Porträts: Die Menschen hinter den Geschichten

Steven
33 Jahre, lebt in Hamburg-Blankenese.
Legt regelmäßig in Hamburger Clubs
Platten auf.
«Grüne Songs»
Mitte/Ende der 80er Jahre habe ich angefangen, professionelle Mixtapes aufzunehmen. Zu dieser Zeit war die DJ-Szene in Hamburg noch nicht so stark entwickelt wie heute. In Kneipen und Clubs wurden Tapes gehört. Ich habe dann also hauptsächlich Mixtapes für Kneipen in St. Pauli aufgenommen.
Privat habe ich viele Thementapes gemacht. Da gab's zum Beispiel das legendäre ABC-Tape. Da habe ich Gruppen von A bis Z draufgepackt.
Wenn ich Geburtstagstapes gemixt habe, habe ich Musik aus dem Geburtsjahr der jeweiligen Person aufgenommen. Aber nicht nur Number-One-Hits, sondern ich wollte so ein bisschen die Epoche wiedergeben.
Einmal sollte ich für ein Mädchen ein Tape aufnehmen mit grünen Songs. Das war mir dann irgendwann zu anstrengend. Also habe ich Songs genommen, bei denen es sich um Farben allgemein handelt.
Und einmal versuchte ich, ein Tape nur mit Versionen von "Light my fire" aufzunehmen. Das habe ich aber nicht voll gekriegt.
Immer wenn mir eine Frau gefallen hat, wenn ich die ganz süß fand, und ich vielleicht ein bisschen schüchtern war, dann habe ich versucht, ihr mittels eines Tapes mitzuteilen, dass ich sie gut finde.
Die Kassette war dann auch auf die jeweilige Person gemünzt. Klar, ich hätte auch einen Brief schreiben können, aber der Vorteil bei einem Tape ist einfach, dass du dir dabei Zeit lassen kannst und dass du dich vieler Variationen bedienen kannst. Die Musik kann sehr viel ausdrücken.
Manchmal habe ich auch eine Frau gefragt, was sie auf der Kassette haben will. Eine meinte dann, dass ich mir beim Mixen vorstellen soll, eine Nacht mit ihr zu verbringen.

Andre
34 Jahre, Mitarbeiter im Schallplattenladen "Zardoz" in Hamburg-Altona.
"Nur ein Stück Musik"
Anfangs habe ich Kassetten nur für mich aufgenommen. Als die Plattensammlung dann mit der Zeit größer wurde, fing das dann langsam an. Das übliche Ding: Man denkt, man kann die Frau vielleicht rumkriegen mit einem schicken Tape.
Aber für mich war die Musik immer wichtiger als die Texte. Speziell bei englischen Sachen waren Texte eher eine Art Instrument. Später habe ich dann aber schon angefangen, intensiver auf die Texte zu achten. Dann hat man auch schon mal Stücke aufgenommen, wo man dachte, das ist jetzt so ein Text, den könnte die Person so oder so verstehen. Ein Stück wie "I love you" oder irgendwas in der Art ist ja schon sehr direkt. Aber letzten Endes eben auch nur ein Stück Musik. Das hat dann auch wieder keine Bedeutung. Das heißt, man konnte sich auch notfalls - wenn es hart auf hart kam - damit rausreden, dass das nur einfach ein Stück war, das man gut fand.
Aber klar hat man schon mal drauf geachtet, auf bestimmte Textzeilen, wo man dann auch mal hoffte, dass die Person sich das anhört, bestenfalls in einen verliebt ist und dann denkt: 'Ah, das hat doch jetzt wahrscheinlich irgendeine Bedeutung.' Aber wenn ich es mir genau überlege, hatte ich nie eine Resonanz drauf, die das mal bestätigt hat.
Für Jungs, da macht man keinen Masterplan, dass man da irgendwas reinstopfen muss, um irgendeine Message rüber zu bringen. Da geht es ja eigentlich nur darum, dass man weiß, dass der dieses oder jenes gerne hätte.
Resonanz ist natürlich schon ganz wichtig, wenn man Tapes aufnimmt, weil das sonst wie Perlen vor die Säue werfen ist - viel zu viel Arbeit eigentlich.

Angela
29 Jahre, lebt in Hamburg, Kuratorin.
"Geschichte der Gefühle"
Die erste große Liebe und endlich ein Mann, der seine Gefühle für mich auch in Form von Musik ausdrückte. Auf seiner ersten Kassette "Mix 1990!" sangen Sinead O'Connor ("Nothing compares to you"), Melissa Etheridge ("Like the Way I do"), the Smithereens ("Girl like you"), Eric Clapton ("You are wonderful tonight") und Prince ("I would die for you") nur für mich, für mich ganz allein! Es war die große Liebe. Wir waren glücklich!
Nach dem Abitur und dem Beginn des Studiums wurden die Dinge komplizierter. Es gab jetzt so vieles, worüber man reden musste. Er sah das anders. Das Leben hatte sich für ihn nicht im gleichen Maße verkompliziert wie für mich. Die Folge war eine zunehmende Entfremdung und die Titel auf den Kassetten hießen jetzt: "Watching you" (Melissa Etheridge), "Wave of Mutilation" (Pixies), "Are you gonna go my way" (Lenny Kravitz), "Remember" (aus dem Soundtrack von "The Big Blue") und schließlich "That's the Way Love Goes" von Janet Jackson. Eigentlich war zu diesem Zeitpunkt schon alles zu Ende. Aber "Schluß gemacht" haben wir dann erst im April 1994. Davon zeugt das "April-May"-Tape, eine Kompilation aller negativen Gefühle, die so eine Trennung mit sich bringt: Wut, Trauer, Schuldgefühle und auch das Quentchen Hoffnung, das sich schon immer als trügerisch erwiesen hat. Rage Against The Machine singen auf diesem Tape (für mich?) "Bullet in the Head", Living Colour sagen "Leave it Alone" und die Fantastischen 4 raten auf der B-Seite "Mach Dich frei" - auf der A-Seite forderten sie noch "Sieh Dich im Spiegel an". (War meine Nase etwa doch noch gewachsen?)

Anna
24 Jahre, lebt in Flensburg. Studentin.
"Und jetzt kommt etwas, was mich an dunkle Zeiten erinnert"
Wenn ich jemandem ein Mixtape schenke, geht es meistens darum, einen Eindruck davon zu vermitteln, was ich gerne höre. Einmal war ich ziemlich verliebt. Demjenigen habe ich eine Kassette gemacht mit Fettes Brot und Tracy Chapman. Was von ihm zurück kam, war allerdings ganz schrecklich. Ich fand die Musik einfach langweilig, aber ihm habe ich natürlich gesagt, ich fände das so "na ja". Gefreut hat mich aber, dass er meine Musik so toll fand, dass er mir daraufhin noch zwei CDs nach meinem Geschmack geschenkt hat.
Ich finde, die Musik auf den Tapes sollte ruhig eine Kombination verschiedener Musikstile sein. In der Mitte kann gut was Ausgeflipptes eingespielt werden, zum Ende hin sollte die Kassette dann aber mit einem relativ ruhigen Lied ausklingen.
Worüber ich mir besonders viele Gedanken mache, ist das Cover. Bei meinem letzten hatte ich ein Foto von einer Freundin, die die Kassette bekommen sollte, mit verrückt aufgerissenem Mund zusammen mit einer Herz-König-Karte aufgeklebt - sozusagen als Freundschaftssymbol. Fotos finde ich ganz schön für die Covergestaltung, denn sie sind noch viel persönlicher als Zeitungsartikel oder Ikea-Room- Magazines, obwohl ich die auch verwende.
Was mir inzwischen ziemlich peinlich ist, sind die Kommentare, die ich auf einem Mixtape drauf gesprochen habe. Zum Beispiel: "Und jetzt kommt etwas, was mich an dunkle Zeiten erinnert!" Dem Beschenkten hat das sogar gefallen, aber ich möchte diese Kassette mit meiner eigenen Stimme nicht mehr hören.

Aretius
29 Jahre, lebt in Hamburg. Stadtplaner und DJ.
"Etwas Echtes"
Mein bester Freund hat mir früher immer Tapes aufgenommen. Da ging der Underground gerade los, und das waren teilweise ziemlich krasse Sachen. Einstürzende Neubauten zum Beispiel, die Musik hatte voll die Energie, und das war mit nichts vergleichbar, was sonst da war: Krach. Bohrmaschinen. Schon da habe ich immer akribisch darauf geachtet, dass die Songtitel auf diesen Tapes drauf waren. Und mein Freund halt auch, mit Datum und Dolby angekreuzt und so. Heute ersetzen mir die Kassetten tatsächlich so ein bisschen auch das Tagebuch.
Zu der Zeit ging es auch los mit Im-Park-rumhängen und Musik-hören. Draußen und Musik. Kassetten-
recorder immer dabei. Der wurde auch schön verziert mit irgendwelchen Sprüchen oder mit einem Feuer-
zeug ein bisschen geschmolzen - neu geformt. Fehler waren beabsichtigt zu der Zeit.
So habe ich zum Beispiel auch Kassetten mit Edding schwarz angemalt und dann mit Tipp-Ex in weiß den Text drauf geschrieben. Dadurch bekam das Ganze was Echtes: Es war nicht wiederholbar. Die Oberfläche, und einfach wie sich das Teil anfühlte.
Die meisten Ideen entstanden damals im Wesentlichen dadurch, dass man begrenzte Möglichkeiten hatte. Heute ist das anders, und das Problem der Wahllosigkeit kommt viel öfter auf. Vielleicht bin ich auch einfach wahlloser geworden.
Irgendwann kamen jedenfalls diese Remixe auf. Vor allem Depeche Mode hatten zu jeder Single mehrere Maxis rausgebracht. Ich habe dann begonnen, daraus Remix-Compilations zu machen. Damals hatte ich auch noch ein Auto, da gab's halt Auto-Tapes. Und immer Leute mitgenommen, die die dann gehört haben. Das fand ich auch schon cool: Die Musik, die ich so geil fand, anderen Leuten zugänglich machen. Und dadurch auch eine Gemeinsamkeit schaffen. Darauf hat ja die ganze Szene basiert: eine Familie irgendwie. Die Musik war ein essentieller Bestandteil dabei.

Ascan
30 Jahre, lebt in Hamburg-Eidelstedt
"I keep on searching for the way to your heart"
Die ersten Tapes, die ich gemacht habe, waren immer nur Ausschnitte aus Liedern, bei denen es um eine bestimmte Sache ging. Da hatte ich mal das Lied von den Pointer Sisters - "Tonight we're gonna make it happen" - oder von Soulsister - "I keep on searching for the way to your heart". Auf den Tapes sind dann immer bestimmte Ausschnitte dieser Lieder gewesen.
Ursprünglich war diese Idee entstanden, um in relativ kurzer Zeit möglichst viel geballte Message rüber-
zubringen, in vier bis fünf Minuten maximal. Dabei ich habe ich immer Wert darauf gelegt, nach Möglichkeit die Stücke zusammen zu spielen, bei denen ich mir vorstellen konnte, dass die Person, die diese Kassette dann kriegt, diese Stücke auch sehr gut findet.
Mein erstes dieser Tapes habe ich 1989 aufgenommen für meine damalige Tanzpartnerin, in die ich unheimlich verknallt gewesen bin. Damals war sie 15 und ich war 17. Und weil sie immer mit einem Walkman umherlief, dachte ich damals, dass es eine gute Idee wäre, ihr bestimmte Ausschnitte aus Liebesliedern aufzunehmen, damit sie irgendwie mitkriegt: "Mensch der Kerl, der steht auf mich." Ich hab dann mehrere Versionen der Kassette gemacht und immer geguckt, ob ich die Ausschnitte überall getroffen hatte, und ob die Reihenfolge stimmt. Ich würde mal sagen, dass in das erste Tape so 25 bis 30 Stunden reingegangen sind.
Als ich ihr aber dieses Tape geben wollte, hatte sie leider ihren Walkman nicht dabei. Von daher konnten wir das in dem Moment gar nicht abspielen und ich musste ihr dann mündlich sagen, was ich mit dem Tape ausdrücken wollte. Ich habe es natürlich nicht geschafft, diese Message in Worte zu fassen.

Ben
39 Jahre, lebt in der Hamburger Neustadt. Grafiker.
"Jahres- und Monatskassetten"
Ich habe immer schon gerne eigene Hitparaden geführt. Seit 1975 habe ich mich jede Woche hingesetzt und meine Lieblingslieder aufgeschrieben. Seit 1991 nehme ich die auch auf meinen Jahreskassetten auf. Heute mache ich das immer Silvester. Das ist wie so ein Jahresrückblick. Ich fange so mittags herum an und schreibe mir alle Lieder raus, die ich in diesem Jahr gut fand. Wobei ich das ganze Jahr über schon Lieder aufschreibe, die dann irgendwann mal auf dieser Jahreskassette landen sollen. Das ist dann so meine Jahres-Top-25.
Ich habe aber auch Monatskassetten. Da sind nur Lieder drauf, die einen Bezug zu einem bestimmten Monat haben. Zum Beispiel Lieder, die ich mal in einem Januar gekauft habe. Und nicht nur gekauft habe, sondern die dann auch meine Lieblingslieder gewesen sind. Lieder, die ich, bevor ich ins Bett gegangen bin, mir noch einmal auf Kopfhörer angehört, dabei eine Zigarette geraucht und im Winter Milch mit Honig und im Sommer irgendwas Kaltes getrunken habe.
Das habe ich früher immer gemacht, mache ich heute aber leider nicht mehr. Ich finde aber auch, dass heute nichts Gutes mehr raus kommt. So richtig Gutes, wo ich hinschmelzen kann, wo ich abends auch Bock habe, mich hinzusetzen und eine Zigarette dazu zu rauchen und nur dieses eine Lied zu hören.
Das war im Prinzip in den letzten beiden Jahren auch schon so. Aber ich habe wenigstens Musik gefunden, die in etwa in diese Richtung ging. Das beängstigt mich auch ein wenig. Bei einer Kassette waren sogar unter meinen 25 Lieblingsliedern Lieder drauf, die ich kaum kannte. Die waren gut, aber ich hatte die nur ganz, ganz selten gehört. Daran merke ich, dass die Leidenschaft schon weniger geworden ist. Wenn ich dann mal ein überschwengliches Gefühl bekomme bei Musik, dann ist das nur bei irgendwelchen alten Sachen. Aus den 60ern.

Christian
40 Jahre, lebt in Luzern. Redakteur und Moderator beim Schweizer Rundfunk DRS3, freier Autor ("Mein erster Sanyo").
"Das Medium ist nicht wichtig"
Ich wechsle das Medium für diese breit gestreuten Mixe - früher hatte ich den Zugang zu einem 8-fach-Kassetten-Kopierwerk bei DRS3 - den habe ich nun nicht mehr. Aber das Medium war mir nie sehr wichtig - ob Vinyl, ob CD, ob Kassette. Das ist letztlich auch bei Mixen so.
Diese beiden Mixe sind Teil der im Buch erwähnten Jahres-Best-Of-Mixe, die ich seit 1996 jedes Jahr mache und an ausgewählte Freunde und Kollegen schicke. Nix Persönliches, keine Botschaft, sondern einfach Musik, die ich mag und von der ich denke, dass sie auch andere zu interessieren vermag.

Doris
26 Jahre, lebt in Hamburg. Studentin.
"Das hier bin ich, und das ist meine Musik."
Ich höre Musik ja wirklich schon seit Ewigkeiten. Angefangen mit Nena als ich klein war und dann war ich ziemlich schnell schon so ein Fanatiker, der dann auch Texte mitgeschrieben hat. Irgendwann hat sich das halt dahin entwickelt, dass ich eben nicht nur fertige Alben gekauft habe, sondern auch Lust hatte, selber was zusammenzustellen - entweder für mich selber oder für Freunde. Ich glaube, mein Mixtapeleben begann mit vierzehn. Da muss man ja auch immer die entsprechenden Gerätschaften haben, die ich auch nicht von Anfang an gehabt hatte.
Anlässe, Mixtapes herzustellen, waren Geburtstage, Weihnachten und Urlaube. Später habe ich vor allem auch für Freunde - also männliche Freunde, mit denen ich zusammen war - Kassetten aufgenommen.
Das war dann immer so ein Ausdruck meiner selbst: "Das hier bin ich, und das ist meine Musik." Oder auch: "Dieses Gefühl möchte ich jetzt irgendwie durch Musik vermitteln."
Eine ganz wichtige Rolle kommen dabei den Texten zu. Die lasse ich für sich sprechen. Die sollen die Situation widerspiegeln. Melodie und Text müssen immer ein Zusammenspiel sein. Besonderen Wert lege ich auf den ersten Song und auf das passende "Seiten-Beendigungslied". Dieses ist durch den Platz bestimmt und häufig der Grund für das Umschmeissen des Konzepts.
Außerdem brauche ich unbedingt einen Impuls. Wenn die Inspiration nicht von selber kommt, ist es meistens schwer. Dann fange ich irgendwas an, habe drei Lieder drauf, die gut sind, und es kommt nie zum Ende. Sich mit dem Kopf vorzunehmen, ein Mixtape zu machen, ist schwer. Ich schreibe meistens in einem runter, was da drauf soll, und zwar in mein dafür vorgesehenes Buch, wo ich auch noch den Empfänger und den Arbeitstitel eintrage.
Ich würde aus Respekt vor dem Mixtape nie eins vernichten, auch wenn es mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist.

Elke
37 Jahre, lebt in Hamburg. Diplom-Psychologin, selbstständige Coach und Trainerin.
"Independence"
Warum ich diese Kassette zum Thema Selbstständigkeit aufgenommen habe?
Ich habe auch früher schon gerne Themen, die mich beschäftigten, mit Musik ausgedrückt und mich selbst mit Musik "geheilt". Musik spielt bei meinem emotionalen Selbstmanagement eine große Rolle.
Jetzt bin ich seit vier Jahren selbstständig und durchlebe eine aufregende Zeit. Ich erlebe Hoch- und Tiefgefühle, Glück, Stolz, Ärger und ganz viele Ängste. Oft habe ich den Eindruck, ganz alleine dazustehen. Für jedes dieser Gefühle habe ich "meine Musik", die mich begleitet und wenn nötig wieder kraftvoll macht.
Mit dieser Kassette habe ich das erste Mal den Soundtrack zu meiner Selbstständigkeit zusammengestellt.
Inzwischen kenne ich viele Menschen, die auch selbstständig sind. Besonders wohl fühlte ich mich lange in einem kleinen Netzwerk von Frauen, die in unterschiedlichsten Bereichen Unternehmen gegründet haben. Wir kennen uns seit unseren Anfängen und haben uns gegenseitig unterstützt.
Bei der Aufnahme der Kassette habe ich speziell an diese Frauen gedacht und wollte Sie teilhaben lassen an meinem "Zaubertrank", auch wenn ich wusste, dass nicht alle mit allen Liedern etwas anfangen können werden. Auch die Zusammenstellung ist vermutlich sehr speziell, sie ist für mich teils chronologisch sinnvoll, teilweise aber auch rein assoziativ. Nachvollziehbar ist sie wohl in jedem Fall nur für mich. Auf jeden Fall gibt es wohl kaum ein anderes Thema, das Cindy & Bert ("Geh' die Straße") einen Platz gleich neben Metallica ("Nothing else matters") finden lässt.
Wenn auch nur ein Lied dieser Kassette nur einer anderen Person so richtig gut tut, dann hat sich die Aufnahme und die Vervielfältigung gelohnt!

Ferenc
31 Jahre, lebt in Hamburger Neustadt. Mediengestalter
"Tapes sind Zeitdokumente"
Angefangen hat es Ende der Achtziger mit LPs. Damals gab es halt nur LPs.
Im Radio lief eigentlich nie die Mucke, die mich interessiert hätte.
Mit der Konfirmationsanlage hab ich angefangen zu tapen. Da war ich vierzehn. Das war so ein Doppeltape. Da hab ich mir Sachen aus dem Radio aufgenommen, dann auf dem Doppeltape die Sachen rausgepickt, die mich davon interessiert hatten.
Bis Anfang der Neunziger hab ich immer ganze Platten runterkopiert. Man muss ja erst mal einen guten Grundstock haben, aus dem man den besten Kram runterziehen kann.
Und dann habe ich angefangen, die ersten Tapes hiphopmäßig aufzunehmen: die Perlen auf ein Tape, ohne Schrott dazwischen - also ein gutes Tape zum Autofahren oder zum Zeitungaustragen.
Aufgenommen hab ich erst mal nur für mich, später dann auch für Freunde oder Freundinnen: um zu gucken, ob die Leute auch drauf stehen, oder um denen zu zeigen, das ist echt der heißeste Scheiß auf den ich steh. Auf jeden Fall zeigen. Also so ein Statement: Das und das ist meine Mucke, und vielleicht gefällt sie dir, wenn nicht, schade, wenn ja, ist natürlich geil.
Das geht irgendwie auch um Werbung. Das steht zwar nicht so bewusst an erster Stelle. Beeindrucken kann man damit irgendwie niemanden, aber man zeigt halt seinen Geschmack, und wenn das harmoniert, dann ist das klasse. Der Sound steht im Vordergrund, oder die Gefühle, die über die Musik rüber kommen.
Tapes sind für mich so Zeitdokumente:
Stationen, Erinnerungen an Leute, Gefühle, Situationen. Ist halt so, als ob du die Fotos von damals raus holst. Ich hab so eine Kiste, da sind halt ganz viele Fotos drin, und wenn ich die halt angucke oder so ein Mixtape hör, dann ist das wie ein Ausflug in die Vergangenheit.
Frauke
29 Jahre, lebt in Hamburg Heimfeld. Lehramtsstudentin.
"Das Tape darf nie kaputt gehen"
Als Kind habe ich sehr gerne Hörspiele gehört. Märchenplatten, "Peter Pan" und "Winnetou". Ich hatte auch schon früh sehr viel selber aufgenommen. "Auf-Kassette-Aufnehmen" war mein liebstes Hobby. Das fing mit anderthalb oder zwei Jahren an, als ich so gerade sprechen konnte. Mein älterer Bruder und ich haben damals (Weihnachts-)Lieder aufgenommen, die wir selber gesungen haben.
Später habe ich mir auch selber Hörspiele ausgedacht und inszeniert und Radiosendungen nachgespielt oder für meine Mutter zum Geburtstag eigene Geschichten auf Kassette gelesen. Als ich älter war, habe ich dann auch Musik aus dem Radio oder Fernseher aufgenommen, oder für Freunde etwas überspielt, wenn sie mich ganz konkret um etwas gebeten haben. Für jemand anderen aber so akribisch Mixtapes zusammengestellt habe ich nicht. Das ist mordsaufwendig - da fehlte mir die Lust.
Hier verblüfft es mich immer wieder, wie viel Zeit mein Bruder für seine kleine Schwester investiert hat. Jahrelang habe ich nur Kassetten gehabt, die mein Bruder mir aufgenommen hat. Supercoole Tapes, die mich an sehr coole Musik heran geführt haben. Ein oder zwei Mixtapes habe ich von verliebten Jungs gekriegt, und eine Zeitlang bekam ich dann grottenschlechte Home-Aufnahmen von Freunden, die in einer eigenen Band spielten.
Eine sehr große Rolle spielt für mich das Tape, das mir mein Freund an dem Tag geschenkt hat, an dem wir uns verliebten. Das darf auch nie kaputt gehen. Jetzt lädt er eher Sachen aus dem Internet herunter und brennt sie auf CD. Und CDs sind nun einmal, auch wenn ich mich lange dagegen gewehrt habe, weil sie nicht so sinnlich sind wie Schallplatten oder Kassetten, das Hauptmedium, das ich inzwischen höre.

Greta
22 Jahre, lebt in Hamburg
"David + Greta = Herz"
Die Kassette "David + Greta = 'Herz'" ist unersetzlich für mich. Ich habe sie im Sommer 1998, als ich für sechs Wochen alleine in den Urlaub fuhr, von meinem damaligen Freund David geschenkt bekommen. Er hatte sie mir zusammen mit einem T-Shirt, das nach ihm roch, nachgeschickt. Ich war damals 18, David 20.
David hat bei der Kassette nicht wie üblich die Songtitel und Namen der Interpreten auf die Hülle geschrieben, sondern die Titel nach den Erlebnissen benannt, an die uns die einzelnen Lieder erinnern. So geht es bei dem "kasseturmkomplimente-lied" (James Brown) um den Kasseturm in Weimar, in dem wir einen Abend verbrachten, ich viel getanzt habe und er mir dafür Komplimente gemacht hat. An diesem Abend haben wir uns verliebt.
Das "überraschungfürwesterkilver-lied" (Tori Amos) steht für ein paar Tage, die wir zusammen im Wochenendhaus meiner Eltern in Westkilver verbracht haben. David hat mir dort eine langersehnte Platte geschenkt.
Das "wirfahrennachhamburg-lied" (Radiohead) erinnert mich an eine Fahrt nach Hamburg zu einem Tori Amos Konzert im Passatkombi meiner Eltern: der Rücksitz umgeklappt und mit Polstern ausgelegt. Als es dunkel wird, fahren wir einfach irgendwo von der Autobahn ab in die Dörfer. Auf einem Feldweg bleiben wir stehen, machen es uns gemütlich. Leider werden wir von unheimlichen Signalfeuern gestört: wir sind mitten in einem Militärübungsgebiet gelandet. Also weiter. Der nächste Feldweg ist noch ein wenig abgelegener an einem Waldrand. Obwohl ich normalerweise nie Angst habe, grusele ich mich jetzt doch ein bisschen.
So ist das mit der Musik: Ohne es zu wollen, bleibt sie verknüpft mit Momenten, Stimmungen oder Personen. Außer den Kassetten habe ich schon lange alles, was uns gehörte, zusammengepackt und in eine Kiste getan. Aber die Musik blieb. Nur gehört hab' ich sie nicht mehr.

Ingo
44 Jahre, lebt in Hamburg. Ingenieur.
"Hilversum III"
Ich habe Tapes aufgenommen, seit ich so 13, 14 war. Das waren so die Siebziger Jahre gewesen.
Damals waren noch relativ wenige Medien zur Hand. Es gab ja die LPs, die Langspielplatten, die waren teuer, und dann gab es Radiosender - allerdings nicht so viele wie heute. Und dann gab es plötzlich die Möglichkeit, selber etwas aufzunehmen. Das war eine tolle Geschichte. Also das Ziel war überhaupt: einen Kassettenrecorder zu haben.
Ich habe viel vom Radio mitgeschnitten.
Da gab es so Hitparaden, bei denen man ungefähr abschätzen konnte, was kommt, und man versuchte dann, das zu erwischen, was man gerne haben wollte.
Ich wohnte damals nahe der holländischen Grenze und konnte so auch viel holländisches Radio hören. Da gab es diesen Piratensender Radio Veronica und Hilversum III. Das war ein Sender, auf dem immer verschiedene Sender Sendeplätze gebucht haben, sodass sich auf Hilversum III immer unterschiedliche Programme meldeten.
Das Cover der Kassette ist mit Songs und Künstlernamen beschriftet. Teilweise improvisiert. Da habe ich dann nur mal eine Zeile mitgeschrieben, wusste aber gar nicht, ob es auch der Titel von dem Stück war. Ich habe immer gedacht, irgendwann machst du das mal richtig schön. Habe ich natürlich nie gemacht.
Wenn ich mir diese Kassette so anschaue, kann ich sechs, sieben, acht Leute nennen, mit denen ich eine tolle Zeit hatte.
Das ersetzt fast Fotos - eigentlich mehr als Fotos. So eine Kassette gibt einem mehr, als nur das Klangerlebnis. Die sieht so unscheinbar aus und so schlampig beschriftet, aber: Das ist ein Stück dessen, was man als Erinnerung hat.

Katja
41 Jahre, lebt in Hamburg. Freiberufliche Architektin
"Selbstständigkeit?"
Ich bekam die Mixkassette "Selbstständigkeit" zur Weihnachtsfeier meines Frauennetzwerkes "female business" mit selbstgemachten Wolkencover zu meiner großen Überraschung und Freude. Sofort kam die Erinnerung an mein erstes eigenes Mixtape von "richtig klasse" Songs der Schlagerrallye im WDR-Hörfunk. Meine Lieblingslieder zum Wohlfühlen und Wiedergutdraufkommen!
Nächster Gedanke: also da bist du ja jetzt nun zu alt, was ist denn da so auf dieser Kassette drauf... Oh je, deutsche Lieder, auweiha.
Hm, SELBSTSTÄNDIGKEIT ist jetzt mein ganzes Leben, vielleicht funktioniert es ja noch, sich gut fühlen, Mut kriegen usw. durch die Musik!? Außerdem: was sich Elke wohl dabei gedacht hat, gefühlt hat!? Vielleicht klingt ja in mir was an? - Bin sehr neugierig.
Und ich habe trotz Neugier nicht sofort reingehört!
Einige Tage später, kurz vor Neujahr, neue Jahresplanung, Finanzen klären, neue Zielgruppen akquirieren - kurz das Jahr planen. Wie wird das alles nur werden? Ein Kundenbesuch steht an, richtig weit vor Hamburg, im Schnee, mit geliehenem Auto und dann noch nach der Dämmerung - mir gruselt es. Da fällt mein Blick auf die Kassette von Elke: die soll DIR jetzt auf der Fahrt dorthin helfen!
Und es war noch viel besser. Gerade die deutschen Lieder, gaben mir Bilder wie Flügel ausbreiten und loslegen und ausprobieren. Go for it! Mut fassen und Erfahrungen sammeln. Bestimmt meint Elke das, und ich kenne es so gut. Fenster runtergekurbelt und Musik aufgedreht - allein in die stille Winterlandschaft hineingesungen und der MUT kam!
Auf dem Rückweg Erleichterung und Müdigkeit und wieder lautes Singen. Im Auto nebenan schauen sie rüber - na und, das ist mein Leben. Und ich gehe meinen Weg auf der Straße (Cindy & Bert) und breite meine Flügel aus und gleite über Hügel (Söhne Mannheims).

Markus
23 Jahre, lebt in Brackel bei Hamburg. Ausbildung zum Landschaftsarchitekten.
"Ein Lebenszeichen geben"
Kassetten-Überspielen hat auf jeden Fall mehr Magie als eine CD zu brennen. Bei einer Kassette kannst du hinterher auch noch eingreifen und ein bisschen mit den Liedern rummauscheln. Bei einer CD ist das sehr viel statischer.
Wenn man sich eine CD zusammenstellt und brennt, dann ist das nicht so von Herzen wie bei einer Kassette. Eine Kassette ist halt eine Kassette. Man sitzt die ganze Zeit dabei: in Echtzeit. Man muss sich wirklich alles anhören und man merkt auch, wenn ein Lied nervt. Dann muss man halt die Kassette zurückspulen und fängt wieder von vorne an. Das kannst du mit der CD nicht machen.
Die Kassette rauscht, hat einen dumpfen Klang - sie ist einfach lebendiger als eine CD. Die Kassette stirbt auch irgendwann. Die rauscht dann nur noch und kann nicht mehr abgespielt werden.
Mit Kassetten kann man ganz nett die Leute beschenken, ohne allzu großen Aufwand, aber doch mit eigenem Akzent - mit Liebe. Man sitzt ja doch zwei Stunden vor einem Tape...
Für ein Mixtape sind zwei Personen wichtig: Du selber und derjenige, der das Mixtape kriegt. Es ist eine Kommunikation, die ohne die Kassette vielleicht nicht stattfinden kann, weil ich vielleicht zu schüchtern bin oder ähnliches.
Jemandem eine Freude machen wollen - das ist ja auch Kommunikation. So ein Weihnachten-für-jeden-Tag... Vor allem, weil sich das der andere auch gar nicht gewünscht oder erwartet hat... Ein Tape ist immer eine Überraschung!
Allerdings: Mixtapes aufzunehmen ist nichts Weltbewegendes, nichts Wichtiges. Das ist nichts, womit man sich rühmen kann. Es geht eher darum, ein Lebenszeichen zu geben.

Markus
22 Jahre, lebt in Hamburg. Studiert Pädagogik, spielt Schlagzeug in zwei Bands..
"So eine Art Audiolebensgefühl"
Ich weiß nicht, ob es gute und schlechte Mixtapes gibt oder objektive Kriterien oder so was. Wenn es für dich richtig ist, dann ist es für dich richtig. Wenn ich versuche, einigermaßen objektive Kriterien zu nennen - wie keine zwei Lieder von einer Band oder keine abgeschnittenen Lieder -, dann sind es im Prinzip meine subjektiven Kriterien. Ich möchte einfach, dass der Zuhörer der Kassette positiv gewogen ist.
Wenn jemand kommt und sagt: Ich hätte gerne ein Mixtape von dir, dann würde ich mich darüber auch freuen. Das ist ja auch irgendwo eine Verbeugung vor meinem Musikgeschmack. Schließlich geht es beim Mixtape ja auch darum zu zeigen, was man kennt. Naja, und es soll natürlich auch am besten noch mich in der momentanen Lebenssituation, in der ich bin, zeigen. Einfach so eine Art Audiolebensgefühl.
Da habe ich auch mal ein ungewöhnliches Tape gemacht, meine Audiobiografie: Mit welcher Musik ich angefangen habe, was mich geprägt hat. Ich habe die Kassette chronologisch meinem Leben entlang gemacht. Da hat dann jedes Lied auch seine eigene Geschichte erzählt. Für mich. Es gibt so viele Lieder, die soviel aussagen können, und ein Tape offenbart einem dann einfach die Möglichkeit, einen Mix der coolsten Lieder draufzumachen.
Ich hoffe schon, dass sich das Mixtape weiter halten kann. Ich würde nicht sagen, dass es Kult ist.
Es ist halt so traditionell, Kassetten zu machen und keine CDs zu machen. So hab ich angefangen und dann bin ich halt konservativ: So würde ich weitermachen.

Nina
24 Jahre, lebt in der Hamburger Altstadt. Studentin.
"Oh Andy, you came and you gave without taking"
Den "Heimweh-Mix" hab ich zusammen mit einer Freundin aufgenommen. Der war für einen Freund von uns bestimmt, der seinen Bundeswehrdienst antreten und auch irgendwo außerhalb in einer Kaserne wohnen musste. Er hatte überhaupt keine Lust dazu, und da haben wir gedacht, wir muntern ihn mit einer Kassette ein bisschen auf.
Ich fand den Jungen damals auch ganz toll, sodass bei mir auch die Intention war, dass meine Seite ganz beeindruckend werden muss. Jeder durfte eine Seite machen.
Das war dann auch so ein bisschen Konkurrenzkampf zwischen meiner Freundin und mir. Jeder wollte den anderen übertrumpfen, wessen Seite besser wird, und ich weiss noch, dass ich zum damaligen Zeitpunkt dachte: Na, meine ist ja wohl viel besser als ihre!
Der Höhepunkt bei diesem Mix war dann, dass wir für ihn ein Lied selber gesungen haben! Mit Barry Manilows Hintergrundstimme zu "Mandy". Aber das "M" ist eingeklammert, denn der Kerl hieß André, und wir haben dann immer "Oh Andy" gesungen. Also das war so Highlight, deswegen ist es auch Seite A, erstes Lied.
Wir haben uns dann aber diese "Oh Andy"-Version noch mal durch den Kopf gehen lassen und uns gedacht, dass das vielleicht doch nicht so kultig ist, wie wir zu Beginn gedacht haben. Das ist dann wohl auch der Grund, wieso er die Kassette dann nie bekommen hat.

Raphaela
24 Jahre, lebt in Hamburg Eilbek. Studentin.
"Die Kassette lebt mit"
Ich mache Mixtapes, weil ich CDs nicht durchhören kann. Ich will immer ein bestimmtes Lied hören und assoziiere danach ein ganz anderes, von einer ganz anderen CD. Aber ich muss unbedingt dieses Lied danach hören. Auf Mixtapes kommt das dann in der Reihenfolge, wie ich es haben will.
Am Anfang hab ich immer vom Radio aufgenommen, da war ich ungefähr 11 oder 12. Auch wenn zum Beispiel Staumeldungen kamen, war das gar kein Problem, weil mich sogar schon ein kleines Stück meines Wunschliedes zufriedengestellt hat. Für mich war Radio früher so was wie Napster, nur nicht so komfortabel.
Mixtapes spiegeln schon ziemlich viel von der Seele wieder, von der Persönlichkeit oder einfach vom momentanen Gemütszustand. Deswegen sind es auch nie einfach nur Lieder. Schenk mir ein Mixtape, und ich sage dir, wie du dich gerade fühlst.
Ich verbinde mit Tapes auch Situationen. Die Musik auf der Kassette kann Erinnerungen wecken, oder aber auch immer wieder neue Assoziationen hervorrufen. Wenn du die Kassette später wieder hörst, ist die erste Assoziation zwar noch da, aber es kommt auch wieder eine neue dazu. Im Laufe ihres Lebens kriegt die Kassette ja auch Macken ab, Aussetzer und so weiter. Das sind für mich Zeichen, dass die Kassette mitlebt.
Jedes Mixtape ist einmalig, auch wenn man natürlich die gleichen Lieder in der gleichen Reihenfolge auf eine andere Kassette aufnehmen könnte. Allerdings kann dies nicht in der gleichen Situation geschehen, weil ja auch diese spezielle Situation und diese speziellen Gedanken beim Mixtape zur Einmaligkeit beitragen. Wenn ein Mixtape verloren gehen würde, wäre das schon tragisch. Dann wäre ein ganzes Stück von mir weg. Die Kassette macht ja einiges mit, wenn sie als fertiggestelltes Tape mein Wegbegleiter ist. Ein Stück von meiner Geschichte halt.
Ich habe eine Zeitlang zusammen mit meinen zwei besten Freundinnen Lieder auf Kassetten raufgespielt. Da waren alle Lieder drauf, die für uns gerade wichtig waren, so wie ein Soundtrack zum Leben.

Stefan
32 Jahre, lebt in Peine. Buchbinder.
"Manchmal bin ich an so einem Punkt, da kann ich einfach nicht mehr, dann ist das richtig ekelhaft."
Ich brauche immer einen bestimmten Tag, wo ich merke: Heute habe ich einen Flow. Heute ist ein Tag, da kann ich eine gute Kassette aufnehmen.
Ich lege mir dann bestimmte Dinge bereit und ziehe mir vorher die Platten schon aus dem Plattenregal raus. Dann geht es auf die Suche. Es muss ein Anfangsstück gefunden werden. Mit dem Anfangsstück steht und fällt eine Kassette. Manchmal brauche ich Tage, um das ideale Anfangsstück zu finden. Und wenn ich dann denke: "Ey, das ist es jetzt! Jetzt ist der Moment da!", dann kriege ich so einen kreativen Schub. Das dauert dann so fünfzehn, zwanzig Minuten, und dann falle ich wieder in so ein Loch.
Dann gleite ich ab. Da bin ich praktisch dann so drin, dass ich plötzlich auch für mich Musik höre. Das nehme ich dann gar nicht auf, sondern ich habe dann eine bestimmte Phase. Das muss dann erst mal abgearbeitet werden, um dann das passende nächste Stück zu finden.
Ich achte darauf, dass so eine Kassette gleichförmig ist, nicht so ein Rauf-Runter-Rauf-Runter-Rauf-Runter - sonst kann man die Kassette nicht gut durchhören.
Ich bin ein unheimlich langsamer Kassettenaufnehmer. Ich brauche gut drei Tage, um die neunzig Minuten voll zu kriegen.
Ich bin danach auch immer ausgepowert. Manchmal bin ich an so einem Punkt, da kann ich einfach nicht mehr. Dann ist das richtig ekelhaft, und ich muss die Kassette zur Seite legen. Irgendwann geht das weiter.

Steven
24 Jahre, Studiert Anglistik in Hamburg.
"Ich muss jetzt mal deine Seele retten"
Ich mache Mixtapes, um Leuten Musik näher zu bringen. Ich rede ziemlich viel über Musik, und häufig ist es so, dass die Leute 75% oder 90% davon nicht kennen. Ich habe dann so den Impuls: OK, jetzt musst du denen mal eine Kassette geben, damit die überhaupt wissen, wovon ich rede. Ich will dann den Leuten immer diese neue Erfahrung geben, dass sie etwas hören, was sie vielleicht vorher noch nicht gehört haben, und vielleicht dadurch an der Musik Interesse finden.
Es geht dabei um diese Mund-zu-Mund-Propaganda: Das müsst ihr jetzt wissen, das müsst ihr kennen! Dieses Lied, das ist einfach zu gut, als dass es irgendwie so ein Insider-Ding bleiben soll, das nur ich und drei andere Leute in Hamburg kennen.
Für mich gibt es schon bestimmte Regeln, wenn ich eine Kassette aufnehme. Zunächst muss ein Thema da sein. Wenn man das Thema hat, dann guckt man, wie man die Kassette aufbaut. Das erste Lied ist da erst mal entscheidend.
Ich versuche, die Lieder so aneinander zu reihen, dass keine Pause dazwischen ist. Je nachdem, für wen du eine Kassette machst, weißt du ungefähr, welche Lieder die gut finden. Und dann kannst du gucken, welche Lieder noch dazu passen. Welche Lieder sind so ähnlich, aber noch unbekannt. Deswegen gucke ich erst mal, was hören die Leute sonst so für Musik.
Ich gebe eigentlich nie Leuten Mixtapes, wo ich gar nicht weiß, was die normal hören. Da ist die Mühe dann vielleicht umsonst. Du hast halt immer wieder so einen Wiedererkennungseffekt, und zwischendurch sind dann irgendwelche unbekannten Lieder, die dadurch noch besser erscheinen, wenn sie in diesem Kontext stehen.
Manchmal denkst du auch: OK, ich muss jetzt mal deine Seele retten, deine musikalische, und gebe dir jetzt mal vernünftige Musik.

Josef
37 Jahre. Lebt in Zürich. Grafiker.
«Joku ist mein Name, den ich brauche beim Mixen - mein Künstlername - wenn man so will. Mixtapes habe ich für mich gemacht – ganz klar – und für mich alleine abgespielt. Gute Sounds und gute Übergänge waren das Wichtigste für mich. Es musste Super Sound sein über die gesamte Kassette. Es musste knallen – von Anfang bis zum Schluss. Bei den C90-Kassetten habe ich immer auch Stilbrüche gemacht. Die Supermixes habe ich mit Lettra Set beschriftet.
Vom Testbild des TV-Senders TSR habe ich anfangs der 80er Jahre direkt die Sendungen von Couleur 3 aufgenommen. SWF 3 hat speziell für uns Mixer jeweils das gesamte Stück der Maxi-Singles gespielt, ohne dass dazwischen gesprochen wurde.
In die Ferien habe ich etwa 20 Tapes mitgenommen. Ich musste meine Musik bei mir haben. Das war sehr wichtig für mich. Innerhalb von 2 Monaten habe ich 8 Best-of-Kassetten gemacht. Ich musste dann aber immer wieder neue machen. Auch die Mixkassetten waren schnellebig. Bei mir ging es um das machen, um das Arrangement. Wenn dann das Endresultat da war, war das schön und gut. Aber ich dachte dann schon an das nächste Tape. Der kreative Schaffensprozess war oft wichtiger als die Kassette selber.
Ich ging nicht in den Laden und kaufte die billigsten Kassetten. Ich wollte Superqualität, auch Designobjekte, die man heute nicht mehr findet. Heute mache ich meine Mixes als MP3-files am Computer.»

Jacques Mettler
38 ans, vit à Lutry (VD). Ebéniste. Ancien DJ.
«C’est vraiment un jet, il y a qu’une chance. Il y en a pas deux. Si c’est loupé, c’est loupé. Tant pis!
J’ai commencé à faire des mixtapes quand j’ai commencé à faire le DJ, c’est-à-dire en 1990. Alors principalement, c’était pour écouter tous les disques que j’achetais, parce que j’achetais les disques en quantité pour les avoir bien dans l’oreille et dans la tête. Je les écoutais principalement dans la voiture.
Très vite, je me suis aperçu que je prenais beaucoup de plaisir derrière mes platines à faire des cassettes. C’est un moment assez privilégié avec la musique où il y a que la musique et moi.C’est toujours très mélangé, c’est toujours un style qui dure toute la cassette. Ça passe du reggae, au disco, au jazz. C’est 360 degrés on va dire.
Ce qui m’a dérangé dans le CD, déjà je trouve le son un peu plus froid, et puis j’aime pas beaucoup ce boîtier en plastic qui casse tout le temps, tandis que le vinyle il y a la chaleur, il y a un visuel qui est plus grand. Et puis on peut toucher quoi, on peut manipuler.
Alors je déteste qu’un morceau soit coupé à la fin. Donc je regarde le temps qui reste. Je préfère qu’il reste une à deux minutes de blanc à la fin de la cassette plutôt qu’un morceau soit coupé.»

Boris Senff
36 ans, vit à Lausanne. Journaliste.
«Les premières que j’ai dû faire, c’est autour des dix ans. J’en ai fait en premier lieu pour mes amis, pour mes frère et sœurs de manière plus sélective.
Il ne faut pas sous-estimer l’impact que peut avoir le partage de certaines musiques, surtout quand on est dans ces âges où la musique revêt une importance existentielle. Ça peut faire bifurquer des vies. Le médium induit une linéarité qui n’existe plus dans le CD. La cassette contraint à un nombre de passages bien déterminés, c’est celui de l’enregistrement et basta.
Je pense qu’il y a des fois des cassettes qu’on fait qui sont chargées d’émotions vraiment intenses, où il y a un message très fort d’affection, d’amitié, même d’amour.
Et encore maintenant d’ailleurs, il y a des subsistances de cela. Je vois mon fils aujourd’hui, pour les tous petits enfants, il y a encore beaucoup de cassettes. Parce que justement on voit très bien que c’est un médium qui est robuste.
Une des grandes productions de l’industrie du disque actuellement c’est de faire des compilations. Il y a les best of d’un côté; et puis il y a les compilations. Ces compilations n’auront jamais la même étoffe que celles que pouvait faire quelqu’un car elles sont calibrées pour le marché. Il n’y aura pas tous les tics, les maniaqueries, les vrais coups de cœur qui vont ressortir, tout le vécu que peut charrier une cassette faite à la maison.»

Séverine
32 ans, vit à Lausanne. Cinéaste d’animation.
«Alors les mixtapes je pense que c’était quand j’ai reçu ma première radio. C’était ma maman qui m’avait offert une radio qui était horrible, qui était rose, très kitsch. Et j’ai commencé à m’amuser dessus à l’âge de dix ans.
J’ai commencé en imitant des émissions radio qui me permettaient de les mixer parce qu’elles me plaisaient bien.
Ben j’étais un enfant assez solitaire. C’était un jeu que je pouvais faire seule. J’étais un peu dans mon monde. Je faisais des faux concours radio un peu absurdes. Ça me permettait d’exercer des fausses voix. Je faisais à la fois l’animateur radio qui posait une question de concours et les gens qui téléphonaient.
Sur cette première petite radio cassette que j’avais, je ne pouvais enregistrer que d’après la radio. Il n’y avait pas les deux cassettes qui permettaient de copier.
Je sais que les transitions étaient abominables entre les musiques parce qu’on entendait trop le bouton du magnétophone. C’était pas vraiment structuré.
Oh! Cela devait être entre les week-ends pluvieux ou les mercredis après-midi où je n’étais pas devant la télé ou dehors. Plutôt les week-ends où je m’ennuyais. Pour répondre à une solitude de l’époque. Je pouvais passer des heures à jouer seule sans problème.»

Sebastien
31 ans, vit à Lausanne. Employé de commerce et DJ au Loft.
«Il y a la mixtape qui me permet de me rendre au boulot tous les jours sans me dire: Mais qu’est-ce que je fais de ma vie?. C’est mon moteur.
Des mixtapes, la première doit dater de 1991. La mixtape à la base quand on l’utilise, quand on la mixe, c’est plus pour écouter le résultat des mix, pour savoir ce qui va pas, pour corriger. Au début, c’était pas un but de la diffuser.
Ce que je mixe, c’est uniquement en terme général de la hip hop.
En fait, j’avais tellement assemblé certains morceaux que les gens quand ils les entendaient sans le mix, sans le morceau qui vient après, ils avaient l’impression qu’il y avait un vide.
En gros, la hip hop, j’ai commencé à m’y intéresser en 1986. Tout s’est passé gentiment. Jusqu’à ce qu’on arrive à ces mixtapes. C’est juste ma vie.
Pourquoi moi-même j’ai choisi le CD, c’est en fait parce qu’il y a des plages. Moi, j’aurais bien voulu créer mes mixtapes sur vinyle. Ç’aurait toujours été un fantasme. Mais si on veut les diffuser, il n’y a pas de miracle!
Avant la mixtape, c’était la cassette, qui devait s’échanger dans la rue. On écoutait des morceaux et on savait pas d’où ça venait. Ça a changé. La définition de mixtape aux USA est un peu différente: ce sont les nouveaux rappeurs qui posent sur des instrumentaux qui font des textes pour alimenter la rue. Il faut, quand on est dans le rap, être reconnu par la rue.»

Rene Sager
33 Jahre. Lebt in Luzern. Grafiker und Vater von Zwillingen.
«Musik alleine war mir zu wenig
Mit 7, 8 Jahren habe ich zusammen mit meinem Bruder angefangen Tapes zu machen.
Eine Originalkassette der Beatles habe ich an den Ecken abgeklebt und meine eigene Beatles-Kassette – mit anderen Beatles-Stücken - gemacht. Ich bestimmte, wie das Cover aussehen sollte und bestellte dann bei meinem Vater - er war Typograf - die Covers.
Tapes waren öfters auch Beilagen zu Liebesbriefen. Mit Musik konnte ich meine eigenen Gefühle besser ausdrücken. Oder anders gesagt: Songs halfen mir das auszudrücken, was ich selber nicht so gut konnte. Musik alleine war mir zu wenig. Mit den Beilagebriefen konnte ich genau auf das hinweisen, was ich meinte: auf ein entsprechendes Wort, auf einen Satz.
Mit den 'Best-of-Kassetten' wollte ich meinen Bekannten zeigen, dass ich ein paar ganz heisse Songs aufgetrieben hatte, die noch nicht bekannt waren. Ich habe das Beste vom Besten ausgesucht, auf eine Liste eingetragen und dann nach Plan eine Kassette hergestellt.
Tapes höre ich aus Nostalgie und deshalb, weil ich die entsprechenden Stücke nicht anders habe. Ich habe kein Interesse an den digitalen Formen wie beispielsweise MP3.»


