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Sonntag? Gibt‘s nicht mehr!*

«Bleib gesund!»

Was als Grussformel fast jedes Mail in diesen Tagen abschliesst, geht mir langsam so auf den Zeiger, dass ich versucht bin, die Leier geflissentlich zu überlesen. Wie soll ich denn krank werden in meinem Käfig, im sogenannten Home-Office?! Nur der Pollenflug kann mich etwas kränken in meinem Privileg, dem Home-Office, das nicht ausschliesslich in meinen vier Wänden «zuhause», sondern auch morgens auf der Dachterrasse sich abspult; Tag um Tag einmal etwas out of home office.

Heute ist Sonntag. Das Home-Office bleibt bestehen, aber es wird nicht gearbeitet oder aber etwas abgewandelt ... Ich vermelde aus dem Stubenarrest nach draussen in die online-community, dass heute ein Sonntag sei, ein schöner, sonniger. Klar, eine Nullinformation, aber was soll‘s. Ich bin noch am Leben. Etwas Galgenhumor im Wonnemonat Mai, der alles neu mache, dieser Mai.

Zurück kommt per Chat eine Frage und auch die Antwort dazu: «Sonntag? Gibt‘s nicht mehr!»

Der Sonntag ist gerettet, auch der Sonntag! Ein Tag mehr und morgen ist ein schöner, sonniger Montag. Schöne Aussichten also!

Was morgen dann auch sein mag, ob Montag, Dienstag, schon Freitag und dann Sonnabend oder Sonntag, ob wir sogar «die Brücke machen», die Tage gleichen sich wie ein Osterei dem andern. Zum Glück ist Ostern vorbei und es gibt den Hasen und seine Eier zum halben Preis. Leute, kauft nicht nur WC-Papier! Und gönnt euch was in diesen Zeiten, die da sich in einem Strom vermengen, wo alles zusammenfliesst. Corona lehrt uns das panta rhei (alles fliesst) auf ein Neues.

Ja, alles fliesst! Wie letzthin (ich hab den Tag vergessen!). Da lauschte ich und schaute vor allem auch zu beim Denken meiner Gegenübers an einer überlangen Videokonferenz, währenddessen das Smartphone schnurrte und summte, im Maileingang Meldungen reinströmten und jemand auf einem anderen Kanal etwas «streamen» wollte. Medial vermengt im Strom der Zeit, der träge dem Meer zuströmte. Die Alten hätten es wohl so ausgedrückt: «Wer in denselben Fluss steigt, dem fliesst anderes und wieder anderes Wasser zu.» O-Ton aus der Flusslehre des Heraklit, lange vor den Streaming-Zeiten und den hippen, barttragenden Kommunikationstheoretikern!

Seine Lehre gründet tiefer noch: «Wir steigen in denselben Fluss und doch nicht in denselben, wir sind es und wir sind es nicht.» (Sein im Nicht-Sein oder eben Nicht-Sein im Sein!)

Wir sind und sind nicht. Ergo schliesse ich: Ich bin und bin gleichzeitig auch nicht!

Wie wahr. Denn so war es an einem Tag letzthin:

I‘m online. Hello, it‘s me, I‘m working from home in my home office.

«Hallo Leute! Ich bin es, Dominique!» Ich mache nicht Home-Office, ich arbeite im Home-Office.

Es leuchten alle Symbole der digitalen Welt auf meinem Display, in allen Farben und Formen, ausser in Grün und rund! Niemand da! Ich bin und bin zugleich nicht. Unerhört! Man lässt mich im Home-Office aushungern, abstürzen ...

Also verfasse ich im Blindflug eine Mayday-Mail – ohne Zusatz vom Gesundbleiben – dafür mit meiner Mobilnummer versehen:

«Liebe Z., kannst Du mich kurz anrufen auf: 0X9 XXX DB 19?»

Da, Erbarmen, nach 10 Minuten ein Funkspruch per Mail: «Du bist nicht erreichbar, Dominique. Du kannst mich über die Büronummer, die ins Home-Office umgeleitet ist, erreichen oder über 0X9 9BD XX 13.

Bis später

Lieber Gruss

Z.»

Ich wähle die Mobilnummer, spornstreichs. Am anderen Ende eine Männerstimme, die einen Namen nennt, der mir fremd vorkommt. Z. sollte es sein, ist es aber nicht. Ich hab den Herrn in seinem Home-Office gestört, wir plaudern kurz nonsens, schliessen dann mit dem Gesundbleiben.

Ich kontrolliere die Nummer. Korrekt eingegeben! Is there someone in my head but it's not me? Spinne ich?

Nein, noch hab ich meine Sinne beisammen. Ich check noch einmal alles durch. Da, im Mail an Z. liegt der Hund begraben. Ich hab mich beim Verfassen im Zweifingersystem bei meiner eigenen Nummer vertippt, ja, im Home-Office vertippt. Kann doch vorkommen. Statt einer 9 am Schluss sollte eine tiefere Zahl stehen! So kann Z. mich wirklich nicht erreichen.

Also wähle ich die Büronummer von Z. Sie ist «da», ja, sie ist!

Ich: «Ich hab deine Mobilnummer angerufen, aber da meldete sich ein Herr.»

Z. verwirrt, schaut in ihrem Mail nach und entschuldigt sich, bevor sie den Umstand erwähnt: «Ich hab dir eine falsche Nummer aufgeschrieben! Statt einer 9 in der Vorwahl eine tiefere Zahl! Tut mir leid! Aber…» (Auch das Arbeiten im Home-Office scheint seine Tücken zu haben …)

Zufall oder nicht: In beiden Fällen statt einer Neun die unendliche Schlaufe der Acht. Die Acht als Endlosschlaufe, als Symbol für den unendlichen Fluss im Home-Office?

Egal. Wir haben uns gefunden. Beide. Wir «sind» also … und leben beide weiter im home, sweet home office!

 

Dominique (alias «Domingos»)

 

 

*An einem veritablen Sonntag verfasst!