Ausstellungsarchiv des Museums für Kommunikation, Bern
(Design 1996-2001)

 

Sonderausstellungen


Medieninformationen:

 

Galerie-Ausstellung

Eine Reise durch die Schweiz

Stimmungsvoller Tourismus im 19. Jahrhundert
illustriert von Eugène Guérard

 

4. Juli bis 1. Oktober 2000

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Ausstellung "Eine Reise durch die Schweiz - Stimmungsvoller Tourismus im 19. Jahrhundert" zeigt rund dreissig Lithographien des in Vergessenheit geratenen Künstlers Eugène Guérard. Sie stammen aus einer Zeit, in der die Schrecken erregende Bergwelt zunehmend als dramatischer Katalysator für die Lebensfreude abenteuerlustiger Reisegruppen entdeckt wird. Die zuweilen bis an die Grenze des Frivolen reichenden Grafiken, die im Anschluss an eine 1849 unternommene Reise durch die Schweiz, Savoyen und Bayern entstanden sind, vermitteln einen humorvollen Eindruck der damaligen idealisierenden Sichtweise der Berge: erhabene Alpen-Panoramen, bunte Volkstrachten und malerisches Landleben.

Eine der Hauptaufgaben des Museum für Kommunikation ist die Darstellung der Zusammenhänge zwischen Kultur und Kommunikation. Das Reisen gilt als aussagekräftiger Spiegel der Entwicklung von Kommunikation. Die grafische Sammlung und die historische Bibliothek des Museums liefern reichhaltiges Material dazu. Es vermittelt vor dem Hintergrund des technischen Fortschritts und der gesellschaftlichen Veränderungen einen interessanten Einblick in die Geschichte des Tourismus.


Projektleitung:

Christian Voyame, Konservator graphische Sammlung, 031 357 55 16

Kommunikation:

Alberto Meyer. 031 357 55 14


 

Vom Schrecken der Berge ...

Obwohl das Reisen bereits in der Antike bekannt war, hält es in Europa erst seit dem 18. Jahrhundert mit den verbesserten Strassenverhältnissen, den bequemeren Verkehrsmitteln und den gepflegteren Unterkünften Einzug in den Alltag. Mit Ausnahme der für absolute Exzentriker gehaltenen englischen Aristokraten reiste man damals allerdings kaum zum Vergnügen. Man mied die «schrecklichen» und gefährlichen Berge und war heilfroh, die Alpen möglichst rasch überwinden zu können.

 

... zum Tummelplatz mit Nervenkitzel

Nach dem 19. Jahrhundert sollte sich das ändern. Das Vergnügen rückt in den Vordergrund. Man nimmt sich Zeit und freut sich über Reisebegleitung und Unterhaltung. Im Zeitalter der Postkutschen geben Texte (in Form von Reisegeschichten) und Bilder (in Form von Grafiken und später Plakaten) Eindrücke von den Reisegewohnheiten wieder. Solche Reisegeschichten beschreiben auch die wohltuende Wirkung eines - oftmals nicht ungefährlichen - Ausflugs in die Berge oder das glückselige Gefühl beim geselligen Zusammensitzen am Abend, bei einer Labung in der Herberge und beim Kennenlernen Gleichgesinnter. Beschrieben werden auch vergnügliche Badeaufenthalte und das malerische Landleben. Die weitverbreiteten Grafiken zeugen von bunten Volkstrachten und abenteuerlustigen Reisegruppen in erhabenen Alpen-Panoramen.


 

Eugène Guérard: Chronist vergnüglicher Reiseszenen

Die Galerie des Museums für Kommunikation stellt rund dreissig solcher Grafiken aus der museumseigenen Sammlung vor. Schöpfer der Lithographien ist Eugène Guérard - Maler, Aquarellist und Lithograph in einer Person - dessen gewaltiges Werk sich zum grössten Teil in England und Amerika befindet. Der zu Lebzeiten überall begehrte Künstler aus der Frühzeit des Impressionismus ist heute etwas in Vergessenheit geraten.

Mit 27 Jahren befindet sich Eugène Guérard auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Schaffenskraft. Den Rucksack auf den Rücken geschnallt, verlässt er am 22. Juni 1849 mit drei Begleitern Frankreich und kehrt erst am 6. September nach Nancy zurück. Aus den Erinnerungen, Skizzen und Aufzeichnungen eben dieser Reise schöpft der Künstler bei der Schaffung seiner Werke voller Leben, Bewegung und Heiterkeit. Dabei ist Eugène Guérard alles andere als ein Alpinist, denn bereits auf einem harmlosen Saumpfad befallen ihn Schwindelgefühle. Trotzdem stellt er die Berge als eine liebliche Welt dar, bevölkert von originellen Figuren mit vergnüglichen Eigenarten.

Die ausgestellten Werke stammen aus den Serien «Les Touristes», «En Suisse» und «Musée Omnibus», die im Anschluss an eine 1849 unternommene Reise durch die Schweiz, Savoyen und Bayern entstanden sind. Auszüge aus den Reisegeschichten des Grafen Anatole Scitivaux de Greische, eines Gefährten von Eugène Guérard, begleiten die Ausstellung.

 

 

Eugène Guérard (1821-1866)

Eugène Guérard wird in Nancy geboren, wo sein Vater Direktor des Pfandleihhauses ist. Nach dem Willen der Eltern soll der Sohn Recht studieren. Bald zeigt sich jedoch, dass diese trockene Materie dem jungen Studenten nicht behagt - der Pinsel hat es ihm angetan, nicht die Feder. Die weltoffene Familie stösst sich nicht daran, einen Künstler unter sich zu haben. Der in Lothringen hochgeschätzte Pierre Dieudonné nimmt ihn in sein Atelier auf. Als dieser stirbt, zieht der 17jährige Eugène nach Paris, wo er Schüler von Paul Delaroche wird. Unter dem Einfluss seines Lehrmeisters kann sich seine Begabung voll entfalten und er versucht sich in der Aquarellmalerei. Schliesslich aber erliegt er der Lithographie, deren Fülle an Ausdrucksformen ihn begeistert. Der Erfolg lässt nicht auf sich warten. Liebhaber reissen sich um seine Werke. Eugène gelangt zu Reichtum. Doch die Revolution von 1848 lässt die Quelle der « Louis d'or » und « Ecus d'argent » versiegen. Hart wird nun das Künstlerleben. Eugène Guérard kehrt nach Hause zurück. 1849 unternimmt er seine Reise durch die Schweiz und wird später zum wichtigsten Lieferanten des Grossverlegers Goupil, was ihm aber kaum etwas einbringt. Um 1858 beginnt seine Gesundheit zu leiden. Der Aufenthalt in Paris, wohin er zurückgekehrt ist, bekommt ihm nicht. Er lässt sich an der rue de l'Hospice in seiner Geburtsstadt nieder, wo die Schwindsucht an seiner Gesundheit nagt und dem Leiden nach ein paar Jahren ein Ende setzt.

 

Einige andere lithographischen Serien von Eugène Guérard :

La Vie parisienne ; Souvenirs de l'hippodrome ; L'Avalanche-Le Guet ; Physionomies de Paris ; La semaine des Amours ; L'Opéra ; Les Heures du Jour ; Les Quatre parties du Monde ; Femmes étrangères