft seit 2017 die Stiftung Entschädigungsfonds für Asbestopfer (EFA) Menschen, deren Asbest-Erkrankung nicht als Berufskrankheit anerkannt wird. Sie unterstützt insbesondere Menschen mit einem asbestbedingten Mesotheliom. Zuvor beanstandete der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die gesetzlichen Verjährungsregelungen in der Schweiz. Ziel des Fonds ist es, Asbestopfern und Angehörigen schnell und unbürokratisch zu helfen – unabhängig davon, ob die Betroffenen berufsbedingt mit Asbest in Kontakt gekommen sind oder nicht. Die Hilfe muss rasch erfolgen, da Erkrankten oft nur noch ein paar Lebensmonate bleiben. Neben finanziellen Leistungen bietet die Stiftung gemeinsam mit den Lungenligen einen kostenlosen Care-Service für Betroffene und Angehörige. Die Finanzierung basiert ursprünglich auf Beiträgen aus Wirtschaft und Industrie, von Verbänden und weiteren Institutionen sowie von privaten Unterstützer:innen. Wesentliche institutionelle Geldgeber sind die SBB sowie der Versicherungsverband SVV. Die rein freiwillige Finanzierung sichert das Fortleben der Stiftung aber nicht langfristig. Seit einer Anpassung im Unfallversicherungsgesetzt im Jahr 2026 kann die SUVA mit finanziellen Mitteln aus Ihren Ertragsüberschüssen die Stiftung unterstützen. Sprich: langfristig finanzieren die Prämien der SUVA-Versicherten die EFA – und nicht etwa die Privatwirtschaft. 

Private Gewinne – Kosten für die Allgemeinheit

Nicht zum Auftrag der Stiftung EFA gehört die Finanzierung von Asbestsanierungen. Wer eine asbestbelastete Immobilie oder kontaminierte Museumsobjekte besitzt, bezahlt die zusätzlichen Kosten bei einem Umbau oder bei einer Sanierung selbst. Hier gilt: Die Gewinne der Asbestindustrie flossen zu Privaten – für die teure Entsorgung des giftigen Ewigkeits-Stoffes haften Private, Hausbesitzer:innen, Gedächtnisinstitutionen oder die Allgemeinheit. Einklagbare Ansprüche auf eine Entschädigung sind längst verjährt. Zumindest betreffend Spritzasbest hätte man dessen Gefährlichkeit spätestens ab den 1960er Jahren ahnen können. Gesetzgeber und Versicherungen reagierten aber mit jahrzehntelanger Verzögerung. Dieses schlafwandlerische Staatsversagen deklinierte die Schweiz seit der Industrialisierung ohne grossen Lernerfolg bereits mit mehreren Giften durch. Ein frühes Beispiel ist die Verwendung von Arsen für die Farbproduktion in Basel. Bis heute muss die Öffentlichkeit für Bodensanierungen aufkommen, da die Firmen der Verursacher nicht mehr existieren (vgl. Die erstaunliche Karriere eines Gifts – Blog zur Schweizer Geschichte - Schweizerisches Nationalmuseum). Es ist zu befürchten, dass sich diese Geschichte in Bezug auf gewisse Landwirtschafts-Pestizide, Nanopartikel oder bei den Ewigkeitschemikalien PFAS in neuen Varianten wiederholt. Dabei dominiert bei Entscheidungsträger:innen oft die Angst. Angst davor, Verantwortung zu übernehmen, Angst einen Entscheid zu fällen, Angst den Rat der Wissenschaft anzunehmen, Angst vor den Kosten, Angst vor Schwächung der Wirtschaft und des freien Marktes, Angst vor dem Ausbremsen von Innovation, Angst vor der Schwächung des Bruttosozialprodukts, Angst vor Paragrafen, Angst vor gut vernetzten Kolleg:innen, Angst vor mühseligen Prozessen und vor dem zähen Ringen mit Lobbygruppen, Angst davor nachhaltig und langfristig zu handeln und kurzfristige Unannehmlichkeiten auszuhalten. Einfacher ist es, die Lösung von solchen Problemen kommenden Generationen zu überlassen. Bei dieser Gegenwart ist es ein Zeichen des Zeitgeistes, dass es in Basel 2016-2026 ein Noise-Rock Band mit dem Namen «Asbest» gab. Laut «Radio X» machte das Trio «Lärm für eine kaputte Welt».

In der EU gilt seit 2005 ein umfassendes Asbestverbot. Anders sieht dies etwa in Russland, China und Indien aus. Dort wird das Mineral weiterhin abgebaut und als billiger Baustoff verwendet. Die Gefährlichkeit wird von den Verantwortlichen oft ignoriert. Hier im Museum für Kommunikation in Bern sind wir dem ganzen Asbestsanierung-Team dankbar. Ein grosses MERCI an die Menschen, die uns helfen, dieses Gift unter Risiken wieder loszuwerden.

Autor

Juri Jaquemet, Sammlungskurator Informations- und Kommunikationstechnologie, Museum für Kommunikation, Bern

Weiterführende Literatur

  • Werner Catrina: Der Eternit-Rapport. Stephan Schmidheinys schweres Erbe, Zürich 1985.
  • Maria Roselli: Die Asbestlüge. Das dunkelste Kapitel in der modernen Industriegeschichte, Zürich 2007.

Asbest heute / weiterführend Links

Asbest ist trotz des Verbots noch heute in vielen älteren Gebäuden und Gegenständen vorhanden. Gefahr droht, wenn kontaminiertes Material bearbeitet wird. Bei einem Verdacht sollte das Material nicht selbst bearbeitet werden. Eine fachgerechte Abklärung und gegebenenfalls Sanierung durch Fachleute ist zwingend, damit keine gefährlichen Fasern freigesetzt werden.

Videos:

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

X