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Dominique an Frederick

Heute auch zum Anhören (gelesen von Franz Szekeres)

 

Lieber Frederick,

 

ich hoffe, du bist gut über die Winterzeit gekommen und freust dich auf die wärmeren Tage.

Ich denke oft an dich, nicht nur in Zeiten wie diesen.

Endlich habe ich mich aufraffen können, dir einige Zeilen zukommen zu lassen, um mich bei dir zu bedanken.

Ich bin im Grunde ein fauler Mensch und hab es immer wieder hinausgeschoben. Ich habe auch vorgeschoben, keine Zeit zu haben, weil ich mich gezwungen fühle, einer regelmässigen Arbeit nachzugehen. Denn von nichts komme nichts – wie du sicher auch mehrfach vernommen haben wirst. Und wer faul zuhause rumsitze, komme zu nichts. Das jedenfalls sagen die fleissigen Leute!

Ja, ich bin im Grunde ein fauler Mensch – wie du eine faule Maus sein sollst. Aber wie du, lebe auch ich mit meiner Faulheit, da ich nicht wirklich weiss, wie ich das wegbringe, dieses «Etwas-faul-Sein», dieses «Mit-der-Seele-Sein», bei sich sein und die Welt um sich herum sein lassen, wie sie ist oder sie in sich aufnehmen, wie sie im Moment ist, weil morgen wird sie nicht mehr so sein, wie sie heute ist.

Denn, wenn sie heute schlecht ist, wird sie morgen anders sein; und wenn sie heute gut ist, wird sie morgen auch anders sein. Also, was soll man die Welt verändern? Sie ändert sich, wir uns mit ihr und bleiben im Innersten so, wie wir sind. Die Welt dreht sich, wir drehen mit. Und faul sein ist und bleibt faul sein. Basta!

 

Frederick, du hast mir zwei Dinge klar gemacht: Dass man zum «Faulsein» stehen soll und dass faul sein nichts mit Faulenzen zu tun haben muss; im Gegenteil!

Danke, Frederick.

 

Du faule Maus lässt dir dein Fell wärmen von der Herbstsonne, während deine Mitmäuse eifrig Vorräte sammeln für den anstehenden Winter.

Du faule Maus sitzt auf einem Felsen und lässt es dir gut ergehen, auch wenn in deinem Rücken gemurrt und gemunkelt wird!

«Rutscht mir doch den Buckel runter!», denkst du vielleicht kurz einmal, aber lässt dich nicht beirren und sammelst weiter in deiner Art.

Die Jungmäuse begreifen es nicht, was ihnen die Eltern beschwichtigend zuflüstern: «Lasst ihn. Er ist, wie er ist. Eigenwillig, nicht bösartig. Er sammelt für sich. Wir tun unsere Sache.»

Und du, Frederick, sammelst in aller Seelenruhe weiter: die bunten Farben des Herbstes, seine Gerüche, Sonnenuntergänge, das Liedchen der Goldammer, das Zwitschern der Schwanzmeisen. Auch Wörter und Redensarten sammelst du aus dem Redefluss der Sammelmäuse in deinem Rücken: «Nimmersatt», «Ohne Fleiss, kein Preis!» (Ich stell dir gerne aus meiner persönlichen Wortsammlung einige zur Verfügung, denn auch Dominique sammelt Wörter!)

 

Lieber Frederick,

danke, dass du so beharrlich tust, was du tust. Denn du weisst, es wird die Zeit kommen, wo die Vorräte zur Neige gehen werden, die Jungmäuse hungers quengelig werden und du deine unerschöpflichen Vorräte auspacken kannst.

Im Nu dann sind verflogen die Entbehrungen während den Stunden mit Frederick, welcher der ganzen Mäuseschar die Felle wärmt, auch wenn es kalt ist draussen und in der Höhle. Alle sitzen sie auf einem Felsen dann und bestaunen die Farben des Herbstes, seine Gerüche, einen Sonnenuntergang, den Knackruf des Kolkraben; hören dir zu und lesen von deinen Lippen.

Ja, sie sollen etwas Recht bekommen, die fleissigen Leute: «Spare in der Zeit, dann hast du in der Not!»

Wie wahr, die alten Redensarten! Sie gelten für alle, für die Fleissigen und die andern auch!

Bleib wie du bist, Frederick.

Es braucht Mäuse wie dich.

Nicht nur in diesen Zeiten!

 

 

Dominique