Alfred Lindenmann: ein PTT’ler in den Bündner Bergen
Alfred Lindenmann (1881-1971) war ein Mann mit vielen Hüten: PTT-Beamter, leidenschaftlicher Skifahrer und Bergsteiger, einfallsreicher Erfinder und Hobby-Fotograf. Er dokumentierte sein berufliches wie privates Leben ausführlich mit der Kamera. Sein Bildarchiv, Teil der Fotosammlung des Museums für Kommunikation, lässt uns in die Bündner Bergwelt eintauchen und nimmt uns mit auf den Spuren eines vielseitig begabten und engagierten Menschen.
Die Familie Lindenmann kam ursprünglich aus Durlach (DE) und liess sich anfangs des 17. Jahrhunderts im Aargau nieder. Das wohl prominenteste Familienmitglied war Rudolf Lindenmann sen. (1808-1871), der Grossvater von Alfred. Von 1841 bis 1852 war dieser Regierungsrat des Kantons Aargau und von 1852 bis 1858 Direktor der Kreispostdirektion Aarau. Dass er diese zwei hohen Ämter überhaupt antreten konnte, verdankte er wohl seinem Schutzengel: Als im Januar 1841 ein wütender Mob das Kloster Muri stürmte, wurde Lindenmann, der zu diesem Zeitpunkt das Kloster im Auftrag der Kantonsregierung verwaltete, durch mehrere Hellebardenhiebe schwer verletzt und entkam dem Tod nur knapp. Hintergrund für dieses blutige Ereignis war der sogenannte Aargauer Klosterstreit, eine Eskalation langanhaltender Spannungen zwischen Aargauer Katholiken und der protestantischen Kantonsregierung.
Als Kreispostdirektor führte Rudolf Lindenmann die Eisenbahn als Posttransportmittel ein. Dadurch machte er sich bei den Postkutschenfahrern und Postpferdehaltern, die ihre Existenzbasis bedroht sahen, sehr unbeliebt, was seine Chancen auf eine zweite Amtszeit auf diesem Posten zunichtemachte. Ab 1858 betrieb er ein Landgut in Bünzen (AR). Da er aber zu viel Zeit in Politik und ehrenamtliche Arbeit investierte, ging der vernachlässigte Hof Konkurs. Völlig verarmt verbrachte er seine letzten Lebensjahre bei einem Studienfreund in Cöthen (Brandenburg, DE), getrennt von seiner Frau und seinen fünf Kindern.
Die prekäre finanzielle Lage der Familie war der Grund, warum Rudolf Lindenmann jr. (1852-1908) nicht wie gewollt Medizin studieren konnte, sondern sich mit Theologie zufriedengeben musste. Um 1860 zog er mit seiner Gattin Louise Rosalie (geb. Vontobel, 1859-1923) nach Fehraltdorf (ZH), wo er das Amt des Dorfpfarrers antrat. Dort wurde Alfred Lindenmann am 29. Januar 1881 geboren. Er hatte drei Geschwister: Louise, Rudolf und Ernst.
Vom Technikum Winterthur erhielt Alfred Lindenmann 1901 sein eidgenössisches Diplom als Maschinentechniker. Anschliessend liess er sich noch an der Metallarbeiterschule Winterthur zum Feinmechaniker ausbilden. Nach ersten beruflichen Erfahrungen im Brücken- und Hochbau arbeitete Lindenmann von 1903 bis 1909 im technischen Bureau der Obertelegrafendirektion in Bern. In dieser Zeit erlernte er das Skifahren und wurde Mitglied der Berner Sektion des Schweizer Alpen-Clubs (SAC). 1909 wurde er vom Bundesrat als «Elektrotechniker 1. Klasse» in die Kreistelegrafendirektion in Chur versetzt. Drei Jahre später wurde er zum Baudienstchef befördert. In dieser Position war Lindenmann massgeblich an der Erweiterung des Telegrafen- und Telefonliniennetzwerks der Region beteiligt, insbesondere an der telefonischen Erschliessung der entlegenen Klubhütten. Da er sich oft auf das Gelände begeben musste, um an Ort und Stelle den Leitungsbau zu beaufsichtigen, wurde ihm ein Dienstwagen zur Verfügung gestellt. Lindenmann war somit einer der ersten Autofahrer im Kanton Graubünden, wo motorisierte Fahrzeuge bis 1925 noch weitgehend verboten waren.
Neben privaten Aufnahmen von Familie, Freunden, Bergtouren und Ferien am Lago Maggiore findet man in Lindenmanns Bildarchiv zahlreiche Fotografien vom Linienbau in den Bergen und von durch Lawinen oder Erdrutsche beschädigten Freileitungen. Nicht selten übernahm die Obertelegrafendirektion in Bern (später die Generaldirektion der PTT) Abzüge seiner Aufnahmen für das Firmenarchiv oder zur Illustration diverser Vorträge oder Publikationen. Für Letztere verfasste Lindenmann gelegendlich auch schrifltiche Beiträge, u.a. in den sogenannten «Technischen Mitteilungen», wo er die Schwierigkeiten des Linienbaus im Gebirge erläuterte.
Parallel zu seinen beruflichen Tätigkeiten war Alfred Lindenmann ein begnadeter Hobby-Ingenieur, der mehrere Erfindungen patentieren liess. Seine wahrscheinlich anerkannteste Erfindung war der «Kanadier-Rettungsschlitten». Als Inspiration dafür diente ein von einem britischen Touristen in Lenzerheide zurückgelassener «Kanadierschlitten» – ein flacher, kufenloser Schlitten –, der als Transportmittel für verunglückte Skifahrer umfunktioniert worden war. Da dieser schwere Schlitten mühsam hangaufwärts zu transportieren war, baute Lindenmann einen zweiteiligen Schlitten, der «zerlegt leicht bergauf zu tragen war, hinten und vorn eine Aufbiegung hatte und auch als Trag-, Schleif- und Rollbahre verwendet werden konnte». Dieses Unternehmen kostete ihn «viel Mühe, Arbeit und finanzielle Mittel», wurde aber von Erfolg gekrönt: Sein Schlitten verbreitete sich rasch in der Schweiz und kam auch im Militär zum Einsatz.
Des Weiteren entwickelte Lindenmann eine zusammenlegbare Lawinen-Sondierstange (siehe Titelbild), eine Skibindung, eine lawinensichere Telefonweitspannung und die sogenannte «Schnurtransport-Rakete» (dazu gleich mehr). Er soll auch der Initiant der ersten SOS-Telefonstationen an Bergstrassen gewesen sein.
Lukrativ für Lindenmann selbst waren diese Erfindungen in der Regel nicht. Als Beamter im öffentlichen Dienst sah er sich nicht berechtigt, aus ihnen Profit zu schlagen. Als jedoch 1945 – trotz Lindenmanns Beförderung zum Adjunkten 2. Klasse – das Geld wegen der kriegsbedingten Teuerung und eines Krankheitsfalls in der Familie knapp wurde, forderte Lindenmann von der Feuerwerkfabrik Hamberger in Oberried (BE) einen finanziellen Ausgleich für den Vertrieb der Schnurtransport-Rakete, an deren Entwicklung er massgeblich beteiligt war. Diese «Impulsrakete» wurde gebraucht, um Weitspannleitungen über Schluchten, Tobel oder Felskuppen zu spannen. Die Rakete beförderte eine Schnur, die von einer Haspel abgerollt wurde, und entlang derer man anschliessend eine Draht- oder Kabelleitung nachziehen konnte (siehe Bild unten). Von der Fabrik in Oberried verlangte Lindenmann rückwirkend eine Summe von 900.- CHF für die verkauften Raketen. Trotz der Androhung eines gerichtlichen Verfahrens weigerte sich die Fabrik strikt, ihn zu kompensieren. Ob Lindenmann über juristische Wege am Ende doch zu seinem Geld kam, konnten wir leider nicht herausfinden.
Lindenmann war, in den Worten seines Sohnes, ein «richtiger Bergler». Der begeisterte Bergsteiger und Skifahrer war zu seiner Lebzeit ein allgemein anerkannter Pionier des Winteralpinismus. Lindenmann war Mitglied der Bergführerkommission des Kantons Graubünden und im Vorstand des Schweizerischen Skiverbands. Während seiner Zeit in Graubünden war er Tourenführer in der SAC Sektion Rätia und Instruktor des Skiclubs Chur. Beide Organisationen ernannten ihn zum Ehrenmitglied in Anerkennung seiner Verdienste. Des Weiteren galt er als Lawinenkenner und Pionier im Gebiet des Lawinenschutzes. Lokale Lawinen- und andere Naturkatastrophen dokumentierte er mit seiner Kamera akribisch.
Auf einer Bergtour im Bündnerland lernte er Margrit Neithardt (1894-1987) aus Schaffhausen kennen. Die zwei heirateten 1919 und gründeten einen gemeinsamen Hausstand in Chur. Sie bekamen zwei Kinder: Rita (geb. 1920) und Fred (geb. 1922).
Nach der Pensionierung Lindenmanns 1947 zog es Alfred und Margrit in den Kanton Zürich. Zuerst wohnten sie in Thalwil, danach in Oberrieden. 1958 liess die Familie Lindenmann in Willerzell (SZ) am Sihlsee ein Ferienhaus bauen. Dort lebte das Ehepaar seinen Ruhestand in vollen Zügen aus, zusammen mit Kindern, Enkelkindern und Freunden. Bis zu seinem Lebensende blieb Lindenmann ein Tüftler und bastelte an verschiedenen Projekten in seiner nach eigenen Plänen konstruierten Werkstatt. Interessiert an der Herkunft seiner Familie betrieb er auch Ahnenforschung, wie es die üppige Korrespondenz mit aargauischen Historikern und Behörden belegt. Aus diesen Recherchen entstand eine Biografie über seinen prominenten Grossvater Rudolf Lindenmann, die aber – soweit wir wissen – unveröffentlicht blieb.
Am 29. Januar 1971 feierte Alfred Lindenmann seinen 90. Geburtstag in geschwächtem Zustand im Spital Wädenswil (ZH). Einige Tage später verstarb er. Heute befindet sich Lindenmanns wertvolles Fotoarchiv in der Sammlung des Museums für Kommunikation. Das ca. 3’700 Bilder umfassende Archiv zeigt nicht nur die beruflichen Tätigkeiten eines Baudienstchefs der PTT, sondern liefert auch einen intimen – manchmal rührenden, oft humorvollen – Einblick in das Leben eines Familienmenschen und Naturliebhabers. Indem es verschiedene Aspekte des beruflichen, sozialen sowie privaten Lebens der Menschen von damals anschaulich in Szene setzt, wächst es über das rein Biografische hinaus und offenbart sich als eindrucksvolles Zeitzeugnis für die Schweizer Alltagsgeschichte.
Autor
Roger Steinmann, Fachperson Information und Dokumentation, Museum für Kommunikation, Bern