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Down die Locken

Der Lockdown muss Haare lassen.

 

Vor nicht allzu langer Zeit wollte M. sich eine Glatze wachsen lassen. Das posaunte M. damals aus dem Home-Office, um gleich darauf Vaters Redewendung zu zitieren, dass «Haare eine Wasserpflanze seien und der Glatzenträger deshalb weniger Grips besässe – dafür mehr Geduld». Vater habe seine Glatze, die umkränzt war von einem coronaartigen Haarwuchs im unteren Schädelbereich, mit ironischer Gelassenheit getragen und ertragen. Gegen Glatzen sei eh kein «Kraut» resp. Haar gewachsen! Wie recht Vater gehabt habe.

Das sei doch etwas an den Haaren herbeigezogen, entgegnete ich damals. M. wolle sich doch bloss selber – mit Haut und Haar – aus dem Sumpf ziehen, um der Tristesse und dem Katzenjammer in diesen urwüchsigen Zeiten zu entkommen. Ein Selbstversuch, der zum Scheitern verurteilt sei!

Denn es war – damals, vor nicht allzu langer Zeit – niemand da zum Haareschneiden. Scheren und Haarschneider ruhten per Verordnung im Lockdown! Da war deshalb auch niemand, um etwas Seelenkummer abgeladen zu bekommen. Die Haare wuchsen einem und auch allen andern unmerklich erst zu Berge, dann einfach in die Länge; ob man sich das bewusst schon vor Corona vorgenommen hatte – ja, es gab Menschen, die mir das so per Video im Chat kommuniziert haben – oder nicht.

Gegen Haarwuchs ist kein Mittel (vergleiche oben unter «Kraut») gewachsen!

«Geh nach Jerichow und lass dir einen Bart wachsen», grummelte ich M. zu, an Geduld appellierend. Auch meinte ich, dass endlich alle Menschen gleich seien, quasi klösterlich vereint, nur im umgekehrten Sinne, nämlich ohne Kahlschnitt oder Tonsur, dafür eine neue Form von Community formend, gerüstet für die digitale Anbetung vor dem Herrn.

Im Nachgang zu diesen haarsträubenden Zeiten stelle ich nun aber fest, dass Home-Office-Haare – wie Perücken – nur eine falsche Behauptung waren.

Man ertrug das stille Wachstum einfach in der Hoffnung auf bessere Zeiten, die da wieder kommen sollten.

Und diese Zeiten sind nun ausgebrochen.

Nicht nur Kahlschnitte, Tonsuren, Irokesentracht, auch die Rapunzeln und die Simsone oder Samsone, die Toupets und Perücken zieren das öffentliche Leben wieder. Der Herr hat den Seinen das Recht auf persönliche Haartracht per Absolution erteilt. Eitelkeit mit Gel und Scheitel, Make-up und Dauerwelle für unsere Mitschwestern sind zurück. Und die bärtigen Mitbrüder unter uns packen die Gelegenheit beim Schopf und rüsten sich auf das Gross-Ereignis «Bartabhauetä» in Engelberg.

Wer Haare auf den Zähnen hat, sucht wieder das Haar in der wirtschaftlichen oder politischen Suppe. Haarspaltereien um Genderfragen oder Rassismus machen wieder die Runden in den Medien.

Ich lass mir deswegen aber keine grauen Haare wachsen.

Sollen sie doch alle wieder sich die Haare raufen, kein gutes Haar lassen an Dingen, die sie in ihrem Wohlstand stören.

Dagegen scheint eh kein Kraut gewachsen!

 

Dominique