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Durchseucht – durch und durch

Das hab ich doch schon einmal erlebt, schiesst es mir durch den Kopf am Frühstückstisch heute Morgen:

Dieses Gefühl von Eingesperrtsein, keinen Kontakt zur Aussenwelt ausser durch die Medien. Diese Furcht und Angst vor der Seuche.

Es war nicht Sars, nicht Aids. Es war früher – in meiner Jugendzeit – und es betraf mich persönlich, denn es war im ganzen Dorf spürbar und nicht einfach nur über Medien vermittelt. Man blieb vermehrt zuhause, das Spielen mit den Nachbarskindern war mehr geduldet als toleriert.

Bei der Zu- und Ausfahrt des Dorfes war ein Seuchenteppich (mit Desinfektionsmittel durchtränktes Sägemehl) ausgelegt. Alle, die über die Hauptstrasse ins Dorf kamen oder es verliessen, passierten den Teppich und desinfizierten entweder Räder oder Schuhwerk.

Ich erinnere mich noch genau an den Teppich, der sich durch seine maisgelbe Färbung ausnahm aus der winterlich verschneiten Landschaft.

Die Maul- und Klauenseuche tobte durch Teile des Landes. Die Hunde bei den Bauernhöfen lagen an Ketten; Rinder, Kühe und Schweine wurden zur Notschlachtung abtransportiert. Dann wurden ganze Bestände durchgeimpft.

Gut ein halbes Jahr zwischen Bangen und Hoffen bis allmählich wieder Normalität einkehrte. Dann war der Spuk vorbei und also heute vergessen.

Gut, dass man vergessen darf und kann – einerseits.

Andererseits staune ich (frühstückend) bei der Lektüre des Abschlussberichtes des Eidg. Veterinäramtes zur Maul- und Klauenseuche:

 

«Es sei nur auf die Bedeutung des enormen motorisierten Verkehrs hingewiesen, der eine ganz wesentliche Rolle spielt, nicht nur weil durch die Transportmittel der Ansteckungsstoff übertragen werden kann, sondern weil er die Besuchsfreudigkeit und damit Personenkontakte über grosse Strecken fördert. 

(...)

Hohe Infektiosität des Erregers, leichte Übertragbarkeit und lange Inkubationszeit spielten für den Verlauf des Seuchenzuges ohne Zweifel eine wesentliche Rolle. Der rechtzeitigen Anzeige und dem unverzüglichen Einsetzen der seuchenpolizeilichen Massnahmen kommt unter solchen Voraussetzungen eine ausschlaggebende Bedeutung für den Erfolg der Bekämpfung zu.

(...)

An den Sperrmassnahmen wurde im Verlaufe des Seuchenzuges recht heftige Kritik geübt und vor allem die unterschiedliche Anwendung der Vorschriften beanstandet.

(...)

Eine absolute Einheitlichkeit in der Durchführung der Massnahmen wird aber nie zu erreichen sein, weil die Anordnungen aus der Beurteilung der gegebenen Situation heraus getroffen werden müssen und dem freien Ermessen des verantwortlichen Funktionärs immer ein gewisser Spielraum bleibt.

(...)

Für die Tierseuchenbekämpfung von grösster Bedeutung ist die Tatsache, dass das Durchsetzen der allerdings sehr einschneidenden Sperrmassnahmen bei Maul- und Klauenseuche auf immer grössere Schwierigkeiten stösst. Es ist dies auf die Abnahme der landwirtschaftlichen Bevölkerung, auf die stärkere Vermischung von Landwirtschaft und Industrie, auf den immer grösseren motorisierten Verkehr und damit auf das sinkende Verständnis für seuchenpolizeiliche Massnahmen bei der Bevölkerung zurückzuführen. Auf diese Tendenz muss bei der künftigen Konzeption der Bekämpfungsmassnahmen Rücksicht genommen werden.»

 

Ich staune über die Parallelen zur heutigen Seuchensituation. Auch wenn jede Seuche ihren eigenen Verlauf hat und sich nur schwer vergleichen lässt mit anderen, bin ich nach dem letzten Schluck des Frühstückskaffees geneigt auszurufen: Geschichte muss sich nicht wiederholen; es reicht, wenn sich die Lehren aus der Geschichte wiederholen …

 

Dominique