1. Blog

Sorgentelefon

Ein guter Bekannter ruft mich übers Festnetz im Büro an. Das macht er gelegentlich. Manchmal krieg ich so die neusten Informationen über seinen Ruhestand, der weit entfernt ist vom Ausruhen; manchmal aber ruft er geschäftlich an.

Als Erstes krieg ich zu hören, dass mein Telefon nicht richtig funktioniere. Er höre mich praktisch nicht.

«Wart!», ich stehe auf und tue so, als ob ich an meinem Apparat etwas hantieren würde.

«Besser so?»

«Ja! Gut so jetzt.»

Dachte ich es mir doch, dass – wenn man sich vom Bürostuhl erhebt – die Technikgötter Gnade walten lassen.

«Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es bei mir liegt», entgegne ich. «Wir haben neuste Technik seit zwei Monaten. Das liegt bei Dir.»

«Das dachte ich mir erst auch, weil mein Telefon vor kurzem immer wieder Störungen hatte, bis es dann gar nicht mehr funktionierte. Ich hab mir ein neues kaufen müssen, einen Festnetzapparat!»

«Ist nicht wahr?»

«Doch, es war sowieso ein uralter Apparat, der zwar einwandfrei funktionierte bis dahin.

Bevor ich mich an einen Selbstversuch in Reparatur wagte, schrieb ich mir sicherheitshalber die gespeicherten Telefonnummern auf Papier ab. Ich bin da etwas altmodisch. Ich weiss.

Ich weiss aber auch, was Du jetzt denkst: ‚Heiliger Strohsack! Typisch Mac-User: Intuition vor und zurück in die Steinzeit! Sicher ist sicher. Also Griffel und Schiefertafel her!‘

Aber sicher ist sicher.

Danach versuchte ich einen Reset.

Das Ding tat seinen Dienst aber nicht (mehr).

Ich beliess es sodann mit meinen Reparaturkünsten. Auch ein wenig bestärkt im Wissen, dass ich eh bald einen neuen Apparat kaufen müsste, da die Telefongesellschaften technisch nachrüsten, was das Zeug hält – ohne Rücksicht auf ihre ältere Kundschaft!

So also war es an der Zeit, einen neuen Apparat zu posten. Das tat ich dann auch. Und siehe da, es funktionierte wieder, mein altes Festnetz – ohne die üblichen Kinderkrankheiten oder Installationsunwegbarkeiten. Einfach einstecken und los.

Ich gab sodann alle ‚alten‘ Telefonnummern neu in den Speicher ein. Fast ohne die Anleitung zu studieren.»

«Aua!», meinte ich. «Das tut schon etwas weh im Zeitalter der Digitalisierung, wo doch einmal digital immer digital bedeutet!»

«Sag nichts! Da verlass ich mich lieber auf meine eigene Unerfahrenheit.

Mich liess es dann aber doch nicht einfach kalt, als ich meinen geliebten alten Apparat entsorgen wollte. Ich guckte noch einmal genauer hin, drückte auf die Tasten und Knöpfe – jetzt durfte ich ja alles und ohne Anleitungen ausprobieren – und stellte fest, dass der Lautstärkeregler auf Null eingestellt war! Wie auch immer oder wer auch immer diesen Sabotageakt vollzogen hat!

Ich bin jetzt stolzer Besitzer von zwei Apparaten, die ich aber nun nicht sinnvoll in meiner Wohnung einzusetzen weiss.»

«Aua!»

«Auch deshalb hab ich Dich angerufen, in der Hoffnung, dass das Museum einen geeigneten Platz im Depot haben könnte?»

«Danke, dass Du an mich und uns gedacht hast. Aber unser Depot platzt aus allen Nähten in Sachen Telefonapparate. Zudem ist Dein Gerät eines unter sehr, sehr vielen – wie Du sicher annehmen kannst, auch wenn es Dir am Herzen lag bis dato.»

Bei meinem nächsten Besuch werde ich Ausschau halten, ob meine höfliche Absage ihn zu einem Privatsammler von technischen Artefakten gemacht hat …

 

Dominique