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Abfallmassen – nichts für lahme Säcke!

Raus aus der Ausstellung, auf den Spuren der Masse. Unser Kommunikator Stefan Furrer tauscht den Job und steigt für einen Nachmittag aufs Trittbrett eines Kehrichtfahrzeugs. Als Belader erlebt er unmittelbar, was es heisst, dem Müll der Massen Herr zu werden.

Seitenwechsel: Im Rahmen der Wechselausstellung Massen – Foules - Crowds schlüpfe ich einen Nachmittag in die Rolle eines Beladers der Entsorgung + Recycling Stadt Bern (ERB). Das ist die korrekte Bezeichnung für das, was bei den meisten wohl noch unter dem altmodischen Begriff «Müllmann» abgespeichert ist. Zusammen mit Janina, der Präzisions-Chauffeuse und Alex, meinem Chef, düsen wir durch das Elfenau/Brunnadern-Quartier. Dabei erlebe ich hautnah wie es ist, Abfall vom Strassenrand zu entfernen. Eine anstrengende, aber auch spassig-befriedigende Sache, soviel vorweg.

Nach einer kurzen Schulung stehe ich mit Alex hinten auf dem Aufbau des Elektrolastwagens. Mit äusserster Coolness und viel Geschick lenkt Janina den Kehrichtwagen durch die engen Strassen, vorbei an nicht immer ideal parkierten Autos. Manchmal eine Zentimeter-Aufgabe. Ich hätte mit einem Auto längst aufgegeben. Hinten geht es für Alex und mich zur Sache. Augen auf und blaue Säcke, die richtigen schwarzen Tonnen und grauen Container mit dem Verbrennungsmüll sichten. Nach dem Halten abspringen und mit Schwung rein mit den Säcken. Die Tonnen und Container werden mit Halb-Automatik reingehievt. Sicherheit geht vor, man kann sich schnell die Finger einklemmen.

Ein Entsorgungslastwagen von Entsorgung + Recycling Stadt Bern auf einer Strasse vor grünem Hintergrund. - vergrösserte Ansicht
Sie sammeln an allen Arbeitstagen die Müllmassen der ganzen Stadt ein - die Lastwagen von Entsorgung + Recycling Stadt Bern.

Wir haben einen Lauf: Das Wetter ist gut, wenig Verkehr, frische Luft, grünes Quartier, tolles Team. Es reicht für kurze Gespräche mit Alex und Janina, doch trödeln ist nicht. Die Tour muss durch, morgen geht es auf ins nächste Quartier. Wir sind nur eines von 14 Fahrzeugen, die täglich Müll einsammeln in der Stadt Bern.

Wer denkt, dass die Abfallentsorgung eine leichte Angelegenheit sei, der irrt. Die ERB kümmert sich an fünf Tagen pro Woche um die Entsorgung des gesamten Abfalls der Stadt. Da kommt einiges zusammen, das in relativ kurzer Zeit zum Himmel stinken könnte. Allein 2025 produzierten die Einwohner:innen der Stadt Bern 25'606'000 Kilogramm Haushaltskehricht. Klar: Massen produzieren Massen an Abfall. An die Strasse stellen, aus den Augen, aus dem Sinn. Ich jedoch sehe mit eigenen Augen was folgt. Wie sich das Gewicht der Säcke summiert und was rauskommt, wenn Alex die Presse am Elektro-LKW betätigt, welche die Fracht komprimiert. Grün-pink-braune Flüssigkeit rinnt aus einem Sack, ein paar Glasscherben splittern, Karottenschalen fallen aus einem Riss. Unerwarteterweise rieche ich keine unangenehmen Gerüche, trotz meines heiklen Näschens. Das sei selten, sagt Alex. Die meisten würden ihren Müll gut trennen. Etwa die besonders stinkigen Grünabfälle seien meist nicht drin.

Am Spätnachmittag kippen wir unser Sammelgut an der Kehrichtverbrennungsanlage Forsthaus in eine gigantische Halle. Die Lastwagen stehen vor der Fahrzeugwaage Schlange. Hier landet alles: Haushaltskehricht, Grünabfuhr, Papier / Karton, Sperrmüll und Bauschutt. So gelangt man zur imposanten Zahl von 55'000 Tonnen Abfall pro Jahr (377 kg pro Person). Beeindruckende Mengen türmen sich hier.

Ein riesiger Greifer krallt sich abwechslungsweise von den verschiedenen «Müllsorten», damit eine gute Brennmischung entsteht, und ab auf den 900 ºC heissen Flammenrost. Alles heisse Luft und Ende der Geschichte…?

Nein! Nach einer Führung durch die Verbrennungsanlage mit Patrick verstehe ich, dass die Massen an Müll den Massen in Bern wieder zugutekommen. Nach dem Brennprozess entsteht 400 ºC heisser Dampf, der in Elektrizität und Fernwärme umgewandelt wird. Mit dieser Fernwärme wird zum Beispiel auch das Museum für Kommunikation geheizt. Noch ein Kreis der sich schliesst.

Wir sprechen über ein paar Mythen: «Papier, Kunststoffe und Glas kann man in den Müll werfen, damit es besser brennt». Falsch. Das Feuer braucht keinen von uns ausgewählten Zusatzbrennstoff. Die Mischung überlassen wir besser den Profis. Die Flamme wird künstlich erzeugt und vernichtet fast alles. Ausser Fensterglas, denn das braucht 1'200 ºC und landet als inerter (nicht verwertbarer) Stoff in der Deponie. «Metall im Haushaltskehricht ist doch nicht schlimm». Wieder falsch: Metalle können zwar herausgefiltert werden, trotzdem sollte der Alu-Joghurt-Becher-Deckel nicht in den Brennmüll. Die Herstellung und das Recyceln von Alu sind sehr energie- und kostenaufwändig.

Ein weisser Entsorgungslastwagen auf einer Strasse, im Vordergrund ein parkiertes Auto, das im Weg steht.
Zwischen zwei hohen Betonwänden steigen zwei Männer eine Treppe hoch, oben ist noch ein Stück Himmel zu sehen.
Zwei Personen stehen vor einem Fenster. Durch das Fenster sieht man in einen riesigen rötlichen Raum, der mit Abfall gefüllt ist.
Blick in einen Müllbunker von riesigem Ausmass, in dem sich der Abfall stapelt. Durch die staubige Luft fallen weisse Lichtstrahlen

Am Ende des Tages ist mir körperlich und geistig klar geworden, dass wir den Kreislauf des Konsums zu Ende denken müssen: Neben der energieintensiven Produktion der Konsumgüter, die aus unseren vielen Bedürfnissen entstehen, resultiert ein grosser Berg an Material, das entweder nutzlos wird (Verbrennungsmüll) oder in den Konsumkreislauf rückgeführt werden kann (Recycling). Hier braucht es wiederum Massen an Aufwand und Energie. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, wenn sorgfältig getrennt wird, kann der Verbrennungsmüll erheblich reduziert werden.

Es ist ein dreckiger Job und irgendjemand muss ihn machen. Danken wir also all den Frauen und Männern, die in der Entsorgung und im Recycling arbeiten, wenn wir sie das nächste Mal auf der Strasse sehen und denken daran, was vielleicht nicht in die Tonne gehört und erleichtern die darauffolgenden Prozesse. Ich habe es selbst erlebt: Konsum und seine Folgen, das ist nichts für lahme Säcke – oder die träge Masse!

Autor

Stefan Furrer, Kommunikator, Museum für Kommunikation, Bern

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