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Der Rote Tom auf Odyssee

TomTom (abgeleitet von Tom-Tom: Trommel?) ist ja irgendwie schon ok als Bezeichnung für ein Gerät, das geospezifische Daten zusammentrommelt, um die jeweils aktuelle Position neben das Lenkrad liefern zu können.

Ich weiss nicht wieso, aber beim Einschalten des TomTom im Mietauto überkamen mich andere Bezeichnungen, Namen oder Anspielungen: Erst Odysseus (für Steuermann), dann aber die englische Kurzform «Tom» für Kater. Sofort war ich beim «Roten Tom», dem Anführer der Katzenpiraten bei «Dominik* Dachs». Der Rote Tom trommelt seine Katzenpiraten zusammen – zu TomTom gedoppelt, wirkt er mächtiger und steht für einen polternden Kater, der einen weiteren Feldzug im Schilde führt!

War es nun eher Intuition oder mehr meine Skepsis gegenüber Hightech-Geräten, die das TomTom zum Roten Tom wandelte, einem unberechenbaren und maunzenden Kater?

 

Hier die Fakten!

 

Einsteigen, das Mietauto erst etwas checken und dann die Destination ins Navi eingeben. Soubey. Dort soll es hingehen, an den Doubs, etwas Einsamkeit zu zweit geniessen. Der Rote Tom berechnet und ist auf Zack: 1 Stunde 23 Minuten. Gut. Also los.

Kurz nach Moutier lotst er mich von der Autobahn. Ich leiste Folge, obwohl mir zum ersten Mal Zweifel kommen: Wieso soll ich ab von der Autobahn, wenn es doch nach St. Ursanne gehen soll, zum Zwischenhalt in das mittelalterlich-pittoreske Städtchen?

Von nebenan vernehme ich eine versöhnliche Stimme: «Also, Tom wird schon wissen, wo es lang geht!»

Nach 10 Minuten schwant mir etwas: Der Rote Tom hat eigenwillig entschieden, folgt seinem eigenen Plan. Er will nicht, wie ich will. Er führt mich direkt in die «Hölle», nach Les Enfers, auf eine kurvenreiche und steile Strasse runter zum Doubs und dann nach Soubey. St. Ursanne ade!

Ok. Ich hätte besser kommunizieren sollen. Ich hätte dem Tom mitteilen müssen, dass wir VIA St. Ursanne nach Soubey fahren möchten. Es führen bekanntlich viele Wege nach Rom! Nach Soubey lediglich zwei und Tom hat entschieden, den «anderen» zu nehmen, den wir als Rückweg eingeplant hatten.

Ein wenig ärgere ich mich, dass St. Ursanne nun ausgelassen ist. Ich ärgere mich, ja, ein wenig über mich selber, mehr aber über diesen neunmalklugen Tom. Der hätte doch Varianten aufzeigen können, wenn es Varianten gibt. Das gibt es doch fast immer! Wieso checkt der das nicht?

Egal, wir sind angekommen, am Ende der Schweiz, wo es nur noch eine Strasse gibt, die an die Grenze führt. Also ein wenig abstrafen, diesen Tom. Ausschalten und Maul halten. Das letzte Stück schaffen wir auch ohne ihn! Er soll uns mal!

 

Ruhe, Einsamkeit und als Krönung ein Nachtessen mit lokalen Zutaten.

 

In der abendlichen Dämmerung geht es dann zurück. Die Home-Destination korrekt eingegeben und dieser Tom rechnet und berechnet nach allen Regeln der Kybernetik – veritable Navigationskunst sozusagen – die nicht zu durchschauen sind: 2 Stunden 43 Minuten.

Was?

Wie bitte?

Der Hinweg soll mehr als eine Stunde kürzer gewesen sein als der Rückweg jetzt? Oh Tom, TomTom: Doppelt gemoppelt?

Sag ich mir – Tiefenentspannung vortäuschend: «Egal. Wenn einmal auf der Autobahn, dann brauch ich das Ding eh nicht mehr. Soll er doch berechnen und maunzen, was er will.»

Ein Wegweiser kündet bald darauf aus dem Dunkel der Nacht eine Einfahrt auf die Autobahn an. Und was meint unser Tom? Das scheint ihm piepegal, er piepst nicht und zeigt schön geradeaus weiter auf seinem Display. Kann es sein, dass da auf der Autobahn was nicht stimmt und Tom eine klügere Route herausgefunden hat? Kann sein – kann aber auch nicht sein. Und schon ist die Einfahrt passiert! Also: Wenn da was nicht so sein sollte, wie es sein sollte, so haben wir ja unseren Tom, der sicher melden wird, wenn ich die Richtung ändern und zurückfahren soll.

Aber nix da. Tom bleibt hart auf Kurs geradeaus! Er weist einen Umweg, das spür ich, auch wenn ich die Gegend hier nicht so gut kenne. Er ist ja nicht ganz dicht! Meine Begleitung sucht nach der ollen alten Strassenkarte im Auto. Und siehe da: Tom fährt uns einen Umweg via Delémont. Es gibt nur diese Strasse, und die führt schön weiter die nächsten paar Kilometer.

Also drehen und zurück auf die Autobahn. Tom reagiert, wie er das immer auch tun sollte, wenn was aus dem Ruder zu laufen droht. Er orientiert sich kurz und weist erst optisch, dann piepend darauf hin, dass wir drehen sollen. Nix da, Peeping Tom! Und ab auf die Autobahn. Sieg über Kater Tom, der nun schweigt und sich geschlagen geben muss. Aber nur bis zur nächsten Ausfahrt. «Bitte in 500 Metern Ausfahrt benützen.»

Was soll der Schabernack?

Er will sich nur rächen!

Die Endstation wird gecheckt. Korrekt alles, was die Daten betrifft. Nur Tom bockt wie ein rolliger Kater.

Am besten wohl abmurksen, das Ding, das dem Menschen eine Hilfe sein soll!

Aber wir lassen ihn am Leben, leisten indes keine Folge mehr. Wir amüsieren uns vielmehr über alles, was nun bis an die Endstation folgt. Tom schnurrt gelegentlich vor sich hin. Es ist zum Brüllen! Und wirkt beruhigend für uns.

 

Meine Skepsis gegenüber der digitalen Welt hatte (und hat weiterhin!) also durchaus ihre Berechtigung, auch wenn das Ganze ein gutes Ende nimmt!

Ich hab mir unterdessen auch sagen lassen, dass es sogar Katzenflüsterer geben soll, die nie («Gott bewahre, nein!») einen Kater zu sich ins Haus aufnehmen würden. Aberglaube aus der analogen Welt?

Ich schliesse mich definitiv dieser atavistischen Haltung an! Nie, nie ein Kater! Kein Kater! Nie!

Also:

Adieu Tom.

Adieu Peeping Tom.

Adieu TomTom.

 

Dominique

 

 

*Dominik mit «k» am Ende gilt als korrekte Schreibweise für einen männlichen Vornamen!